Der Tag, an dem mein Vater seinen Job verliert

Von Elisa Davi

Die Impfpflicht für Pfleger ist beschlossene Sache, für das Leid der Betroffenen interessiert man sich kaum. Die Politik macht die „Helden der Pandemie“ zu Bauernopfern, und der Aufschrei bleibt aus. Ein persönlicher Einblick.

IMAGO / Elmar Gubisch

Endlich sprach Olaf Scholz vergangenen Mittwoch klare Worte: Es wird eine Impfpflicht für Pfleger geben. Es gibt viele Politiker, die sich das schon lange gewünscht haben, aber bisher hatten sie nicht den Mumm, es so klar zu sagen. Sie wollten erst ein paar Testballons fliegen lassen, gucken, ob sie damit zu weit gehen würden, ob es möglicherweise jemanden den Posten kosten könnte. Doch das Volk hat vorbildlich gehandelt – nämlich gar nicht. Sie betrifft es ja nicht. Mich schon. Denn dieser Tag X ist der Tag, der den Lebensunterhalt meiner Familie infrage stellt. Denn mein Papa ist einer von denen, die Olaf Scholz mit diesem Beschluss loswerden will.

Mein Vater arbeitet in einem Krankenhaus, schon länger als ich auf der Welt bin. Schon als ich klein war, wusste ich, was ein Krankenpfleger ist – ist ja selbsterklärend oder? Aber jetzt, wo ich älter bin, fällt mir erst auf, dass ich nie so wirklich wusste, was das bedeutet. Denn mein Vater hat, wie ich jetzt feststelle, immer sehr darauf geachtet, die Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen.

Ich dachte immer, ich wüsste, was er so den ganzen Tag macht, schließlich habe ich ihn als Kind noch ganz oft auf der Station besucht und dann von seinen Kolleginnen Schokolade bekommen. Ich wusste jeden Namen seiner Kolleginnen und auch jeden Namen der Ärzte, mit denen er arbeitete. Ich habe mitbekommen, welche Krankenschwester versucht, sich bei welchem Arzt einzuschleimen, und welcher Arzt nur Überstunden an Feiertagen macht, an denen er sonst zu seiner Familie muss. Ich wusste, welche seiner Kolleginnen sich einmal im Monat krank meldet, um dann zum Sport zu gehen, und welche versucht, Schmerzmittel zu unterschlagen. Aber was mein Papa den ganzen Tag macht, wusste ich nicht.

Als ich noch kleiner war, hat mein Vater als Krankenpfleger auf einer anderen Station gearbeitet. Das bedeutete jede Menge Schichtdienst. Und da die Mütter bei der Dienstplanverteilung immer Vorrang haben, hatte mein Papa viele Nachtschichten. Manchmal habe ich ihn Tage lang nicht wirklich gesehen, weil er mehrmals hintereinander tagsüber schlief. Als ich noch sehr klein war, bin ich manchmal morgens zur geschlossenen Schlafzimmertür gelaufen, hab gegen die Tür gehämmert und gerufen „Papaaa, schläfst du schoooon?“ Ich hatte dabei natürlich immer ein ganz tolles Timing. Er, der gerade vom Nachtdienst nach Hause gekommen und gerade erst zur Ruhe gekommen war, wurde von dieser sanften Begrüßung aus seinem wohlverdienten Schlaf gerissen. „Jetzt nicht mehr“, hat er dann geantwortet. Er war sehr geduldig mit mir. Ich weiß nicht, ob ich dieses Maß an Geduld aufbringen könnte, wenn ich eine 12-Stunden-Nachtschicht hinter mir habe und dann meine dreijährige Tochter meint, vor meinem Bett rumkrakeelen zu müssen. Als ich älter wurde, wusste ich dann, was es bedeutet, wenn die Schlafzimmertür verschlossen war.

Manchmal kam ich nach meinem Schultag aber nicht zu einer verschlossenen Schlafzimmertür nach Hause, sondern zu lauter Musik. Mein Papa hat eine große Schwäche für Lautsprecher, müssen Sie wissen, in einer Welt ohne DDR wäre er wahrscheinlich Tontechniker oder so etwas geworden. Unser Wohnzimmer hat die besten Bässe in der ganzen Stadt mit sämtlichen Special Effects und allem, was dazu gehört. Für mich war die Musik immer der Hinweis dafür, dass ich meinen Papa lieber in Ruhe lasse, weil er einen stressigen Tag hatte.

Aber ich dachte stressig im Sinne von anstrengend. Erst als ich um einiges älter wurde, habe ich verstanden, was es bedeutet, wenn er meiner Mutter erzählt, dass er zwei Stunden lang einen Patienten reanimiert hat, um ihn dann doch zu verlieren. Dass das bedeutet, dass ein Mensch in Lebensgefahr schwebt und mein Papi das beinahe täglich erlebt – und fast genauso regelmäßig keinen Erfolg hat, schließlich sind seine Patienten alt und schwer krank -, habe ich sehr viel später erst so richtig realisiert.

