Covid-19: Wie Wohlfahrtsstaaten die Situation verschärfen (2)

Die Ausbreitung von Emotionen nennt man auch „Ansteckung“. Dann veranlasst sozialer Druck den Einzelnen, sich zu verhalten wie alle anderen.

Von Prof. Dr. Philipp Bagus,  Prof. Dr. Antonio Sánchez-Bayón und Dr. José Antonio Peña-Ramos

Die Existenz und Ausdehnung einer Massenhysterie im Zusammenhang mit Covid-19 zu untersuchen, würde den Rahmen dieser Studie sprengen. Hier analysieren wir eine grundsätzlichere Frage, nämlich die Rolle des Staates bei einer Massenhysterie.

Auch in einer Privatrechtsgesellschaft oder in einem Minimalstaat kann es zu einer Massenhysterie kommen. Diese Möglichkeit besteht aufgrund des Negativitätsbias des menschlichen Gehirns (55), der Menschen anfällig für Wahnvorstellungen macht. Aufgrund der biologischen Evolution konzentrieren wir uns auf schlechte Nachrichten, da sie eine mögliche Bedrohung darstellen (56). Die Fokussierung auf negative Nachrichten und das Gefühl des Kontrollverlusts (57) können psychologischen Stress verursachen, der sich auf eine größere Gruppe übertragen und damit eine Massenhysterie auslösen kann.

In einer Gesellschaft mit einem Minimalstaat könnten beispielsweise negative Nachrichten eine solche Hysterie auslösen. Aufgrund negativer News beginnen einige Menschen, an eine Bedrohung zu glauben. Diese Bedrohung ruft Angst hervor und beginnt sich in der Gesellschaft zu verbreiten. Auch Symptome können sich ausbreiten. Le Bon (58) nannte die Ausbreitung von Emotionen durch Gruppen „Ansteckung“. Hat sich die Angst erst einmal ausgebreitet und verhält sich die Mehrheit einer Gruppe auf eine bestimmte Art und Weise, gibt es das Phänomen der Konformität: Der soziale Druck veranlasst den Einzelnen, sich genauso zu verhalten wie die anderen Mitglieder der Gruppe. Letztlich kann es zu einem Phänomen kommen, das als „emergente Normen“ bezeichnet wird (59): Wenn eine Gruppe eine Norm festlegt, befolgen am Ende alle diese Norm. Beschließt eine Gruppe beispielsweise, Masken zu tragen, stimmen alle dieser Norm zu. Emergente Normen können die späteren Stadien der Ansteckung erklären. Ansteckung durch Angst kann dazu führen, dass Menschen in einer Situation stark überreagieren, selbst in einem Minimalstaat. Nichtsdestotrotz gibt es in einem Minimalstaat bestimmte selbstkorrigierende Mechanismen und Beschränkungen, die es weniger wahrscheinlich machen, dass eine Massenhysterie außer Kontrolle gerät.

Es gibt verschiedene Korrekturmechanismen bei einer Massenhysterie. Es existieren bekannte Strategien zum Abbau von Angst, Stress und Furcht, die der Einzelne in einer Gesellschaft in einem Minimalstaat anwenden kann. Das Lösen von Spannungen im Körper durch Sport und Übungen hilft, psychischen Stress abzubauen (60). Darüber hinaus ist es wichtig, Ablenkungen von den negativen Nachrichten zu finden und soziale Kontakte zu pflegen. Ohne staatliche Restriktionen gibt es solche Möglichkeiten der Ablenkung im Überfluss.

Panik ignorieren und Hysterikern die Angst nehmen

Eine Hysterie kann Menschen dazu treiben, sich selbst und unschuldigen Mitmenschen Schaden zuzufügen. In einer Gesellschaft mit einem Minimalstaat gibt es eine klare Grenze für die aus der Massenhysterie resultierende Zerstörung, nämlich die Durchsetzung von Privateigentumsrechten, was theoretisch die einzige Aufgabe eines Minimalstaates ist (61) (62). Am wichtigsten ist, dass es hier keine Institution gibt, die mächtig genug ist, um private Eigentumsrechte massiv zu verletzen – vielleicht mit der allfälligen Ausnahme, dass sich der Minimalstaat selbst in einen Wohlfahrtsstaat verwandeln könnte.

