Die mediale Desinformation über die Flüchtlingskrise an der weißrussischen Grenze

An der Grenze zu Weißrussland spielen sich Dramen ab, aber die Medien interessieren sich – im Gegensatz zum Beispiel zum Mittelmeer – nicht primär für das Schicksal der Menschen, für sie ist der Kampf gegen den weißrussischen Präsidenten Lukaschenko wichtiger als Menschenleben der Flüchtlinge.

von Anti-Spiegel 10. November 2021 00:46 Uhr

Was wir derzeit erleben, ist paradox: 2015 waren weit über eine Million Flüchtlinge kein Problem und die Medien freuten sich über Merkels „Wir schaffen das!“ Heute jedoch erzählen die Medien, dass etwa 10.000 Flüchtlinge die EU destabilisieren würden, weil sie nicht über das Mittelmeer in die EU geschwommen kommen, sondern über Grenze zu Weißrussland laufen. 2015 war jede Kritik an dem Flüchtlingsstrom als „Nazi“ verschrien, heute finden die Medien es nicht erwähnenswert, wenn der litauische Präsident den Einsatz von Schusswaffen gegen die Flüchtlinge ausdrücklich nicht ausschließt, so geschehen am Abend des 9. November. Und während die Medien entrüstet protestieren, wenn griechische Grenzschützer Flüchtlinge gewaltsam zurück über die Grenze in die Türkei jagen, ist ihre Reaktion ausgesprochen zurückhaltend, wenn Polen und Litauen genau das gleiche seit Monaten vollkommen offen tun. Man muss kein begnadeter politischer Analyst sein, um zu verstehen, dass es in Wahrheit nicht um die etwa 10.000 Flüchtlinge geht, die in diesem Jahr bisher versucht haben, über Weißrussland in die EU zu kommen. Deutschland alleine nimmt jedes Jahr ein Vielfaches dieser Zahl auf und niemand in Politik und Medien redet davon, das würde Deutschland oder gar die EU destabilisieren. Es geht vielmehr um den Kampf des Westens gegen den weißrussischen Präsidenten Lukaschenko. Dieser Kampf ist den Medien sogar wichtiger als das Leben der Flüchtlinge.

Sehen wir uns daher mal die Vorwürfe und Behauptungen an, die der Spiegel alleine am 9. November in zwei Artikeln veröffentlicht hat.

Wer schleust die Flüchtlinge nach Europa? Politik und Medien werfen Lukaschenko vor, er würde die Flüchtlinge in die EU schleusen. Das ist Unsinn, denn es sind alleine aus Afghanistan zehntausende Menschen geflohen, seit die Taliban an die Macht gekommen sind. Würde Lukaschenko bewusst Flüchtlinge einfliegen, wäre die Zahl der Flüchtlinge an der Grenze zur EU weitaus höher.

Der Grund für die Krise ist viel banaler: Nachdem die EU im Zuge der Sanktionen gegen Weißrussland auch eine Reihe von Abkommen ausgesetzt hat, fühlt Lukaschenko sich auch nicht mehr verpflichtet, die Abkommen einzuhalten. Darunter waren auch Vereinbarungen über den Grenzschutz und den Umgang mit Flüchtlingen.

Lukaschenko hält die Flüchtlinge nun nicht mehr auf, das ist alles. Und weil die weißrussische Fluglinie auch in Länder fliegt, die der Westen in seinen Kriegen zerstört hat und deren Menschen nach Europa fliehen wollen, kommen die, die sich ein Ticket leisten können, mit dem Flugzeug nach Minsk, weil sie nun hoffen, dass dieser Weg nach Europa einfacher ist als über die Türkei.

