“Sie wurden recht spät zum Antisemiten befördert”

Hans-Georg Maaßen, von 2012 bis 2018 Präsident des deutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz, wird beschuldigt, antisemitisches Gedankengut zu verbreiten.  Der Vorwurf kommt aus dem Umfeld der Fridays-for-Future-Bewegung. Das Timing, vermutet Maaßen, ist kein Zufall und hat nichts mit dem Klima zu tun. Man will seine Wahl zum Abgeordneten des Bundestages verhindern. Henryk M.Broder sprach mit Maaßen.

Broder: Herr Maaßen, wie lange waren Sie Chef im Bundesamt für Verfassungsschutz?

Maaßen: Sechs Jahre, drei Monate und fünfzehn Tage. Es war ein 24-Stunden-sechs-Tage-Job. Als ich berufen wurde von Innenminister Friedrich, sagte ich ihm, das kann man so vier bis sieben Jahre machen, dann muss Schluss sein, dann braucht man eine andere Verwedung.

B: Und es hat geklappt!

M: Ja, ich habe es mir zwar etwas anders vorgestellt, aber wenn man politscher Beamter ist, dann weiß man, dass man jederzeit in den einstweiligen Ruhestand geschickt werden kann, das passiert immer wieder, aber selten unter solchen Umständen wie in meinem Fall, mit lautem Trommelwirbel.

B: Es hatte eine gewisse Dramatik.

M: So kann man es auch nennen. Es hat auch einen gewissen Unterhaltungswert für die Journalisten gehabt.B: Also, Sie waren über sechs Jahre Chef im Verfassungsschutz. Können Sie mir erklären, wie Sie es geschafft haben, all die Jahre zu vertuschen, dass Sie ein Antisemit sind?

M: Weil ich kein Antisemit bin. Das war ein taktisches Argument. Ich habe auch den Eindruck, dass es einigen Leuten, die sich meiner „annahmen“, nicht um die Wahrheit ging. 

B: Sie wurden auch recht spät zum Antisemiten befördert

M: Erst nach meiner Entlassung. Niemand war vorher auf die Idee gekommen, in mir einen Antisemiten zu sehen, weil ich eben keiner bin. Ganz im Gegenteil, ich bin früher immer sehr gerne nach Israel gefahren, habe dort viele Menschen getroffen, mit denen ich Freundschaften geschlossen habe. Ich habe die Israelis beneidet, weil sie so eine klare Vorstellung vom Leben haben, geprägt von der Situation um sie herum. Über alle Gegensätze zwischen den Parteien hinweg, wo der eine dem anderen nichts gönnt, lassen sie sich nicht auseinanderdividieren. Die Schmiede, wo alles zusammengeschweißt wird, ist das Militär und die „Dienste“. Ich habe mit den Kollegen in Israel immer gern zusammengearbeitet.

B: Dass Sie gerne nach Israel gefahren sind und dass es Ihnen dort gut gefallen hat, beweist nicht unbedingt, dass Sie kein Antisemit sein können.

M: Richtig. Aber als Jurist würde ich sagen, es ist eine widerlegbare Vermutung. Ich bin es einfach nicht.

B: Mehr als eine widerlegbare Vermutung würde mich die Motivation der Leute interessieren, die es Ihnen vorwerfen, dass Sie ein Antisemit sind. Meine Erfahrung ist, dass man einen solchen Vorwurf belegen muss. Wo sind die Belege in Ihrem Fall?M: Es gibt keine. Antisemitismus ist auch nicht das zentrale Thema in der Auseinandersetzung um meine Person. Es gibt einige Leute, die nicht möchten, dass ich in den Bundestag komme. B: Können Sie das bitte konkretisieren?M: Wir haben 299 Wahlkreise, und ich bin nur ein Kandidat in einem dieser Wahlkreise. Man beschäftigt sich aber sehr intensiv in den Medien und in der Politik mit mir, so als würde das Ergebnis der Wahlen davon abhängen, ob ich es in den Bundestag schaffe oder nicht. Ich werde dämonisiert, der Spiegel schreibt, ich wäre der „Mephisto“, in der Welt, glaube ich, wurde ich der „Gottseibeiuns“ genannt…B: Herr Maaßen, ich würde was dafür geben, wenn einer so über mich schreiben würde!M: Sie sind in einer anderen Funktion und Position. In der Politik sind das keine Empfehlungen. Aber es zeigt mir, dass die Leute, die so argumentieren, offenbar Angst vor mir haben. Wenn sie mich für harmlos halten würden, dann würden sie sagen: Das ist doch nur einer von 299 Direktabgeordneten, seine Macht als Abgeordneter ist sehr begrenzt. Ich neige nicht dazu, mich zu überschätzen, aber meine Gegner oder meine Feinde tun es. Deswegen wollen sie beweisen, dass ich ein ganz übler Mensch bin, dass ich mit der AfD Schwarze Messen feiere, dass ich den Müll nicht trenne und was man sonst so sagt, wenn man jemand in Verruf bringen will. Man hat meine Dissertation gelesen, sich mit allem Möglichen beschäftigt, was ich gesagt und geschrieben habe, und jetzt müht man sich, mir zu unterstellen, dass ich ein Antisemit bin, weil ich Begriffe verwendet habe, die andere wohl als antisemitische Codewärter benutzen, was mir völlig entgangen war.

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B: Sie kandidieren in Suhl/Thüringen. Haben Sie auch einen Platz auf der Landesliste der CDU?M: Nein.B: Also direkt oder gar nicht.M: Ja.B: Und wenn Sie nicht gewählt werden?M: Wenn ich gewählt werde, ist es sehr schön, für mich jedenfalls, wenn nicht, geht das Leben trotzdem weiter. Ich habe dann nicht den Einfluss auf die Politik, den ich gerne hätte, aber man kann Politik auch außerhalb des Politik-Betriebs machen.        Dieser Beitrag erschien zuerst in Die Weltwoche.

Foto: Imago

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