Studie von Dr. Brockmann: Sind Ungeimpfte infektiöser als Geimpfte?

Eine Studie beweist angeblich, dass 75 bis 90 Prozent aller Corona-Ansteckungen in Deutschland von Ungeimpften ausgelöst werden.

Fortsetzung eines Beitrags von gestern.]

»Insgesamt tragen unsere Ergebnisse zum öffentlichen Diskurs über politische Veränderungen bei der Pandemiebekämpfung bei«, behaupten die Autoren zum Schluss der Einleitung zu ihrer Studie »Germany’s current COVID-19 crisis is mainly driven by the unvaccinated« – »Die derzeitige COVID-19-Krise Deutschlands wird hauptsächlich von Ungeimpften angetrieben«. Wie die Ergebnisse der Studie das tun, darüber muss man nicht lange rätseln. Sie unterstützen staatliche Willkür gegen Ungeimpfte und die Separation ganzer Bevölkerungsgruppen, wie man sie in Deutschland schon lange nicht mehr erlebt hat Die Front der Geimpften und ihrer staatlichen Vertreter frohlockt: Endlich beweist eine Studie: Die Ungeimpften sind Schuld an den hohen Infektionsraten der vergangenen Wochen. Nicht die fehlerhaften Maßnahmen der Merkels, Spahns und Söders sind verantwortlich für das veritable Desaster, durch das Deutschland seit über 20 Monaten schliddert, sondern die über 30 Prozent der Bevölkerung, die nicht bereit sind, für die Pharmaindustrie das »Versuchskaninchen« zu machen, um den designierten Kanzler Olaf Scholz zu zitieren. Doch die Politiker sollten gewarnt sein. Tatsächlich handelt es sich bei der Studie um eine äußerst durchtriebene Form politisch motivierter Simulation von Wissenschaftlichkeit durch Expertisen sogenannter Experten. Denn die Studie zeigt so einiges – nur eben nicht, dass Ungeimpfte Pandemietreiber sind. Tatsächlich handelt es sich um ein Modell, mit dem die Forscher hantieren, als sei es ein Verkünder der Wahrheit. Und Modelle zeichnen sich durch zweierlei aus: Sie sind umso reizvoller, je mathematischer sie sich geben und sie sind in aller Regel umso anfälliger für Fehlkalkulationen, je dünner die Basis ist, auf der sie stehen. Sind die Autoren zusätzlich mit den Auftraggebern verbandelt oder verdienen sie sonstwie an ihrem Modell, darf ein aufmerksamer Zeitgenosse die Ergebnisse getrost mit Skepsis betrachten. Typisch sind hier Modelle aus der Finanzmathematik. Auch sie versprechen die Wahrheit, ja suggerieren, der Investor könne an der Börse sein mathematisches Wissen in klingende Münze verwandeln. Und je komplexer das Modell, um höher, so will es scheinen, die Chance, dass es klappt. Black-Scholes war so ein Modell. 1998 hätte es in den Trümmern der Long-Term Capital Management, LTCM, einem Vorboten der Finanzkrise von 2008, verschwinden müssen. Die statistischen Annahmen entsprachen nicht der Realität; wo Gauss und seine Glockenkurve sein sollte bestimmte in der Krise tatsächlich Cauchy den Weg des Geldes. Einige Hundert Millionen Dollar gingen dem Nobelpreisträger und Mit-Modellierer Myron Samuel Scholes bei Spekulationen verloren. Dumm gelaufen. Modelle sind eben Modelle. Nicht mehr und nicht weniger. Und das Modell, dass Dr. Brockmann in der aktuellen Studie zur Infektiösität von Ungeimpften und Geimpften präsentiert, ist eher weniger. Schon die Fragestellung lässt aufhorchen. »Wie viel,« fragen die Autoren der Studie, »trägt die ungeimpfte Bevölkerung zur Infektionsdynamik bei, obwohl sie in der Minderheit sind ?« Und weiter: »Könnte ein harter Lockdown allein für die Ungeimpften das Infektionsgeschehen zeitweise reduzieren und damit einen harten Lockdown für alle verhindern ?« Wissenschaftler, die diesen Adelstitel der Neuzeit verdienen, würden fragen: »Welchen Anteil haben Ungeimpfte und Geimpfte Impfgeschehen ?