Wohin die amerikanischen Milliarden in Afghanistan verschwunden sind

Korruption in den USA

In Afghanistan sind dutzende, wenn nicht hunderte Milliarden Dollar verschwunden, die die USA für den Aufbau des Landes und der Armee ausgeben wollten. In den USA werden dazu nun Fragen laut und die bekannt werdenden Beispiele der von US-Beamten gedeckten Misswirtschaft und Korruption in Afghanistan sind beeindruckend.

von Anti-Spiegel 11. Oktober 2021 02:27 Uhr

Nach der Flucht der US-Armee aus Afghanistan kratzt man sich in den USA am Kopf und die Unzufriedenheit im Land wächst, denn nun beginnen sich US-Bürger, die auf Verschwendung ihrer Steuergelder wesentlich empfindlicher reagieren als die Deutschen, die in der Regel nur mit der Schulter zucken, zu fragen, was das alles sollte. So lange man dort im Krieg war, hatten die US-Bürger noch das Gefühl, die Ausgaben seien berechtigt und dienten einem guten Ziel.

Aber die Flucht der US-Truppen aus Afghanistan war noch erniedrigender als die alten Bilder der Flucht aus Vietnam, die immer noch eine offene Wunde in der amerikanischen Gesellschaft sind. Und nun werden immer mehr Details von Misswirtschaft, Verschwendung und Korruption in Afghanistan bekannt, denen die US-Beamten tatenlos zugeschaut haben, ja, an denen auch Amerikaner offensichtlich gut verdient haben. Schließlich waren es amerikanische Firmen, die die Gelder in Afghanistan verwenden sollten.

Am Sonntag hat das russische Fernsehen in seinem Nachrichtenrückblick „Nachrichten der Woche“ aus den USA darüber berichtet, was dort nun ans Licht kommt und ich habe den russischen Beitrag übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Ein entsetzlicher Terroranschlag in Afghanistan. Am 8. Oktober sprengte ein Selbstmordattentäter eine schiitische Moschee in der Provinz Kundus in die Luft. 46 Tote, 150 Verletzte. Es war der dritte Angriff innerhalb einer Woche.

Der schändliche Abzug der USA aus Afghanistan hat Joe Bidens Beliebtheit geschadet. 55 Prozent der Amerikaner bewerten seine Leistung als Präsident negativ. Und nur 38 Prozent als positiv.

Aus den USA berichtet unser Korrespondent Valentin Bogdanow.

Auf CNN wurde eine Meldung über die Explosion in der Seyid-Abad-Moschee im zentralafghanischen Kundus gezeigt und schnell wieder vergessen. Unter den 55 oder auch 100 Toten waren keine Amerikaner, was bedeutet, dass das Ganze für einen Zuschauer in den USA langweilig, kompliziert und unverständlich ist. Kurz gesagt, ohne die Korrespondentin Clarissa Ward versteht niemand, was Schiiten oder Sunniten sind. Sie erklärt den Zuschauern, dass es in den letzten Jahren dort immer Anschläge gegeben hat.

Die letzten Jahre dort, wie auch die Jahre davor, waren aber die Zeit der amerikanischen Besatzung. Nun sind die Transportflugzeuge, an denen sich die Naivsten an den Flügeln festhalten wollten und in den Tod gestürtzt sind, davongeflogen. Man sollte nicht zurückblicken.

John Sopko, Sonderinspektor für den Wiederaufbau Afghanistans, der bei Kongressanhörungen über zwanzig Jahre lang über Misswirtschaft in Afghanistan berichtet hat, fühlte sich dabei wie ein schwarzes Schaf.

„Es war Aufgabe des Kongresses, das zu klären, und wenn es keine Antworten gibt, hätte man es nicht finanzieren sollen. Ich bin von der alten Schule und arbeite seit fast 25 Jahren im Senat. Die Aufgabe des Kongresses ist es, das Geld der Steuerzahler zu schützen, indem er die Aufsicht ausübt und übereifrigen Bürokraten Signale sendet, sie vom Himmel auf die Erde zurückholt und sie zur Rechenschaft zieht. Wir haben so viele Berichte verfasst, aber niemand von der Regierung wurde bestraft. Ich scherze immer, dass, wenn jemand wegen Afghanistan gefeuert wird, das wahrscheinlich ich bin“, sagte Sopko.

