Drastische Zunahme der Angststörungen

Kinder und Jugendliche schwer belastet

Streicheleinheiten sind Balsam für die Seele. Nicht nur bei seelisch belasteten Kindern.  © imago images/PEMAX, NNHerr Moll, wir haben zwei schwierige Pandemie-Jahre hinter uns. Nach einer vorsichtigen Rückkehr zur Normalität im Sommer werden die Corona-Maßnahmen nun wieder verschärft. Wie sieht es bei Ihnen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie aus? Hat sich die Lage dort, nachdem die Lockdowns vorbei waren, wieder etwas entspannt? Dr. Gunther Moll: Das Gegenteil ist leider der Fall. Wir haben mehr Fälle denn je. Ich habe so etwas seitdem ich in Erlangen bin und das ist seit 2002, nicht erlebt. Ich stelle Ihnen das mal anhand unserer Warteliste dar. Darauf stehen jetzt schon 150 Kinder und Jugendliche, die so schwer erkrankt sind, dass eine ambulante Hilfe nicht ausreicht, sondern eine Behandlung in der Tagesklinik oder auf Station nötig ist. Und die Tendenz ist steigend, da wir pro Woche etwa 20 stationäre Anmeldungen bekommen, aber nur maximal fünf stationäre Aufnahmen anbieten können. Dabei werden die Belastungen der Kinder und Jugendlichen immer schwerwiegender und hinter ihnen steht ja in der Regel auch eine Familie, die verzweifelt ist und nicht mehr weiter weiß. Eltern, die vor uns in Tränen ausbrechen und eigentlich selbst Hilfe bräuchten, weil sie völlig überlastet sind.Heißt das, Sie müssen in Erlangen auch Kinder und Jugendliche abweisen, die suizidgefährdet sind? Nein, hierfür gibt es immer ein Bett! In unserer Nähe ist die Kinder- und Jugend-psychiatrie Nürnberg für die Akutversorgung von selbst- und fremdgefährdeten Patienten zuständig. Die Kliniken stehen aber miteinander in Kontakt und wir helfen uns, wenn es geht, gegenseitig aus. Das ist wie in den Kinderkliniken, die ja derzeit wegen einer Welle an Viruskrankheiten auch am Limit arbeiten, ja schon lange normal. Da werden Patienten manchmal 100 Kilometer und weiter in eine andere Klinik verlegt, weil man einen Platz für ein krankes Kind benötigt.Apropos Kinderkliniken. Stimmt es, dass die Kinderkliniken mittlerweile auch psychiatrische Fälle betreuen müssen, weil die Fachkliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie so überlastet sind? Bedingt. Sie übernehmen Fälle, die der Psychosomatik zugeordnet werden oder der Essstörungen. Aber wie gesagt: Gerade hat keine Kinderklinik freie Kapazitäten, sie sind überfüllt und überlastet. Und selbst wenn es mehr Betten gäbe, dann fehlt trotzdem das Fachpersonal, um diese Patienten zu betreuen. Sie müssen bedenken, dass man bei psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen zwingend Fachpersonal zur Behandlung benötigt. Angst ist die häufigste Störung

Professor Dr. Gunther Moll, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Erlangen.
Professor Dr. Gunther Moll, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Erlangen. © e-arc-tmp-20211117_100436-1.jpg, NN Welche Erkrankungen oder Störungen erleben sie im Klinikalltag denn am häufigsten? Am häufigsten haben Kinder Angst und diese Angst ist ganz vielfältig und individuell. Sehr viele unserer jungen Patienten sind seit Beginn der Pandemie in einer Angstspirale gefangen. Sie haben Angst, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Für sich privat, in der Schule und in der Familie. Viele haben Angst vor der Zukunft, weil sie nicht wissen, wie sie die Schule schaffen sollen. Die Kinder haben Angst davor, sich mit Corona anzustecken oder ihre Angehörigen, allen voran die Großeltern, zu gefährden. Sie leben in ständiger Sorge und Anspannung und spüren natürlich auch die Anspannung in ihrem direkten Umfeld, also von Seiten der Eltern, Betreuungs- oder Lehrkräfte. Auch macht es Angst, wenn die Eltern gereizt sind, sich Sorgen um ihre Arbeit machen oder ständig nur streiten. Am zweithäufigsten sind Verstimmungen und Depressionen, vor allem als Folge der fehlenden Aktivitäten und der Einsamkeit.Neben der Angst, und Depression was ist es noch, was die Kinder und Jugendlichen belastet? Auch die Suchterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen haben stark zugenommen. Allen voran die Mediensucht, die Medienzeiten sind massiv gestiegen, seitdem die Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche so stark eingeschränkt worden sind. Bei 15-Jährigen liegt die Medienkonsumdauer mittlerweile bei fast 70 Stunden pro Woche. Und dann haben wir bei Mädchen noch eine massive Zunahme von Essstörungen.

Quelle

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