Eine Energiekrise in Europa ist in diesem Winter fast nicht mehr zu verhindern

Energiepreise

Die Gaspreise in Europa sind inzwischen auch Thema in deutschen Nachrichten, aber es droht weit schlimmeres, als hohe Preise. Da die Gasspeicher in Europa nicht ausreichend gefüllt sind, ist eine Energiekrise in diesem Winter kaum mehr zu verhindern.

27. September 2021 02:00 Uhr

Die Gasspeicher in Europa sind mit etwa 70 Prozent so gering befüllt, wie praktisch noch nie zu Beginn der Heizsaison. Über die Gründe habe ich oft berichtet, meinen letzten Artikel darüber finden Sie hier. Das Problem ist, dass die Speicher vor der Heizsaison gefüllt werden müssen, weil die Kapazitäten von Pipelines und Tankern nicht ausreichen, um den Bedarf im Winter zu decken. Deshalb werden die Gasspeicher normalerweise im Sommer gefüllt, was in diesem Jahr jedoch nicht geschehen ist.

Normalerweise sind die Gasspeicher zu Beginn der Heizsaison zu annähernd 100 Prozent gefüllt, derzeit sind es aber nur etwa 70 Prozent. Wenn man nun noch bedenkt, dass sie nach der letzten Heizsaison nur noch zu 30 Prozent gefüllt waren, muss man kein mathematisches Genie sein, um zu verstehen, dass das Gas in Europa nicht über den Winter reicht, wenn der Winter nicht ausgesprochen mild wird und die Menschen nicht oder nur wenig heizen müssen. Und die Zeit reicht nicht mehr aus, die Speicher zu füllen, denn die Heizsaison beginnt Anfang Oktober.

Die Europäer haben es schlicht versäumt, die Speicher zu füllen, obwohl Gazprom in diesem Jahr eine Rekordmenge an Gas nach Europa gepumpt hat. Aber das geben Politik und Medien nicht zu und beginnen, Russland wegen der hausgemachten Probleme zu beschuldigen.

Das war am Sonntag Thema im Nachrichtenrückblick „Nachrichten der Woche“ des russischen Fernsehens und ich habe den Bericht des russischen Fernsehens übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Kommen wir zur europäischen Panik. Der ständig steigende Gaspreis in der EU hat im September fast die psychologische Marke von 1.000 Dollar pro tausend Kubikmeter erreicht. So viel haben sie noch nie für den blauen Kraftstoff bezahlt. Das ist reine Hysterie. Anfang Juli betrug der Preis nur ein Drittel davon. Es ist klar, dass sie unter diesen Bedingungen, wie man sagt, alle Hunde auf das russische Unternehmen Gazprom hetzen. Das Europäische Parlament leitet eine Art Untersuchung ein, die europäische Presse brodelt vor Misstrauen und blankem Hass. Sie haben Angst zu frieren und fordern, dass Russland Europa dringend wärmen muss.

Aber man muss verstehen, dass der Gaspreis von 1.000 Dollar pro tausend Kubikmeter nicht der russische Preis ist. Das ist ein europäischer Preis. Er ist europäisch, weil der Preis in der Pipeline von Gazprom im Rahmen der bestehenden langfristigen Verträge, zum Beispiel für Deutschland, jetzt 220 Dollar beträgt, also ein Viertel von dem, was es an der europäischen Börse kostet. Der europäische Preis ist das Ergebnis der Entscheidungen der Europäer selbst, die Gazprom zuvor unter dem Schlagwort der Energieunabhängigkeit von Russland geohrfeigt hatten.

Jetzt gibt es in Europa eine Spaltung des Bewusstseins. Einerseits wollen sie immer noch die Unabhängigkeit und alles ganz sauber haben, andererseits haben sie Angst, kalte Füße zu bekommen. Und wie können sie sich wärmen, ohne zu sündigen? Man will Wärme, aber Europa hat es nicht eilig, die Pipeline zu öffnen, durch die die Wärme aus Russland jeden Moment zu fließen beginnen kann. Ein Irrenhaus! Aber Russland ist wieder schuld. Und man muss es weiter ohrfeigen, damit es jetzt sofort und dringend zusätzliches Gas durch die Ukraine pumpt, damit Gas in Europa billiger wird.

