Das russische Fernsehen über Putins Artikel in der „Zeit“

Zum 80. Jahrestag des Einmarsches in die Sowjetunion hat Putin in der „Zeit“ einen Artikel an die Deutschen und die Europäer geschrieben. Das russische Fernsehen ist auf den Artikel und seine Aussagen eingegangen. von Anti-Spiegel 28. Juni 2021 01:14 Uhr Über den Artikel Putins in der „Zeit“ habe ich berichtet. Allerdings scheint er bisher keine große Wirkung erzielt zu haben, denn die EU hat gerade erst beschlossen, ihren Konfrontationskurs gegen Russland noch einmal zu verschärfen, wie ich hier anhand der Ergebnisse des letzten EU-Gipfels aufgezeigt habe. All das war am Sonntag Thema im Nachrichtenrückblick des russischen Fernsehens und ich habe den Bericht des russischen Fernsehens übersetzt. Beginn der Übersetzung:Am Tag des verräterischen Angriffs Hitlerdeutschlands auf unser Land – am 22. Juni – sandte der russische Präsident auch ein Signal an Europa. Die deutsche Zeitung Die Zeit veröffentlichte einen Artikel von Wladimir Putin mit dem Titel „Offen sein, trotz der Vergangenheit“„Wir sind offen für ein faires und kreatives Zusammenwirken. Dies unterstreicht auch unsere Anregung, einen gemeinsamen Kooperations- und Sicherheitsraum vom Atlantik bis hin zum Pazifik zu schaffen, der verschiedene Integrationsformate einschließen könnte, unter anderem die Europäische Union und die Eurasische Wirtschaftsunion. Ich möchte noch einmal betonen: Russland plädiert für die Wiederherstellung einer umfassenden Partnerschaft zu Europa. Es gibt viele Themen von gemeinsamem Interesse: Sicherheit und strategische Stabilität, Gesundheit und Bildung, Digitalisierung, Energiewirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Technologie, Lösungen für Klima- und Umweltprobleme.“, schrieb das russische Staatsoberhaupt.Dieses Signal ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Deutschland und Frankreich haben sich für einen EU-Russland-Gipfel ausgesprochen, ein Format, das seit 2014 nicht mehr praktiziert wurde. 10 Länder der Europäischen Union sind noch nicht bereit, innenpolitische Vorurteile zu überwinden, aber allein die Tatsache dieser Initiative spricht für eine gewisse Müdigkeit in Europa gegenüber der sinnlosen Feindseligkeit gegenüber Moskau. Aus Europa berichtet unser Korrespondent Michail Antonow.Angela Merkel kam zum Gipfel der Europäischen Union, sie hat von allen am längsten an ihnen teilgenommen, fünfzehneinhalb Jahre. Vielleicht kommt sie zum letzten Mal, das hängt vom Tempo der Regierungsbildung nach der Wahl ab. Was Europa geworden ist, ist Merkels Verdienst und ihre Verantwortung. Gleiches gilt für das Verhältnis zu Russland, das die Kanzlerin ihrem Nachfolger nicht in seinem jetzigen – miserablen – Zustand hinterlassen will. Nachdem sie sich die Unterstützung Frankreichs und die volle Zustimmung Österreichs gesichert hatte, schlug Merkel ihren Kollegen vor, ein Treffen mit Putin zu arrangieren. Eine lange Nacht der Argumente und des Gezänks zeigte, dass ein Konsens zwischen den 27 Ländern in dieser Frage nicht möglich war. Man muss ein Format für den Dialog finden.„Heute konnten wir uns nicht auf ein Gipfeltreffen einigen, aber es ist entscheidend, dass das Format des Dialogs beibehalten wird und wir werden weiter in diese Richtung arbeiten. Persönlich würde ich mir mutigere Schritte wünschen, aber so ist es auch nicht schlecht“, sagte Merkel.Mit Ländern wie Polen, Rumänien und den baltischen Staaten als Mitglieder der Europäischen Union und der Ukraine und Georgien als Mündel ist eine Konfrontation mit Russland sicher. Und Merkel machte sich in dieser Hinsicht kaum Illusionen. Sie bot keine Versöhnung an: Die Idee war offenbar, zu versuchen, die rasende Energie der Russophobie zu kontrollieren, die es nicht erlaubt, „berechenbare Beziehungen“ aufzubauen, die Biden kürzlich in Genf anstrebte.