Püschel: Wir sollten erklären, das die Pandemie (?) zu Ende ist!

Corona Hamburg Aktualisiert: 21.09.2021, 05:56 | Lesedauer: 13 Minuten Matthias Iken und Dr. Christoph Rybarczyk

Professor Klaus Püschel vor dem Institut für Rechtsmedizin am UKE in Hamburg. Er leitete das Institut fast 30 Jahre.
Professor Klaus Püschel vor dem Institut für Rechtsmedizin am UKE in Hamburg. Er leitete das Institut fast 30 Jahre. Foto: Roland Magunia/Funke Foto

Als erster Mediziner obduzierte der Hamburger Rechtsmediziner die Corona-Toten. Seitdem hat er einen eigenen Blick auf die Krankheit.

Hamburg. Professor Dr. med. Klaus Püschel leitete fast 30 Jahre das Institut für Rechtsmedizin am UKE. Zu Beginn der Pandemie obduzierte er gegen den Rat des Robert-Koch-Instituts die Corona-Toten und fand heraus, dass Covid-19 in ungewöhnlich vielen Fällen zu Thrombosen sowie Lungenembolien führte. Zudem stellte er fest, dass die meisten Verstorbenen erhebliche Vorerkrankungen hatten: Sie litten an Herz-, Lungen- und Nieren- sowie Stoffwechselerkrankungen, etwa Diabetes, Krebs oder Demenz.

Auch nach seiner Pensionierung 2020 meldet sich Püschel zu Wort – etwa als Mitwirkender der sogenannten Schrappe-Papiere. Der frühere Vizevorsitzende des Sachverständigenrates Gesundheit, Matthias Schrappe, veröffentlichte mit weiteren Experten in der Pandemie mehrere Thesenpapiere. Gerade ist das achte erschienen. Dort kritisieren die Wissenschaftler, dass Kinder und Jugendliche „die großen Verlierer dieser Pandemie“ sind. „In keiner anderen Altersgruppe weicht das Ausmaß der Einschränkungen so stark vom persönlichen Nutzen ab.“

Prof. Klaus Püschel über Ängste vor Corona

Ihrem Thesenpapier haben sie einen Satz des Historikers Caspar Hirschi vorangestellt: „Gibt eine Regierung einen schwerwiegenden Entscheid als wissenschaftlichen Imperativ aus, zwingt sie alle, die nicht als Feinde der Wissenschaft dastehen wollen, zu blinder Gefolgschaft und lässt politischen Widerstand nur noch in Form einer populistischen Fundamentalopposition zu.“ Ein Gespräch über Zweifel, Ängste – und das Ende der Pandemie. WERBUNG

Hamburger Abendblatt: Sie haben den Ausbruch der Pandemie am UKE erlebt, nun schauen Sie eher von der Seitenlinie zu – fällt das Ihnen als Wissenschaftler schwer?

Klaus Püschel: Nein, überhaupt nicht. Ich wusste schon zu Beginn der Pandemie, dass meine Zeit als Institutsdirektor begrenzt ist. Ich habe damals gegrübelt, ob ich mich in der Debatte überhaupt noch einmal aktiv zu Wort melden soll. Aber schweigen widerspricht meiner Natur. Ich vertrete aktiv meine Meinung und war der Überzeugung, wir müssen in dieser neuen Pandemie unser Wissen verbreitern. Deshalb habe ich die Toten im UKE sehr intensiv untersucht: Um die Krankheit zu verstehen, müssen wir von den Toten lernen. Wir können nicht davor wegrennen. Viele haben das versucht: Bestatter waren sehr ängstlich. Noch viel ängstlicher waren Geistliche, die sich eigentlich um die Toten kümmern sollten. Und diese Angst wurde übertragen auf die Todkranken, die man einsam hat sterben lassen in der unbegründeten Angst, selber Schaden zu nehmen. Das ist eine der großen Fehlleistungen – es ist uns nicht gelungen, wissenschaftliche Erkenntnisse so zu verbreiten, dass die Bevölkerung und die Politik gefolgt sind.

Auch das Robert-Koch-Institut hat von Untersuchungen der Toten abgeraten …

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Püschel: Ja, leider. Deshalb ist in den ersten Monaten das Wissen relativ langsam angewachsen, weil wenig obduziert wurde. Im UKE waren wir die Einzigen, die das von Anfang an gemacht haben. Es gibt auf der ganzen Welt eigentlich keinen anderen Platz, wo die Toten so konsequent untersucht wurden wie hier. Und von Hamburg sind eine Reihe von Erkenntnissen ausgegangen.

Sie haben früh die Botschaft gesendet: Corona tötet keine jungen gesunden Menschen, sondern fast nur mehrfach erkrankte, immun geschwächte Menschen. Trotzdem ist die Angst in der Bevölkerung sehr groß. Wie erklären Sie sich das?

