Mode der Unkenntlichkeit

Was wäre, wenn… es im bunten & diversen Menschenzoo nicht 60+ Geschlechter gäbe, sondern überhaupt keine mehr? Also jedenfalls keine, die man auf der Straße unschwer erkennt, weil über Kleidung identifizierbar? Ein Menschheitstraum wie das Fliegen würde wahr. Leider noch nie verwirklicht.

Stopp, stimmt nicht ganz! Im New Yorker Stadtteil Soho fand schon vor Jahren eine Diskussion über „die Zukunft der genderneutralen Mode“ statt. Und zwar im „Phluid“, dem damals ersten Laden für genderlose Mode.

Ganz viele „Meinungsführer, Aktivisten und Prominente“ waren dort zu einer Publikumsdiskussion des queeren Hetrick-Martin-Instituts zusammengekommen. Um, wie die Plattform Fashion United schrieb, „an einem wichtigen LGBTG-orientierten Dialog teilzunehmen“.

Wo es darum ging, dass endlich „binäre Perspektiven in der Mode“ aufgebrochen werden. Etwa dadurch, dass ein Modedesigner namens Rae Tutera Unisex-Kleidung „für alle Geschlechter und alle Körper herstellt“.

Denn die überkommene Aufteilung der Kollektionen in konventionelle Größen und geschlechtsspezifische Schnitte setzen, da war Fashion United sicher, „Standards, die alle Verbraucher unterdrücken“. Dem modischen „Gender-Nonkonformismus“ könne es gelingen, „sowohl Nische als auch Trend zu sein“.

Zuvor schon hatte die immerwoke Süddeutsche Zeitung vom „Einheitslook“ geschwärmt, durch welchen wir unterdrückten Modeopfer „vom Barbie-Klischee befreit“ würden. Etwa durch weite Jeans und kastig geschnittene Sweatshirts in Nichtfarben, wie sie die Modelabels Closed und Zara in ihren „ungendered-Kollektionen“ offerierten.

„Textile Askese“

Diese „textile Askese“, eine Art Klamottenveganismus, verfolgt nach Ansicht mancher Mode-Experten ein nachgerade revolutionäres Konzept. Die süddeutsche Beobachtung:

„Im Gegensatz zu aufreizender oder körperbetonter Kleidung stellt die schlichte Unisex-Mode nicht den Körper in den Vordergrund, sondern die Persönlichkeit – weil sich der Look darüber definiert, keiner zu sein. Er ist die Leinwand für den Charakter, drückt absichtlich gar nichts aus, um der Persönlichkeit das Feld zu überlassen. Er ist reduziert, schon fast langweilig, und damit eine Entwicklung weg von Stereotypen und vom in Szene setzen des perfekten Körpers.“

Freute sich die SZ: „Der Einheitslook scheint sich zunehmend durchzusetzen. (…) Immer mehr Bekleidungsketten führen gerade eine Unisex-Kategorie ein.“ Was die Evidenz der bayrischen Volksweisheit besitzt: „Wenn’s Arscherl brummt, is Herzerl gsund“.

Älteren Zauseln fällt bei „immer mehr“ immer die Prognose eines Führers der westdeutschen Arbeiterklasse ein. Dass „immer mehr Menschen in der BRD“ sich zur DKP hingezogen fühlten, war das unerschütterliche Mantra ihres ersten Vorsitzenden Herbert Mies. Zum Leidwesen seiner Auftraggeber, der Einheitspartei SED, vermochte deren westdeutsche Agentur DKP bei Bundestagswahlen nie mehr als maximal 0,3 Prozent der Stimmen zu ergattern. Später mehr von den Enttäuschungen der Liebhaber des Gleichgestrickten.

Natürlich gibt es erfolgreiche Bekleidung, die zunächst gleichmacherisch war. Zum Beispiel die 1873 von Levi Strauss in Umlauf gebrachten Jeans, ursprünglich eine robuste Nietenhose für Goldschürfer. Doch wirklich genderneutral war das meistverkaufte Beinkleid der Welt nie mehr, seit es ab den 1950er-Jahren zur Kultklamotte aufmüpfiger Jugendlicher wurde. Mit Jeans-Trägern wie Marlon Brando und James Dean avancierte die Büx ruckartig zu einem Macho-Statement.

Mittlerweile beliefert eine Unzahl von Schnitten, Gewebemischungen, Vorbehandlungen und Applikationen besonders den Jeansmarkt für Frauen. Distinktion bei scheinbar Identischem, diesem cleveren Modemätzchen verdankt die Jeans ihr Überleben. https://162574c05ba86cce705b899c56bf05be.safeframe.googlesyndication.com/safeframe/1-0-38/html/container.html

Quelle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: