Gastartikel von Putin in der „Zeit“: Russland reicht Europa erneut die Hand zur Freundschaft

Jahrestag des deutschen Überfalls

Zum 80. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion hat der russische Präsident Wladimir Putin einen Gastartikel für die „Zeit“ geschrieben, den man genau lesen sollte von Anti-Spiegel 22. Juni 2021 14:06 Uhr In Deutschland wurde erwartungsgemäß kaum darüber berichtet, dass der russische Präsident angekündigt hat, zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion einen Gastartikel für eine deutsche Zeitung zu schreiben. Die deutschen Medien sind nicht allzu interessiert daran, dass die Menschen in Deutschland erfahren, was Putin in Wahrheit sagt. Daher war es für mich schon eine Überraschung, dass die „Zeit“ seinen Artikel überhaupt angenommen und veröffentlicht hat.Schon vor einem Jahr hat der russische Präsident einen sehr ausführlichen Artikel über seine Sicht auf die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, den Krieg und vor allem die Lehren, die wir alle daraus ziehen sollten geschrieben. Seinerzeit habe ich den Artikel übersetzt und er war lange der meistgelesene Artikel auf dem Anti-Spiegel. Putins Artikel von 2020 finden Sie hier. Versöhnung statt KonfrontationPutins diesjähriger Artikel richtet sich explizit an die Deutschen, zu denen Putin ohnehin ein besonderes Verhältnis hat, da er fließend Deutsch spricht. Im Gegensatz zum Artikel vom letzten Jahr geht er dieses Mal kaum auf die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs oder den selbst Krieg ein, obwohl der Anlass für den Artikel der 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion ist. Und er enthält auch keine Anschuldigungen gegen das heutige Deutschland oder die Deutschen wegen der Ereignisse der Zeit. Im Gegensatz zu mit Deutschland „befreundeten Nato-Partnern“ wie Polen oder Griechenland stellt Russland keine Reparationsforderungen. Russland blickt nach vorne, nicht zurück. Putins Artikel in der „Zeit“ zeigt, was ich auch in meinem Buch über Putin aufzeige: Putins Politik hat sich in den inzwischen 21 Jahren, die er an der Macht ist, nie geändert. Sein großes Ziel war und ist ein gemeinsamer wirtschaftlicher und Kultureller Raum von Lissabon bis Wladiwostok. Das schreibt Putin auch dieses Mal wieder ausdrücklich. Obwohl die EU Russland derzeit immer wieder provoziert, Russland offen feindselig behandelt und die Beziehungen zwischen der EU und Russland auf einem historischen Tiefpunkt sind, reicht Putin den Europäern in seinem Artikel erneut die Hand zur Freundschaft und Zusammenarbeit. „Offen sein, trotz der Vergangenheit“Putins Gastartikel in der „Zeit“ trägt die Überschrift „Offen sein, trotz der Vergangenheit“ und ich empfehle ihn jedem, der sich für Putins politische Position zu Europa interessiert. Mit der Vergangenheit meint Putin, wie man in seinem Artikel sehen kann, nicht „nur“ die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, sondern explizit auch die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit. Nur in den ersten beiden Absätzen geht Putin auf den deutschen Überfall und den Zeiten Weltkrieg ein, schon im dritten und vierten Absatz geht es um die Versöhnung zwischen Deutschland und der Sowjetunion nach dem Krieg, bei der auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit eine wichtige Rolle gespielt hat. Die Gaslieferungen aus der Sowjetunion haben in den 1970er Jahren auch zum Aufbau von Vertrauen beigetragen, denn egal, wie angespannt die politische Lage im Kalten Krieg war oder heute wieder ist, die Sowjetunion und danach Russland waren immer zuverlässige Lieferanten, die das Gas nie politisch eingesetzt haben. Und auf der anderen Seite waren die Europäer zuverlässige Abnehmer, die ihre Rechnungen immer pünktlich bezahlt haben. Die Gaslieferungen haben gezeigt, dass man sich auf gegenseitig gegebene Worte und unterschriebene Verträge verlassen konnte und kann, egal wie schwer die Meinungsunterschiede bei anderen Themen sein mögen.Von Lissabon bis WladiwostokDanach kommt Putin auf das Ende des Kalten Krieges zu sprechen und schreibt:„Wir hofften, dass das Ende des Kalten Krieges einen Sieg für ganz Europa bedeuten würde. Nicht mehr lange, so schien es, und Charles de Gaulles’ Traum vom geeinten Kontinent würde Wirklichkeit werden, und das weniger geografisch vom Atlantik bis hin zum Ural als vielmehr kulturell und zivilisatorisch von Lissabon bis Wladiwostok.