Die ent­hal­te­ne For­mu­lie­rung „Tri­bu­na­li­sie­rung des All­tags“ beschrie­be mei­ner Mei­nung nach deut­lich bes­ser die all­ge­gen­wär­ti­ge und bis in die letz­ten Win­kel zwi­schen­mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on gehen­de Spal­tung in Freund und Feind, weil es nicht mehr um Debat­ten und den Aus­tausch von Ideen geht, son­dern um Ankla­gen, die Unter­bin­dung jeder Ver­tei­di­gung, Ver­ur­tei­lung und Hinrichtung.Grau ist dem neu­en Dog­ma auf der Spur, wel­ches dem mit­tel­al­ter­li­chen reli­giö­sen Dog­ma sehr ähnelt: dem Dog­ma der Unfehl­bar­keit der Wis­sen­schaft, wel­ches von den Adep­ten der neu­en Reli­gi­on als „gefühl­te Gewiss­heit“ ver­tei­digt wird. Fun­da­men­ta­lis­ti­scher Glau­bens­ei­fer ist wie­der der ganz hei­ße Scheiß! Die Gren­zen ver­schwim­men zwi­schen Wis­sen­schaft und gesell­schaft­li­cher Inter­pre­ta­ti­on, denn letz­te­re wird vom Exper­ten gleich mitgeliefert.„Also ver­bin­det der Exper­te sei­ne empi­ri­schen Kennt­nis­se mit nor­ma­ti­ver Ein­schät­zung. Wis­sen­schaft­li­che und mora­li­sche Spra­che begin­nen inein­an­der zu ver­schwim­men.“ […] „Aus jeder Mess­rei­he wird ein Vor­wurf, aus jeder Beob­ach­tung eine Ankla­ge, aus jeder Stu­die eine Mahnung.“Der neue Fetisch, um den sich alles dreht, sei der Grenz­wert, den die moder­nen Glau­bens­krie­gern und deren Pries­ter, die Exper­ten, stets parat hät­ten und an dem das See­len­heil mess­bar ist.„Man [könn­te] den Schluss zie­hen, dass das Pro­jekt Auf­klä­rung kra­chend geschei­tert ist. Der Glau­bens­ei­fer hat in den letz­ten zwei­hun­dert Jah­ren kein biss­chen nach­ge­las­sen. Nur die Glau­bens­in­hal­te haben sich gewan­delt. Man glaubt nicht mehr an Gott, Him­mel­fahrt und Auf­er­ste­hung, son­dern an Diver­si­tät, Kli­ma­pro­gno­sen und Inzidenzen.“Und zwar mit der­sel­ben Kom­pro­miss­lo­sig­keit und einem Eifer, der nach Beloh­nung und Los­spre­chung verlangt.„Der Ver­such, das kri­ti­sche Bewusst­sein aus­zu­schal­ten, bedient sich des Jar­gons der Auf­klä­rung. Wer dem Exper­ten und sei­nem mora­li­schen Framing folgt, fühlt sich daher nicht als Gläu­bi­ger, son­dern als Ver­fech­ter von Wis­sen­schaft­lich­keit und Ratio­na­li­tät.“Aber glau­ben muss er doch, der Gläu­bi­ge, denn das Wis­sen, die Mes­sun­gen, Schluss­fol­ge­run­gen und The­sen sind ihm höchs­tens empi­risch oder über die Pre­dig­ten der Exper­ten zugäng­lich. Das Wis­sen – vali­des oder mora­lisch gefühl­tes – haben andere.„Und auch die Nei­gung zur Tole­ranz hat über die Jahr­hun­der­te kei­nes­falls zuge­nom­men. Schon die Wie­der­kehr der tot­ge­glaub­ten Figur des Leug­ners in neu­em Gewand ist ver­rä­te­risch. Galt einst der Got­tes­leug­ner als Ver­kör­pe­rung tiefs­ter Ver­werf­lich­keit, so erzeu­gen nun Kli­ma- und Coro­na-Leug­ner all­ge­mei­ne Empö­rung. […] Der dabei zwangs­läu­fig ent­ste­hen­den kogni­ti­ven Dis­so­nanz ver­sucht man zu ent­kom­men, indem man die eige­ne Mehr­heits­mei­nung in eine Außen­sei­ter­po­si­ti­on umdeutet.