Russland weist die BBC-Journalistin aus: Die Hintergründe

Pressefreiheit

„Qualitätsmedien“ wie der Spiegel haben sich echauffiert, dass Russland eine BBC-Journalistin ausweist. Dabei haben sie wie üblich alle Hintergründe weggelassen, damit die Geschichte in das gewollte Narrativ passt.

von Anti-Spiegel 17. August 2021 15:03 Uhr

Der Spiegel meldete am 14. August in einem Artikel mit der Überschrift „Pressefreiheit – BBC-Korrespondentin soll »nie mehr nach Russland zurückkehren« dürfen„:

„Die BBC-Korrespondentin Sarah Rainsford hat ihre angekündigte Ausweisung aus Russland als »niederschmetternd« bezeichnet. Die russischen Behörden hätten ihr mitgeteilt, dass sie nach Ablauf ihres Visums Ende August »nie mehr nach Russland zurückkehren« dürfe, sagte Rainsford dem Radiosender BBC 4, dies komme einer »Vertreibung« gleich. Sie habe fast ein Drittel ihres Lebens in Russland verbracht, sagte die Journalistin. Das russische Staatsfernsehen hatte zuerst über Rainsfords Ausweisung berichtet. Die Entscheidung ist demnach eine Antwort auf die britische Politik gegenüber der Regierung in Moskau und markiert eine weitere Eskalation in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen.“

Über die Gründe erfährt der Spiegel-Leser praktisch nichts, dabei kommt der Schritt nicht überraschend. Leser des Anti-Spiegel wissen, dass das russische Außenministerium in offiziellen Erklärungen immer wieder beklagt, wie russische Journalisten im Westen an der Arbeit gehindert werden und das russische Außenministerium hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die russische Geduld nicht endlos ist und dass Russland irgendwann gegenüber westlichen Journalisten genauso reagieren wird, wie der Westen sich gegenüber russischen Journalisten verhält. Dazu will ich nur ein paar Beispiele aus den letzten Jahren anführen.

Wie russische Medien im Westen diskriminiert werden

2019 hat sich das russische Außenministerium mehrmals darüber beschwert, dass Frankreich russischen Journalisten Visa und Akkreditierungen verweigert. Über diese russischen Beschwerden habe ich im Januar und Anfang und Mitte März 2019 berichtet. Im April 2019 hat sich das russische Außenministerium über Diskriminierungen russischer Medien und Journalisten in Deutschland und Frankreich beklagt und angekündigt, sich gegenüber Journalisten aus diesen Ländern künftig ähnlich zu verhalten. Allerdings sind dieser Ankündigung keine Taten gefolgt.

Auch der Streit mit Großbritannien war bereits 2019 Thema. Damals ging es unter anderem um eine Strafe, die die britische Medienaufsicht Ofcom gegen RT verhängt hatte, weil RT angeblich „keine angemessene Unparteilichkeit“ aufrechterhalten habe. Das bedeutet im Klartext, dass man RT keine Falschmeldungen vorgeworfen hat. Den Inhalt der Meldungen von RT hat Ofcom nicht bestritten, nur die Art der Übermittlung. Und da wird es subjektiv. Es gibt schließlich keine objektiven Kriterien oder Skalen, an denen man das messen kann. Auch bei der Gelegenheit hat Russland angekündigt, sich gegenüber den britischen Medien in Russland künftig genauso zu verhalten, wie sich die Briten gegenüber russischen Medien verhalten.

Im August 2019 gab es einen weiteren Streit, dabei ging es um die Deutsche Welle in Russland, die offen zur Teilnahme an nicht genehmigten Demonstrationen aufgerufen hatte. Das ist ein unerhörter Vorgang, man stelle sich einmal vor, RT-Deutsch würde offen zu in Deutschland verbotenen Querdenker-Demos aufrufen. Aber auch der Fall hatte keine Konsequenzen, die Arbeit der Deutschen Welle wurde in Russland nicht eingeschränkt.

2020 haben die baltischen Staaten Schlagzeilen gemacht, weil sie russische Medien in ihren Ländern nicht nur verboten haben, sie haben Ende 2019 sogar freien Journalisten, die nur Beiträge für russische Medien schreiben, mit strafrechtlichen Ermittlungen gedroht. Auch dazu gab es immer wieder offizielle Erklärungen des russischen Außenministeriums.

Das waren nur einige Beispiele, die Liste ist noch viel länger. Man kann also festhalten, dass Journalisten, die im Westen für staatliche russische Medien arbeiten, massiv diskriminiert und bei der Arbeit behindert werden. An Warnungen seitens Russland, sich irgendwann gegenüber westlichen Journalisten in Russland ähnlich zu verhalten, hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt.

Die BBC lügt munter weiter

In dem genannten Spiegel-Artikel hat der Leser erfahren, dass die britische Journalistin behauptet, „nie mehr nach Russland zurückkehren“ zu dürfen. Das behauptet sie selbst und die BBC verbreitet das. Allerdings ist das nicht wahr. Das russische Fernsehen hat in einem kurzen Artikel darüber berichtet, den ich übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharova, bestritt, dass der BBC-Journalistin die Rückkehr nach Russland für immer untersagt worden sei. Sie wird ein Visum erhalten, wenn London einem russischen Journalisten die von Moskau geforderte Erlaubnis erteilt.