“Das ist – wie erwähnt – bis heute Putins Ziel. Er ist an einer starken und einigen EU interessiert, die die Kraft hat, sich von der Dominanz der USA zu befreien und endlich eine Politik zu machen, die den Interessen der EU-Staaten und nicht den Interessen der USA dient. Und eine EU, die so stark ist, dass sie sich von der Dominanz der USA befreien kann, wäre erst stark genug, sich nicht von Russland „unterbuttern“ zu lassen. Genau so eine EU wünscht sich Putin, damit Russland mit ihr zusammen gleichberechtigt und auf Augenhöhe den gemeinsamen kulturellen und wirtschaftlichen Raum von Lissabon bis Wladiwostok aufbauen kann.Das streckt sich wie ein roter Faden durch die 21 Jahre von Putins Politik. Schon 2001 hat er das in seiner Rede vor dem Bundestag offen gesagt und Europa die Hand gereicht. Die Rede hat er – nach einer kurzen Einleitung auf Russisch – fast komplett auf Deutsch gehalten. Und an dem, was er dort gesagt hat, hat sich bis heute nichts geändert, seine Ziele sind immer noch die gleichen, die er in der Rede genannt hat.Putin im Bundestag 2001

Die EU schlägt die ausgestreckte Hand zurückLeider war und ist die EU nicht stark und einig genug, sich auf ihre Interessen zu besinnen und entsprechend zu handeln. Putin schreibt:„Es setzte sich jedoch ein anderer Ansatz durch. Diesem lag die Erweiterung der Nordatlantischen Allianz zugrunde, die selbst ein Relikt des Kalten Krieges war. Denn geschaffen war sie ja zur Konfrontation aus der damaligen Zeit heraus.Die Grundursache des zunehmenden gegenseitigen Misstrauens in Europa lag im Vorrücken des Militärbündnisses gen Osten, das im Übrigen damit begann, dass die sowjetische Führung de facto überredet wurde, dem Nato-Beitritt des geeinten Deutschlands zuzustimmen. Die damaligen mündlichen Zusagen nach dem Motto „Das ist nicht gegen euch gerichtet“ oder „Die Blockgrenzen werden nicht an euch heranrücken“ wurden nur allzu schnell vergessen. Der Präzedenzfall wurde geschaffen.“In Deutschland wird heute von vielen Politikern sogar bestritten, dass die USA Gorbatschow zur deutschen Wiedervereinigung das mündliche Versprechen gegeben haben, die Nato werde sich „keinen Zoll“ in Richtung Osten ausdehnen. Gorbatschow war mit dem mündlichen Versprechen zufrieden, das ihm der damalige US-Präsident Bush und sein Außenminister Baker vor laufenden Kameras gegeben haben und hat darauf verzichtet, sich das schriftlich geben zu lassen. In Russland wird Gorbatschow für diese Naivität bis heute kritisiert. Und der Westen wird in Russland dafür kritisiert, dass er sein gegebenes Wort gebrochen und die Nato bis an Russlands Grenzen ausgedehnt hat.Offene Konfrontation aus dem WestenNach den Wellen der Nato-Erweiterungen begann die EU auf die Länder, die sich der US-geführten Hegemonie noch nicht untergeordnet hatte, Druck auszuüben. Mit Assoziationsabkommen der EU wurden diese Länder vor die Wahl gestellt: Mit der EU oder mit Russland. Die Möglichkeit, mit beiden Seiten gute wirtschaftliche und politische Beziehungen zu unterhalten, war von Seiten der EU nie vorgesehen. Putin formuliert es so:„Mehr noch, viele Länder wurden vor eine künstliche Wahl gestellt – entweder mit dem kollektiven Westen oder mit Russland zusammenzugehen. De facto war dies ein Ultimatum. Die Konsequenzen dieser aggressiven Politik führt uns das Beispiel der ukrainischen Tragödie von 2014 anschaulich vor Augen. Europa unterstützte aktiv den bewaffneten verfassungswidrigen Staatsstreich in der Ukraine. Damit hat alles begonnen. Wozu war das nötig? Der damals amtierende Präsident Viktor Janukowitsch hatte ja bereits alle Forderungen der Opposition akzeptiert. Warum organisierten die USA diesen Staatsstreich und unterstützten die EU-Staaten ihn willenlos und provozierten somit die Spaltung innerhalb der Ukraine und den Austritt der Krim aus dem ukrainischen Staat?“Putin will Versöhnung und ZusammenarbeitTrotz der offenen konfrontativen Handlungen der EU streckt Putin erneut die Hand aus, denn danach schreibt er:„Warum passiert das? Und vor allem: Welche Schlussfolgerungen müssen wir gemeinsam ziehen? Auf welche Lehren aus der Geschichte sollten wir uns besinnen? Meines Erachtens geht es vor allem darum, dass die gesamte Nachkriegsgeschichte des Großen Europas Folgendes unter Beweis gestellt hat: Prosperität und Sicherheit unseres gemeinsamen Kontinents sind nur durch gebündelte Anstrengungen aller Länder, einschließlich Russlands, möglich. Denn Russland ist einer der größten europäischen Staaten. Und wir spüren unsere untrennbaren kulturellen und geschichtlichen Bande zu Europa.