Die Schizophrenie der EU in Sachen Erdgas und „Green Deal“

Russland baut neue Pipelines nach China, was in der EU zu Besorgnis führt. Wenn die EU es mit der Energiewende so ernst meint, wie sie behauptet, warum macht sie sich nun plötzlich Sorgen um russische Gaslieferungen ab etwa 2030? von Anti-Spiegel 9. Januar 2022 02:03 Uhr 2019 wurde die Pipeline Power of Siberia in Betrieb genommen, die russisches Gas von Gasfeldern in Sibirien nach China pumpt. Da beide Seiten mit dem Projekt sehr zufrieden sind, wurde bereits der Bau von Power of Siberia-2 beschlossen, der 2024 beginnen soll. Das jedoch macht EU-Experten wegen der europäischen Energiesicherheit Sorgen, wobei man sich fragt, warum eigentlich? Die EU will doch aus dem Gas aussteigen und russisches Gas will sie ohnehin weniger importieren und setzt mehr und mehr auf Flüssiggas aus Übersee. Da das ein komplexes Thema ist, wollen wir es uns der Reihe nach anschauen.Die Politik der EU-KommissionDie offizielle Politik der EU-Kommission ist oft ziemlich unlogisch. Die letzte EU-Kommission hat den Gasmarkt neu reguliert, wobei die Ausrichtung der Änderungen klar gegen Gaslieferungen aus Russland gerichtet waren. Den meisten dürfte bekannt sein, dass dabei zum Beispiel festgelegt wurde, dass der Betreiber einer Pipeline nicht auch der Gasproduzent sein darf. Diese Regelung war eindeutig gegen Nord Stream 2 gerichtet und kann die fertiggebaute Pipeline theoretisch immer noch verhindern. Aber selbst wenn Nord Stream 2 nicht verhindert wird, so wird die Zulassung dank dieser Vorschrift massiv verzögert.Weitere damals eingeführte Reformen betrafen den Handel mit Gas. Da die europäischen Gasreserven schwinden und keine neuen Gasfelder in Europa mehr erschlossen werden, hat die EU-Kommission die Rahmenbedingungen geschaffen, um von langfristigen Lieferverträgen zum kurzfristigen Börsenhandel von Gas überzugehen. Langfristige Verträge sind für die Gasförderer wichtig, weil sie auf dieser Basis die hohen Kosten der Erschließung besser kalkulieren können.Da in Europa keine Gasfelder mehr erschlossen werden, war die EU-Kommission der Meinung, keine langfristigen Verträge mehr zu brauchen und stattdessen den Börsenhandel zuzulassen, weil – so die in Stein gemeißelte Philosophie im Westen – der Markt es am besten richten kann. Dass das ein Irrtum war, erleben wir gerade, denn die derzeit hohen Gaspreise sind eine direkte Folge der Reform und die hohen Gaspreise sind für die Gasimporteure eine gutes Geschäft, weil sie die (künstlich knapp gehaltene?) Ware zu den überhöhten Börsenpreisen gewinnbringender verkaufen können.Gleichzeitig spielen kurzfristige Verträge det US-Fracking-Industrie in die Hände, denn die Förderung von Frackinggas ist ein kurzfristiges Geschäft, weil jede erschlossene Frackinggas-Quelle – im Gegensatz zu klassischen Gasfeldern – nicht lange Gas liefert. Für eine Frackinggas-Fima ist es viel schwerer, eine langfristige Gaslieferung zu garantieren, weshalb denen kurzfristige Verträge und Börsenhandel in die Hände spielen.Die Gasreform der EU-Kommission spielte also Börsenspekulanten und der US-Fracking-Industrie in die Hände und richtete sich im Ergebnis gegen russisches Gas.Die neue EU-Kommissionschefin von der Leyen hat außerdem noch ihren „Green Deal“ verkündet, mit dem sie in zehn Jahren eine Billion Euro in die Energiewende und in die Abkehr fossiler Energieträger investieren will. Die EU-Kommission wiederholt außerdem Mantra-mäßig, man müsse sich unabhängiger vom russischen Gas mache. Da verwundert es, dass nun Stimmen laut werden, die wegen der neuen russischen Pipelines nach China um die europäische Energiesicherheit fürchten.Power of Siberia2019 wurde die Pipeline Power of Siberia nach vierjähriger Bauzeit in Betrieb genommen und weil Russland und China so zufrieden damit sind, wird bereits Power of Siberia-2 geplant. Baubeginn ist 2024, man kann also davon ausgehen, dass diese