Auf ihrer Social-Media-Seite äußerte sich Sacharova über neue britische Manipulationen. Die britische Regierung in Person von Wendy Morton, Ministerin für europäische Angelegenheiten, und die diplomatische Vertretung haben sich entschieden, den Spieß umzudrehen und die Nichtverlängerung der Akkreditierung mit der Verschlechterung der Lage der Medienfreiheit in Russland zu begründen. Aber das sind alles Lügen, die nur die engen Beziehungen der britischen Regierung zum Fernsehsender BBC bestätigen, der mit russophoben Klischees arbeitet und Fakten durch haltlose Behauptungen ersetzt, betonte die Sprecherin. Sie wies auch auf die rüpelhafte Haltung gegenüber russischen Medien in Großbritannien hin, wenn Journalisten nicht an der Veranstaltung teilnehmen dürfen und ihre persönlichen Daten offengelegt werden. (Anm. d. Übers.: Hier spielt Sacharova auf einen besonders interessanten Fall an, denn in London finden seit einiger Zeit einmal pro Jahr vom britischen Außenministerium organisierte „Globale Konferenz über Pressefreiheit“ statt, zu denen russische Journalisten allerdings nicht einmal als Zuschauer zugelassen werden. Eindrucksvoller kann man das britische Verständnis von Pressefreiheit nicht demonstrieren)

Sacharova wies darauf hin, dass einem Journalisten einer russischen Nachrichtenagentur bereits im Sommer 2019 keine Visumsverlängerung gewährt wurde. Versuche, einen Ersatz zu entsenden, blieben erfolglos. Trotz der Warnungen Moskaus, dass ein solches Verhalten inakzeptabel ist, hat London die Beziehungen eskalieren lassen und eine Reihe unbegründeter persönlicher Sanktionen verhängt. BBC-Korrespondentin Sarah Rainsford muss sich also in erster Linie bei ihren Landsleuten bedanken, denn das Vorgehen der russischen Seite war symmetrisch. Rainsford sagte, sie könne niemals nach Russland zurückkehren. Sacharova stellte eine weitere Manipulation fest. Der BBC-Mitarbeiterin wurde ihr Visum auf unbestimmte Zeit entzogen, es wird jedoch wieder erteilt, sobald London die Blockade der Visa für russische Journalisten aufhebt.

Ende der Übersetzung

Der Spiegel in seinem Element

All das erfahren Spiegel-Leser mal wieder nicht. Genauso war es schon in dem ersten Spiegel-Artikel über die britische Journalistin, der unter der Überschrift „Pressefreiheit – BBC-Korrespondentin muss Russland verlassen“ erschienen ist. Zu dem Zeitpunkt war über die Reaktionen der BBC noch wenig bekannt. Über die russische Sicht der Dinge erfuhr der Spiegel-Leser dabei nur folgendes:

„Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, schrieb bei Telegram, den Vertretern der BBC sei bei einem Besuch in ihrem Haus »alles genau erklärt« worden. Den wiederholten Warnungen aus Moskau sei keine Beachtung geschenkt worden. Sacharowa sprach von einer angeblichen »Verfolgung russischer Journalisten« in Großbritannien und einem »Visa-Mobbing« in London.“

Da der Spiegel sich auf die Meldung von Sacharova auf Telegram berufen hat, sollten wir uns die anschauen, um zu beurteilen, ob der Spiegel vollständig darüber berichtet hat. Sacharova schrieb auf Telegram:

Die westlichen Medien sind in heller Aufregung: Sie bitten darum, dass wir uns zu der Information zu äußern, dass das Visum einer britischen Journalistin, die in Moskau arbeitet, nicht verlängert wird.
Das ist überraschend:

  1. Die angelsächsische Mediengruppe schenkte den wiederholten Warnungen des Außenministeriums darüber, dass als Reaktion auf Londons wirkliches Visa-Mobbing gegen einen russischen Korrespondenten in Großbritannien entsprechende Maßnahmen ergriffen würden, keine Beachtung. Aber wir haben regelmäßig Erklärungen abgegeben, in denen wir die Briten aufgefordert haben, die Verfolgung russischer Journalisten einzustellen.
  2. Die BBC und die Korrespondentin selbst haben sich taub gestellt und äußern sich gegenüber ihren Kollegen nicht zu der Situation. Warum wohl? Gibt es keine Gründe, darüber zu informieren oder sind es die falschen Gründe? Nur zu, halten Sie sich nicht zurück.
  3. Die westlichen Medien haben sich traditionell nicht für das Schicksal russischer Journalisten interessiert, deren britisches (oder z.B. amerikanisches) Visum nicht verlängert wurde.

Ich kann sagen, dass den Vertretern der BBC, die neulich das Außenministerium besucht haben, alles genau erklärt wurde. Sie müssten also eigentlich etwas zu erzählen haben.

Es war also von Anfang an klar, welche Argumente Russland nennt und vor allem kann es niemanden überraschen, denn Russland warnt seit 2019, dass es irgendwann mit gleicher Münze zurückzahlen würde. Anscheinend hat man die russische Geduld im Westen so interpretiert, als wären das leere Worte.

Auch das Verhalten westlicher Journalisten zeigt, dass sie sich als Soldaten im Informationskrieg sehen und nicht als Journalisten, die ihre Leser wahrheitsgemäß und umfassend informieren sollen. Die russischen Beschwerden über die Behinderung russischer Journalisten im Westen sind zahllos, aber die westlichen „Qualitätsmedien“ berichten darüber nicht. Daher muss der westliche Leser überrascht und entrüstet sein, wenn Russland plötzlich angeblich grundlos westliche Journalisten ausweist.

Und wenn „Qualitätsmedien“ wie der Spiegel die Erklärungen Russlands erwähnen, werden sie unglaubwürdig gemacht, indem der Spiegel von „einer angeblichen »Verfolgung russischer Journalisten« in Großbritannien und einem »Visa-Mobbing« in London“ schreibt. Dabei kann von angeblich keine Rede sein, denn seit 2019 wartet ein russischer Korrespondent auf sein britisches Visum.

Aber das braucht der Spiegel-Leser ja nicht zu wissen.


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Quelle

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