Aber halt, das ist ja ein nicht-marktwirtschaftlicher Ansatz. Fühlen sich die Europäer plötzlich gegenüber Russland als eine brüderliche Nation? Also wie die Weißrussen. Wir sind eine einzige große brüderliche Nation. Nein, die Europäer frisst immer noch die gleiche Russophobie auf. Sie sind frech, verlangen immer etwas mehr, haben immer Verdächtigungen, Sanktionen und Beleidigungen. Was für eine Art von Brüderlichkeit soll das sein? Aber vielleicht wird das brüderliche amerikanische Volk Europa helfen? Amerika sagte, es werde die Alte Welt mit seinem Flüssiggas überschwemmen. Und wo ist dieses amerikanische Flüssiggas? Es ging nach Asien. Das ist näher und profitabler als in Europa. Das ist nichts Persönliches, es geht nur ums Geschäft. Und das Wichtigste: Es gibt keine Beschwerden in Richtung Amerika. Wundersamer Weise bittet niemand Amerika um etwas oder verlangt etwas von Amerika. Das sind sie, die guten Beziehungen innerhalb der westlichen Gemeinschaft.

Es ist guter Ton, etwas von Russland zu verlangen. Sogar etwas zu fordern, was für Russland überhaupt keinen Mehrwert hat, wie zum Beispiel zusätzliches Gas über die Ukraine nach Europa zu pumpen. Die Route ist über tausend Kilometer länger und es ist viel teurer als bei Nord Stream 2. Aber die Absurdität der Forderungen an Russland hat Europa noch nie daran gehindert, absurde Forderungen an Russland zu stellen.

Der Klarheit halber sei noch hinzugefügt, dass Gazprom seine europäischen Verträge weiterhin gewissenhaft einhält. Gekauftes Gas wird ohne Unterbrechung geliefert. (Anm. d. Übers.: Das ist die größte Absurdität der europäischen Vorwürfe an Russland und an der Forderung, mehr Gas durch die Ukraine zu pumpen: Damit Russland mehr Gas liefern kann, muss es aus Europa erst einmal bestellt werden, aber diese Bestellungen aus Europa gibt es nicht. Es gibt nur Vorwürfe, obwohl Russland diese Bestellungen – auch durch die Ukraine – bedienen würde)

Darüber hinaus erhöhte Gazprom im Vergleich zum Vorjahr die Gaslieferungen nach Polen um 11,4%, nach Finnland um 19%, nach Griechenland um 12,8%, nach Bulgarien um 52,3%, nach Italien um 15%, nach Deutschland um 35,8% und nach Rumänien sogar um ganze 347,6%. Gibt es noch weitere Fragen? Ja, die gibt es.

Interessanterweise fordert die Internationale Energieagentur Russland auf, die Gaslieferungen nach Europa zu erhöhen, um eine Energiekrise zu verhindern. Die Internationale Energieagentur fordert Europa nicht auf, die fertige Nord-Stream-2-Pipeline anzuschalten, sondern fordert Russland auf, die Lieferungen jetzt zu erhöhen, als ob die Pipeline gar nicht existierte.

Die Nervosität ist verständlich. Das Gasdefizit in den unterirdischen Gasspeichern Europas ist enorm – fast 23 Milliarden Kubikmeter. Der Chef von Gazprom, Alexey Miller, verweist auf internationale Experten, um nicht als Überbringer der schlechten Nachrichten für Europa dazustehen:

„Die Lücke beträgt 23 Milliarden Kubikmeter. Und alle Experten in Europa und Asien sagen, dass dieser Rückstand in den unterirdischen Gasspeichern in Europa nicht aufgeholt werden kann. Europa wird im Herbst und Winter mit einem Defizit in seinen unterirdischen Gasspeichern zu kämpfen haben. Die Frage ist nur, wie groß es sein wird“, sagte Miller.

Das ist das ganze Bild. Sie haben es übertrieben. Sie haben sich selbst bestraft. Sie sehen lächerlich aus.

Aus Großbritannien berichtet unser Korrespondent Alexander Chabarow.