Der Spiegel hat am 9. November einen Artikel mit der Überschrift „Flüchtlingsroute über Belarus – Lukaschenko gibt Schleusernetzwerken Schuld für Migrationskrise“ veröffentlicht, der mit folgendem Absatz begann:

„An der Grenze zu Polen hoffen Tausende Flüchtlinge auf Asyl in der EU. Schuld an der dramatischen Lage sind laut dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko international organisierte Schleusernetzwerke. Die Flüchtlinge nutzten diese Strukturen und bezahlten viel Geld, um ein besseres Leben im Westen zu finden, sagte Lukaschenko am Dienstag in einem von Staatsmedien in Minsk ausgestrahlten Interview. »Das sind ja keine armen Leute, die kommen«, meinte er. »Sie haben ein Loch bei uns entdeckt.«“Das hat Lukaschenko tatsächlich so gesagt. Die russische Nachrichtenagentur TASS hat Lukaschenko aus dem Interview wie folgt zitiert: „Ihm zufolge wird dieser Transit von Menschen organisiert: „Sie setzen sie ins Flugzeug, das Flugzeug kommt hier an, sie werden hier abgeholt, zur Grenze gebracht, über die Grenze gebracht und dort von ihren eigenen Leuten empfangen, von Polen, Deutschen, Ukrainern. Und das alles für Geld“, sagte das Staatsoberhaupt. Ihm zufolge haben die weißrussischen Behörden ein Auge auf diese Kette geworfen. „In Polen haben sie die sogar schon festgenommen und mussten sogar bekannt geben, wer sie sind.

Darunter waren keine Weißrussen und nur zwei Russen“, sagte Lukaschenko. „Und die Dutzenden Transporteure, die Menschen weitergeben, sind Deutsche und vor allem Polen, aber auch Ukrainer und Litauer“, sagte er. Ihm zufolge gibt es „eine eigene mafiöse Struktur, die den Transit organisiert“.„Sie haben diese Zellen bereits in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern geschaffen. Sie rufen sich gegenseitig an – komm, wir werden dich abholen. Sie werden dort bereits erwartet“, sagte Lukaschenko. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die Migranten nicht „ins Leere“ gehen, sondern zu den Menschen, die in Deutschland auf sie warten. „Die haben da Verwandte, Freunde, oder sonst wen. Wenn jemand meint, dass die einfach nur töricht Tausende von Kilometern durch die Gegend laufen – das ist Unsinn. Alles ist klar organisiert und Weißrussland ist dabei nur eine Etappe“, betonte der weißrussische Staatschef.“Nun könnte man das als Lügen von Lukaschenko abtun, aber sogar der Spiegel hat das zumindest teilweise bestätigt.

Nur macht der Spiegel das nicht im selben Artikel, sondern in einem gesonderten Artikel, sonst wären die Vorwürfe gegen Lukaschenko ja schlecht zu halten. Ebenfalls am 9. November hat der Spiegel unter der Überschrift „Migrationskrise an EU-Außengrenze – Polnische Polizei stoppt deutsche Helfer vor Grenze zu Belarus“ berichtet: „Sie wollten Hilfsgüter bringen und auf dem Rückweg Menschen mitnehmen. Doch der Einsatz deutscher Flüchtlingsinitiativen in Polen fand schon vor der EU-Außengrenze sein Ende.“Während die Medien Lukaschenko derzeit in mehreren Artikeln täglich bezichtigen, die Flüchtlinge in die EU zu schleusen, lassen die Medien weitgehend unerwähnt, dass europäische „Flüchtlingsinitiativen“ an der Schleusung von Flüchtlingen zumindest beteiligt sind. Schuld an der Flüchtlingskrise sind die USAIn dem ersten von mir zitierten Spiegel-Artikel ging es noch um ein anderes Thema. Die Einleitung des Artikels lautete:„Die EU wirft dem belarussischen Machthaber Lukaschenko Menschenschmuggel vor. Europas »letzter Diktator« hingegen sucht die Schuld bei Schleusern – und den USA.“Gegen Ende des Artikels kam der Spiegel auch noch darauf, warum die USA nach Meinung Lukaschenkos die Schuld an der Flüchtlingskrise tragen:„Westliche Staaten, allen voran die USA, hätten in Ländern wie Afghanistan und Irak Krieg geführt. Die Menschen hätten dort keine Lebensgrundlage mehr und nutzten nun verschiedene Routen nach Europa, um sich eine Perspektive aufzubauen.“Kann man dem widersprechen? Die Flüchtlinge, die jetzt über Weißrussland versuchen, in die EU zu gelangen, kommen schließlich aus dem Irak und Afghanistan. Das sind genau die beiden Länder, die die USA vor zwanzig Jahren als erste in ihrem „Krieg gegen den Terror“ zerstört haben und die sich bis heute nicht von der „Demokratisierung“ durch die Nato erholt haben.Gleiches gilt übrigens auch für die Flüchtlinge, die in Griechenland stranden oder mit Schlauchbooten versuchen, aus Libyen über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen: Es sind überwiegend Menschen aus Syrien oder Libyen, auch Länder, denen der von den USA angeführte Westen die Demokratie bringen wollte. Lukaschenko hat also durchaus recht, wenn er die Schuld bei den USA sucht, denn ohne deren Kriege gäbe es keine Flüchtlingsströme und damit auch keine Flüchtlingskrise.Lukaschenko erwartet noch mehr Flüchtlinge

