„Klimaneutral“? Eine irre Idee macht Karriere

Deutschland und Europa sollen zur „Weltrettung“ völlig CO2-neutral wirtschaften, während China und Indien ihre Emissionen erst noch richtig voll hochfahren. Das ist an sich schon grotesk auf der globalen Ebene. Noch dazu wird im nationalen Verteilungskampf um künstlich verknappte Energie getrickst und betrogen mit angeblich schon erreichter „Klimaneutralität“ einzelner Verbraucher. Vor allem ist es bei ehrlicher Life-cycle-Betrachtung technisch unmöglich, Deutschland nur mit Wind und Sonne anzutreiben: CO2-frei lässt sich die Industrienation nur mit richtig viel Kernenergie machen, theoretisch. Aber der Reihe nach:Die Deutsche Bahn behauptet schon länger, mit ihren Fernzügen sei man klimaneutral unterwegs. Im Internet Bestelltes wird mit hoher Wahrscheinlichkeit im „klimaneutralen“ Paket geliefert. Neuerdings findet man im Supermarkt sogar „klimaneutrale“ Reibekuchen in der Kühltheke, und mit Glück läuft auch die mit Ökostrom, also nochmals: Hurra, klimaneutral! Ein gutes Ökogewissen kann natürlich nur haben, wer sich für zuhause ebenfalls „CO2-freien Strom“ gesichert hat. Was für vorgestrige, verantwortungslose Verbraucher nehmen eigentlich noch diesen gefährlichen, schmuddeligen Kohlestrom? Ganze Gemeinden sind längst auf dem Trip; hieß es früher „Unser Dorf soll schöner werden“, mit Blumenrabatten und aufgeräumten Ortsbildern, ist die Losung heute: „Unsere Stadt ist 100 Prozent klimaneutral“, und dazu kaufen die örtlichen Stadtwerke auf Beschluss des Gemeinderats reichlich Wasserkraft-Zertifikate aus Norwegen. Dumm dabei: Die ganze klimasozialistische Plansoll-Übererfüllung ist nichts als ein Etikettenschwindel, ebenso lächerlich wie verlogen, analytisch absolut inkonsistent. In Wirklichkeit beruht das ganze grüne „Energiewende“-Denken auf einem zentralen Dogma, nämlich der (angeblichen) gegenseitigen Substituierbarkeit aller Energieumsätze: Böse fossile Brennstoffe werden durch gute „regenerative“ Quellen ersetzt. In grünem (Energie-planwirtschaftlichem) Denken wird so ein umfassender Verschiebe-Bahnhof betrieben, über alle Verbrauchs-Sektoren und technische Differenzen hinweg. Dazu braucht man unbedingt ganz viel „Sektorkopplung“ – wobei etwa der böse Diesel-Kraftstoff fürs Auto ersetzt wird durch Ökostrom für den Tesla: der Verkehrs-Sektor wird dabei mit der Stromerzeugung „gekoppelt“ und so die Welt gerettet; ebenso wird die Gas-Therme für die Heizung ersetzt durch eine Wärmepumpe, die – Sie erraten es – mit Ökostrom betrieben wird. Am Strome hängt, zum Strome drängt doch alles. (Goethe, glaube ich)Am Ende sind alle bösen Energieträger durch gute ersetzt, und Deutschland ist komplett klimaneutral. Wenn man so denkt, nämlich (im Prinzip fast richtig) gesamt-energiepolitisch, macht es aber nicht den geringsten Sinn, „unterwegs“ zu diesem Ziel schon zu unterscheiden etwa zwischen den guten Verbrauchern mit dem Ökostromtarif und den bösen, die noch Kohlestrom nutzen. Das Etikett „Dieser Haushalt ist CO2-frei, das steht so in unserem Stromvertrag“, kann man sich stolz an die Tür nageln, aber es ist energiepolitisch bedeutungslos. (Es ist auch eigentlich unverschämt, denn man schmückt sich mit fremden Federn. Der ganze superteure, ineffiziente deutsche Ökostrom wird nämlich faktisch nicht von den „vorbildlichen“ Haushalten bezahlt, die CO2-freie Verträge abgeschlossen oder sogar Solarmodule auf dem Dach haben, sondern von der Allgemeinheit aller Stromverbraucher, ob sie nun wollen oder nicht.)Verbrauchte Energie kommt nicht zurückWäre der Ökostrom-Haushalt tatsächlich klimaneutral, könnte er sich doch ohne schlechtes Gewissen einen geheizten „Whirlpool“ auf die Terrasse stellen und wieder die gute alte Glühbirne in die Fassung schrauben, oder? Das wäre offensichtlich kontraproduktiv – aus dem gleichen Grund, warum der angeblich klimaneutrale ICE der Deutschen Bahn energiepolitisch entgleist: Die Eisenbahn verbraucht nur einen Bruchteil allen Stroms in Deutschland (Größenordnung: fünf Prozent – davon übrigens mehr als zwei Drittel stationär, schon ohne einen einzigen fahrenden Zug). Ob der darin enthaltene Ökostrom, den die Deutsche Bahn fiktiv – im Rahmen kreativer Klima-Buchhaltung – für ihre Züge im Personen-Fernverkehr reserviert, tatsächlich auf der Schiene verfahren wird oder ob man ihn umleitet in eine Waschmaschinen-Fabrik oder für Tiefkühltruhen in privaten Haushalten nutzt, ist für den gesamten CO2-Ausstoß völlig irrelevant. Das einzige, was tatsächlich zählt, ist der verursachte Energieverbrauch, und jede Kilowattstunde Strom, die man hätte einsparen können, aber nicht eingespart hat, verhindert das angeblich so notwendige Drosseln der fossilen Stromerzeugung. Ohne Eisenbahnzüge könnte man rechnerisch locker ein großes Kohlekraftwerk dichtmachen. Noch dazu geht es insgesamt eben auch nicht „nur“ um Strom, sondern um den gesamten Energiebedarf. Die medial aufgeblasene Suggestion, Deutschland sei schon fast beeindruckend weit auf dem Weg zum klimaneutralen Ökotopia, beruht auf den Anteilen des „erneuerbaren“ Stroms an der Gesamterzeugung (inzwischen nahe 50 Prozent). Es wird aber in Deutschland viel mehr Energie verbraucht für Heizung, Prozesswärme (z.B. Metall-, Chemie-, Ernährungsindustrie) und Mobilität (mit Verbrennungsmotoren). Der Ökostrom, den die Deutsche Bahn mit ihren ICE-Zügen verbraucht, würde – auf dem Wege der „Sektorkopplung“ – konkurrierend dringend benötigt, um bisher fossiles Heizen, Fabriken und Binnenschiffe „klimaneutral“ zu machen. Die „weiße Weste“ der ICEs ist also in Wahrheit nicht weniger schmuddelig als jeder andere, prinzipiell „substituierbare“ Energieverbraucher. Das gleiche gilt für die klimaneutralen Pakete: Würden die Menschen nur noch halb so viel im Internet bestellen, könnte man entsprechend viele Paketautos stehen lassen, sodass erhebliche Umfänge an CO2-Produktion an anderer Stelle vermieden werden könnten. Denn wie gesagt: Nur als vollständiger Verschiebe-Bahnhof, wenn man alle Verbraucher und Energieträger politisch neu sortieren und böse durch gut ersetzen kann, ist die „Energiewende“ überhaupt vorstellbar, konkrete technisch-physikalische Hürden mal ganz elegant ausgeblendet.Hinter der Epidemie streberhafter Selbstbelobhudelungen, was nun schon alles „klimaneutral“ geworden sei, stecken zwei Sorten Veralberung: Zum einen machen sich Unternehmen werblich einen schlanken Fuß, damit wir ohne schlechtes Gewissen ihre Angebote konsumieren. Aber zum anderen ist dies politische Propaganda, die uns suggeriert, dass wir auf dem Weg zur Klimaneutralität tüchtig vorankommen und die gemeinsame Anstrengung sich lohnt. Klimaneutral (im Rahmen des Glaubens [!] an CO2 als Ursache einer gefährlichen globalen Erwärmung) ist aber ganz real nur, keine Energie zu verbrauchen – oder CO2-freie Energie, die man auch mit viel gutem Willen keinen anderen Verbrauchern (zur Substitution) überlassen könnte, also etwa Strom aus einem Solarmodul auf einer einsamen Berghütte zur Selbstversorgung abseits aller Netze: Das könnte man gelten lassen, aber dergleichen Sonderfälle spielen in einer dicht besiedelten Industrienation natürlich keine Rolle. Nicht klimaneutral ist hingegen, politische Broschüren zu drucken, denn dazu braucht man nun einmal Material und Energie. Man kann einen Ablass zahlen, also eine Spende leisten, sodass irgendwo auf der Welt Klimaschutz veranstaltet wird, womit sich das rechnerisch ausgleicht, und die Broschüre dann als „klimaneutral produziert“ anpreisen. Das kann man auch mit Flugreisen machen: sie mit einer Ablass-Zahlung zu „kompensieren“. So machen sich die grünen Parlamentarier ihre besonders vielen Flugmeilen schön, anstatt tatsächlich konsequent auf die unnötige Reiserei zu verzichten. (Merke: Konsumverzicht sollen doch bitte die Anderen üben, das einfache Volk. Nur DIE fliegen unnötig. Man selbst wird überall dringend physisch anwesend gebraucht, wie seinerzeit Horst Ehmke.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: