Die zweite Form ist eine, die in Deutsch­land fast unbekan­nt und einem gewis­sen ara­bis­chen Schlen­dri­an bzw. dem Drang geschuldet sind, sich einen feucht­en Kehricht um israelis­che Geset­ze und Verord­nun­gen zu scheren. Ich war 2019 durch Zufall in einem Vier­tel in Ost-Jerusalem unter­wegs, dessen Straßen so eng und steil und dessen Kur­ven so unüber­sichtlich, unbeleuchtet und kreuzge­fährlich waren, dass ich schon dachte, das Auto ste­hen lassen zu müssen, weil ich kaum wagte, weit­erz­u­fahren und auch nicht wen­den kon­nte. Die Anspan­nung und das Gefühl, jeden Moment fest­sitzen zu kön­nen geboten mir sog­ar, das Fotografieren lieber bleiben zu lassen – und das will schon etwas heißen. Die nette Ver­mi­eterin unser­er Ferien­woh­nung erk­lärte mir später abwink­end die Zusammenhänge.In vie­len ara­bis­chen Vierteln Jerusalems wird gebaut, ange­baut, abgeris­sen und erweit­ert, wie es ger­ade passt. Genehmi­gun­gen holt man sich nicht oder ignori­ert die Ablehnungs­beschei­de. Sta­tik­er, Architek­ten und Stadt­plan­er sind unbekan­nt. Manch­mal ist eine Straße im Weg, die dann kurz­er­hand ver­legt oder ein­fach abgeris­sen wird. Die Autos quälen sich dann über buck­e­lige, staubige Erde oder gle­ich über zurück­ge­lasse­nen Bauschutt und Reste ver­bran­nten Mülls. Die Behör­den dro­hen und mah­nen, es nützt nur nichts. Nach Jahren, manch­mal auch erst nach Jahrzehn­ten der Taub­heit gegenüber den israelis­chen Geset­zen und der Bürokratie sind die Umstände dann oft­mals so schlimm, dass einge­grif­f­en wer­den muss – nicht ohne dass sich vorher Gerichte aus­giebig damit geplagt und die Ein­sprüche von zahlre­ichen pro-palästi­nen­sis­chen NGOs und deren Anwäl­ten abgear­beit­et wur­den. Spätestens wenn dann die Bag­ger anrück­en, um eine Straße wieder passier­bar zu machen und lebens­ge­fährliche „Anbaut­en“ abzureißen, sind garantiert auch jede Menge Kam­eras, Pres­se­leute und NGO-Aktivis­ten vor Ort, damit ja keine Palästi­nenserträne ungenutzt im Staub versickert.Ger­ade haben wir es aber mit der drit­ten Art der „Zwangsräu­mungen“ zu tun und auch hier ist wieder deutsches Fram­ing in der Berichter­stat­tung am Werk. Man stelle sich vor: die Welt funk­tion­iert nicht über­all so, wie Deutsch­land (noch) organ­isiert ist. Kein zen­trales, all­gültiges Kataster, das bei uns über Jahrhun­derte zurück­re­icht. Stattdessen Ansprüche, Ein­flüsse und Recht­squellen aus der Zeit des englis­chen Völker­bund-Man­dats, des osman­is­chen Reich­es, der jor­danis­chen Besatzung und des israelis­chen Staates. Die fraglichen Häuser waren bis zur jor­danis­chen Eroberung Jerusalems im Besitz jüdis­ch­er Fam­i­lien, die Kaufverträge existieren und die Bestre­bung, die von Jor­danien kurz­er­hand enteigneten Häuser (das jüdis­che Vier­tel in der Alt­stadt von Jerusalem machte man kurz­er­hand gle­ich ganz platt) zurück­zubekom­men, liefen seit vie­len Jahren vor vie­len Gericht­en mit vie­len Ein­sprüchen. Doch let­ztin­stan­zlich wurde eben ver­fügt, dass die Rück­gabe zu erfol­gen hat. Das Ange­bot an die dort leben­den Araber, weit­er dort zu wohnen aber Miete zu zahlen, wurde abgelehnt. Stattdessen fliegen nun Steine, wer­den Juden aus Autos gezo­gen und fast gelyncht und schre­it die deutsche Presse mal wieder Zeter und Mor­dio, weil Israel sich den Raketenbeschuss der Hamas aus dem Gaza-Streifen nicht ein­fach gefall­en lässt.Rein rechtlich han­delt es sich bei der Räu­mung dieser Häuser um nichts anderes als das, was wir bei der Räu­mung der Haus­be­set­zer von „Rigaer 94“ in Berlin erleben durften – nur weniger queer-fem­i­nis­tisch, dafür religiös fun­da­men­tal­is­tis­ch­er. Mit dem kleinen Unter­schied, das bei „Haaretz“ oder der „Jerusalem Post“ keine empörten Morala­pos­tel den Stab über dem „Unrechtsstaat Deutsch­land“ brachen. Es gibt in Israel offen­bar einen großen Man­gel an Deutsch­land­ex­perten und Deutschlandkritikern!Statt sich aufzu­plus­tern und den antrainierten anti­is­raelis­chen Reflex­en zu fol­gen, sollte Deutsch­land lieber erwä­gen, endlich die Finanzierung von Hamas und Fatah zu been­den. Alles Jam­mern über man­gel­nde Impf­stoffe in Gaza und dem soge­nan­nten West­jor­dan­land kann die Tat­sache nicht verdeck­en, dass man dort zwar nicht in der Lage ist, die eigene Bevölkerung gesund­heitlich zu ver­sor­gen, das Geld aber reicht, um jeden Tag mehr als 250 Raketen auf das Land abzufeuern, von dem man diese bedin­gungslose Impf­sol­i­dar­ität erwartet.