Es gilt, Erzfeind Merz zu verhindern. Deshalb, man will es kaum glauben, bringt sie ihren Braun ins Spiel (wie der Alte Fritz einst seinen Zieten aus dem Busch) um den Vorsitz und tut dabei auch noch so, als habe sie nichts damit zu tun. Als Chef des Kanzleramts hat er mit einschläfernder Stimme dem Freiheitsentzug das Wort geredet, aber nichts auf die Reihe gebracht. Diese Marionette der Angst, diese Idealfigur eines Apparatschik („Let me have men about me that are fat“, Shakespeare, Julius Cäsar) soll nun den Matschbirnen von Parteimitgliedern „verimpft“ werden, damit sie sich ja nicht anstecken lassen vom Virus des Wandels. „Also, ich kenne also alle Studien und muss also sagen, dass ist … also … Katastrophe“, so ein der Restregierung nahe stehender, für gewöhnlich final informierter Gesundheitsexperte. Es gab schon lange nichts mehr zu lachen in der CDU. Ist es endlich wieder so weit? Die neue Hinterlist der Nichtwirklichabtretenwollenden zeigt, dass das Bild, das sie sich von ihrer CDU macht, noch erbärmlicher ist als deren tatsächlicher Zustand. Denn sie glaubt doch wohl an dessen Chance. Dead Man Walking Braun. Wer zuletzt lacht, wissen wir aber noch nicht. Womöglich ist der Zustand der Partei sogar noch erbärmlicher als das, was die Unauslöschliche glaubt. Es macht hellhörig, wie ein so gut informierter Beobachter wie Robin Alexander (Welt) auf die Idee kommen kann, ein Vorsitzender Braun, der nicht einmal seinen Wahlkreis hat gewinnen können, besäße sogar strategische Vorteile, weil der CDU in der Opposition doch nichts Besseres einfallen könne, als an das System der Alternativlosen zu gemahnen. Auf so etwas kommt ein kluger Kopf nicht von selbst. Wer also hat ihm das gezwitschert? Sollte der Unfähigste aller unfähigen Kandidaten tatsächlich eine Chance haben, dann nur dank Covid19, Variante Delta und dem Tsunami der Vierten Welle. Der Panikpegel steigt schon wieder.

II.

Und auch Söder, der sich einen Merkelbaum neben den Brunnen vor dem Tore hat pflanzen lassen, täglich ihren Stamm umarmt und dazu schmalzt: „Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen süßen Traum“, selbst der wittert nun plötzlich wieder Morgenluft. Mit schneidiger Stimme gellen seine Befehle durchs Land, in dem er gar nichts mehr im Griff hat, nicht einmal sich selbst. Dead Man Walking auch er. Auch sein letztes Aufgebot hört auf den Namen Covid19, Variante Delta. Die so ziemlich schlechteste Bilanz, aber die größte Klappe. Söder und seine CSU sind in einem so katastrophalen Zustand, dass davon nur noch eine andere Katastrophe ablenken kann. Söder denkt wohl: Es ist wie mit dem Schmerz. Der größere Schmerz lässt den schwächeren verblassen, die größere Angst die kleinere ertragen. Also freie Bahn für die Pandemie. Wahrscheinlich träumt er noch einen anderen süßen Traum. Wie wäre es, wenn sich der Katastrophenfall bis zu den Landtagswahlen verlängern ließe, mit Versammlungsverbot und Hysteriegebot. Aber wie das so ist mit genialen Feldherr:innen: Am Ende können sie nur noch zerstören. Das Volk, das ihre Genialität nicht zu schätzen weiß, hat den Untergang verdient. Söder versucht seit geraumer Zeit, die Liberalitas Bavariae abzuschaffen. Das Nationaltheater in München ist in der kommenden Woche auch schon wieder zu. Er hat dazugelernt. Man muss heute gar nicht mehr das Publikum aussperren. Selbst die anscheinend wichtigste Frage der Gegenwart, 2G oder 3G, spielt keine Rolle mehr. Es reicht schon, wenn im Ensemble der eine oder andere positiv getestet wird, er muss nicht einmal krank sein, und schon verschwindet die Hochkultur erneut in Quarantäne. Dank der vierten Welle lässt sich alles viel leichter erledigen. Oder um Brecht zu paraphrasieren: „Was ist eine Viruspandemie gegen die Maßnahmen gegen die Viruspandemie!“

III.

Schon einmal hat das Virus verhindert, dass sich die Unionsparteien rechtzeitig vor Wahlen ordnungsgemäß neu aufstellten. Doch wegen Covid wurde der Parteitag zur Wahl des CDU-Vorsitzenden von Oktober 2020 auf Januar 2021 verschoben und dann auch nur digital durchgeführt. Merz verlor gegen Laschet. Das Virus hat die heimliche, und zunehmend unheimliche Oberherrschaft der Unersetzbaren de facto prolongiert und die Niederlage der Union eingeleitet. Auch die vierte Welle müsste sich doch noch zu etwas dieser Art nutzen lassen. Oder etwa nicht?