Püschel: Viele Medien verbreiten schlechte Nachrichten, die beruhigenden Nachrichten gehen dabei unter. So war immer und immer wieder von Toten die Rede und von der Angst. Es hat in Deutschland nie eine Triage gegeben, aber wir haben die Triage in den Debatten aufgeregt vorweggenommen. Wir haben darüber diskutiert, dass die Intensivstationen überlaufen. Es waren aber stets weniger als 20 Prozent der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt.

Die Bilder aus Bergamo waren schockierend …

Püschel: Übersehen wurde, dass die Toten aus Bergamo alle zwischen 80 und 85 Jahre alt waren. Bei den ersten 100 Toten in Hamburg hatten wir ein Durchschnittsalter von 80 Jahren mit jeweils drei bis acht schweren Vorerkrankungen. Die wenigen Toten unter 50 hatten alle neben Adipositas noch schwere Grunderkrankungen. Um es einfach zu sagen: Andere Krankheiten stellen ein viel größeres Risiko dar, Corona gefährdet Otto Normalverbraucher kaum – aber diese Botschaft kam nicht rüber.

Das haben viele Virologen und auch die Politik anders gesehen – auch Bürgermeister Peter Tschentscher, der selbst als Arzt gearbeitet hat.

Püschel: Ich möchte als Wissenschaftler keine politischen Kommentare abgeben. Meine Profession ist die Sprache der Toten. Am Anfang habe ich den Bürgermeister als sehr realistisch wahrgenommen. Er hat zum Beispiel von mir jeden Tag einen schriftlichen Bericht bekommen über unsere Erkenntnisse. Inzwischen hat der Bürgermeister mit der 2G-Regel einen Schritt zur Normalität gewagt. Heute wirkt er entspannter, ruhiger als andere Ministerpräsidenten, während er zwischenzeitlich mit den Lockdown-Maßnahmen hier in Hamburg schärfer zu sein schien. Für mich ist er ein sehr gut nachvollziehbarer Bürgermeister. Aber ich hätte mir durchaus gewünscht, dass von Hamburg die Botschaft ausgeht: Bleibt auf dem Teppich. Covid-19 ist kein Killervirus, sondern ein Virus wie viele andere, das primär die Atemwege befällt und danach in seltenen Fällen weitere Krankheiten verursacht. Es ist keine Bedrohung für das Fortbestehen unseres Staates oder der Menschheit. Aus meiner Überzeugung sollten wir heute gemeinsam erklären, dass die Pandemie beendet ist und es jetzt nur noch ein endemisches Geschehen gibt.

Das klingt etwas verharmlosend, wenn man auf die Intensivstationen schaut.

Püschel: Es ist wirklich an der Zeit, zur Tagesordnung überzugehen und alle diese Schreckensmeldungen sein zu lassen. Wir haben dank der Impfung sehr einfache Möglichkeiten, mit dieser Krankheit umzugehen. Wir sollten uns wieder auf die vielen anderen medizinischen Probleme konzentrieren, die wir zuletzt sehr stiefmütterlich behandelt haben – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, psychische Erkrankungen. Viele Probleme hat der Lockdown erst verursacht. Ich bin Großvater und habe die Beobachtung gemacht, dass die Kinder verunsichert sind. Die Schüler haben darunter leiden müssen, dass die Eltern oder die Lehrer Angst haben. Und meine Studenten haben in den letzten 18 Monaten zurückstecken müssen – ein schönes Studentenleben stelle ich mir jedenfalls anders vor.

Wenn die Pandemie beendet ist – brauchen wir keine Masken mehr, keinen Abstand, kein Lüften?

Püschel: Eigentlich benötigen wir nur das Impfen: Wenn es uns gelingt, konsequent die Leute zum Impfen zu animieren, brauchen wir die anderen Dinge nicht mehr. Das muss uns klar werden: Wenn wir jetzt über die Zahlen der Toten, der Infizierten und der Patienten im Krankenhaus berichten, sollten wir ab sofort sagen, wie viele von ihnen geimpft sind. Wenn es uns wirklich gelänge, die Leute davon zu überzeugen, dass die Impfung der Weg ist, sehr schnell aus dieser Pandemie herauszukommen, dann können wir zur Tagesordnung übergehen. Corona ist ein Problem der Ungeimpften, das aber Rückwirkungen auf uns alle hat. Es sind die Ungeimpften, die ins Krankenhaus kommen oder die Intensivstationen belegen.

Kinder unter 12 Jahren können wir derzeit noch nicht impfen …

Püschel: Warten wir auf die weiteren Empfehlungen der Stiko. Und schauen Sie in unser neues Thesenpapier: Kinder werden nicht ernsthaft krank. Die Infektion verläuft in der Regel völlig unproblematisch. Wir können die Kinder einer Infektion aussetzen. Ich würde das bei meinen Enkelkindern ohne Weiteres akzeptieren. Damit haben sie den Ersatz der Impfung. Also das zweite G, und dann ist das Thema erledigt. Je schneller, desto besser.

