Dass die Taliban Kabul innerhalb von Tagen erobern und dabei kaum auf Widerstand stoßen, kann sich auch Bundeswehrgeneral a. D. Egon Ramms kaum erklären. Für den früheren Kommandeur des Allied Joint Force Command der NATO sieht es danach aus, dass es Absprachen zwischen den Islamisten und der afghanischen Regierung gegeben haben könnte.ntv: Zu Beginn ein Blick auf die aktuellen Ereignisse. Wie schwierig ist denn die Mission der Bundeswehr, Menschen aus Kabul auszufliegen? Was sind die größten Gefahren und Herausforderungen aus ihrer Sicht?

Bundeswehr-General a. D. Egon Ramms wundert sich über das Verhalten der afghanischen Armee.

Bundeswehr-General a. D. Egon Ramms wundert sich über das Verhalten der afghanischen Armee.

(Foto: picture alliance / dpa)

Egon Ramms: Die größten Gefahren liegen offensichtlich im Augenblick nicht im militärischen Bereich, sondern sie liegen in der Organisation des Flughafens und in der Tatsache, wie lange die Maschinen am Boden bleiben dürfen, um Flüchtlinge aufzunehmen und dann wieder zu starten. Da sind die Slots offensichtlich zurzeit sehr kurz angesetzt mit rund 30 Minuten. Und wenn dann nicht alles funktioniert, dann kriegen sie die Maschinen nicht voll. Das bedeutet dann, dass wesentlich mehr Umläufe geflogen werden müssen: Immer im Turn nach Taschkent fliegen, um auf diese Art und Weise mehr Menschen dorthin raus zu bringen.Die afghanischen Soldaten und Polizisten, die waren den Taliban zahlenmäßig und was die Ausrüstung betrifft haushoch überlegen. Trotzdem haben sie sich oft kampflos ergeben. Wie erklären sie sich das?Also ich kann mir das nicht erklären. Einen Teil der afghanischen Führer im Bereich der Regierung, beispielsweise den Verteidigungsminister, den heutigen, habe ich vor etlichen Jahren als Generalstabschef kennengelernt. Bismillah Khan war ein sehr zuverlässiger und ein sehr engagierter Mann damals in dieser Zeit. Er war hinterher auch Innenminister. Das Ganze sieht mir alles etwas merkwürdig aus. Es sieht fast so aus, als würde es zwischen der Regierung, der Armeeführung und den Taliban Absprachen gegeben haben. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass 300.000 Soldaten und Polizisten schlicht und einfach, wenn die Taliban kommen, die Waffen niederlegen und nichts mehr für ihr Land tun. Dafür ist vielleicht auch die Tatsache bezeichnend, dass der Präsident Aschraf Ghani ja auch sehr frühzeitig sein Land verlassen hat.Hätten Geheimdienste, Militärs und Diplomaten im Westen das, was Sie sich nicht erklären können, vorhersehen müssen?Die Augen der Militärs sind ja, zumindest für Deutschland aber auch für etliche andere Länder, seit Ende Juni, Anfang Juli mehr oder weniger geschlossen. Weil ja zu dem Zeitpunkt ein großer Teil der Truppen, unsere zu hundert Prozent, ausgeflogen worden sind. Aber ich gehe mal davon aus, dass die Dienste nach wie vor Aufklärungsarbeit in Afghanistan leisten, und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass diese möglichen Verhandlungen oder Absprachen zwischen Taliban, Regierung und Armeeführung überhaupt nicht feststellbar gewesen sind und wir davon vorher überhaupt keine Kenntnis gehabt haben.

Die USA wollen in Zukunft offenbar alles von außen beobachten und gezielt in Afghanistan zuschlagen, sollten die Taliban dort internationalen Terror fördern oder Terroristen Unterschlupf gewähren. Ist das ein erfolgversprechender Ansatz?Also ich halte das für einen sehr schwierigen Ansatz. Auch wenn die Amerikaner sicherlich das Land sind, welches über die besten Aufklärungsmittel, angefangen von Satelliten über Drohnen und allem, was dazu gehört, auch mit Augenaufklärung im Lande selber, verfügen. Trotzdem glaube ich, dass diese Entwicklungen nur schwer unter Kontrolle zu kriegen sind, und wenn wir einen solchen Prozess, wie wir ihn jetzt erlebt haben, mit dem Siegeszug der Taliban auf der kurzen Zeitachse nicht vorher haben aufklären können, dann werden solche Aufklärungsergebnisse auch nur schwer zugänglich sein.Mit General Egon Ramms sprach Christoph Teuner

Quelle: ntv.de