Covid-19 in Japan und Deutschland – und das Lepra-Gleichnis

Die Corona-Situation in Japan ist derzeit so entspannt wie seit vielen Monaten nicht mehr. Woran liegt das? Für das „aufgeklärte“ Europa ist auch die Geschichte der Lepra-Kranken in Japan aufschlussreich. Besonders für die Heute-Show und Oliver Welke.

Die Corona-Situation in Japan ist derzeit so entspannt wie seit vielen Monaten nicht mehr. Nach einem Höhepunkt von 20.000 Infizierten täglich im August fiel die Ansteckungsrate inzwischen auf durchschnittlich 100 bis 150 Fälle pro Tag. In mehreren Präfekturen gibt es seit Wochen überhaupt keine neuen Infektionen mehr, und in Tokyo, wo bisher immer die höchsten Zahlen an Neuinfizierten registriert wurden, gibt es im Durchschnitt nur noch 10 bis 15 Fälle pro Tag.

Wenn das so weitergeht, nähert sich Japan, wo inzwischen alle Einschränkungen gefallen sind, der Zero Covid Marke. Über die Gründe kann man nur spekulieren, auch die Experten, die bisher in der Öffentlichkeit das große Wort führten und immer noch schärfere Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid-19 verlangten, können sich diese Entwicklung nicht erklären. Ganz ohne ihr Zutun sinken die Infektionszahlen, und es wagt trotzdem keiner von ihnen zu behaupten, dass Japan bereits über dem Berg wäre. Sie empfehlen zumindest für die älteren Semester Boostershots, denn 2022 könnten die Infektionen ja wieder ansteigen.

Zur Erklärung der niedrigen Ansteckungsrate wird gern die Disziplin der Japaner angeführt, die großteils nur maskiert ausgehen und sich an alle Hygieneregeln halten. Zweitens ist nicht auszuschließen, dass Japaner seit längerem über eine Kreuzimmunität gegen Coronaviren verfügen, und drittens hat man in Japan mit den euphemistisch „Impfungen“ genannten Gentherapien später als in vielen anderen Ländern begonnen. Zuerst waren im Frühjahr die über 65-Jährigen dran, aber der Höhepunkt der Impfwelle fand erst im Sommer statt, sodass ein gewisser Schutz trotz des kälter werdenden Wetters noch gegeben sein kann. 

Es gibt aber auch eine Theorie, wonach SARS-CoV-2 in Japan von selbst im Absterben begriffen ist, die als Erklärung für die entspannte Situation herhalten könnte. Nachdem im Oktober eine Impfrate von über 70 Prozent erreicht worden war, hat man sich damit zufrieden gegeben und die Impfaktionen im November offiziell eingestellt. Im Dezember soll dann mit den Boostershots begonnen werden.

In Japan keine Diskriminierung von Ungeimpften

Möglicherweise sind aber noch ganz andere bisher unbekannte Faktoren ausschlaggebend, denn nicht nur in Europa, sondern auch in Südkorea, wo die Bedingungen ähnlich wie in Japan sind, steigen die Infektionszahlen seit einiger Zeit wieder stark an, was vor allem auf Impfdurchbrüche zurückgeht. Die zum Teil völlig konträre Situation in Ländern mit noch höheren Impfraten ließe sogar den Schluss zu, dass Impfungen auf das Infektionsgeschehen überhaupt keinen nennenswerten Einfluss haben, denn es lässt sich an keinem Indikator festmachen, wieso sich zum Beispiel die Situation in Gibraltar oder Portugal derzeit so dramatisch darstellt, während sie im Nachbarland Spanien noch relativ entspannt ist. 

Das wäre aber kein Grund, um einen neuen Artikel über die Situation in Japan zu schreiben, denn der wäre an dieser Stelle schon zu Ende. Man könnte allenfalls noch erwähnen, dass es in Japan keine Diskriminierung von Ungeimpften gibt, weder am Arbeitsplatz noch beim Betreten eines Restaurants, oder sonstwo. Es gab und gibt weder 3G- noch 2G-Regeln, man kann überall ungeimpft und ungetestet hingehen, ohne dass man mit Fragen nach einem Impfpass belästigt oder gar ausgeschlossen wird. 

Doch als in der ZDF Heute-Show die Bemerkung vom deutschsprachigen Raum als Leprakolonie Europas fiel, weil dort im Verhältnis weniger Menschen gegen Corona geimpft sind, erinnerte ich mich an einen Vorfall in Japan aus dem Jahr 2003. Damals wirbelte eine Nachricht ziemlichen Staub auf, weil eine Gruppe von ehemaligen Leprakranken in einem Hotel in Kumamoto Zimmer hatte buchen wollen, aber ihr Wunsch vom Hotelmanagement abgelehnt worden war. Im Hotel gab es ein Onsen, eine heiße Quelle als Gemeinschaftsbad, und das Management hatte befüchtet, wenn die Tatsache bekannt würde, dass Leprakranke in dem Onsen gebadet hätten, könnten andere Gäste aus Angst vor Ansteckung fernbleiben. 

Die Ablehnung ihrer Buchung wurde damals von den Leprakranken öffentlich gemacht, und es entstand ein großes Geschrei über ihre Diskriminierung. Andererseits wurden aber auch die Leprakranken angefeindet, weil sie das Hotel in dieses Dilemma gestürzt hatten, aus dem es keinen Ausweg gab. Denn egal, wie sich die Hotelleitung auch entschieden hätte, sie hatte keine Möglichkeit, einen Imageschaden abzuwenden, entweder verlor man Gäste aus dem einen oder anderen Grund. Dementsprechend schlitterte das Hotel in der Folge auch in den Ruin und musste im Jahr 2004 schließen. https://6af109c169ba37d498517ad1526a3cdd.safeframe.googlesyndication.com/safeframe/1-0-38/html/container.html

Nun hatten sie einen Sündenbock gefunden

Ich kannte damals die Vorgeschichte nicht, aber dachte mir als Außenstehender, dass ich auch nicht in ein Onsen gehen wollte, in dem zuvor Leprakranke gebadet hätten. Ich fand daher das Verhalten der Leprakranken trotz ihres vielleicht berechtigten Unmuts über das Verhalten der Hotelleitung fragwürdig. Sicherlich hätte sich der Fall auch ohne öffentliches Aufsehen bereinigen lassen. Aber die Leprakranken hatten wohl auf ihre Situation aufmerksam machen und ein Exempel statuieren wollen, um sich für früher erlebte Diskriminierungen zu rächen. Nun hatten sie einen Sündenbock gefunden und empfanden Genugtuung darüber, dass das Hotel ihretwegen bankrott ging. Es war menschlich verständlich, zeugte aber nicht gerade von einer edlen Gesinnung, sondern eher von Boshaftigkeit.

Die geschmacklose Bemerkung aus der Heute-Show rief mir den Fall wieder in Erinnerung, aber zugleich wurde mir bewusst, wie hier eine völlig verdrehte Argumentation benutzt wurde. Im Fall der Leprakranken waren es Gesunde, die eine Ansteckung befürchteten, im Fall von Covid-19 werden aber gesunde Ungeimpfte dafür verantwortlich gemacht, dass Geimpfte krank werden. Es ist zwar etwas schwierig, der verqueren Logik zu folgen, aber anscheinend sind die gleichen Leute, die bei jeder Gelegenheit Diskriminierung wittern, gerne selbst beim Diskriminieren und einer Sündenbocksuche ganz vorne dabei. Vokabel wie Volksfeinde und Volksschädlinge gehen ihnen ganz locker über die Lippen, und sie finden auch gar nichts dabei, wenn Ungeimpfte keine Spitalsbehandlung mehr bekomnen sollen.

Beim Vergleich von Ungeimpften mit Leprakranken ist so vieles schief, dass es kein schlechter Witz mehr ist, sondern eine Verhetzung. Würde man an Covid-19 Erkrankte – die in der Regel nach vierzehn Tagen wieder genesen sind und von denen nur ein ganz geringer Prozentsatz hospitalisiert werden muss – mit Leprakranken vergleichen, dann fiele die Unangemessenheit der Bemerkung sehr wohl auf, aber so weit reicht das Denkvermögen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anscheinend nicht mehr. Es geht nur darum, das Narrativ zu bestätigen, ein dümmliches Lachen bei denjenigen zu erzeugen, die sich für oberschlau halten und, weil sie der Impfpropaganda aufgesessen sind, glauben, nun „immun“ zu sein. 

