Es war ausgerechnet der Bösewicht Putin, der den Spekulationen auf den Gaspreis an den europäischen und weltweiten Börsen erst einmal ein Ende gesetzt und für eine Halbierung des Preises gesorgt hat, nachdem der Preis in Europa auf fast 2.000 Dollar explodiert war, was das zehnfache des durchschnittlichen Gaspreises von 2020 ist. Wie es dazu kam, dass der Gaspreis sich danach in kürzester Zeit halbiert hat, hat das russische Fernsehen am Sonntag im Nachrichtenrückblick „Nachrichten der Woche“ erklärt und ich habe den russischen Beitrag übersetzt. Beginn der Übersetzung:Angesichts der Gashysterie in Europa, die durch wachsende Unsicherheit nach den Wahlen in Deutschland noch verstärkt wird, bleibt Wladimir Putin die einzige Führungspersönlichkeit auf dem Kontinent, die nicht nur einen kühlen Kopf bewahrt, sondern die ganze Situation unter Kontrolle zu haben scheint. Während die EU früher die Meinung Russlands zur Organisation der eigenen Energieversorgung demonstrativ und dumm ignoriert hat, hört sie jetzt auf jedes Wort aus dem Kreml, auch wenn es, wie man sagt, nur für den inneren Gebrauch bestimmt ist.Die Idiotie der Entscheidungen früherer Europäischer Kommissionen, in denen z.B. der Lette Piebalgs Energiekommissar war, und seiner Nachfolger, die sich verhalten haben, als ob sei alle Piebalgs wären, haben dazu geführt, dass die Preise für alle Energieträger in Europa – von Gas und Öl bis hin zu Kohle und Brennholz – auf ein nie dagewesenes Niveau gestiegen sind. Wenn noch vor sechs Monaten jemand gesagt hätte, dass Gas knapp zweitausend Dollar pro tausend Kubikmeter kosten würde, hätte man ihn für verrückt erklärt. Aber zu Beginn der Woche wussten sie nicht mal, ob es überhaupt noch eine Obergrenze für Preise von Energieträgern gibt.Und genau in diesem Moment kommt Putin und bringt, bildlich gesprochen, mit einer Handbewegung alle Kurse zum Einsturz. Nachdem er mit der russischen Regierung gesprochen hat, ist der Gaspreis in Europa innerhalb von 10 Minuten um 200 Dollar gefallen. Sie haben ihn gehört. Und sie scheinen ihn verstanden zu haben, denn Putin hat alles erklärt. Er erklärte, dass Russland alle seine Verpflichtungen erfülle, dass es bereit sei, weiterhin Bestellungen aus Europa entgegenzunehmen und zu erfüllen, dass Russland sich an niemandem räche, dass es genug Gas gebe und dass die Pipelines gebaut und bereit seien. Man muss nur noch das Ventil öffnen.Ein Bericht unseres Moskauer Büros.600, 1.200 und dann bis zu 2.000 Dollar pro tausend Kubikmeter – und das alles innerhalb weniger Tage. Im Vergleich zum letzten Jahr hat sich der Gaspreis an der Börse mehr als verzehnfacht. Russland ist als wichtiger Akteur auf diesem Markt unmittelbar betroffen.„Sehen Sie, was in Europa passiert? Auf den Märkten herrscht Hysterie und eine gewisse Verwirrung. Warum? Weil niemand sich ernsthaft damit beschäftigt. Einer spekuliert auf die Probleme des Klimawandels, einer unterschätzt irgendetwas, einer fängt an, die Investitionen in die Rohstoffförderung zu kürzen. Wir sehen, wozu gewisse Schwankungen führen“, sagte Wladimir Putin. Diesmal kamen gleich mehrere Faktoren zusammen: die Erholung der Weltwirtschaft nach der Pandemie und ein kalter Winter in Europa. Aber es gibt auch eine hausgemachte Ursache für die Krise: Die Politik der EU-Führung, die aus ideologischen Gründen schnellstens auf grüne Energie umsteigen und langfristige Verträge mit Gazprom aufkündigen wollte, um Gas auf dem freien Markt zu kaufen.„Ich erinnere mich an die Diskussionen in der Europäischen Kommission. Ich war ja selbst in Brüssel. Und es war sehr schwierig, mit diesen so genannten Experten zu sprechen, weil sie mit einem gewissen Snobismus vorgehen. Ihre Meinung ist die einzig richtige. Was anderes wollten sie nie hören“, sagte Putin.Moskau hat sich immer für langfristige Verträge ausgesprochen, die plötzliche Preiserhöhungen ausschließen und ein Gleichgewicht zwischen den Interessen von Käufer und Verkäufer gewährleisten. Aber Brüssel zu überzeugen, war unmöglich.