Schuldig der Berichterstattung

Australische Medien müssen 700 000 Euro Strafe zahlen, weil sie sich nicht an eine strikte Nachrichtensperre im Missbrauchsprozess um Kardinal Pell hielten.

Von Jan Bielicki

Weil sie trotz eines richterlichen „Maulkorb“-Erlasses über einen Schuldspruch im Missbrauchsverfahren gegen Kardinal George Pell berichtet haben, müssen große australische Medienhäuser insgesamt umgerechnet 700 000 Euro Strafe bezahlen. Dazu kommen noch mehr als 400 000 Euro Prozesskosten. Ein Richter des obersten Gerichtshofs des australischen Bundesstaats Victoria sprach die Unternehmen am Freitag schuldig, mit ihrer Berichterstattung das Gericht missachtet zu haben, vor dem sich der Kurienkardinal im Dezember 2018 verantworten musste.In einem weltweit aufsehenerregenden Verfahren hatte eine Jury die damalige Nummer drei in der Hierarchie des Vatikan in erster Instanz für schuldig erklärt, in den Neunzigerjahren als Erzbischof zwei 13-jährige Chorknaben in Melbournes Kathedrale missbraucht zu haben. Über diesen Prozess jedoch hatte der Richter eine totale Nachrichtensperre verhängt. Medien durften weder über den prominenten Angeklagten noch über die ihm zur Last gelegten Taten berichten, nicht einmal darüber, dass dieses Gerichtsverfahren überhaupt stattfand.

Der Schuldspruch gegen Pell ist inzwischen gekippt, wegen unzureichender Beweislage

Der Grund für solche Nachrichtensperren ist die Absicht, die Unabhängigkeit einer Jury sicherzustellen. In diesem Fall ging es um die Geschworenen eines geplanten zweiten Prozesses, der weitere Missbrauchsvorwürfe gegen den Kardinal beurteilen sollte, den die Staatsanwaltschaft aber doch nicht anstrengte. Pell selbst ist wieder frei, weil Australiens oberstes Bundesgericht vor einem Jahr den Schuldspruch gegen ihn wegen unzureichender Beweislage gekippt hat.

Trotz Sperre sickerte 2018 die sensationelle Nachricht vom Schuldspruch sehr schnell durch. Ausländische Medien wie die Washington Post berichteten online davon, Pells Name trendete in der Google-Suche australischer Nutzer. Daraufhin hielt es auch die meisten australischen Zeitungen nicht mehr.

Die Nachricht sickerte durch, die großen Zeitungen brachten Titelstorys, ohne Namen und Vorwürfe zu nennen

Sie brachten den Schuldspruch auf ihre Titelseiten, ohne jedoch Namen und Position des Angeklagten und schon gar nicht die Vorwürfe gegen ihn zu nennen. „Ein schreckliches Verbrechen. Die Person ist schuldig. Sie haben die Geschichte womöglich schon online gelesen. Aber wir können sie nicht veröffentlichen. Aber vertrauen Sie uns … Es ist die größte Geschichte der Nation“, titelte Sydneys Boulevardzeitung Daily Telegraph. Die seriösen Tageszeitungen The Age, Sydney Morning Herald und Australian Financial Review berichteten, eine „hochprofilierte Figur“ sei eines „ernsten Verbrechens“ schuldig gesprochen worden.Damit seien die Medienunternehmen absichtlich das „kalkulierte Risiko“ eingegangen, die Verfügung des Gerichts zu brechen, befand Richter John Dixon in seinem Urteil. Daran beteiligte Journalisten wurden jedoch nicht belangt. Nach einem Prozessdeal hatte die Staatsanwaltschaft im Februar ihre Anklagen gegen die fünfzehn letzten von anfänglich mehreren Dutzend beschuldigten Top-Journalisten des Landes zurückgezogen. Diesen hätten im Falle einer Verurteilung mehrjährige Haftstrafen gedroht. Im Gegenzug hatten die Medienhäuser vor Gericht ihre Schuld eingeräumt.Schon vor dem trotz der hohen Geldstrafen relativ glimpflichen Ende des Prozesses hat Victorias Regierung die Befugnis von Richtern etwas eingeschränkt, solche Nachrichtensperren zu erlassen.

© SZ/tyc

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