Aber die Kinder können Ältere anstecken …

Püschel: Wir müssen keine Angst davor haben, dass die Kinder das Virus in die Familien tragen. Das ist nur der Fall, wenn die Familien nicht geimpft sind. Deswegen sollten die Lehrer alle geimpft sein und die arbeitende Bevölkerung. Und die großen Geschwister müssen geimpft sein – dann ist das Thema erledigt.

Was machen wir mit den Impfdurchbrüchen?

Püschel: Die gibt es, spielen aber zahlenmäßig keine große Rolle. Sie bringen unser gesellschaftliches Zusammenleben nicht durcheinander. Einige Geimpfte werden krank. Extrem wenige werden sehr krank, noch weniger werden sterben. Ich setze deshalb weiter auf die Einsicht der Menschen: Wer sich nicht impft, bekommt demnächst die Krankheit. Wie gesagt: Corona geht nicht mehr weg!

Die Virologin Melanie Brinkmann warnt von mehreren Hundert toten Kindern und Jugendlichen im kommenden Winter.

Püschel: Dafür sehe ich überhaupt keinen Anhaltspunkt. Wir haben hier in Hamburg bisher kein gesundes Kind gesehen, das gestorben ist. Null. Bundesweit zählen wir seit Beginn der Pandemie 26 Tote bei unter 20-Jährigen. Da sind wir bei Vergleichsgrößen wie Verkehrsunfällen oder Tod durch Ertrinken. Ich will die Fälle überhaupt nicht kleinreden. Aber mit diesen Horrorprognosen jetzt wieder Angst zu schüren, ist falsch – wie auch das Thema Long Covid-19 bei Kindern. Wir haben das in unserem Thesenpapier kommentiert: Man kennt das Syndrom von anderen Infektionen. Auf mittlere oder längere Sicht geht das wieder weg, es ist unproblematisch. Nur wenn wir viel darüber reden, dauert es länger. Wir müssen lernen, mit Corona zu leben. Und wir müssen eigentlich das Thema Corona möglichst schnell allein in den medizinischen Bereich verlagern und aus der politischen und sonstigen Diskussion entfernen. Da hat es nichts mehr zu suchen.

Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Püschel: Die Politik benötigt eine Beratergruppe, die nicht angstgetrieben ist, sondern auf Wissen, Vernunft, Wissenschaft setzt. Angela Merkel war keine gute Ratgeberin, weil sie auch Angst hat und sich deswegen offensichtlich von den Ängstlichen beraten lässt. Ich würde mir nach der Wahl jemanden wünschen, der als Erstes erklärt, Corona ist als Staatskrise beendet.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Trotz steigender Inzidenz?

Püschel: Die Inzidenz ist nicht mehr das Maß der Dinge. Entscheidend ist, dass wir die Zahl der Corona-Toten dramatisch senken konnten. Das Durchschnittsalter der Toten liegt immer noch bei 75 Jahren. Das bedeutet: Die Alten und insbesondere die Kranken sind die vulnerablen Gruppen, um die wir uns besonders kümmern müssen. Mir wurde vorgehalten, mir seien die letzten Jahre der Alten gleichgültig. Das hat mir wehgetan, weil ich mich als Rechtsmediziner stets speziell um Geriatrie und Gerontologie gekümmert habe. Ich will eine Lanze brechen für die Menschen, die eine große Lebensleistung haben. Es war das eigentliche Versagen, dass wir nicht früher versucht haben, die vulnerablen Gruppen besser zu schützen.

Was halten Sie nun für geboten?

Püschel: Wir leben in einer globalisierten Welt. Ich engagiere mich seit Langem in Afrika. Wir müssen den Impfstoff in diese Länder bringen. Und dort auch eine Produktion vor Ort aufbauen. Dann könnte man in Zukunft frühzeitig selber produzieren. Ich bin zwar ein begeisterter Hamburger, aber auch Weltbürger. Die nächste Pandemie müssen wir global bekämpfen. Aber andererseits im eigenen Land die Ressourcen von Masken bis zu Medikamenten bereithalten.

Kann jeder Einzelne auch mit seinem Lebensstil – neben der Impfung – dazu beitragen, sein Risiko zu senken?

Püschel: Unbedingt: Das ist die Botschaft, die wir viel zu wenig gesendet haben. Ein gesunder Lebensstil ist die beste Prophylaxe, er erhöht die Chance, nicht gefährlich zu erkranken. Stattdessen haben Studien zufolge gerade Menschen mit Übergewicht in der Pandemie besonders zugelegt. Ich muss darauf achten, dass ich gesund bin, möglichst viel Bewegung suche und nicht in Quarantäne vor dem Fernseher sitze. Deshalb habe ich die Beschränkungen für den Sport auch für medizinisch kontraproduktiv gehalten. Aktualisiert: Di, 21.09.2021, 05.56 Uhr

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