„Der Vorschlag, zum Börsenhandel mit Gas überzugehen, wurde damals vor allem von britischen Experten gemacht. Wo die britischen Experten jetzt sind und was aus ihrem Vorschlag geworden ist, ist klar, aber die Verbraucher in Kontinentaleuropa leiden unter der Umsetzung ihres Vorschlags“, sagte der russische Staatschef.Die exorbitanten Preise für den blauen Brennstoff waren eines der Hauptthemen des Internationalen Gasforums in St. Petersburg. Und natürlich war jeder an der Position von Gazprom interessiert.„Seit vielen Jahren wird in Europa die These vertreten, dass russisches Pipeline-Gas – im Gegensatz zum ‚flexibleren‘ Flüssiggas – die Abhängigkeit vom Lieferanten erhöht. Die Realität hat jedoch gezeigt, dass das ‚flexible Gas‘ für den Dollar gestimmt hat und zu den Premium-Märkten gegangen ist und Europa mit seinen aktuellen Problemen allein gelassen hat“, sagte Elena Burmistrova, stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Gazprom und Generaldirektorin von Gazprom Export.Und dieses „flexible Flüssiggas“, das hauptsächlich aus den USA stammt, wurde von den Gegnern von Nord Stream 2 vorangetrieben, die russisches Gas als Bedrohung für Europa bezeichneten. Die Realität ist eine andere.„Russland war und ist ein zuverlässiger Gaslieferant für seine Abnehmer in der ganzen Welt: sowohl in Asien als auch in Europa. Russland ist seinen Verpflichtungen stets in vollem Umfang nachgekommen. Allen Verpflichtungen. Das möchte ich betonen. In der Geschichte gab es keinen einzigen Fall, in dem Gazprom sich geweigert hätte, die Lieferungen an seine Kunden zu erhöhen, wenn diese eine entsprechende Bestellung gemacht haben. Nicht einen einzigen“, betonte Wladimir Putin.Russland ist auch jetzt bereit, durch eine Erhöhung des Angebots auf dem Markt zur Stabilisierung beizutragen.„Wäre es möglich und sinnvoll, zusätzliches Volumen aus dem Börsenhandel von Gas auf die elektronische Börse in St. Petersburg zu verlegen?“, schlug der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Novak vor.„Das könnte getan werden, aber natürlich könnte und sollte das nicht vor Ort in Europa, sondern an den Börsen in St. Petersburg getan werden. Wenn dadurch der Nachfrageschub gebremst wird, ist das möglich, aber natürlich nicht zu unserem Nachteil. Insgesamt ist der Börsenhandel mit Gas – davon haben wir sie immer zu überzeugen versucht – aber nicht sehr effizient, weil er viele Risiken birgt, denn das sind keine Uhren, Unterhosen und Krawatten, auch keine Autos, nicht einmal Öl, das irgendwo produziert und dann gelagert werden kann, auch in Tankern, um auf eine bestimmte Marktsituation zu warten. Gas wird nicht auf diese Weise gehandelt, es kann nicht so spontan gelagert werden“, sagte Putin.Der Präsident gab der Regierung die Anweisung, einen möglichen Anstieg des Angebots zu berechnen, was die Märkte sofort beruhigte. Der Preis für den blauen Kraftstoff sank drastisch, und zwar auf einen Schlag um 700 Dollar. Klaus-Dieter Maubach, Geschäftsführer von Uniper aus Deutschland, bezeichnete Putins Entscheidung als „Impfung gegen hohe Preise“. Und auch auf dem Internationalen Gasforum in Petersburg wurde festgestellt, dass Europa trotz aller Entwicklung alternativer Energien nicht ohne russisches Gas auskommt.„Im Moment hat Europa nicht genügend Energiequellen – weder erneuerbare Energien, noch genügend Gas. Die Ereignisse der letzten Monate haben uns vor Augen geführt, dass eine zuverlässige Energieversorgung heute Erdgas erfordert. Vor allem vor dem Hintergrund der erneuten Nachfrage nach Kohle, die es zu vermeiden gilt“, sagte Alfred Stern, Vorstandsvorsitzender des österreichischen Öl- und Gaskonzerns OMV auf dem Gasforum.Die Sache mit der Kohle ist paradox. Deutschland, der Vorreiter in Sachen grüner Technologie, merkt plötzlich, dass mehr als ein Viertel seiner Energie aus Kohle stammt, dem schädlichsten fossilen Brennstoff im Hinblick auf CO2-Emissionen. Dabei sollen Waren aus anderen EU-Ländern, die mit Kohleenergie hergestellt werden, mit einer zusätzlichen CO2-Steuer belegt werden.