Dabei veröffentlicht Sopkos Büro seit 2008 Berichte über das Ausmaß von Veruntreuung und Korruption in Afghanistan. Das Pentagon spuckte jedoch auf die Berichte und das Außenministerium ordnete vor kurzem – inmitten der Aufregung über den Truppenabzug – an, die Daten als geheim einzustufen. Aber es ist unmöglich, alles zu löschen. Von den 825 Milliarden Dollar – das sind Angaben des Verteidigungsministeriums, Biden sprach von zwei Billionen – wurde der wesentliche Teil von einer speziellen Firma ausgegeben, die für den Wiederaufbau des Landes zuständig war.

Das Ausmaß des Diebstahls und der Unterschlagung ist beeindruckend. So wurden beispielsweise 335 Millionen Dollar für den Bau des Wärmekraftwerks Tarakhil bei Kaubla ausgegeben. Die Anlage erreichte nicht einmal 10 Prozent ihrer Kapazität. Als Treibstoff wählten die Amerikaner Diesel, den es in dem Land nicht gab.

Natürlich kann man das Tarakhil-Kraftwerk nicht abreißen, aber die vom Pentagon für Afghanistan gekauften leichten italienischen Transportflugzeuge vom Tpy G222 ist man nach sechs Jahren losgeworden. Die 16 Flugzeuge wurden für eine halbe Milliarde Dollar gekauft und alle 16 wurden für 40.000 Dollar als Schrott verkauft.

Camp Leatherneck, das Operations Command Centre des Marine Corps in der Provinz Helmand, wurde kostenlos bis auf die Grundmauern abgetragen. Und zwar von den Afghanen. Das US-Militär hat weder das Auditorium noch die Büroräume auch nur einen einzigen Tag genutzt. Die Anlage, die nur gebaut wurde, weil die Auftragnehmer 36 Milliarden Dollar erhalten hatten, wurde der afghanischen Armee übergeben, aber die Armee floh und nahm mit, was sie tragen konnte.

Das sind die neuen Tarnuniformen mit dem speziellen Waldmuster, die nur ein Jahr vor dem Zusammenbruch angeschafft worden sind. Die Uniformen wurden in Kanada bestellt. Und zwar gleich 1,3 Millionen Stück. Für jede Uniform wurde der doppelte Preis bezahlt – 80 statt 30 Dollar -, und zwar genau wegen des patentierten „Wald“-Musters. Das macht 28 Millionen Dollar Mehrkosten. Und das, obwohl nur zwei Prozent der Fläche Afghanistans mit Wäldern bedeckt sind.

Es ist wirklich erstaunlich, wie sich die afghanische Armee während der entscheidenden elftägigen Offensive der Taliban mit einer so auffälligen Tarnung vollständig in der Wüstenlandschaft und in den Bergen tarnen konnte. Aber nicht für Inspektor Sopko. Vor ein paar Wochen berichtete er dem Kongress, wie afghanische Militärs und die Polizisten Sold „für mich und meinen Kumpel“ erhalten haben. Mindestens die Hälfte des Personals waren „Karteileichen“.

„Die ganze Zeit, in der ich für die Abteilung verantwortlich war, haben wir darüber gesprochen, dass die 300.000 afghanischen Soldaten ein Mythos sind, dass Militär und Polizei Geister sind. Ich habe Jahre damit verbracht, diese Geister zu jagen, die Benzin gestohlen und Banditismus begangen haben, daher ist es keine Überraschung, dass das afghanische Militär augenblicklich verschwunden ist“, so John Sopko.

Nur ein Indikator hat in all den Jahren ein stetiges Wachstum verzeichnet: die Heroinproduktion. Und das, obwohl die USA täglich 1,5 Millionen Dollar für die Bekämpfung der Drogenanbaus ausgegeben haben.

„Unsere Organisation hat zehn Milliarden Dollar für den Krieg gegen die Drogen ausgegeben, aber wenn man sich die fortgesetzte Produktion und die Verbindungen zwischen den Drogenhändlern und den Aufständischen ansieht, kann man mit Sicherheit sagen, dass wir an allen Fronten verloren haben“, sagte Sopko.

Das letzte Jahr kann getrost als das Jahr der endgültigen Kapitulation bezeichnet werden. Die Opiumproduktion ist 2020 gegenüber 2019 um 37 Prozent gestiegen. Die Amerikaner geben den Taliban die Schuld, aber es ist selbst für die Taliban unwahrscheinlich, dass sie auf diesen ausgeklügelten Plan gekommen wären, um die afghanische Armee von innen heraus zu schwächen.

