Merkel ähnelt den abrückenden Besatzern in Kabul: Nach mir die Sintflut. Rette sich wer kann.

Mit einem Mal ist alles anders Von Wolfgang Herles

Die allermeisten Medien lassen plötzlich kein gutes Haar mehr an der Regierung, registrieren entgeistert und empört die Berliner Stümperei. Wäre es nicht zynisch, könnte man sagen, die Taliban in Afghanistan haben Augen in Deutschland geöffnet. Und das wenige Wochen vor der Wahl. Die Wirkung ist noch nicht abzuschätzen.

I.

Dennoch gerät in der Debatte um das Versagen am Hindukusch einiges durcheinander. Die zwei Handlungsebenen werden nicht sauber voneinander getrennt. Da ist einmal die gescheiterte Utopie, die Welt lasse sich nach Willen und Vorstellung des Westens formen. Der Islam lässt sich nicht von außen zivilisieren. Demokratie kann nicht oktroyiert werden. Die Untertanen, wo auch immer, müssen sich selbst zu freien Bürgern erheben und aus den Fesseln ihrer Geschichte befreien. Auch der Talibanstaat wird nicht der letzte in Afghanistan sein. So traurig das sein mag für die, die wieder einmal vergeblich auf den Westen gesetzt haben. Am Ende spielt es keine Rolle, ob geostrategische oder humanistische Interessen oder eine Mischung aus beiden Interventionsmotive sind. Das Zeitalter des westlichen Werte-Kolonialismus ist unwiderruflich vorbei. China schlägt mit pragmatischeren Methoden ein neues Kapitel auf.

II.

Etwas ganz anderes aber ist es, wie diese Erkenntnis realisiert wird. Der unvorbereitete, bedingungslose, überhastete Abzug aus Afghanistan ist verheerend. Er konterkariert und diskriminiert die Werte, für die man vergeblich gekämpft hat. Mit der heillosen Flucht aus der Verantwortung verrät sich der Westen selbst. Und am widerlichsten ist der Verrat an denjenigen, die auf den Wandel gesetzt und ihr eigenes Überleben der Schutzmacht anvertraut hatten. Frauen, Demokraten, gebildete, aufgeklärte Afghanen werden ihren Feinden erbarmungslos ausgeliefert. Das ist nicht Realpolitik, es ist eine Schande.

III.

Verheerend ist also nicht der Strategiewechsel, sondern die Art und Weise, wie er vollzogen wird. Ursächlich dafür sind ausschließlich innenpolitische Motive der USA. Der Vertrauensverlust wiegt schwerer als ein verlorener Krieg. Biden mutierte zum Vollstrecker Trumps. Das macht das deutsche Versagen nur noch schlimmer. Ausgerechnet Merkel, die gegen Trump zur Schutzherrin des Abendlandes ausgerufen worden war, erweist sich als unfähig, wenigstens die Geschicke der eigenen Leute und ihrer Helfer in die Hand zu nehmen. Zeit genug wäre gewesen. Trotz des derzeit bis zum Überdruss gemurmelten Mantras „2015 darf sich nicht wiederholen“ ist die nächste Flüchtlingswelle unvermeidbar. Doch hat diese Debatte nichts zu tun mit dem Versagen bei der Evakuierung der eigenen Mitarbeiter und ihrer Familien.

IV.

Es ähnelt dem auf anderen Politikfeldern. Trägheit, Bürokratismus, Ignoranz und Weltfremdheit gehen eine toxische Mischung ein. Ob bei der Flutkatastrophe, in der Energiepolitik, im Bildungswesen, im Verfall der Infrastruktur, in der verschluderten Digitalisierung, im unsäglichen „Pandemie”-Management oder beim Zusammenbrechen der Alterssicherung: Nichts tun, dann zu spät das Falsche, Weitsicht vermeiden, Konsequenzen verdrängen, sich einen schlanken Fuß machen: Es ist das Handlungsmuster von Leuten, die ihr Geschäft nicht verstehen. Ein Netzwerk individueller Versager sitzt an den Schalthebeln. Nachsichtig und tumb nickt das in falscher Sicherheit gehaltene, desinformierte, von Merkel anästhesierte, illusionierte, mit moralischen Gewäsch zugedröhnte Volk. Das aber funktioniert nun nicht mehr so wie noch vor wenigen Tagen. Afghanistan deckt die Schäbigkeit der Handelnden auf.

V.

Und wieder einmal ist die dringende Frage zu stellen: Warum kommen so oft die Falschen an die Spitze? Warum nicht die Fähigsten? Wo bleiben Kompetenz und Vernunft? Ich schrieb hier vor einer Woche über die Sepsis der deutschen Demokratie. Blutvergiftung führt zum Multiorganversagen. Dem ist heute nichts hinzuzufügen. Außen-, Innen- und Verteidigungsminister haben versagt und verlassen nur deshalb nicht ihre Posten, weil sonst auch Merkel schmählich zurücktreten müsste, die ja nicht nur Richtlinien der Politik formuliert, sondern seit sechzehn Jahren für den Verfall der politischen Kultur Verantwortung trägt. O doch, es wäre auch kurz vor der Wahl durchaus noch sinnvoll, sie zur Rechenschaft zu ziehen. Für die Rückkehr zu demokratischen Selbstverständlichkeiten ist es nie zu spät. Und wer weiß, wie lange Merkels unfähige Administration noch im Amt bleiben kann angesichts einer schwierigen Koalitionsbildung.

VI.

Egal, wer die Wahlen gewinnt: dieses Land bedarf eines gründlichen Wandels. Es genügt nicht, wenn die Regierung und ihre Hilfstruppen abziehen wie eine lustlose Armee und Chaos hinterlassen. Der Eindruck, den Merkel derzeit macht, ähnelt dem der abrückenden Besatzer in Kabul: Nach mir die Sintflut. Rette sich wer kann.

Quelle

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