Augenzeuge zu Polizeieinsatz gegen Querdenker-Demo: „Mich schockiert die Gewalt“

Ein Berliner schildert seine Erlebnisse bei den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen am 1. August.

, 11.8.2021 – 10:03 Uhr Artikel anhören

twitterEin Polizist schlägt auf der Straße des 17. Juni eine Frau.

Berlin – Die Aufarbeitung des Polizeieinsatzes bei den „Querdenker“-Protesten läuft immer noch. Am 1. August kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Es soll dabei unverhältnismäßige Übergriffe durch die Polizei gegeben haben. Aufgrund mehrerer Bilder und von Berichten schaltete sich auch

ein.

Mehrere Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung hat das LKA gegen Polizisten eingeleitet. Wie viele Anzeigen es gab, konnte die Behörde auch zehn Tage danach nicht sagen. Eine Verteidigungsstrategie, warum es zur Anwendung von Gewalt kam, hat sie aber bereits: Laut Polizeisprecher Thilo Cablitz sei der „unmittelbare Zwang“ erst „wegen der fehlenden Kommunikationsbereitschaft, der fortwährenden Verstöße gegen die Versammlungsverbote, der Verstöße gegen die Infektionsschutzmaßnahmen-Verordnung, der Missachtung polizeilicher Weisungen, der Angriffe auf Einsatzkräfte“ erforderlich geworden. „Dort, wo eine Körperverletzung im Amt im Raum steht, werden wir auch konsequent ermitteln“, sagt der Polizeisprecher. 

Dies ist die Schilderung eines Augenzeugen. Der Berliner, Anfang 40, ist nach eigenen Angaben Ingenieur und Mitglied der Partei „Die Basis“, die sich im vergangenen Jahr im Umfeld der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen bildete. Seinen Namen möchte er aus Angst vor beruflichen Konsequenzen nicht in der Zeitung lesen:

Ich war am Sonntag von 12 bis 17.30 Uhr auf den Beinen, an verschiedenen Orten in Berlin. Zuerst war ich Unter den Linden, wo sich nach Fällen schrecklicher Polizeigewalt gegen Einzelpersonen spontan ein Demonstrationszug entwickelte. Mehrere friedliche Menschen mittleren Alters wurden von Polizisten in Vollmontur aufs Schmerzhafteste verprügelt. Einem Mann wurde sein Fahrrad stark beschädigt. Menschen wurden weggetragen, unter Schmerzensschreien. Der Demozug, der sich daraufhin entwickelte, war spontan, voller Elan, aber friedlich. Die Polizei versuchte mehrmals unter Lebensgefährdung – heranpreschende „Wannen“ und Menschen, die gleichzeitig unkontrolliert umgestoßen wurden – vergeblich den Zug zu stoppen. Wer trotzdem erwischt wurde, wurde vertrimmt.https://platform.twitter.com/embed/Tweet.html?dnt=false&embedId=twitter-widget-0&features=eyJ0ZndfZXhwZXJpbWVudHNfY29va2llX2V4cGlyYXRpb24iOnsiYnVja2V0IjoxMjA5NjAwLCJ2ZXJzaW9uIjpudWxsfSwidGZ3X2hvcml6b25fdHdlZXRfZW1iZWRfOTU1NSI6eyJidWNrZXQiOiJodGUiLCJ2ZXJzaW9uIjpudWxsfSwidGZ3X3NwYWNlX2NhcmQiOnsiYnVja2V0Ijoib2ZmIiwidmVyc2lvbiI6bnVsbH19&frame=false&hideCard=false&hideThread=false&id=1421888640238686216&lang=en&origin=https%3A%2F%2Fwww.berliner-zeitung.de%2Fmensch-metropole%2Faugenzeuge-zu-polizeieinsatz-gegen-querdenker-demo-mich-schockiert-die-gewalt-masslos-li.176183&sessionId=2323f15ec5cc720b02e5b766dd18a1b2aced9cc2&siteScreenName=berlinerzeitung&theme=light&widgetsVersion=1890d59c%3A1627936082797&width=550px

Ich fuhr dann mit der S-Bahn zum Bahnhof Zoo. Dort erwartete mich ein friedlicher Protestzug komplett ohne Polizeibegleitung, der sich in Richtung Kudamm, Tauentzien und später Bülowstraße/Potsdamer Straße voranschob. Hier waren sicher mehrere Tausend Menschen auf der Straße. Die Sprechchöre waren stets friedlich: „Hände weg von unseren Kindern“, „Friede, Freiheit, Demokratie“, „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Freiheit klaut.“ Es gab auch keinerlei Gewalt oder Sachbeschädigung. Was ich am 1.8. hingegen öfter sah, und was mittlerweile leider gängige Praxis zu sein scheint: Die Polizei zieht eine Person aus dem Sichtfeld, beispielsweise hinter ein Fahrzeug, hinter die eigene Postenkette oder hinter eine Hecke. Ein oder zwei Polizisten knien sich dann auf das Opfer, der andere prügelt dann auf die Person ein.

Ein Mann wurde weggetragen, und ihm wurde ein Nierenhaken verpasst. Und ich musste mit ansehen, wie fünf Polizisten einen Mann gnadenlos vermöbeln. Der Grund: Er hatte sich gegen das Wegtragen gewehrt und sich schwer gemacht.

Später, am Platz des Volksaufstands von 1953, versuchte man, uns einzukesseln. Zehn bis fünfzehn „Wannen“ tauchten hinter uns auf, wir wurden verfolgt von Geisels gewalttätiger Bereitschaftspolizeitruppe in Vollmontur, die auf alles prügelte, was nicht schnell genug wegkam. Junge Frauen in Flipflops und Senioren mussten im Laufschritt in Seitengassen und Hinterhöfe flüchten, da vor uns mit quietschenden Reifen ebenfalls dichtgemacht wurde, um dann „Maßnahmen“ durchzuführen. Auch dort wurde dann geprügelt. Ich musste mich mit meiner Partnerin in die U6 Station Stadtmitte flüchten, da wir sonst sicher auch erwischt worden wären.

Mich schockiert diese Gewalt maßlos und ich hoffe, dass die Täter und die Verantwortlichen – Innensenator Geisel und Polizeipräsidentin Slowik – zur Verantwortung gezogen werden.

Ja, es muss wohl punktuell Angriffe gegen Polizisten gegeben haben, aber, wie gesagt, ich sah in mehr als fünf Stunden nichts davon. Ehrlich gesagt, ist es aber auch nachvollziehbar, dass Menschen nicht tatenlos dabei zusehen, wie Polizisten vor den Augen aller Wehrlose schwer verletzen.

Notiert von Andreas Kopietz

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Quelle

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