Videos zeigen US-Soldaten in Afghanistan, die erzählen, dass bis zu 85 Prozent ihrer afghanischen Kameraden auf Drogen waren.

„Die US-Regierung hat schätzungsweise 90 Milliarden Dollar für die Ausbildung der afghanischen Armee ausgegeben, die sich im Handumdrehen aufgelöst hat. Wie konnte das passieren? Der Guardian berichtete bereits 2009, dass einer der Gründe dafür sein könnte, dass viele Soldaten auf Drogen waren“, so Fox News-Moderator Tucker Carlson.

Mit Regeln und Disziplin hat das nichts zu tun. Die afghanischen Ausbilder sahen aus wie Polizisten im Kindergarten. Und was für ein kindisches Verhalten das war, es sind doch Erwachsene. (Anm. d. Übers.: Zum vollen Verständnis dessen, was hier gesagt wird, muss man sich in dem Beitrag die Bilder davon anschauen, wie die afghanischen Soldaten und Ausbilder sportliche Übungen machen) Doch die Kadetten, die so unbeholfen mit den Armen fuchteln, wussten im richtigen Moment, was sie zu tun hatten. Sie liefen nach Hause.

Die von den USA für den Bau medizinischer Einrichtungen bereitgestellten Mittel sind verschwunden. Von den 510 angeblich errichteten Objekten kann ein Drittel nicht einmal an den angegebenen Adressen gefunden werden.

Für all das war eine eigene Geschäftsführung zuständig. Ihre Mitarbeiter bauten sich am Ende selbst Luxusvillen im Wert von 150 Millionen Dollar. 250 Millionen Dollar wurden in den Bau von Umgehungsstraßen gesteckt. Das Projekt wurde von Bush Jr. persönlich voran gebracht.

„Wo die Straßen in Afghanistan enden, beginnen die Taliban. Straßen sind Handel, Handel ist Hoffnung, Hoffnung ist das, was diese Ideologie der Finsternis zerstören wird“, betonte der ehemalige US-Präsident George W. Bush.

Das hat sich im Prinzip bewahrheitet. Die Straßen wurden nur zu 15 Prozent fertiggestellt, aber selbst das, was gebaut wurde, ist schon wieder kaputt. In Afghanistan gab und gibt es keine Straßen, aber die Taliban sind entgegen Bushs Hoffnungen nicht verschwunden.

Von Afghanistan haben die USA sofort nach China umgeschaltet, wo sie wieder unbekannte Probleme haben. Das Problem wird in offiziellen Pentagon-Berichten kokett als „unbekanntes Unterwasserobjekt“ bezeichnet. Das Atom-U-Boot „Connecticut“ kollidierte damit im Südchinesischen Meer.

Die „Connecticut“ musste auftauchen und über Wasser zum Stützpunkt Apra Harbor auf der Insel Guam fahren. An Bord gab es Verletzte, elf U-Boot-Fahrer wurden verletzt. Das kann man kaum als Zufall bezeichnen. Es geschah während eines Großmanövers vor der Küste Taiwans. Washington hatte dort eine Armada aus Schiffen der Flotten von sechs Ländern zusammengezogen. Das Flaggschiff ist der US-Flugzeugträger „Carl Vinson“.

Der Zusammenhang ist entscheidend. Das Atom-U-Boot befand sich angesichts der angespannten Beziehungen zwischen den USA und China im Südchinesischen Meer. Der Vorfall ereignete sich am selben Tag, an dem China 39 Flugzeuge in die Luftsicherheitszone Taiwans schickte, die China als seinen eigenen Luftraum betrachtet.

Aber Amerika betrachtet wie üblich die ganze Welt als seinen Interessenraum. Ob Trump, ob Biden – das macht keinen Unterschied. Die vorherige Regierung hat Marineinfanteristen und Spezialeinheiten nach Taiwan entsandt, aber die jetzige hat sie nicht zurückgeholt. Seit einem Jahr bilden amerikanische Ausbilder heimlich die taiwanesische Armee in Fallschirmabsprungtechniken aus. All das kostet natürlich eine Menge Geld. Wie in Afghanistan eben.

Ende der Übersetzung

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