Pipeline nicht vor 2028 in Betrieb gehen wird. Sie hat also keinerlei kurzfristige Auswirkungen und bis dahin sollte die EU – wenn man den offiziellen Verkündungen der Klimapropheten glauben will – schon einen Riesenschritt weiter sein bei ihrem Umstieg auf erneuerbare Energiequellen.Russland hört die Klimarhetorik der EU auch und sieht jeden Tag, wie sich die EU gegen Russland wendet und auch Gaslieferungen aus Russland künstlich erschwert. Russland hat vor einigen Jahren das Gasfeld Jamal erschlossen, von dem aus Europa nun beliefert wird und von wo aus Russland auch Flüssiggas nach Asien exportiert.Da Russland sich darauf einstellen muss, dass die EU die Gasimporte aus Russland reduzieren und durch Flüssiggas aus den USA und alternative Energieträger ersetzen will, wird das Jamalgasfeld nun auch mit Power of Sibiria-2 verbunden und auch China wird in Zukunft von dort Gas beziehen. Das macht den Experten in der EU Sorgen, denn sie verlieren nun – dank ihrer anti-russischen Politik – ihre Rolle als führender Kunde des Jamalgasfeldes. Der Grund. Heute ist Russland bei dem Jamalgasfeld im Grunde von der EU abhängig, da die praktisch das gesamte Gas bekommt, das dort für den Export gefördert wird. Und wenn der Großkunde sich so offen gegen den Produzenten stellt, sucht der Produzent sich eben neue Kunden,Über diese Sorgen haben britische Zeitungen berichtet und das russische Fernsehen hat die Berichte kurz zusammengefasst. Ich habe den Artikel des russischen Fernsehens übersetzt. Beginn der Übersetzung:Der Wunsch Russlands und Chinas, die Gaslieferungen nach Asien zu erhöhen, ist in Europa und Großbritannien, wo man über das Schicksal über Nord Stream-2 streitet, fast unbemerkt geblieben, berichtet die britische Zeitung The Telegraph.Die Kapazität der Gaspipeline Power of Siberia-2 nach China wird 50 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr betragen, was mit der Kapazität von Nord Stream-2 vergleichbar ist.Der Westen ist sicher, dass Power of Siberia-2 die Kapazität Russlands, Gas auf den Weltmarkt zu liefern, erhöhen und die Energieunabhängigkeit Europas beeinträchtigen wird.Das nach China gelieferte Gas stammt aus Feldern in Ostsibirien, aber Power of Siberia-2 wird an Gasfelder in Jamal angeschlossen, von wo aus auch Europa mit Gas versorgt wird. All dies wirft Fragen zu den Gaslieferungen in die EU auf.Russland verfügt über genügend Ressourcen, um die Nachfrage auf den europäischen und asiatischen Märkten zu befriedigen, könnte aber einem Käufer den Vorzug geben, der das Gas zu einem höheren Preis kauft, glauben westliche Experten.Im Gegensatz zu Europa kauft China Gas hauptsächlich im Rahmen langfristiger Verträge, die an den Ölpreis gebunden sind.In diesem Zusammenhang fordern die Experten Brüssel auf, die „richtigen Vereinbarungen“ über die Gaslieferungen abzuschließen, damit keinen Gasmangel zu erleben, wie in diesem Winter geschehen.Power of Siberia-2 führt von Gasfeldern in Sibirien in die autonome Region Xinjiang-Uighur im Westen Chinas. Der Bau der Pipeline wird 2024 beginnen.Ende der ÜbersetzungWenn man so etwas liest, dann fragt man sich, ob die Politiker in Europa sich selbst eigentlich ernst nehmen. Sollten sie russisches Gas wirklich nicht wollen, kann es ihnen doch egal sein, wohin Russland Pipelines baut. Gemäß den offiziell verkündeten Plänen braucht die EU bis 2030 angeblich viel weniger Gas. Oder weiß man in Brüssel, dass diese Pläne, die man großspurig vor der Presse verkündet, in Wahrheit Produkte der Fantasie sind?Und dass Russland sein Gas dahin verkauft, wo mehr bezahlt wird, ist auch Unsinn, denn Russland hat mit den Staaten der EU früher die gleichen Verträge abgeschlossen, wie jetzt mit China. Die Verträge waren langfristig und die Preise stabil, weil sie an den mittleren Ölpreis über einen bestimmten Zeitraum gebunden waren, der nicht über längere Zeiträume nicht so stark schwankt, wie die nervösen Börsenpreise. Diese Verträge bietet Russland der EU auch weiterhin an, allerdings ist die EU-Kommission nun gegen langfristige Verträge. Aber was kann Russland dafür?Die Gründe für die Energiekrise in EuropaÜber die Gründe für die Energiekrise in Europa habe ich oft berichtet, daher fasse ich sie hier der Vollständigkeit halber nur noch einmal kurz zusammen.Erstens: Der letzte Winter war kalt, weshalb viel Gas verbraucht wurde. Pipelines und Tanker reichen nicht aus, um im Winter genug Gas nach Europa zu bringen, weshalb die Gasspeicher normalerweise im Sommer aufgefüllt werden. Das ist in diesem Jahr ausgeblieben und während die Gasspeicher normalerweise zu Beginn der Heizsaison zu fast 100 Prozent gefüllt sind, waren es in diesem Jahr nur knapp 75 Prozent.Zweitens: Die Energiewende hat zu einem zu großen Anteil von Windenergie am Strommix geführt. Da der letzte Sommer aber außergewöhnlich windstill war, fehlte die Windkraft und es wurde unter anderem Gas zur Stromerzeugung genutzt, das eigentlich in die Speicher hätte geleitet werden müssen.Drittens: Der Wunsch vieler europäischer Politiker, russisches Gas durch vor allem amerikanisches Flüssiggas zu ersetzen, hat dazu geführt, dass in Europa nun Gas fehlt. Der Grund: In Asien sind die Gaspreise noch höher als in Europa und die fest eingeplanten amerikanischen Tanker fahren nach Asien, anstatt nach Europa.Viertens: Die Reform des Gasmarktes der letzten EU-Kommission hat den Handel mit Gas an den Börsen freigegeben. Dadurch wurde Gas zu einem Spekulationsobjekt. Während Gazprom sein Gas gemäß langfristiger Verträge für 230 bis 300 Dollar nach Europa liefert, ist es für die Importeure ein gutes Geschäft, das Gas an der Börse für 1.000 Euro weiterzuverkaufen und diese Spekulationsgewinne in Höhe von mehreren hundert Prozent in die eigene Tasche zu stecken.Warum Gazprom trotzdem langfristige Verträge möchte? Die Antwort ist einfach, denn das war auch in Europa so, als in Europa noch Gasfelder erschlossen wurden. Der Produzent von Gas muss Milliardeninvestitionen planen und das geht nur, wenn er weiß, wie viel Gas er langfristig zu welchem Preis verkaufen kann. Daher möchte ein Gasproduzent langfristige Verträge, auch wenn der Preis zeitweise möglicherweise viel niedriger ist als der, den er an der Börse erzielen könnte.Auch für den Kunden ist es von Vorteil, wenn er die Gaspreise und die Gasmengen im Voraus planen kann, denn was passiert, wenn man sich auf kurzfristige Verträge einlässt, erleben wir gerade in Europa. Dass die EU-Kommission sich trotzdem für kurzfristige Verträge und Börsenhandel von Gas einsetzt, ist entweder Inkompetenz, oder der Wunsch europäischen Konzernen die lukrative Börsenspekulation mit Gas auf Kosten der Verbraucher zu ermöglichen, oder die politische Abhängigkeit von den USA, die auf kurzfristige Verträge setzen, weil ihrer schnelllebigen Frackingindustrie schnelle Gewinne wichtiger sind als langfristige Planungssicherheit.In meinem Buch „Abhängig beschäftigt – Wie Deutschlands führende Politiker im Interesse der wirklich Mächtigen handeln“ habe ich mich sehr intensiv mit weiteren Themen rund um die komplexen Zusammenhänge der gesteuertern Politik im Westen und deren brisanten Verstrickungen mit einer ganzen Reihe von Organisationen beschäftigt und dabei einiges zu Tage gefördert.

Das Buch ist aktuell in diesem Monat erschienen und ausschließlich hier direkt über den J.K. Fischer Verlag bestellbar.

Ein Kommentar zu “Die Schizophrenie der EU in Sachen Erdgas und „Green Deal“

  1. Staatliche Unternehmen (Wie Bahnverkehr, Wasser, Energie etc.) zu privatisieren oder an der Börse zuzulassen haben beide das gleiche Ziel, das inzwischen allgemein bekannt sein SOLLTE.

    Für die wenigen die es nicht verstehen nur EIN Stichwort, alle sich daraus ableitenden Möglichkeiten muss ein jeder SELBSTTÄTIG eruieren: Umverteilung

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: