Hyperschallraketen und mehr: Eine Zusammenfassung der neuen russischen Waffensysteme

Wettrüsten

Hyperschallraketen und mehr: Eine Zusammenfassung der neuen russischen Waffensysteme

In letzter Zeit liest man immer wieder Artikel über neue russische Waffensysteme. Ich möchte nun die vielen russischen Neuentwicklungen einmal näher betrachten und, wenn möglich, mit ihren amerikanischen Gegenstücken vergleichen.

von Anti-Spiegel 4. November 2021 02:00 Uhr

Im März 2018 machte eine Ansprache Putins Schlagzeilen, in der er gleich sechs neue russische Waffensysteme präsentierte, die bei Experten für Erstaunen und auch für Unglauben gesorgt haben. Es gab auch Zweifel, ob all dies tatsächlich der Wahrheit entsprach. Inzwischen weiß man mehr und viele der damals vorgestellten Waffen wurden inzwischen in Dienst gestellt.

Warum Russland Hyperschallwaffen entwickelt hat

Die Vorgeschichte dieser neuen Waffen ist schnell erzählt. Als die USA unter Bush Junior den ABM-Vertrag über das Verbot von Raketenabwehrsystemen gekündigt haben, hat Putin gesagt, dass Russland darauf asymmetrisch antworten werde. Russland habe kein Geld, selbst derart teure Systeme zu entwickeln und werde stattdessen Raketen entwickeln, die für solche Systeme nicht erreichbar sind. Eine Zusammenfassung der nuklearen Abrüstungsverträge, die die Supermächte einst abgeschlossen haben und die die USA inzwischen fast alle einseitig gekündigt haben, finden Sie hier.

Nun muss man sich erinnern: Damals, vor fast 20 Jahren, lag Russland am Boden und war bankrott, sein BIP war geringer, als das von Polen. Niemand nahm Putins Warnungen ernst, niemand glaubte, dass Russland das leisten könnte. Nach Russlands Ankündigungen war viele Jahre Ruhe und die Öffentlichkeit hatte die Erwiderung Russlands längst vergessen, als Putin im März 2018 die Katze aus dem Sack ließ und seine Antwort auf die US-Raketenabwehr präsentierte.

Die Sarmat

Die erste Rakete, die Putin präsentierte, war die Sarmat. Das ist eine ballistische Interkontinentalrakete, die sich von anderen in ihrer größeren Reichweite unterscheidet. Sie kann ihre Sprengköpfe über den Umweg über den Südpol ins Ziel bringen, was dazu führt, dass die Sprengköpfe die USA aus Richtungen anfliegen können, die (bisher) nicht durch Abwehrsysteme geschützt sind. Außerdem sind die Sprengköpfe in der Lage, auf ihrem Weg ins Ziel den Kurs zu ändern, was es für eine Raketenabwehr sehr schwer macht, sie zu treffen. Die Sarmat ist immer noch in der Entwicklung.

Hierzu muss man wissen, wie heutige Raketenabwehrsysteme funktionieren. Sie sind darauf ausgerichtet, ballistische Raketen abzufangen. Eine ballistische Flugbahn kann man vorausberechnen. Wenn das Radar eine solche Rakete entdeckt, wird der Kurs berechnet und die Abwehrrakete fliegt der angreifenden Rakete entgegen, um sie an einem vorausberechneten Punkt zu treffen und zu zerstören. Wenn aber die angreifende Rakete im Anflug ständig den Kurs ändert, dann wird es fast unmöglich, sie zu treffen, weil sie nicht an dem vorausberechneten Punkt sein wird, sondern woanders.

Diese Schwäche machen sich alle neuen russischen Raketen zu Nutze. Die Russen haben auf dem Gebiet große Fortschritte gemacht, die sie in alle ihre neuen Raketen haben einfließen lassen.

Hyperschallraketen

Die Russen haben auch Raketen entwickelt und zum Teil bereits in Dienst gestellt, die etwas können, woran im Westen bisher alle gescheitert sind. Sie können im Hyperschallbereich fliegen, also schneller als fünffache Schallgeschwindigkeit. Das stellt besondere Schwierigkeiten dar, weil sich die Außenhaut von Objekten bei derartigen Geschwindigkeiten auf tausende Grad erhitzt, ganz so, wie ein aus All zurückkehrendes Raumschiff oder ein einschlagender Asteroid. Dabei bildet sich um den Flugkörper eine Blase aus unglaublich heißem Plasma.

Welche Herausforderungen diese Temperaturen an die Flugkörper stellen, verstehen wir, wenn wir uns erinnern, dass das Space Shuttle Columbia abgestürzt ist, weil es diese Temperaturen nach einem Schaden am Hitzeschild nicht überstanden hat. Und die Russen sagen nicht nur, dass sie diese Probleme im Griff haben, sie behaupten auch noch, dass ihre Raketen manövrieren können, obwohl sie in dieser Plasmablase stecken.

Der „Flugzeugträgerkiller“ Kinzhal

Die nächste Waffe, die Putin 2018 vorstellte, war die Hyperschallrakete Kinzhal. Das ist eine Luft-Boden-Rakete, die von Flugzeugen aus sowohl gegen Bodenziele, als auch gegen Schiffe eingesetzt werden kann und dabei neunfache Schallgeschwindigkeit erreicht.

Da es derzeit im Westen keine Abwehrsysteme gibt, die Objekte mit derartiger Geschwindigkeit abfangen können, stellt diese Rakete vor allem eine große Gefahr für die US-Flugzeugträger dar. Die Rakete ist sowohl konventionell, als auch atomar bestückbar. Aber allein aufgrund ihrer Geschwindigkeit erreicht sie eine so große kinetische Energie, dass ein Treffer reichen müsste, um ein mittleres Schiff sogar ohne Sprengkopf zu versenken. Die Kinzhal wurde bereits in Dienst gestellt.

Mach 27: Avangard

Eine weitere Rakete, die Putin 2018 vorstellte, war die Avangard. Das ist wieder eine Interkontinentalrakete, jedoch keine, die auf einer ballistischen Flugbahn fliegt. Sie kann wie ein Marschflugkörper wenige Meter über dem Boden oder auch in großer Höhe bis hin zum niedrigen Erdorbit fliegen. Russischen Angaben nach ist die Rakete bei Tests mit bis zu Mach 27 geflogen und bleibt dabei manövrierbar, weshalb sie für heutige Abwehrsysteme unerreichbar ist.

Die Avangard ist keine Rakete im eigentlichen Sinne, sie wird von Raketen wie der Sarmat gestartet und auf Geschwindigkeit gebracht, bevor sie sich von der Trägerrakete löst und selbst weiterfliegt. Die Avangard ist 2018 bei den russischen Streitkräften eingeführt worden.

Noch ein Flugzeugträgerkiller: Die Zirkon

Eine weitere Hyperschallrakete, die Russland derzeit entwickelt, ist die seegestützte Zirkon. Sie kann Mach 9 erreichen und soll eine Reichweite von ca. 1.000 Kilometern haben. Auch dies ist also eine Waffe, die mit heute verfügbaren Abwehrsystemen kaum erreichbar ist und ebenfalls eine Gefahr für die Flugzeugträger der USA darstellt. Sie ist für den Einsatz von Schiffen und U-Booten konzipiert.

Die Zirkon hat ihre Erprobung 2021 erfolgreich abgeschlossen und soll 2022 in Dienst gestellt werden.

Eine nukleare Unterwasserdrohne

Außerdem hat Russland auch noch die Unterwasserdrohne Poseidon vorgestellt, bei der es sich um einen autonomen Roboter handelt, der atomgetrieben ist und daher eine praktisch unbegrenzte Reichweite hat und ebenfalls kaum abzufangen ist, da er kleiner und leiser ist, als ein U-Boot und wohl auch tiefer tauchen kann. Hinzu kommt, dass die Russen bei der Poseidon eine Technik einsetzen, die schon bei ihrem Torpedo Schkwal zum Einsatz kam.

Dabei handelt es sich um die sogenannte Superkavitation. Das bedeutet, dass diese Waffen unter Wasser Geschwindigkeiten von bis zu 400 Kilometer pro Stunde erreichen können. Da das im dichten Element Wasser eigentlich gar nicht möglich ist, bilden sie um sich herum eine sogenannte Kavitationsblase aus Wasserdampf. Diese Waffen sind derzeit nicht abwehrbar und daher ebenfalls eine große Gefahr für Flugzeugträger. Außer Russland hat auch die deutsche Rüstungsschmiede Diehl einen Prototyp eines Kaviationstorpedos entwickelt, er wurde aber nie produziert. Außer Russland verfügt kein Land über diese Technik.

Bei der Poseidon kommt hinzu, dass sie von U-Booten überall auf der Welt unbemerkt abgesetzt werden und erst viel später aktiviert werden kann. Dabei kann sie sich sowohl langsam und unbemerkt bewegen, sie kann aber auch in die Superkavitation umschalten und mit hunderten Kilometern pro Stunde ihre Ziele angreifen. Und sie kann auch Atomwaffen zum Beispiel in Hafenstädte tragen und dort zünden.

Die Ursache des Wettrüstens: Die US-Raketenabwehr

Der Grund, warum Russland die Entwicklung derartiger Waffen forciert hat, liegt in der US-Raketenabwehr, die in Europa aufgestellt wurde. Denn anders als der Name sagt, ist das keineswegs ein defensives System. Diese Raketenabwehr würde es den USA auch ermöglichen, Russlands Atomwaffen mit einem Erstschlag auszuschalten und die dann schwache atomare russische Antwort mit der Raketenabwehr abzufangen. So war der Plan, die Raketenabwehr sollte die USA unverwundbar machen für einen russischen (Gegen-)Angriff.

Dass die US-Raketenabwehr kein defensives System ist, liegt unter anderem an der Abschussvorrichtung MK41, die dort benutzt wird. Damit können nicht nur Abwehrraketen abgefeuert werden, sondern Marschflugkörper, die mit Atomwaffen bestückt werden können. In dem Augenblick, in dem eine Rakete von der US-Raketenabwehr gestartet wird, weiß Russland daher nicht, ob es eine Abwehrrakete oder ein atomarer Raketenangriff ist. Details über die US-Raketenabwehr finden Sie hier.

Darum hat Russland einerseits Raketen entwickelt, gegen die die Raketenabwehr nutzlos ist und andererseits mit der Poseidon auch ein System entwickelt, das einen russischen Gegenschlag auch nach einem erfolgreichen US-Angriff gegen Russland selbst ermöglicht.

Der russische Marschflugkörper Kalibr

2011 hat Russland begonnen, den Marschflugkörper Kalibr bei den Streitkräften einzuführen. Das amerikanische Gegenstück ist die Tomahawk. Beide Waffen werden von Flugzeugen, Schiffen und U-Booten abgefeuert. Die Tomahawk hat eine Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern und kann einen 450 Kilo-Sprengkopf tragen. Die Kalibr hat nur eine geringfügig größere Reichweite und Nutzlast, allerdings arbeiten die Russen an einer Version mit einer Reichweite von bis zu 4.500 Kilometern und einer Nutzlast von einer Tonne.

Die USA haben die Tomahawk oft und in vielen Kriegen eingesetzt, die Russen haben ihre Kalibr erstmals in Syrien eingesetzt.

Neue russische Panzer: Armata

Im Sommer 2015 haben die Russen erstmals ihre neue Plattform für Panzer, Armata, öffentlich gezeigt. Auf dieser Basis sollen sowohl neue Schützen- und Kampfpanzer wie der T-14 gebaut werden, als auch Panzermörser, Minenräumpanzer, Jagdpanzer, Minenlegepanzer und Brückenlegepanzer.

Es handelt sich dabei um die erste Neuentwicklung eines Panzers seit dem Ende des Kalten Krieges, die Konkurrenz der Deutschen, Leopard 2, und der Amerikaner, Abrams, sind jeweils auf vierzig Jahre alten Plattformen gebaut. Die Vorstellung des Armata hat für einige Nervosität im Westen gesorgt, da seine Panzerung wohl mit herkömmlicher Antipanzerwaffen nicht zu durchschlagen ist. Einzig Bomben mit abgereichertem Uran dürften diesen Panzer stoppen können.

Kampfflugzeuge

Interessant ist auch die Entwicklung bei den Kampfflugzeugen Die USA haben die F-35 2015 in Dienst gestellt und seit dem macht sie immer wieder mit technischen Problemen Schlagzeilen, während sie andererseits mit einem Stückpreis von weit über 100 Millionen Dollar unglaublich teuer ist. Zum Vergleich: Der Eurofighter kostet je nach Ausführung 45 bis 60 Millionen.

Die USA haben bei der F-35 viel Wert auf Stealth-Eigenschaften gelegt. Russland testet derzeit sein Gegenstück, die SU-57. Auch die Russen versprechen, ihr Flugzeug habe gute Stealtheigenschaften, aber sie haben auch die Flugfähigkeit nicht vergessen. Die Einsatzreichweite, die Marschgeschwindigkeit und die Höchstgeschwindigkeit der SU-57 sind denen der F-35 überlegen.

Flugabwehrsysteme

Die russischen Flugabwehrsysteme waren traditionell sehr gut und schon im Kalten Krieg hatte die Nato großen Respekt vor den sowjetischen Systemen. 2007 haben die Russen ihr neuestes Flugabwehrsystem S-400 Triumph eingeführt, das mit einer Reichweite von 380 Kilometern seinem amerikanischen Gegenpart Patriot, das nur eine Reichweite von 45 Kilometern hat, weit überlegen ist. Reichweite ist bei solchen Systemen natürlich nicht alles, aber schon die Sorgen, die die modernen israelischen Streitkräfte sich machen, seit Syrien Ende 2018 das alte Vorgängermodell S-300 bekommen hat, sprechen für sich.

In meinem neuen Buch „Abhängig beschäftigt – Wie Deutschlands führende Politiker im Interesse der wirklich Mächtigen handeln“ habe ich mich sehr intensiv mit weiteren Themen rund um die komplexen Zusammenhänge der gesteuertern Politik im Westen und deren brisanten Verstrickungen mit einer ganzen Reihe von Organisationen beschäftigt und dabei einiges zu Tage gefördert.

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Quelle

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