Nach Entlassung von Torwart – Merkel-Sprecherin pocht auf Meinungsfreiheit. Aber nicht für ihn.

Ganz anders, als man es sich denken würde

Sehen Sie sich auch mein Video von den heutigen Bundespressekonferenzen an – hier.

Bei jeder Gelegenheit betont die Bundesregierung, wie außerordentlich wichtig ihr die Meinungsfreiheit ist. Vor allem im Ausland. Auch heute legte die Bundesregierung ein entsprechendes Bekenntnis ab. Dabei war das im Zusammenhang mit dem angesprochenen Thema geradezu bizarr. Lesen Sie hier meinen kurzen Dialog mit der Sprecherin von Angela Merkel, meiner früheren Focus-Kollegin Ulrike Demmer, und der Sprecherin von Innenminister Horst Seehofer, Alina Vick, auf der Bundespressekonferenz:

Meine Frage: „Der Eishockey-Nationaltorwart Thomas Greiss wurde aus der Nationalmannschaft mit der Begründung entlassen, dass er auf Instagram einen Kondolenzpost für einen rechtskonservativen US-Radiotalker geteilt hat. Wie sehen Sie das im Hinblick auf die Meinungsfreiheit? – Danke.“

Demmer: „Mir ist der Sachverhalt nicht bekannt. Deswegen würde ich an das Sportministerium verweisen.“

Vick: „Mir ist der Sachverhalt auch nicht bekannt. Aber ich kann Ihnen natürlich ganz grundsätzlich sagen, dass es dem Sport freisteht, seine Personalentscheidungen zu treffen. Die Autonomie des Sports gilt. Ansonsten kann ich dazu nichts sagen.“

Meine Nachfrage: „Wie sehen Sie das aber generell bei Sportlern? Halten Sie es für eine Gefährdung der Meinungsfreiheit, wenn man wegen eines Instagram-Retweets seine Position in der Nationalmannschaft verlieren kann?“

Vick: „Wie ich Ihnen gerade schon gesagt habe, kommentieren wir Entscheidungen von Sportverbänden nicht. Es steht den Sportverbänden frei, ihre Personalentscheidungen zu treffen.“

Demmer: „Herr Reitschuster, ganz allgemein ist Ihnen ja bekannt, wie wichtig das Grundrecht auf Meinungsfreiheit für diese Bundesregierung ist. Aber wir können hier ganz schlecht über einen Tweet reden, den wir alle nicht kennen und deswegen auch nicht einordnen können.“

Den Hintergrund meiner Nachfrage fasst der öffentlich-rechtliche Deutschlandfunk wie folgt zusammen: „Der deutsche NHL-Eishockey-Torwart Thomas Greiss hat mit einem Social-Media Post erneut rechtes Gedankengut erkennen lassen. Der Deutsche Eishockey-Bund zieht Konsequenzen: Für die WM in Lettland wird Greiss nicht nominiert – und auch in der weiteren Zukunft nicht mehr.“

Weiter heißt es in dem Text: „Auf den ersten Blick sieht der Instagram-Feed von Thomas Greiss recht unverfänglich aus. Mal postet der deutsche Eishockeytorwart in Diensten von NHL-Team Detroit Red Wings Bilder von sich und Ehefrau Brittany beim Workout, mal von Hunden oder Pferden – und natürlich vom Eishockey.“

Und weiter: „Am 17. Februar allerdings hatte Greiss zum Tod von Rush Limbaugh inklusive eines Fotos kondoliert. Pikant. Denn: Limbaugh war ein höchst umstrittener, rechtskonservativer US-Radiotalker und bekennender Trump-Fan, der sich regelmäßig rassistisch, frauenfeindlich sowie homo- und transphob geäußert und Verschwörungstheorien genährt hat.“

Das Corpus Delicti, welches den Torwart seinen Posten in der Nationalmannschaft kostete, ist dieser Tweet: https://www.instagram.com/p/CLZ_m0aF5D6/embed/captioned/?cr=1&v=13&wp=862&rd=https%3A%2F%2Freitschuster.de&rp=%2Fpost%2Fnach-entlassung-von-torwart-merkels-sprecherin-pocht-auf-meinungsfreiheit%2F#%7B%22ci%22%3A0%2C%22os%22%3A15160%7D

Weiter heißt es im Text des Deutschlandfunks: „Nicht das erste Mal, dass Greiss auf Instagram Zustimmung zu rechten Posts äußerte: 2017 hatte er unter anderem einen Vergleich der früheren Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton mit Adolf Hitler geliked. Damals hatte er sich auf Druck von DOSB und Deutschem Eishockey-Bund dafür entschuldigt.“

Beachtlich, wofür man in Deutschland 2021 aus der Nationalmannschaft gefeuert wird.

Parallel lobte Pal Dardai, der Cheftrainer des Hertha BSC Berlin, der gegen den Abstieg aus der Bundesliga kämpft, das schnelle Vorgehen des Klubs im Fall von Jens Lehmann. Der Ex-Nationaltorwart und Aufsichtsrat des Vereins hatte in einer privaten Chatnachricht den schwarzen Ex-Profi und TV-Experten Dennis Aogo als „Quotenschwarzen“ bezeichnet. Er wurde daraufhin entlassen. „Der Verein hat schnell und konsequent gehandelt, das finde ich sehr gut“, sagte Dardai.

Aus diesem Anlass hier noch einmal der letzte Satz aus der Antwort von Merkel-Sprecherin Demmer: „Herr Reitschuster, ganz allgemein ist Ihnen ja bekannt, wie wichtig das Grundrecht auf Meinungsfreiheit für diese Bundesregierung ist. (…).“

Aber nur, solange es die richtige Meinung ist.

Quelle

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