Ein kaputtes System

Mein Vater hasst den Geruch von Lavendel. Meine Mutter, die das ganze Jahr über alles daran setzt, unsere Balkons wie Garten Eden aussehen zu lassen, durfte nie Lavendel anbauen. Und auch Lavendelseife und was es sonst noch alles damit gibt, kam bei uns nicht ins Haus. Mein ganzes Leben lang dachte ich, dass das so eine Vorliebe ist – so, wie ich kein Sellerie mag. Erst vor Kurzem erklärte mir meine Mutter, dass er Lavendel nicht mag, weil das im Krankenhaus für die sterbenden Patienten eingesetzt wird, um ihnen den Abschied zu erleichtern.

Ich dachte früher, sein Alltag besteht aus korrupten Ärtzten, nörgelnden Krankenschwestern und glücklichen Patienten. Schließlich haben wir doch andauernd diese freundlichen älteren Damen auf der Straße getroffen, die ihn von ihrem Krankenhaus-Aufenthalt wiedererkannten und dann davon schwärmten, dass er ihnen mit seinem Humor und seiner Gelassenheit so sehr geholfen hat. Aber dass er regelmäßig dabei zusehen muss, dass es solche freundlichen alten Damen nicht schaffen, das war mir nie bewusst. Mein Papa war und ist tagtäglich mit Angst, Trauer, Tod und Leid konfrontiert, mehr als ein Mensch sollte, doch er hat sich davon nie etwas anmerken lassen. Er hat sein Zuhause und mich davor beschützt, und er hat seine Patienten davor beschützt und sie lieber zum Lachen gebracht, statt sie mit Panikmache verrückt zu machen.

Durch meinen Vater habe ich viel über die Hirarchien im Krankenhaus gelernt – genug, um nie freiwillig einen Fuß dort reinzusetzen. Doch sollte ich mal das Pech haben, dann wünsche ich mir einen Krankenpfleger oder MTA wie ihn. Der mir vor einer Herz-OP lieber mit dunklem Humor und Sarkasmus – der seine Kolleginnen immer sehr empört – die Angst nimmt, statt mich fünf Mal zu fragen, ob mein Corona-Test denn auch wirklich negativ war. Mein Papa ist kein Mensch, der sich gut darstellen kann.

Manch andere schon – sie reden den ganzen Tag davon, Menschen zu retten, und drücken sich dann vor der Drecksarbeit, melden sich krank, wenn ihre Lieblingsserie im Fernsehen kommt – stellen sich aber dar wie die größten Helden. Solche Leute werden dann immer befördert. Mein Papa mag vielleicht auf den ersten Blick etwas mürrisch wirken – so als hätte er seit 1976 nicht mehr gelächelt, und das mag stimmen –, aber dafür ist er da, wenn man ihn braucht. Nicht nur für seine Familie. Wenn eine junge fitte Kollegin meint, sie müsste sich wochenlang „krank“ schreiben und dann braungebrannt zurückkommt, springt mein Papi für sie ein. Er selbst war die letzten zwei Jahrzehnte nur selten krank. Wenn sie zu Silvester und solchen Feiertagen zu Hause sein wollten, hat er die Schichten übernommen. Damit die Mütter ihren Urlaub in die Schulferien legen konnten, hatte er immer Urlaub, wenn mein Bruder und ich zur Schule mussten, und saß dann alleine zu Hause. Seine einzige Bedingung war immer nur, dass er an unseren Geburtstagen bei uns sein konnte.

Wenn er Nachtschicht hat, macht er sich bei Wind und Wetter mitten in der Nacht mit dem Fahrrad zum Krankenhaus auf – mit dem Auto geht nicht, denn selbst als Mitarbeiter bei einem Notfall um 00:03 Uhr müsste er noch Parkgebühren im Krankenhausparkhaus zahlen, und das ist nicht günstig. Er meldet sich nicht für zwei Jahre wegen Burnout krank und nimmt damit bezahlt eine Stelle weg, die alle anderen Kollegen mit Überstunden ausgleichen müssen. Er behauptet auch nicht, er würde mit Halsschmerzen zu Hause bleiben und ist dann aber auf einer Party. Er klaut keine Schmerztabletten oder hakt auf der Liste Aufgaben ab, die er gar nicht gemacht hat. Aber anders als jene Kollegen, die all diese Sachen gemacht haben oder teilweise immer noch tun, könnte er jetzt seinen Job verlieren. Weil er von dem Recht Gebrauch machen möchte, das auch alle anderen in diesem Land haben: sich nicht impfen zu lassen. Er wird täglich getestet – im Gegensatz zu seinen geimpften Kollegen.

Es gefällt ihm bestimmt nicht, dass sich dieser ganze Artikel um ihn dreht. Aber er hat mich mein Leben lang beschützt, und alles, was ich tun kann, ist Artikel schreiben. Das mag keine große Hilfe sein, ihn vielleicht sogar in Schwierigkeiten bringen, aber ich will nicht, dass Menschen wie mein Papa einfach klammheimlich als „Asoziale“ und „Pandemietreiber“ beseitigt werden, ohne dass sich jemand für sie einsetzt. Dass ihnen eingeredet wird, dass es niemanden gibt, der so ist wie sie, weil man in den Medien nur von den linientreuen Pflegern liest. Und wenn ich wenigstens das verhindern kann, ist das schon ein Anfang.

Quelle

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