Darüber hat der Spiegel nicht berichtet, aber das kann ja noch kommen: In dem vom Spiegel zitierten Interview hat Lukaschenko auch mitgeteilt, er erwarte in naher Zukunft noch mehr Flüchtlinge aus Afghanistan. Die TASS hat seine Aussagen so zitiert: „“Die Amerikaner haben auch sie eingeladen, haben aber Europa und Zentralasien befohlen, sie aufzunehmen. Allerdings haben die zentralasiatischen Republiken gesagt: „Sorry“. Wo werden sie also hingehen? Sie werden nach Europa gehen“, sagte Lukaschenko in einem Interview mit Igor Korotchenko, dem Chefredakteur des russischen Magazins Nationalnaja Oborona, aus dem die Nachrichtenagentur BelTA am Dienstag einen Ausschnitt gezeigt hat.Ihm zufolge erreichten die Migranten aus Afghanistan Weißrussland über die zentralasiatischen Republiken und Russland. „Und nicht nur auf diesem Weg, sie gehen auch durch die Ukraine, aber die Ukraine gehört für sie [den Westen] „zu ihnen“, sie verschweigen das bisher“, sagte der Präsident. „Weißrussland ist für sie ein fremdes Land, der Westen zetert, dass Lukaschenko außerdem Putin im Rücken hat <…>, und dass diese Migrationswelle ein hybrider Krieg von Lukaschenko ist, der von Putin unterstützt wird.“Polen lässt Panzer an der Grenze auffahren

Was westliche Medien ebenfalls nicht berichten, ist, dass Polen Panzer an der Grenze zu Weißrussland auffahren lässt. Darüber berichten viele Medien in Russland. Ich zitiere wieder eine TASS-Meldung über das Interview mit Lukaschenko: „Geht man mit Leopard-Panzern gegen Migranten vor? Entschuldigen Sie bitte. Wir sind beide Militärs, wir verstehen, wie es ist, heute an der Grenze Polens, sagen wir, zu Weißrussland, Krieg gegen diese unglücklichen Menschen zu führen und Panzerkolonnen aufzustellen. Es handelt sich eindeutig um eine Art Übung oder Erpressung“, sagte Alexander Lukaschenko in einem Interview mit der russischen Zeitschrift „Nationalnaja Oborona“, das die Agentur BelTA am Dienstag in Auszügen veröffentlichte.„In der modernen Welt ist der Griff zu den Waffen ein Todesurteil, es ist Selbstmord, dem müssen Sie zustimmen. Und das umso mehr hier in der Mitte Europas. Und das gilt erst recht für Weißrussland. Schließlich haben sich alle Kriege immer hier auf diesem Stück Land in der Mitte des Kontinents abgespielt, hier hat alles angefangen. Lernt man denn nichts aus der Geschichte?“, sagte der weißrussische Präsident.

Ende Oktober wurde berichtet, dass die polnische Regierung die Entsendung von 2.500 Soldaten plant, um die Grenzschutzbeamten beim Schutz des Grenzgebiets vor illegalen Einwanderern zu unterstützen. Außerdem schickt die polnische Seite Leopard-Panzer der 10. gepanzerten Kavalleriebrigade in die Grenzstadt Biala Podlaska an die Grenze zu Weißrussland. Darüber hinaus wurden bei Übungen in Litauen nahe der weißrussischen Grenze auch amerikanische Abrams-Panzer und deutsche Leopard-Panzer eingesetzt.“Warum berichten die deutschen Medien darüber eigentlich nicht?

Quelle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: