Die Stimme der Provinz: Berlin – eine toxische Beziehung

Was tun, wenn der Partner lügt und betrügt, sich nicht wäscht, seinen Mist überall rumliegen lässt, „Eigentum schändet“ sagt und einem das Fahrrad klaut, Gewalt prima findet, wenn sie „die richtigen“ trifft, also womöglich auch diejenige, die ihm seine stinkenden Socken wäscht? Genau. Man nennt derlei „toxische Beziehung“ und jeder Paartherapeut rät zur Trennung. 

Warum nur, warum, gilt das nicht auch für die toxische Beziehung zwischen der Verwaltung einer Stadt wie Berlin, der ihr ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit „kollektive Verantwortungslosigkeit“ attestiert, und den Menschen, die hinter ihr her räumen müssen, fragt Don Alphonso, der Zeitgeistflaneur? 

Sind wir und speziell die Berliner Masochisten? Hilflose Frauen, die an der Beziehung festhalten, weil sie glauben, nichts Besseres verdient zu haben? Ängstliche, die sich ungern auf etwas Neues einlassen, an das Schlechte haben sie sich längst gewöhnt? Oder ewig darauf Hoffende, dass es diesmal, nur dieses eine Mal nicht ganz so schlimm kommt?

Doch siehe: es kam schlimmer. 

Und deshalb verspüren wir da draußen im Lande und an den Rundfunkgeräten den immer dringlicher werdenden Wunsch, Berlin von der Zugmaschine abzutrennen und solo ins Nirvana dümpeln zu lassen. Nehmt sie alle mit, die schon seit Jahrzehnten im Coronalockdown sind, wo sie die Büroklammern von einer Seite des Schreibtischs auf die andere schieben. Lasst sie von dannen ziehen, all jene, die bereits in der DDR gelernt haben, wie man demokratische Wahlen richtig interpretiert, damit sie auf geschätzte hundertprozentige Zustimmung hinauslaufen. Ohne Berlin kann man auch den nach der Stadt benannten Flughafen dicht machen, der noch immer nicht funktioniert, denn was soll man eine ins Nirvana abgedriftete Hauptstadt noch anfliegen? Wer weg will, nehme die Autobahn, solange das Benzin noch bezahlbar ist.

Wir möchten keine frustrierten Berliner beherbergen

Doch wohin? Wir, die wir gern da wohnen, wo Berlin nicht ist, raten aus reinem Eigennutz von massenhaftem Zuzug ab. Wir möchten keine frustrierten Berliner beherbergen. Andererseits wäre Deutschland ohne Berlin um ein paar Milliönchen wohlhabender, die wir gut gebrauchen könnten. Man weiß ja: Während Griechenland ohne Athen beinahe 20 Prozent seines BIP verlieren würde, täte Deutschland ohne die Hauptstadt 0,2 Prozent gewinnen

Bei uns wäre die Kohle gut angelegt. Wir hier in der Provinz sind immerhin Standort des Rückgrats der deutschen Wirtschaft – der mittelständischen Betriebe. Auch in meiner bescheidenen Ecke muss nicht jeder nach Frankfurt pendeln, wir haben selbst einiges zu bieten. 

Doch der Mittelstand klagt, dass der ländliche Raum vernachlässigt werde, obwohl sich dort die Mehrzahl seiner Arbeitsplätze befindet. „Die Lage im ländlichen Raum wird zunehmend zum Standortnachteil für Mittelstand und Familienunternehmen“, sagt der Präsident des BDI, Siegfried Russwurm. Dabei sei der industrielle Mittelstand ein „wesentlicher Erfolgsfaktor und gesellschaftlicher Stabilisator in ländlichen Räumen“. „Die Politik sollte die Großstadtbrille abnehmen und den ländlichen Raum attraktiver machen für Investitionen, Beschäftigung, Wohnen und Leben“, fordert Russwurm. „Notwendig ist ein Dreiklang aus flächendeckend modernsten Digital-, Bildungs- und Verkehrsinfrastrukturen, schnelleren Planungs- und Genehmigungsverfahren und weniger Bürokratie.“

Mehr muss man gar nicht fordern. Der Mann hat den Trend der Zeit erkannt. Doch bei uns baut nicht die Telekom das Glasfasernetz aus, sondern eine Firma aus Göttingen. Die ist flexibler.

Also Leinen los, Berlin. Fahr dahin, wo sich niemand an deinen Eigenheiten stört. Im Nirvana muss nichts funktionieren. Zünd dir einen Joint an und genieß das Nichtstun. Und ja, auch die Socken dürfen liegenbleiben. 

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Quelle

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