Was wir jetzt tun, ist in diesen Zeiten wahrscheinlich ein Verbrechen. Bei den derzeitigen Preisen gedankenlos Gas zu verbrauchen… Der Preis wird mit Sicherheit steigen – im Oktober wurde er um 12% angehoben und das ist noch nicht das Ende. Dabei sind Gas und Strom um ein Vielfaches teurer als wir es in Russland gewohnt sind.

Zu Großbritanniens Energiekrise hat sich eine Treibstoffkrise gesellt. Die Tankstellen haben kein Benzin und keinen Diesel mehr. Wo es Treibstoff gibt, gibt es riesige Warteschlangen. Die Briten prügeln buchstäblich darum, ihre Tanks zu füllen. (Anm. d. Übers.: Im Beitrag werden Szenen gezeigt, in denen sich Menschen an britischen Tankstellen um einen Platz an der Zapfsäule prügeln)

Es gibt kein Problem mit der Benzinvorräten, aber es gibt niemanden, der das Benzin liefert. Wegen des Brexit herrscht ein katastrophaler Mangel an Lkw-Fahrern. Früher wurden sie auf dem Kontinent rekrutiert. Jetzt besteht die realistische Aussicht auf leere Regale in den Geschäften. Die eigentliche Panik begann, als die Düngemittelhersteller in England wegen der hohen Gaspreise den Betrieb einstellten. Es stellte sich heraus, dass viel von ihnen abhängt, denn das Nebenprodukt ihrer Produktion war Kohlendioxid. Ohne CO2 kann man die Reaktoren in Atomkraftwerken nicht kühlen, man braucht es für kohlensäurehaltige Getränke, einschließlich einiger Lieblingsbiere der Briten, und, was besonders wichtig ist, für die Schlachtung von Nutztieren. Fleisch- und Geflügelproduzenten haben davor gewarnt, dass dem Land Lieferengpässe bei Hähnchen und Schweinefleisch bevorstehen, weil sie ihre Tiere nicht schlachten lassen können und sie deshalb einschläfern und vernichten lassen müssen.

Bei seiner Rede vor den Vereinten Nationen hat Premierminister Johnson die Probleme des Landes nicht wahrgenommen: „Wir haben schöne Wälder aus Windrädern in der Nordsee gebaut. Wir produzieren so viel Energie, dass ich darüber nachdenke, meinen Namen in Boreas, den Gott des Windes zu ändern. Kermit der Frosch sagte, es sei nicht leicht, grün zu sein. Falsch, es ist sehr leicht.“

Nachdem er eine Reise in die USA unternommen, Höflichkeiten ausgetauscht und das Weiße Haus besichtigt hatte, zeigte sich der entspannte Boris Johnson in seiner ganzen Pracht. Doch plötzlich braute sich auf allen Seiten Ärger zusammen. Der Premierminister kehrte nach Hause zurück und stellte fest, dass der kommende Herbst von Tag zu Tag problematischer wurde.

Boreas Johnson pustet eindeutig in die falsche Richtung, denn Großbritanniens Windturbinen standen in diesem Jahr fast still. Kein Wind in ganz Europa, dazu ein kalter Winter und ein heißer Sommer. Anstelle von grüner Energie musste man zu den alten Methoden zurückkehren – das stillgelegte Kohlekraftwerk West Burton wurde im Vereinigten Königreich wieder in Betrieb genommen. Dabei ist der Kohleverbrauch hier seit 2012 um 97 % gesunken.

Die Briten haben Kohlekraftwerke in die Luft gejagt, während sie gleichzeitig von einem Umstieg auf saubere, erneuerbare Energiequellen sprachen. Jetzt muss die Regierung Geld ausgeben, um die Branche wiederzubeleben. Es stellte sich heraus, dass sie zu es eilig hatten, aus der Kohle auszusteigen.

„Es wurde schon oft gesagt, dass die grüne Energie Schwächen hat: die Unberechenbarkeit und die Notwendigkeit von Reservekapazitäten. Diese offensichtlichen Dinge haben Ingenieure schon fünftausendmal gesagt, das war klar. Aber die europäischen Politiker sagten: Nein, das ist alles Unsinn. Lasst uns das noch verstärken, lasst uns alle Kohlekraftwerke sprengen, schaltet die Kernkraftwerke und Gaskraftwerke ab. Und dann wundern sie sich über Wetterphänomene und die Tatsache, dass der Strompreis historische Rekorde bricht. Übrigens höre ich schon seit etwa einem Jahrzehnt, dass erneuerbare Energien sehr billig geworden sind“, sagte Konstantin Simonov, Generaldirektor des Nationalen Energiesicherheitsfonds.