“Dann wiederholt er noch einmal seine Vision vom gemeinsamen eurasischen Raum:„Wir sind offen für ein faires und kreatives Zusammenwirken. Dies unterstreicht auch unsere Anregung, einen gemeinsamen Kooperations- und Sicherheitsraum vom Atlantik bis hin zum Pazifik zu schaffen, der verschiedene Integrationsformate einschließen könnte, unter anderem die Europäische Union und die Eurasische Wirtschaftsunion.Ich möchte noch einmal betonen: Russland plädiert für die Wiederherstellung einer umfassenden Partnerschaft zu Europa. Es gibt viele Themen von gemeinsamem Interesse“Der Blick nach vorneWas wurde Putin aus der EU nicht alles vorgeworfen? Sogar persönlich beleidigt wurde er von führenden Politikern der EU. Aber Putin ist ein Pragmatiker, der bei diesen Dingen nicht nachtragend ist, sondern nach vorne schaut. Er schreibt weiter:„Die Welt entwickelt sich dynamisch weiter und wird mit immer neuen Herausforderungen und Bedrohungen konfrontiert. Und wir können es uns einfach nicht leisten, die Last früherer Missverständnisse, Kränkungen, Konflikte und Fehler mit uns herumzuschleppen. Eine Last, die uns an der Lösung aktueller Probleme hindert. Wir sind überzeugt, dass wir alle diese Fehler einzuräumen und zu korrigieren haben.“Eigentlich müsste man sich in Politik und Medien im Westen über diese Worte freuen. Immerhin betonen die Politiker der EU immer wieder, dass sie für Frieden und Stabilität in Europa seien. Sie warnen aber vor einer angeblichen „russischen Bedrohung“, die Frieden und Stabilität in Europa gefährde. Da müssten sie doch Putins Angebot, „die Last früherer Missverständnisse, Kränkungen, Konflikte und Fehler“ hinter sich zu lassen und im gemeinsamen Interesse zusammen für ein prosperierendes, friedliches und zusammenwachsendes Europa zu arbeiten, mit Freuden annehmen und nach dem Vorbild der deutschen Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr einen offenen Dialog mit Russland beginnen, um die Basis für eine Verständigung zu schaffen.Ohne Einordnung geht es nichtDas wird natürlich kaum passieren, wie man sogar in der „Zeit“ schon sehen kann. Dort konnte man den Gastartikel Putins nicht unkommentiert stehen lassen, stattdessen sah sich die Redaktion der „Zeit“ gezwungen, ihren Leser zu sagen, wie sie über Putins Artikel zu denken haben. In einem prominent mitten in dem Artikel platzierten Infokasten kann man lesen:„Putin legt darin auch seine Sicht der jüngsten europäischen Geschichte dar. Die Ereignisse 2014 in der Ukraine bezeichnet er als von Europa unterstützten „Staatstreich“, schreibt vom „Austritt“ der Krim. Die Bundesregierung und die EU dagegen sprechen von „Völkerrechtsbruch“ und einer „Annexion“ der Krim durch Russland.“Putin reicht die Hand, aber die „Zeit“ lobt das nicht etwa, sondern erinnert ihre Leser stattdessen an das gewollte anti-russische Feindbild. Dabei stimmt es nun einmal: Ohne die Unterstützung des Westens für den blutigen Umsturz in Kiew hätten die Ereignisse auf der Krim im Februar 2014 nie stattgefunden. Die Details und die Chronologie der Krim-Krise von 2014 können Sie hier nachlesen, der Artikel ist eine Leseprobe aus meinem Buch über die Ukraine-Krise von 2014. Anscheinend wird eine weitere Chance, Frieden, Stabilität und Wohlstand in Europa zusammen mit Russland zu schaffen, vertan. Aber Stabilität in Europa kann man nicht gegen Russland erreichen. Ob die führenden Politiker in der EU das irgendwann mal verstehen und die seit 21 Jahren ausgestreckte Hand Putins ergreifen?Man soll die Hoffnung nie aufgeben, auch wenn es derzeit nicht danach aussieht.
Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse. In dem Buch gibt es ein eigenes Kapitel darüber, wie Putin und die Russen auf den Zweiten Weltkrieg blicken. In meinem neuen Buch „Abhängig beschäftigt – Wie Deutschlands führende Politiker im Interesse der wirklich Mächtigen handeln“ habe ich mich sehr intensiv mit weiteren Themen rund um die komplexen Zusammenhänge der gesteuertern Politik im Westen und deren brisanten Verstrickungen mit einer ganzen Reihe von Organisationen beschäftigt und dabei einiges zu Tage gefördert.Das Buch ist aktuell in diesem Monat erschienen und ausschließlich hier direkt über den J.K. Fischer Verlag bestellbar.

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