Darüber hinaus kann zwar jeder, der sich in einer Hysterie in Bezug auf die öffentliche Gesundheit befindet, freiwillig sein Geschäft schließen, eine Maske tragen oder zu Hause bleiben, aber niemand kann andere, die gesund sind und der Hysterie nicht erliegen, dazu zwingen, ihre Geschäfte zu schließen, Masken zu tragen oder sich in Quarantäne zu begeben. Eine Minderheit kann die kollektive Panik einfach ignorieren und ihr normales Leben weiterführen, weil sie frei ist, dies zu tun. Eine solche Minderheit kann ein Vorbild und ein Weckruf für diejenigen sein, die der kollektiven Hysterie erliegen oder kurz davorstehen, dies zu tun. Angenommen, eine kleine Gruppe von Menschen geht während einer kollektiven Gesundheitshysterie weiterhin einkaufen, zur Arbeit, pflegt soziale Kontakte, atmet frei und erkrankt nicht (massiv und tödlich). Anhand dieses Beispiels kann die Angst des Beobachters sinken. Beobachter können dem Beispiel folgen, und die Gruppe der Hysteriker schrumpft.

Es ist eine der Kerneigenschaften dezentraler Systeme, dass sie Wettbewerb, Fehlererkennung und Korrektur ermöglichen (63) (64) (65). Wenn die Menschen, die durch ihre Interaktion letztlich zu Vorbildern für andere werden, krank werden und sterben, würde sich die Panik bestätigen. Wenn es sich aber wirklich um eine Hysterie handelt und die Bedrohung nur eingebildet oder übertrieben ist, wird es den Vorbildern im Durchschnitt viel besser gehen als denjenigen, die der Hysterie zum Opfer gefallen sind. Eine ausreichende Vielfalt von Rollenmodellen erlaubt es dem Beobachter, seine Erwartungen zu korrigieren und anzupassen (66).

In einem Minimalstaat können die Bürger frei entscheiden, welche Risiken sie eingehen wollen

Außerdem können in einem Minimalstaat natürliche Mechanismen, die Stress, Angst und Hysterie reduzieren, frei wirken. Ein dezentraler Wettbewerb um Lösungen mindert den Konformitätsdruck und erleichtert den Ausbruch aus der Hysterie. Der Wettbewerb ermöglicht die Entdeckung von Informationen über die tatsächliche Gefahr der wahrgenommenen Bedrohung (67).

Während die Schäden, die durch eine kollektive Hysterie angerichtet werden, durch den Schutz privater Eigentumsrechte in einer Privatrechtsgesellschaft oder einem Minimalstaat begrenzt sind, können solche Grenzen von einem modernen Wohlfahrtsstaat leicht überschritten werden. In der Tat kann eine gut organisierte Gruppe (68), die von kollektiver Hysterie infiziert wurde, die Führung des Staates übernehmen oder die Kontrolle über den Staatsapparat erlangen. In einer solchen Position kann diese Gruppe dem Rest der Bevölkerung Maßnahmen aufzwingen, die nahezu unbegrenzten Schaden anrichten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein Wohlfahrtsstaat auch ein Rechtsstaat sein kann (69) (70), in dem repressive Eingriffe der Exekutive durch die Judikative aufgehoben werden können. Es besteht jedoch die Gefahr, dass in einer kollektiven Panik der Schutz der verfassungsmäßig garantierten Grundfreiheiten durch Notstandsmaßnahmen außer Kraft gesetzt wird, die Justiz der Massenhysterie ebenfalls erliegt und die repressiven Eingriffe nicht aufhebt.

