Kreis in NRW löste Warnsirenen bewusst nicht aus

Von Annika Leister und Sebastian Klemm 21.07.2021, 15:10 Uhr

Flutkatastrophe: Kreis in NRW löste Sirenen bewusst nicht aus – "Angst vor Panik"  . Hückeswagen, NRW: In dem Ort im Oberbergischen, nahe des Rheinisch-Bergischen Kreises, mussten rund 1.500 Menschen ihre Wohnungen verlassen.  (Quelle: dpa)
Flutkatastrophe: Kreis in NRW löste Sirenen bewusst nicht aus – "Angst vor Panik"  . Hückeswagen, NRW: In dem Ort im Oberbergischen, nahe des Rheinisch-Bergischen Kreises, mussten rund 1.500 Menschen ihre Wohnungen verlassen.  (Quelle: dpa) Hückeswagen, NRW: In dem Ort im Oberbergischen Kreis, nahe dem Rheinisch-Bergischen Kreis, mussten rund 1.500 Menschen ihre Wohnungen verlassen. (Quelle: dpa)

„Sonst sorgt der Alarm für Panik“

Aber in der aktuellen Katastrophe: Stille. „Die Sirenen sind aus einem Grund nicht ausgelöst worden“, sagt Bär. „Hätten wir die Sirenen ausgelöst, während in den Medien die Berichterstattung noch nicht breit lief, hätten alle Leute die 112 angerufen.“ Man habe befürchtet, dass die Nachfragen den Notruf lahmlegen. Sirenenalarm könne man „nur Hand in Hand mit der Medienberichterstattung auslösen“, erklärt Bär und verweist auf die verspätete und viel kritisierte Berichterstattung des WDR in der Flutnacht. „Sonst sorgt der Alarm für Panik.“

Als weiteren Grund für den ausbleibenden Alarm räumt Bär allerdings auch ein: „Niemand hat damit gerechnet, dass es solche Ausmaße annimmt.“  

Der Rheinisch-Bergische Kreis ist weniger schwer von den Fluten getroffen worden als der Rhein-Erft-Kreis, die Städteregion Aachen und der Kreis Euskirchen. Aber auch hier waren die Schäden gravierend. Ein 80-Jähriger ist Medienberichten zufolge in seinem Keller ertrunken. 

Sirenen im Kreis Euskirchen und Bad Münstereifel wohl ausgelöst

Auch in Euskirchen, einer Stadt im gleichnamigen Kreis in NRW, erheben Anwohner Vorwürfe, sie seien überhaupt nicht gewarnt worden. „Hier kam keine Warnung, dass das Wasser steigt. Es kam kein THW, Feuerwehr oder Polizei. Es gab keine Evakuierung. Wir waren so überrascht“, sagte Maler Andreas S. t-online. 

Die Pressestelle der Kreisverwaltung Euskirchen teilt auf Nachfrage von t-online mit, man habe kreisweit Sirenenalarm ausgelöst. Allerdings könne es sein, dass in manchen Orten die Technik bereits gestört gewesen sei und die Alarmierung deswegen ausblieb, räumt der Sprecher ein. Zu welcher Uhrzeit der Alarm ausgelöst wurde, sei zurzeit nicht recherchierbar – ebenso wie die Zahl der Sirenen im Kreis.

Auch im zu großen Teilen zerstörten Bad Münstereifel, wo NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Kanzlerin Angela Merkel sich am Dienstag die „gute, alte Sirene“ zurückwünschten, gibt es im Übrigen Sirenen. Erst im April 2020 wurden in drei Ortsteilen neue Sirenen installiert, wie Radio Euskirchen berichtete. Das Netz befinde sich derzeit allerdings noch im Aufbau, sagt ein Wehrleiter auf Nachfrage von t-online. „Aber die Sirenen, die wir haben, die haben ausgelöst, auch mehrfach.“ 

Wie viele Sirenen es in Deutschland gibt, ist unklar. Die Zuständigkeit liegt bei den Kommunen. Rund 360 Gemeinden in Nordrhein-Westfalen seien mit Sirenen ausgerüstet, erklärt das Innenministerium des Landes auf Nachfrage. „Wie vor Ort gewarnt wird, ist den Kommunen überlassen.“ 

Aus dem ebenfalls schwer getroffenen Rheinland-Pfalz heißt es vom Innenministerium: Man kenne die Anzahl der Sirenen nicht, sie seien Teil der kommunalen Selbstverwaltung. Gegebenenfalls könne das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Auskunft geben. 

Kein Überblick im Bundesamt

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ist bei der Frage jedoch keine Hilfe. Es hat sich offensichtlich auch nach den letzten großen Hochwasserkatastrophen an der Elbe 2006 und 2013 nicht um eine Bestandsaufnahme bemüht. Auf Nachfrage von t-online meldet sich eine Sprecherin, sie nennt die Zahl von 15.000 Sirenen in Deutschland – allerdings zitiert sie, wie sie zugibt, aus den Medien und weiß nicht, aus welchem Jahr die Zahl stammt.

Sicher sei nur, dass die Anzahl geschrumpft sei – von 80.000 Sirenen zur Zeit des Kalten Kriegs. Man arbeite nun „seit ein paar Wochen“ daran, zusammen mit den Ländern ein Warnmittelkataster zu erstellen. Ergebnisse sollten noch Ende des Jahres vorliegen. 

„Alles, was Aufmerksamkeit auf sich zieht, hilft“ 

Kai Vogelmann, Sprecher des Malteser Hilfsdienstes in Nordrhein-Westfalen, kann die Vorsicht des Rheinisch-Bergischen Kreises verstehen. Die Bevölkerung sei nicht mehr gewohnt, auf Sirenenalarm zu reagieren. Man müsse die Menschen wieder sensibilisieren. 

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