„Das ist lustig. Deutschland gehört zu den Ländern, die den Kampf gegen CO2 anführen. Und was geschieht tatsächlich? Der Preis für Kohle in Deutschland ist zehnmal höher als in Russland, aber die Stromproduktion aus Kohle macht in Deutschland Ende dieses Jahres 27 Prozent des Energiemixes aus. In Russland sind es nur 13 Prozent. Darum ist es seltsam, für die CO2-Neutralität zu kämpfen und gleichzeitig einen solchen Preis für Kohle, aber einen Kohleanteil am Strommix zu haben, der doppelt so hoch ist, wie in Russland“, sagte Michail Kowaltschuk, Leiter des Kurtschatow-Instituts.„Ja, Sie haben die richtige Frage gestellt. Wie kann man für CO2-Neutralität kämpfen, wenn die Energiebilanz in Europa, in diesem Fall der Bundesrepublik, in Bezug auf die Kohleverstromung doppelt so groß ist wie in Russland? Sie – ich meine die Europäer insgesamt – versuchen das auf Kosten anderer zu erreichen. In diesem Fall versuchen sie, das auf unsere Kosten, auf Kosten Russlands zu tun“, sagte Putin.Wie üblich wird in der westlichen Presse viel über den russischen Gastransit durch die Ukraine spekuliert, der nach dem Prinzip „Take or Pay“ funktioniert. (Anm. d. Übers.: „Take or Pay“ bedeutet, dass Gazprom eine vereinbarte Mindestmenge Gas durch die Pipeline leiten muss und wenn es das nicht tut, trotzdem für den nicht genutzten Transit bezahlen muss.)„Gazprom ist der Ansicht, dass es wirtschaftlich sinnvoller und profitabler wäre, sogar eine Strafe an die Ukraine zu zahlen, aber das Pumpvolumen durch die neuen Systeme zu erhöhen, gerade wegen der von mir genannten Umstände. Es ist mehr Druck in der Leitung, es wird weniger CO2 ausgestoßen, alles ist billiger. Um 3 Milliarden Dollar pro Jahr. Aber ich bitte Sie, das nicht zu tun. Wir müssen die vertraglichen Verpflichtungen für den Transit unseres Gases durch die ukrainische Pipeline in vollem Umfang einhalten. Erstens darf man niemanden in eine schwierige Lage bringen, auch nicht die Ukraine, trotz aller Aspekte der derzeitigen russisch-ukrainischen Beziehungen. Und zweitens gibt es keinen Grund, das Vertrauen in Gazprom als in jeder Hinsicht absolut zuverlässigen Partner zu untergraben“, sagte der russische Präsident.Auch Rosneft produziert Gas zur Stabilisierung der Preise in Europa. Der Chef des Unternehmens, Igor Setschin, bot an, dem Unternehmen den Export von 10 Milliarden Kubikmetern Gas zu ermöglichen. Und beim Gasfeld Jamal denkt man bereits über die Erschließung der besonders schwierig zu erschließenden Felder nach, deren Reserven sich auf Billionen von Kubikmetern belaufen.Russland ist der größte Gasexporteur der Welt. Das ist das Ergebnis einer konsequenten Arbeit über viele Jahre hinweg. Putin hat dem Brennstoff- und Energiesektor immer größte Aufmerksamkeit geschenkt. Seit Beginn des Jahrtausends wurden in Russland eine Reihe von Großprojekten realisiert – vom Kaspischen Meer bis zur Karasee. Es wurden mehrere riesige Felder entwickelt und in Betrieb genommen. Auf das größte, das Bovanenkovskoye-Feld auf Jamal, entfallen 50 Prozent der russischen Gasexporte.In Jamal wurde auf Anweisung des Präsidenten auch die vollständige Erschließung des Charasawjskoje-Feldes in Angriff genommen. Und natürlich war der erste Gedanke die Entwicklung des Liefersystems und Putin hat im Januar 2017 feierlich gleich drei Pipelines von Gazprom und Transneft in Betrieb genommen.„Es ist für jeden offensichtlich, dass der Bedarf an Energieträgern in unserem Land und in der Welt aufgrund des Wirtschaftswachstums nur wachsen wird, einschließlich des Bedarfs an fossilen Brennstoffen. Um für einen größeren Markt gerüstet zu sein, sollten wir rechtzeitig Investitionsentscheidungen treffen. Das haben wir bei diesen Projekten getan“, sagte der Präsident.Unser Land verfügt über weltweit benötigte Reserven. Russland besitzt diese Reserven und, was nicht weniger wichtig ist, Russland kann sie kompetent managen.Ende der ÜbersetzungIn meinem neuen Buch „Abhängig beschäftigt – Wie Deutschlands führende Politiker im Interesse der wirklich Mächtigen handeln“ habe ich mich sehr intensiv mit weiteren Themen rund um die komplexen Zusammenhänge der gesteuertern Politik im Westen und deren brisanten Verstrickungen mit einer ganzen Reihe von Organisationen beschäftigt und dabei einiges zu Tage gefördert.Das Buch ist aktuell in diesem Monat erschienen und ausschließlich hier direkt über den J.K. Fischer Verlag bestellbar.