Vera Lengsfelds Sonntagslektüre: „Nachdenken über Sühne und Vergebung“

Das Leben geht wie ein Geschwätz vorbei. Die tiefe Wahrheit dieses Bibel-Satzes wird den meisten Menschen erst tief in der zweiten Lebenshälfte bewusst. Was in den sich scheinbar endlos dehnenden Stunden der Kindheit und Jugend undenkbar scheint, drängt sich spätestens zwingend auf, wenn die Vergangenheit so lang ist, dass sie sich im Dunkel des Nicht-Erinnern-Könnens verliert und die Zukunft zusammenschrumpft.

Jörg Bernig, der zu unrecht vom offiziellen Literaturbetrieb vernachlässigte Schriftsteller, hat sich den existentiellen Fragen gewidmet, die früher oder später jeden Menschen umtreiben. Warum sind wir so geworden, wie wir sind? Warum haben wir Chancen, die sich uns boten, nicht ergriffen? Ergreifen können? Welche Irrwege sind wir gegangen? Gab es ein prägendes Ereignis in unserem Leben, das wir verdrängt haben?

Bernig lässt seine Romanfigur, einen Schriftsteller, dessen Namen wir nicht erfahren, in Prag in einem Art-Deco-Bett aufwachen. Er ist hier, weil er ein Stipendium für diesen Aufenthalt bekommen hat. Er will ihn nutzen, um den Roman über einen Maler zu Ende zu bringen, der kommerziell sehr erfolgreich war, sich aber aus der Öffentlichkeit zurückzieht und die Malerei an den Nagel hängt.

„Vier Musketiere“, die unzertrennlich waren

Das Schreiben stockt, der Autor hofft auf Inspirationen in einer der schönsten Städte der Welt. Er durchstreift Prag als Flaneur, der Leser lernt viel über die Kultur und die Geschichte dieser Stadt. Die Inspiration kommt, aber auf unerwartete Weise. Er beobachtet am geöffneten Fenster, unter dem die Moldau vorbeifließt, einen Wehrläufer, der belaubte Äste, Stämme, Hölzer und anderes Treibgut, das sich am Wehr verfangen hat, mit der Stange löst, damit es weiter den Fluss hinunterschwimmen kann. Scheinbar unvermittelt fällt ihm seine Kindheit ein, an die er seit Ewigkeiten nicht gedacht hat.

Sie waren vier Freunde, genannt die „Vier Musketiere“, die unzertrennlich waren. Musketier Michael ertrank eines Tages in einem Gebirgsfluss, da waren es nur noch drei. Als Jugendlicher warf sich Musketier Andreas vor einen Zug. Die zwei verbliebenen Freunde trennten sich, weil sie in weit voneinander entfernten Städten studierten und sich ihr Leben einrichteten. Die Verbindung blieb lose. Es gab Telefonate, aber keine Besuche. Vom Tod seines letzten Freundes erfuhr der Schriftsteller erst, als der schon unter der Erde lag. Das hatte Musketier Thomas so verfügt.

Der letzte der Musketiere grübelt darüber, warum er unfähig war, in seinem Leben eine feste Bindung einzugehen. Selbst als er in den Vierzigern Monika traf, die Frau, auf die er immer gewartet hatte, konnte er sich dieser Liebe nicht hingeben. Auf seinen Streifzügen durch Prag, die so lebendig geschildert werden, dass der spontane Wunsch entsteht, sofort in diese Stadt zu fahren, sucht Bernigs Held nach den Gründen seiner Bindungsunfähigkeit.

„Du bist anwesend, aber nicht da“, wirft Monika ihm vor und trennt sich schließlich von ihm, weil er keine Anstalten macht, das zu ändern. Immer wieder war er zurückgewichen mit der Begründung, er hätte mit seinem Werk zu tun. Die Trennung nahm er hin, Monika verbannte er aus seinen Gedanken, bis sie in Prag wieder auftaucht und nicht mehr zu verdrängen ist.

Blockaden der Vergangenheit

Die seelische Blockade des Schriftstellers löst sich auf unerwartete Weise. Als er eines Nachts von einer Schiffsbar zurückkehrt, gerät er in ein sintflutartiges Gewitter. Als er im Tosen des Unwetters auf einer Eisenbahnbrücke das Herannahen eines Zuges hört, wird er in eine verhängnisvolle Nacht in seiner Jugend zurückversetzt. Auf einer ähnlichen Brücke war ihm damals Andreas wütend gefolgt, weil er erfahren hatte, dass der Schriftsteller mit seiner Freundin Corinna geschlafen hatte. Der Streit eskalierte, Thomas, der ihn begleitete und der Schriftsteller verprügelten Andreas gemeinsam und ließen ihn auf der Brücke liegen. Als sie an deren Ende angelangt waren, hörten sie die Notbremsung eines Zuges. Am nächsten Morgen erfuhren sie, dass Andreas sich vor den Zug geworfen hatte. Die beiden Freunde sprachen nie über diesen Vorfall, der offensichtlich der Grund dafür war, dass sie sich nie wieder trafen.

Der Schriftsteller geht, aus Prag zurückgekehrt, zur Polizei, um eine Aussage zum damaligen Geschehen zu machen. Aber an der Tatsache, dass sich Andreas allein vor den Zug geworfen hat, ändert sein Geständnis nichts.

„Was haben Sie erwartet?“, fragt der Polizeibeamte. „Sühnen vielleicht, Vergebung“, ist die Antwort des Schriftstellers.

Bernig entlässt den Leser mit der Erkenntnis, dass man sich selbst erkennen und vergeben muss, um die Blockaden des Lebens zu beseitigen. Das ist schmerzhaft, manchmal langwierig, aber unverzichtbar, wenn man neu anfangen will.

Jörg Bernig: „Der Wehrläufer“, 2021, Dresden: Edition Buchhaus Loschwitz. Hier bestellbar.

Quelle

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