“Mit der von Grau defi­nier­ten Scha­blo­ne auf die Wirk­lich­keit los­ge­las­sen, weiß man eigent­lich gar nicht, wo man anfan­gen soll. Auf so gut wie jedes Feld der „Poli­ti­cal Cor­rect­ness“ lie­ße sie sich drü­cken und der Schlüs­sel, die Aus­sa­ge „Der eige­ne Oppor­tu­nis­mus wird zum heroi­schen Wider­stand“ pass­te fast immer. Über­haupt ist die ver­dräng­te eige­ne Oppor­tu­ni­tät ein guter Indi­ka­tor dafür, ob man tat­säch­lich hel­den­haf­ter Akti­vist der ers­ten Stun­de ist, der mit „Skin in the Game“ selbst­los für eine Sache ein­tritt, oder doch nur der wil­li­ge und hirn­ge­wa­sche­ne Hel­fers­hel­fer, der aus­wen­dig gelern­te Paro­len einer poli­ti­schen Ein­heits­front repetiert.Doch für den Kli­ma­schutz, für Lock­downs, für Knie­fäl­le und regen­bo­gen­far­be­ne Sta­di­en, für die Äch­tung Ungarns, gegen Trump, Bol­so­na­ro und John­son sind heu­te prak­tisch alle rele­van­ten Medi­en, NGOs, die Kir­chen, Par­tei­en, EU und Regie­rung gern zu haben. Mutig an die­sen Fron­ten zu „kämp­fen“ ist wohl­feil bis kos­ten­los. Nie­mand kann sich die Fin­ger ver­bren­nen, Feh­ler machen, sei­ne Kri­tik über­zie­hen und hat des­halb Kon­se­quen­zen zu gewär­ti­gen. Es ist der bil­ligst zu haben­de Dün­kel des Oppor­tu­nis­mus. Auf Linie gebürs­te­te drei Minu­ten Hass im orwell­schen Pan­op­ti­kum popu­lis­ti­scher Triebabfuhr.

Nagelprobe des Opportunismus

Ich schla­ge eine groß ange­leg­te Umfra­ge unter den Akti­vis­ten und Laut­spre­chern vor, die nur eines in Erfah­rung brin­gen möge: „An wel­cher Stel­le befin­den sie sich in Oppo­si­ti­on zum Estab­lish­ment? Also den Medi­en im All­ge­mei­nen und der Marsch­rich­tung von Regie­rung und EU in den gesell­schaft­li­chen Groß­the­men Kli­ma, Migra­ti­on, Wirt­schaft, EU-Ver­tie­fung und Ener­gie­wen­de im Beson­de­ren.“ Und ich mei­ne jetzt nicht, dass es dem einen oder ande­ren zu schnell oder zu lang­sam geht, son­dern prin­zi­pi­el­le, inhalt­li­che Oppo­si­ti­on. Da wird bei den Akti­vis­ten nicht viel Oppo­si­ti­on übrig bleiben.Doch ich wet­te, frag­te man die­sel­ben Leu­te danach, wie sie wohl zwi­schen 1933 und 1945 gehan­delt hät­ten, wenn Gen „Z“ damals schon auf der Welt gewe­sen wäre, ob sie ihre Nach­barn denun­ziert oder weg­ge­se­hen hät­ten, als Men­schen aus ihrer Mit­te ver­leum­det, her­aus­ge­ris­sen, ent­rech­tet, ent­eig­net und ermor­det wur­den,… ich glau­be, so gut wie jeder wäre fest der Mei­nung, er hät­te sol­ches unmög­lich zuge­las­sen! Man hät­te sich doch wider­setzt, wäre dage­gen gewe­sen, hät­te pro­tes­tiert, Arti­kel geschrie­ben oder not­falls die­sen klei­nen irren Öster­rei­cher mit blo­ßen Händen…ganz sicher! Sicher? War die Gewiss­heit unter unse­ren Lands­leu­ten nicht groß, dass das alles schon sei­ne Berech­ti­gung habe und dass die Rich­tung gar nicht falsch sein kön­ne, weil doch die Mehrheit…was soll schon schief gehen?Wo ist heu­te die Oppo­si­ti­on zur Regie­rung, wo die gewis­se Grund­skep­sis, die man für wirk­sa­me Kon­trol­le braucht? Über­all nur affir­ma­ti­ves, zustim­men­des Getö­se. War es in Nazi­deutsch­land nicht com­mon sence, all das brav zu exe­ku­tie­ren, was gera­de gesell­schaft­li­che Norm war oder zur neu­en Norm erklärt wur­de? Konn­te man damals nicht auch viel gefahr­lo­ser für als gegen das Regime demons­trie­ren? Ich will den Ver­gleich hier nicht zu weit trei­ben, mir geht es ledig­lich um die Kos­ten der Oppor­tu­ni­tät im Ver­gleich zu den Kos­ten der Oppo­si­ti­on. Letz­te­re waren damals zwei­fel­los höher als heu­te und wur­den meist mit dem eige­nen Leben bezahlt. Doch zum Zweck der Anhäng­lich­keit an das Sys­tem braucht es damals wie in „1984“ wie heu­te das Ven­til eines Kamp­fes gegen ver­meint­lich bedroh­li­che inne­re und äuße­re Fein­de. Klin­geln da nicht alle Alarm­glo­cken? Womit wir end­lich bei der Tri­bu­na­li­sie­rung wären.„Mün­dig­keit ist vor allem Ein­sam­keits­fä­hig­keit“, zitiert Alex­an­der Grau den Phi­lo­so­phen Odo Mar­quard. Wenn das „vor allem“ auch ein­schrän­kend wirkt, kann jeder sei­ne eige­ne Mün­dig­keit recht gut prü­fen, indem er oder sie sich fragt, wo die ehr­lich geäu­ßer­te Mei­nung im poli­ti­schen Dis­kurs prompt zur Ver­ein­sa­mung füh­ren wür­de. Pas­sen Sie Ihre „Mei­nung“ an das Umfeld einer Dis­kus­si­on an? Sind Sie der­je­ni­ge, der „aber“ sagt, wenn alle um Sie her­um auf Orban, Trump oder dem Die­sel­mo­tor ein­prü­geln? Trau­en sie sich, einen dif­fe­ren­zier­ten Gedan­ken über Bol­so­na­ro zu äußern, ohne ihn vor­her mit „Rechts­po­pu­list“ zu kenn­zeich­nen? Kor­ri­gie­ren Sie einen empör­ten Red­ner, wenn er ein unga­ri­sches Gesetz als LGBTQ-feind­lich bezeich­net und erklä­ren, dass es dar­in expli­zit um den Schutz Min­der­jäh­ri­ger geht und kei­ner­lei Ein­schrän­kun­gen für Erwach­se­ne dar­stellt? Wagen Sie es laut aus­zu­spre­chen, dass Trump vie­les, aber nicht alles falsch gemacht hat?Nun, dann lie­gen Sie womög­lich hier und da falsch, aber sie bedie­nen sich offen­bar ihres eige­nen Ver­stan­des, statt auf die Schwar­min­tel­li­genz oppor­tu­nis­ti­scher Lem­min­ge zu ver­trau­en. Womög­lich den­ken Sie, wenn alle in eine Rich­tung lau­fen, muss ich da nicht auch noch hin. Wenn alle „A“ sagen, gibt es genug A‑Sager. Wenn alle „steini­get ihn“ rufen, fehlt dem Tri­bu­nal ganz klar ein Ver­tei­di­ger. Wenn Sie die­ser Ver­tei­di­ger sein wol­len – und sei es auch nur gele­gent­lich – lesen Sie den Arti­kel von Alex­an­der Grau.