„Die Europäische Union, so scheint es mir, sollte ihre Interessen in solchen Formaten vertreten und verteidigen“, sagte Merkel .„Wir waren uns einig, dass es wichtig ist, ein einheitliches Vorgehen beizubehalten, aber gleichzeitig wollen wir, dass dieses Vorgehen geplant ist“, sagte der französische Präsident Emmanuel Macron.Dieser Ansatz gegenüber Russland wurde von der Europäischen Union bisher aber nur in der Sanktionspolitik umgesetzt. Sie verlängerten die aktuellen Sanktionen um sechs Monate und beschlossen, ein zusätzliches Paket für den Fall eines schlechten Verhaltens Russlands zu entwickeln. Gleichzeitig scheint man in Brüssel von vornherein zuversichtlich zu sein, dass man es brauchen wird.„Wir befinden uns jetzt in einer Negativspirale und wir müssen uns auf einen weiteren Abschwung vorbereiten“, sagte Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission.Es stellt sich heraus, dass die Beziehungen noch schlechter werden können, und man kann mit solcher, olympischer, Gelassenheit einen Tag nach dem tragischen Datum – dem 80. Jahrestag des Einmarsches Deutschlands, oder besser gesagt, des vereinten Europas, in die UdSSR – darüber reden.Am Jahrestag des Kriegsbeginns sprach Bundespräsident Steinmeier stellvertretend für alle Deutschen die richtigen Worte über Scham und Reue, und zwei Tage später beschloss der Haushaltsausschuss des Bundestages eine Rekordsteigerung der Ausgaben für die Bundeswehr auf mehr als 50 Milliarden Euro. Und wenn man bedenkt, wen Verteidigungsministerin Kramp-Karenbauer als Feindbild der Bundeswehr ansieht, in deren Reihen sich versteckte Nazis tummeln, dazu die tägliche Propaganda, dann kann das Undenkbare geschehen.„Deutschland bereitet sich auf einen Krieg mit Russland vor“, sagte die Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen im Parlament. „Die NATO-Militärübung Sea Breeze-2021 ist eine sehr reale Provokation. Die Situation im Schwarzen Meer mit dem britischen Zerstörer ist nicht nur eine Provokation, sondern eine reale militärische Bedrohung, der Aufbau militärischer Kapazitäten der NATO, die Forderung nach neuen Sanktionen gegen Russland, die Bildung eines Feindbildes. Es reicht, eine beliebige deutsche Zeitung aufzuschlagen: Jeden Morgen ist Russland böse“, so Dagdelen.Im Rahmen dieser ideologischen Denkweise stürzten sich eine Reihe von Zeitungen, allen voran die Bild, auf die Kollegen von der Zeit: Am 22. Juni veröffentlichte diese Zeitung einen Artikel Putins, in dem der Präsident vorschlug, die Perspektive des Aufbaus eines gemeinsamen eurasischen Wirtschafts- und Sicherheitsraumes zu überdenken, die es am Ende des Kalten Krieges gab, aber ein anderer Ansatz gewann, wie Putin schrieb: „Diesem lag die Erweiterung der Nordatlantischen Allianz zugrunde, die selbst ein Relikt des Kalten Krieges war. Denn geschaffen war sie ja zur Konfrontation aus der damaligen Zeit heraus. Die Grundursache des zunehmenden gegenseitigen Misstrauens in Europa lag im Vorrücken des Militärbündnisses gen Osten, das im Übrigen damit begann, dass die sowjetische Führung de facto überredet wurde, dem Nato-Beitritt des geeinten Deutschlands zuzustimmen. Die damaligen mündlichen Zusagen nach dem Motto „Das ist nicht gegen euch gerichtet“ oder „Die Blockgrenzen werden nicht an euch heranrücken“ wurden nur allzu schnell vergessen. Der Präzedenzfall wurde geschaffen.“Der Artikel trägt den Titel „Offen sein, trotz der Vergangenheit.“ Es ist schwer, sich zu erinnern, wie oft Putin Europa dieses Entwicklungsmodell angeboten hat, aber wir wissen genau, wann er es zum ersten Mal auf Deutsch formuliert hat. Vor fast 20 Jahren im Bundestag. Und Merkel war damals als Mitglied des Bundestages anwesend.„Ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als mächtiges und wirklich unabhängiges Zentrum der Weltpolitik fest und dauerhaft stärken wird, wenn es seine eigenen Fähigkeiten mit denen Russlands kombiniert: menschliche, territoriale und natürliche Ressourcen, mit dem wirtschaftlichen, kulturellen und Verteidigungspotenzial Russlands“, so Putin damals.Für den aktuellen Gipfel der EU-Diplomatie hat Chef Borrell ein neues Konzept der Beziehungen zu Russland formuliert: „In die Schranken weisen, Grenzen setzen und Zusammenarbeiten.“ Aber dies, vor allem in die Schranken weisen und Grenzen setzen, ist die gesamte Geschichte der Beziehungen zwischen der EU und Russland im 21. Jahrhundert. Und Europa reflektiert nicht oft über dieses Thema, umso wertvoller sind einzelne Beispiele. Spiegel-Kolumnistin und Tochter des Firmengründers Franziska Augstein fragte sich, wie oft der Westen Russland getäuscht hat und wozu das geführt hat. (Anm. d. Übers.: Die Kolumne von Franziska Augstein im Spiegel war ein seltener Lichtblick) „Eine Russland-Freundin bin ich, Autorin dieses Artikels, nicht. Ich konstatiere bloß, was ist. Neulich hat der Osteuropa-Experte Wilfried Jilge geschrieben: Russland nähere sich mit seinen Streitkräften und Militärübungen bedenklich nahe an die Grenzen der Nato an. Das kann nur als Scherz gemeint gewesen sein. Umgekehrt ist es richtig: Die Nato hat mit der Aufnahme neuer Mitgliedstaaten ihre Grenzen immer weiter gen Russland verschoben. Als Wladimir Putin antrat, bemühte er sich um ein gutes Verhältnis mit dem Westen. Man hat ihn am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Nun folgt die Quittung.“, scheibt Augstein.Zumindest Augstein gesteht die Tatsache ein, dass der kollektive Westen für alles verantwortlich ist, was Russland heute vorgeworfen wird. „Nun folgt die Quittung“ klingt sogar zu dramatisch. In Wirklichkeit stellt Russland keine Quittungen an irgendjemanden aus.Putin bekräftigt in seinem Artikel: „Das gesamte europäische Sicherheitssystem ist derzeit in einem desolaten Zustand. Spannungen nehmen zu, das Risiko eines neuen Wettrüstens ist greifbar. Wir lassen uns enorme Möglichkeiten entgehen, die uns die Kooperation bietet. Die gesamte Nachkriegsgeschichte des Großen Europas hat folgendes unter Beweis gestellt: Prosperität und Sicherheit unseres gemeinsamen Kontinents sind nur durch gebündelte Anstrengungen aller Länder, einschließlich Russlands, möglich.“Nach den Ergebnissen des Gipfels zu urteilen, ist jedoch nichts Gemeinsames zwischen der EU und Russland geplant, was die Besorgnis in den Einschätzungen einiger Beobachter erklären könnte. Dabei ist klar, dass es nicht die EU war, die sich weigert, sich mit Putin zu treffen. Es war das Weiße Haus, das ein Treffen verboten hat und es als Ablehnung seiner osteuropäischen Günstlinge darstellte. Washington plant, der alleinige Moderator der Beziehungen zwischen dem Westen und Moskau zu bleiben.In diesem Zusammenhang kann die Suche nach einem Format des EU-Russland-Dialogs auf unbestimmte Zeit weitergehen. Eine andere Sache ist, dass die Führer des alten Europas nach Genf ein persönliches Gespräch mit dem russischen Präsidenten führen müssen, um sich selbst als geopolitische Subjekte zu bestätigen, falls noch jemand daran interessiert ist. Und in der Tat arbeitet Merkel seit mehr als 15 Jahren Seite an Seite mit Putin. Und es wäre zumindest unverständlich, wenn sie abgeht, ohne sich zu verabschieden.Ende der Übersetzung

In meinem neuen Buch „Abhängig beschäftigt – Wie Deutschlands führende Politiker im Interesse der wirklich Mächtigen handeln“ habe ich mich sehr intensiv mit weiteren Themen rund um die komplexen Zusammenhänge der gesteuerten Politik im Westen und deren brisanten Verstrickungen mit einer ganzen Reihe von Organisationen beschäftigt und dabei einiges zu Tage gefördert.

Das Buch ist aktuell in diesem Monat erschienen und ausschließlich hier direkt über den J.K. Fischer Verlag bestellbar.

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