John Ioannidis: Abrechnung und Wille zur Versöhnung

Gunter Frank, Gastautor / 03.07.2021 / 06:20 / Foto: Screenshot/ Servus TV / 181 / Wie Sie vielleicht wissen, bin ich Fan von John Ioannidis. Seit Jahren beziehe ich mich in meinen Büchern auf seine Arbeit, und ich habe ihn vor drei Jahren auch persönlich nach einem Vortrag in Heidelberg kennen gelernt. Er selbst würde jedoch darüber schmunzeln, denn ein Star zu sein, ist nicht seine Motivation. Ihm geht es um wissenschaftliche Klarheit des Erkenntnisgewinns. Und das kompromisslos. Aber schon damals hat mich eingenommen, wie er seine klare und deutliche Kritik an den wissenschaftlichen Zuständen mit einer ganz besonderen Mischung aus Freundlichkeit und Humor verbindet. Vorgestern nun hat der österreichische Sender Servus TV ein 63 Minuten langes Interview mit John Ioannidis ausgestrahlt, in deutscher Simultanübersetzung.Der Stanford-Professor wird angekündigt als der führende Epidemiologe, und das ist er für mich ohne Zweifel. Vor allem, weil ich ihn auch als unbestechlich einschätze. Solche Charaktereigenschaften sind essenziell, wenn man wissenschaftliche Meinungen sucht, die in einer unsicheren Situation Orientierung leisten können. So war es ein Beitrag von ihm, zusammen mit einem Statement des deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin, der die Ahnung für mich zur Gewissheit werden ließ, dass die Corona-Maßnahmen mehr Schaden anrichten werden, als es das Virus je können wird. Dies erst gab mir die Sicherheit, die Kritik im Umgang mit der Pandemie auch öffentlich zu äußern, als fast alle noch im Panikmodus waren, aus dem viele leider nicht mehr herausfinden.In diesem Fernsehinterview läuft auch Servus TV zur Höchstform auf, und der Moderator Michael Fleischhacker ist ausgezeichnet vorbereitet. Er stellt die entscheidenden Fragen. Gleichzeitig gibt man John Ioannidis ausreichend Raum für gut überlegte Antworten.Ein würdiger Rahmen, den die deutsche Medienlandschaft derzeit nicht zu leisten vermag, weil sogar die Wissenschaftsredaktionen der großen Zeitungen nicht mehr den Unterschied sehen zwischen wissenschaftlichem Diskurs und autoritärem Aktionismus, den Ioannidis im Interview beschreibt. So geben sich Zeitungen von der Süddeutschen bis hin zur Welt die Blöße, Ioannidis Attribute wie „schillernd“ oder „umstritten“ anzuhängen – und machen sich damit doch nur selbst lächerlich. So wird Wissenschaft zu einem Instrument der Politik, und wenn Wissenschaftler sich verführen lassen, Wahrheiten zu verkündigen und den Zweifel zu ignorieren, dann kann das nur schiefgehen, wie wir alle derzeit leidvoll erleben.Eine Fehleranalyse wird zeigen, wie das Desaster entstehen konnteWas sagt nun der Stanford-Professor? Für Achgut-Leser inhaltlich nichts Neues. Bei der Angabe der Infektionssterblichkeit (IFR) nennt er sogar die Zahl 0,05, was wohl seinem aktuellen Kenntnisstand entspricht. Bemerkenswert auch deshalb, weil Achgut derzeit gegen die Sperrung eines kleinen Videos klagen muss, in dem ich die IFR anhand einer früheren Publikation von ihm mit 0,23 Prozent angebe, was dort immer noch als Fake News gilt. Hier steht nicht nur YouTube eine harte Landung in der Realität bevor. Er beschreibt weiter die Kollateralschäden, ohne jedoch das Virus zu verharmlosen, vor dem er angemessenen Respekt zeigt. Insbesondere, weil es eine klare Risikogruppe betrifft, die jedoch nur schlecht geschützt wurde.Das reichte jedoch, um ihn in die Diffamierungsmaschinerie zu ziehen, die sogar auf seine Familie zielte. Beim Thema Impfen sieht er derzeit die Nebenwirkungen nicht so dramatisch, um von einer Empfehlung abzurücken. Eine Aussage, die mich meine kritischere Position überdenken lässt. Aber Ioannidis wäre der Letzte, der mir meine Zweifel abspräche, und würde Gegenargumente abwägen. Denn für ihn ist es erlaubt, Fehler zu machen, auch eigene, sie sind gewissermaßen sogar unausweichlich, wenn man immer bessere Erkenntnisse und Lösungen finden möchte.Das eigentlich Beeindruckende in diesem Interview ist jedoch etwas anderes: seine Bereitschaft zur Versöhnung und Verständigung. Das ist es, was wir bald brauchen werden, wenn die immense Unwucht von angerichtetem Schaden einerseits und dem unfassbaren Maß an autoritärer Überheblichkeit der Verursacher andererseits unsere Gesellschaft ins Schlingern bringen kann. Wenn der angestaute Zorn sich Bahn bricht, braucht es glaubwürdige Menschen wie ihn, die statt nach Rache nach Verständigung streben, damit wir als gesamte Gesellschaft aus den Fehlern lernen. Jedoch: Keine Sorge, das bedeutet nicht, dass die Fehleranalyse Unangenehmes unter den Tisch fallen lassen wird, sondern sie wird klar und deutlich aufzeigen, wie das Desaster entstehen konnte. Für beides steht Ioannidis: Klarheit und Menschenfreundlichkeit. Besser kann man Wissenschaft nicht repräsentieren.

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