Gaspreis in Europa nun über tausend Dollar – Warum bestellt Europa nicht mehr Gas?

Gasknappheit und Energiepreise

Für den kommenden Winter ist tatsächlich mit einer Energiekrise zu rechnen, die Preise für Gas steigen weiter an und die Gasspeicher sind so leer, wie fast noch nie zu Beginn der Heizsaison. Trotzdem bleiben zusätzliche Bestellungen aus Europa aus.

von Anti-Spiegel 29. September 2021 17:12 Uhr

Die Gasspeicher in Europa sind mit etwa 70 Prozent so gering befüllt, wie praktisch noch nie zu Beginn der Heizsaison. Über die Gründe habe ich oft berichtet, ein aktuelles Beispiel finden Sie hier. Das Problem ist, dass die Speicher vor der Heizsaison gefüllt werden müssen, weil die Kapazitäten von Pipelines und Tankern nicht ausreichen, um den Bedarf im Winter zu decken. Deshalb werden die Gasspeicher normalerweise im Sommer gefüllt, was in diesem Jahr jedoch nicht geschehen ist.

Normalerweise sind die Gasspeicher zu Beginn der Heizsaison zu annähernd 100 Prozent gefüllt, derzeit sind es aber nur etwa 70 Prozent. Wenn man nun noch bedenkt, dass sie nach der letzten Heizsaison nur noch zu 30 Prozent gefüllt waren, muss man kein mathematisches Genie sein, um zu verstehen, dass das Gas in Europa nicht über den Winter reicht, wenn der Winter nicht ausgesprochen mild wird und die Menschen nicht oder nur wenig heizen müssen. Und die Zeit reicht nicht mehr aus, die Speicher zu füllen, denn die Heizsaison beginnt Anfang Oktober.

Die Europäer haben es schlicht versäumt, die Speicher zu füllen, obwohl Gazprom in diesem Jahr eine Rekordmenge an Gas nach Europa gepumpt hat. Gazprom liefert deutlich mehr Gas nach Europa als 2020. Deutschland zum Beispiel hat in den ersten acht Monaten 2021 fast 40 Prozent mehr Gas erhalten, als im Vorjahreszeitraum. In den ersten acht Monaten hat Gazprom fast soviel Gas exportiert, wie im bisherigen Rekordjahr 2018. Die Gasknappheit in Europa hat also nicht Gazprom zu verantworten.

Aber das geben Politik und Medien nicht zu und beginnen, Russland wegen der hausgemachten Probleme zu beschuldigen.

Nun hat der Gaspreis in Europa die Marke von tausend Dollar genommen und die Preise steigen weiter. Man wundert sich dabei, dass die europäischen Gasimporteure ihre Bestellungen bei Gazprom nicht erhöhen, denn es gibt freie Kapazitäten in den Pipelines. Gerade die ukrainische Pipeline, die man offiziell doch schützen möchte, hätte freie Kapazitäten, nachdem Ungarn gerade erst einen Vertrag darüber geschlossen hat, sein Gas fast nicht mehr durch die Ukraine, sondern über die Türkei zu beziehen.

Und auch die Jamal-Pipeline, die russisches Gas über Weißrussland nach Europa bringt, ist nicht voll ausgelastet. Im Gegenteil: Gerade heute wird gemeldet, dass die Durchleitung von Gas in der Pipeline jetzt auf ein Drittel gefallen ist und nur noch bei 1,5 Millionen Kubikmeter pro Stunde liegt. Ihre Kapazität liegt aber bei fast vier Millionen Kubikmeter pro Stunde.

Trotzdem nutzen die europäischen Importeure die freien Kapazitäten nicht für zusätzliche Bestellung, sodass man fast meinen könnte, sie seien an einer Energiekrise im Winter interessiert. Wegen der niedrigen Füllstände der Gasspeicher ist eine Energiekrise in diesem Winter fast nicht mehr zu verhindern.

Das russische Fernsehen hat wieder über die Lage am Gasmarkt berichtet und ich habe den Bericht des russischen Fernsehens übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Am Dienstagmorgen sind die europäischen Verbraucher in einer neuen Realität aufgewacht: Tausend Kubikmeter Gas kosten mehr als tausend Dollar. Seit Anfang des Jahres hat sich der Preis verdreifacht. Und dabei hat die Heizperiode gerade erst begonnen.

„Europa hat sich in einem perfekten Sturm wiedergefunden. Alles, was schiefgehen konnte, ist schiefgegangen. Auf der Nachfrageseite hatten wir einen sehr kalten Winter, der die Nachfrage der Verbraucher nach Gas in die Höhe getrieben hat, auf der anderen Seite erholte sich die Wirtschaft von der Pandemie und daher stieg die Nachfrage der Industrie nach Gas. Deshalb bereiten sich die Menschen jetzt auf eine mögliche Gaskrise im Winter vor“, sagte Simone Tagliapietra, leitender Forscher bei der Denkfabrik Bruegel.