« Eine verzerrende, nur auf die Ungeimpften zielende Fragestellung, wie sie für Dr. Brockmann wohl kein Problem ist, wäre für ernsthafte Forscher schlicht ein Tabu. Denn die Einseitigkeit nährt bereits den Verdacht, hier wird nicht objektiv, sondern politisch geforscht: Der Anteil der Ungeimpften am Infektionsgeschehen soll festgestellt werden. Der Anteil durch die Geimpften ist eher sekundär. Dass dann auch der Anteil der Geimpften auftaucht, wirkt eher wie ein Feigenblatt und nicht wie Forschung. Jedenfalls spricht die Überschrift der Studie: »Die derzeitige COVID-19-Krise Deutschlands wird hauptsächlich von Ungeimpften angetrieben« Bände. Hier wird offenbar nicht mehr forschend gefragt, sondern forsch behauptet. Und eine Kernaussage lautet: «we estimate that unvaccinated individuals are involved in 8–9 out of 10 new infections.« – »Wir schätzen, dass Ungeimpfte an 8 bis 9 von 10 Infektionen beteiligt sind.« Vielleicht haben die Autoren der Studie ja selber in einem Anfall von schlechtem Gewissen ihre Zahlen nicht so hinschreiben wollen, wie sie sie hätten hinschreiben müssen – nämlich wie sonst durchgehend in dem Text der Studie als Prozentzahl. Hier wechseln sie plötzlich zu einem Anteil von 10. 80 bis 90 Prozent klang womöglich selbst ihnen grotesk hoch. Aber gesagt ist gesagt. Bemerkenswert ist, wie die Forscher um Dr. Brockmann zu ihren Werten gelangten. Dafür brauchten – missbrauchten ? – sie die Mathematik. Mit einer sogenannten Generationsmatrix leiten sie einen Wert her, den das RKI seit 20 Monaten wie eine heiße Kartoffel behandelt: Die Reproduktionszahl R. R – So heißt die Glaskugel, in der Epidemiologen meinen erkennen zu können, wie das Infektionsgeschehen tatsächlich aussieht. Die Definition der Zahl R ist einfach: Sie misst, wie viele Personen ein Infizierten während er infektiös ist, im Durchschnitt infiziert. Ihre Berechnung ist dagegen ein Glücksspiel. Denn R ist, anders als das RKI immer wieder suggeriert, das, was Statistiker eine Zufallsvariable nennen. Sie dient dazu, etwas zu beschreiben, was eben nicht vollkommen bekannt, sondern zufällig ist. Und während R sich tatsächlich aus vielen Faktoren ergibt, berechnen die Mannen des RKI sie lediglich aus den berüchtigten Sieben-Tage-Inzidenzen. Das machen die Forscher um Dr. Brockmann nicht. Sie ziehen eine Matrix hinzu, die im wesentlichen die Übertragung von Corona zwischen verschiedenen Teilpopulationen beschreibt. Gebraucht wird diese Matrix einmal, weil kaum ein Journalist oder Politiker weiter lesen wird als bis zu diesem Punkt und weil die Berechnung des tatsächlichen R selbst in der schon mathematisch verkürzten Fassung zu schwierig ist. Also wird noch einmal mathematisch verkürzt und geglättet. Das hyperkomplexe System des realen Alltags mit Millionen und Aber-Millionen Kontakten ganz unterschiedlicher Kontakte wird auf ein Handvoll Zahlen reduziert. Dürfen sie das ? Können die Forscher um Dr. Brockmann diese Vereinfachung machen und das verwickelte System der Infektionen mit einigen Linien beschreiben ? – Glaubt man der Studie, dann ist die Reduktion des hyperkomplexen Systems auf ein System mit einer Generationsmatrix bei der Corona-Pandemie möglich. Interessant ist die Begründung, die von den Forschern angeführt wird: »Wir nehmen im Folgenden an«, so die Autoren, »dass die Epidemie gut genug eingedämmt ist, so dass der Anteil der infizierten Individuen in einer Bevölkerungsgruppe immer viel geringer ist als die Menge der verbleibenden Anfälligen in dieser Bevölkerungsgruppe, was besagt, dass wir die obigen Gleichungen um den krankheitsfreien Zustand herum linearisieren können.« Für den Laien: Der Einfluss der Infizierten ist klein gegenüber der Gesamtzahl und daher mitteln sich Fehler heraus. Am interessantesten ist der erste Satz: »Wir nehmen im Folgenden an, dass die Epidemie gut genug eingedämmt ist«. Das Rechenmodell der Studie geht mit anderen Worten davon aus, dass die Pandemie eingedämmt ist! Da fragt man sich: Wozu der ganze Aufwand ? Warum die Panik ? [Teil 3 folgt]

Quelle

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