Deutschland geht in eine energiepolitische Sackgasse, da es beschlossen hat, vollständig aus der Kernenergie auszusteigen. Die dortigen Kernkraftwerke sollen bereits im nächsten Jahr ihren Betrieb einstellen. Aber wenigstens hat Deutschland langfristige Verträge mit Gazprom und trotz des Drucks der USA wurde Nord Stream 2 gebaut, während die EU insgesamt sich selbst in die Enge getrieben hat, indem sie mit der Liberalisierung des Gasmarktes spielte. Sie haben langfristige Verträge mit Festpreisen aufgegeben. Sie dachten, der Brennstoff würde billiger werden und es würde genug für alle da sein. Es hat sich herausgestellt, dass das Gegenteil der Fall ist und es keine Reserven gibt. Die USA haben Europa im Stich gelassen, indem sie ihre Flüssiggastanker nach Asien geschickt haben, wo die Preise höher sind.

„Die Europäer rennen zur Börse, aber an der Börse gibt es kein Gas. Und warum gibt es da keins? Weil die Lieferanten, allen voran die Lieferanten von Flüssiggas, keine Verpflichtungen zur Lieferung von Gas haben. Wenn Sie der Eigentümer eines Tankers sind, werden Sie den Tanker dorthin schicken, wo die Preise heute höher sind. Der besondere Zynismus der Vereinigten Staaten, die Gazprom in Briefen aufgefordert haben, seine Pumpleistung durch die Ukraine zu erhöhen, besteht darin, dass die Vereinigten Staaten selbst ein wichtiger Gaslieferant für den europäischen Markt sind, aber aus irgendeinem Grund ihre Lieferungen nicht erhöhen, sondern sie nur reduzieren“, so Simonov.

Die Europäer haben nichts dazugelernt – sie verzögern jetzt den Start von Nord Stream 2, obwohl bekannt ist, dass viele aktuelle Probleme gelöst wären, sobald die Pipeline in Betrieb ist. Allein die Erklärung von Gazprom, dass das Unternehmen bereit sei, bis Ende des Jahres bis zu sechs Milliarden Kubikmeter durch sie zu pumpen, ließ die Preise sinken, aber die Europäische Kommission konnte sie wieder erhöhen, indem sie sagte, dass die Zertifizierung von Nord Stream-2 vier Monate dauern wird.

Dafür wird das Schicksal des Projekts nun unter anderem von der polnischen Öl- und Gasgesellschaft entschieden, die an der Zertifizierung beteiligt wurde. Auch die Polen selbst können den Kohlestaub nicht abschütteln: Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs müssen sie täglich eine halbe Million Euro für Umweltschäden aus der Förderung aus dem Bergwerk Turow an der Grenze zur Tschechischen Republik zahlen. Das ist genau der Punkt, an dem das grüne Energieprojekt vor ihren Augen schwarz wird.

Die nächste UN-Klimakonferenz wird in anderthalb Monaten in Schottland eröffnet. Zu den erwarteten Erklärungen gehören Aufrufe zum Ausstieg aus der Kohlenutzung und zum beschleunigten Umstieg auf Elektroautos. Während man sich in der Warteschlange vor dieser Tankstelle wahrscheinlich leicht auf den letzten Punkt einigen kann, sollte man die Frage nach den Stromkosten nicht vergessen.

Ende der Übersetzung

In meinem neuen Buch „Abhängig beschäftigt – Wie Deutschlands führende Politiker im Interesse der wirklich Mächtigen handeln“ habe ich mich sehr intensiv mit weiteren Themen rund um die komplexen Zusammenhänge der gesteuertern Politik im Westen und deren brisanten Verstrickungen mit einer ganzen Reihe von Organisationen beschäftigt und dabei einiges zu Tage gefördert.

Das Buch ist aktuell in diesem Monat erschienen und ausschließlich hier direkt über den J.K. Fischer Verlag bestellbar.

Quelle

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