Experten erklären: In den letzten Jahren hat sich der europäische Gasmarkt allmählich auf Spotverträge verlagert. Aufgrund des freien Marktes und der hohen Nachfrage hat die Region jedoch in diesem Jahr im Preiswettbewerb um Flüssiggas gegenüber Asien den Kürzeren gezogen. Hinzu kommt, dass das Wetter nicht mitgespielt hat. Der Mangel an Wind hat zu einem Rückgang der Windenergieerzeugung geführt. Europa nähert sich der Heizperiode und der Winter verspricht streng zu werden, wobei die Gasreserven auf einem historischen Tiefstand sind.

Nach Ansicht des russischen Präsidentensprechers Dmitri Peskow können kurzfristige Verträge die Probleme nicht lösen: „Es ist klar, dass der Spotmarkt die Anforderungen an eine rhythmische Entwicklung nur teilweise erfüllen kann. Gazprom erfüllt alle seine Verpflichtungen in vollem Umfang und sogar mit einer akzeptablen Überschreitung. Es arbeitet mit maximaler Kapazität. Und es besteht kein Zweifel daran, dass Gazprom bereit ist, neue Verträge, langfristige Verträge mit höheren Mengen, in Betracht zu ziehen, um die wachsende Nachfrage nach Erdgas aus Europa zu decken.

Im Zusammenhang mit einem der langfristigen Verträge kam es zu einem echten politischen Skandal. Budapest hat mit Gazprom einen Vertrag bis 2036 unter Umgehung der Ukraine unterzeichnet. Kiew bezeichnete den Vertrag als einen Schlag Ungarns und versprach, entsprechend zu reagieren. Budapest warf der ukrainischen Regierung vor, sich in seine inneren Angelegenheiten einzumischen. Die Europäische Kommission erklärte, sie könne die Vorlage des Vertrags verlangen, wenn der Verdacht bestehe, dass er die Energieversorgung der Region oder der EU insgesamt gefährde.

Die Situation auf dem Gasmarkt stützt den Rohstoffsektor insgesamt. Die Verbraucher steigen teilweise von teurem Gas auf etwas günstigeres Öl um.

Die Ölsorte Brent notiert bereits bei rund 80 Dollar pro Barrel. Die Nachfrage steigt und die Aussichten werden immer optimistischer. Der weltgrößte unabhängige Ölhändler Vitol Group rechnet damit, dass der Ölpreis in diesem Winter um die 80 Dollar pro Barrel liegen wird. Und Goldman Sachs erwartet sogar 90.

Noch sind Angebot und Nachfrage auf der Suche nach einem Gleichgewicht. Analysten schließen nicht aus, dass die Situation die OPEC+ zwingen wird, ihr Angebot auf dem Markt zu erhöhen. Auf dem letzten Treffen im September einigten sich die Minister der Allianz darauf, an den Plänen zur Steigerung der Ölproduktion festzuhalten. Das bedeutet, dass im Oktober zusätzlich 400.000 Barrel pro Tag auf den Markt kommen werden.

„Die Nachfrage erholt sich nach der Pandemie schneller, als sowohl Verbraucher als auch Produzenten erwartet hatten. Alle Beschlüsse im Rahmen der OPEC+-Vereinbarung werden umgesetzt, aber höchstwahrscheinlich unter einer Art Saisonalität – die Produktionssteigerungen erfolgen nicht in dem Tempo, das der Markt gerne sehen würde, und dieses sich abzeichnende Defizit treibt die Preise in die Höhe. Die Ölpreise haben den Rubel gestützt. Aber es gibt keine direkte Korrelation wie früher“, sagte Maria Belova, Forschungsdirektorin bei VYGON Consulting.

„Ich würde nicht behaupten, dass der Anstieg der Ölpreise, den wir jetzt erleben, wenn das Öl ein Niveau von 90 Dollar erreicht, was vor einem Jahr noch völlig undenkbar schien, zwangsläufig zu einer Stärkung der nationalen Währung führen wird. Höchstwahrscheinlich wird der Rubel entweder auf dem bisherigen Niveau verharren, oder es wird eine gewisse, unbedeutende Stärkung geben“, sagt Konstantin Simonov, Generaldirektor des Nationalen Energiesicherheitsfonds.

Die Aktien russischer Rohstoffunternehmen erreichen aufgrund der steigenden Energiepreise neue historische Höchststände. Heute haben die Wertpapiere von Rosneft, Lukoil und Gazprom Neft einen neuen Höchststand erreicht. Auch der Moskauer Börsenindex verzeichnete einen neuen Rekord. Sollte sich die Preisrallye bei Öl und Gas fortsetzen, werden auch diese Höchststände voraussichtlich wieder übertroffen werden.

Ende der Übersetzung

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