Das bedeutet aber wohl weniger Immunität gegen Covid-19 als gegen Fakten. Eine Spiegel-Redakteurin, die brav den Arm hingehalten und sich trotz zweifacher Impfung angesteckt hatte, nannte es einen „Impftriumph“, weil es bei ihr nur einen milden Verlauf der Krankheit gab. An irgendeinem Strohhalm muss der Mensch sich auch nach gehabter Gehirnwäsche noch festklammern, wenn die Vakzine sonst nichts von dem halten, was er sich von ihnen versprochen hat. Doch diese Argumentation hat auch eine gewisse orwellsche Dimension: „Unwissenheit ist Stärke!“, „Impfversagen ist Impftriumph!“ Es geht nicht mehr um Fakten, sondern nur noch um Glauben. Ungeimpfte könnten dann, wenn sie nach einem positiven PCR-Test keine oder nur schwache Symptome haben, mit dem gleichen Recht ausrufen: „Nichtimpfen ist Trumpf!“

Strafe für Sünden in einem früheren Leben

Erinnert man sich an den Beginn der Corona-Epidemie in Wuhan, wie damals die Infizierten behandelt wurden, wäre der Vergleich mit Lepra gar nicht so weit hergeholt. Die Anordnungen der chinesischen Behörden unterschieden sich kaum von der Behandlung Aussätziger im Mittelalter. Das Individuum war nur noch Verfügungsmasse, Menschen wurden eingesperrt, und es ist bekannt, dass Patienten mit Atemproblemen zwangsweise intubiert wurden, weil die Ärzte und Pfleger Angst hatten, sich bei ihnen anzustecken. Viele Patienten starben erst aufgrund der falschen Behandlung, und in Europa glaubte man, das nachahmen zu müssen. 

Das grotesk vermummte Pflegepersonal weckte auch Assoziationen mit der Behandlung von Ebolakranken in Afrika, und bei den Bildern aus Bergamo in Italien, wo Militärtransporter die Coronatoten in die Krematorien brachten, musste ich auch an die ersten Aids-Toten denken, die aus Angst vor Ansteckung ebenfalls keiner anfassen und begraben wollte. Wenn damals aber religiöse Eiferer davon sprachen, dass Aids eine Strafe Gottes wäre, die in erster Linie Homosexuelle und Prostituierte beträfe, wurde sofort gutmenschlich beschwichtigt, dass man HIV-Positive nicht stigmatisieren dürfe.

Aber heute kann man sich gut dabei vorkommen, ungeimpfte aber gesunde Menschen zu stigmatisieren und nur so zum Spaß mit Leprakranken zu vergleichen und damit bewusst in Beziehung zu einer Krankheit zu setzen, die allenfalls noch mit der Pest vergleichbar ist. Denn in Europa weckt die Erwähnung beider Seuchen seit der Antike bis heute Schrecken. Ohne zu verharmlosen, handelt es sich im Vergeich dazu bei SARS-CoV-2 allenfalls um ein aufgeblasenes Schreckgespenst, mit dem man nur Hyperängstlichen zusätzliche Furcht einjagen kann.

Um aber auf den erwähnten Fall mit den Leprakranken zurückzukommen: In Japan wird Lepra die Hansen-Krankheit genannt, weil es ein norwegischer Arzt namens Hansen war, der im Jahr 1873 die Entdeckung machte, dass die Krankheit von einem Bakterium verbreitet wird. Inzwischen hat sich auch herausgestellt, dass Lepra nur mäßig ansteckend und mit moderner Medizin sogar heilbar ist. 

Als ich mich mit der Geschichte der Lepra näher beschäftigte, erfuhr ich, dass in Japan seit dem Mittelalter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Leprakranke oft im Umkreis von Tempeln und Schreinen hausten und auf den Straßen um Almosen bettelten, indem sie vor den Passanten ihre deformierten Gliedmaßen zur Schau stellten. Dieses Verhalten hatte auch einen religiösen Hintergrund, denn im buddhistischen Volksglauben galt die Erkrankung an Lepra als Strafe für Sünden in einem früheren Leben. Wer den Bedauernswerten am Weg zum Tempel etwas gab, konnte sich mit seiner Mildtätigkeit davon quasi freikaufen.

Quelle

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