Die empirische Evidenz während der Covid-19-Krise zeigt, dass die Grundfreiheiten in Wohlfahrtsstaaten nicht verteidigt wurden (71). Generell gilt: Je größer die Zwangsmittel des Staates sind, desto mehr Schaden kann der Gesellschaft in einer Massenhysterie zugefügt werden.

Man könnte argumentieren, dass die Ansteckung mit einem Virus eine negative Externalität ist, die ein Eingreifen des Wohlfahrtsstaates rechtfertigen (72). Die einzige Aufgabe eines Minimalstaates ist jedoch der Schutz der privaten Eigentumsrechte. Es ist nicht die Funktion eines Minimalstaates, seine Bürger vor allen Lebensrisiken zu schützen, wie z.B. einer Erkältung oder der saisonalen Grippe (73). In einem Minimalstaat können die Bürger frei entscheiden, welche Risiken sie eingehen wollen, sei es beim Autofahren, beim „Bungee Jumping“ oder in der sozialen Interaktion. Der Versuch des Staates, die Ansteckungsraten in Form von obligatorischen Gesichtsmasken, der Schließung von Geschäften oder der Anordnung von Schutzmaßnahmen zu reduzieren, verletzt in der Tat die privaten Eigentumsrechte, die der Minimalstaat verteidigen soll, und kann negative externe Effekte in Form von Depressionen, Alkoholismus oder Suiziden hervorrufen.

Staaten nutzten ihren Zwangsapparat, um soziale Isolation zu erzwingen

Während es in einer Privatrechtsgesellschaft und in einem Minimalstaat Mechanismen gibt, die helfen, Massenpaniken zu begrenzen und zu reduzieren, kann die kollektive Hysterie durch einen mächtigen Wohlfahrtsstaat aus mehreren Gründen verschärft werden.

Erstens hat der Wohlfahrtsstaat die Macht, jene Aktivitäten zu beschränken und zu verbieten, die Furcht und Angst reduzieren, wie z.B. Sport, Unterhaltung und soziale Kontakte. Während der Covid-19-Krise nutzten die Staaten ihren Zwangsapparat, um soziale Isolation zu erzwingen, und trugen damit zu Angst (74) und psychischer Belastung bei – beides Zutaten, die eine Massenhysterie anregen. Um sich gegen biopsychologische Infektionen abzuschirmen, sollte die Bevölkerung regelmäßig Sport treiben, eine gute Schlafqualität haben, sich regelmäßig bewegen, sich ausgewogen ernähren und eine starke Verbindung zu anderen Menschen pflegen. Regierungen auf der ganzen Welt verordneten während der Covid-19-Krise Lockdowns und Masken, was es den Bürgern erschwerte, all diese Dinge zu tun. Insbesondere das von den Regierungen verordnete „social distancing“ verhinderte enge soziale Beziehungen, während die vorgeschriebenen Masken das Ausdrücken von Freundlichkeit und Mitgefühl erschwerten, wodurch die psychologische Widerstandsfähigkeit sank (75).

Zweitens verfolgt der Staat von Natur aus einen zentralistischen Ansatz zur Lösung von Problemen. Es stimmt zwar, dass ein Wohlfahrtsstaat nicht notwendigerweise ein vollständig zentralisierter Staat sein muss. Die USA und die Bundesrepublik Deutschland – beides sind Wohlfahrtsstaaten – haben erhebliche föderale Strukturen, und diese können zu einem Wettbewerb bei der Regulierung und beim Umgang mit der Ursache einer Massenhysterie führen, was bessere Lösungen zur Folge hat. Außerdem erlaubt die Existenz konkurrierender Staaten auf internationaler Ebene das Experimentieren mit verschiedenen Lösungen. Während der Covid-19-Krise hat beispielsweise das Vorgehen Schwedens den Beweis erbracht, dass alternative Ansätze möglich sind (76). Generell gilt: Je dezentraler die politische Struktur ist, desto intensiver ist der mögliche Wettbewerb.

Quelle

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