Winter des Missvergnügens

Von Roger Letsch – 24. Januar 2022

In Großbritannien ist es also vorbei. Keine Mandate mehr, nicht für Impfnachweise und nicht für Maske, nicht für Abstand, Füllstand oder Krankenstand. Anders zumindest an einigen Orten auf dem Kontinent: Österreich zieht die Zügel sogar noch weiter an und verhängt eine Impfpflicht, der man sich jedoch durch Tributzahlungen entziehen kann. Wer er sich also leisten kann, die etwas mehr als eine Handvoll Euronen zu zahlen, darf weiter in dem Glauben leben, es gäbe ja immerhin noch eine Wahl und solange dies so sei, könne man nicht von Zwang sprechen. An dieser Stelle dürfen wir uns einen eifrig nickenden Karl Lauterbach vorstellen, denn er sieht das ja ähnlich und möchte die Pflicht nur, um die Freiwilligkeit zu fördern. Das Tauwetter der Vernunft, das eigentlich eine überfällige Kapitulation von dem Faktischen ist, bleibt in Wiener und Berliner Luft leider aus. Und mögen um uns herum sich auch die Medien für ihre Lügen entschuldigen (Dänemark), der Status des „genesen seins“ aufgewertet werden (Schweiz) oder die Briten sich im Pub in den Armen liegen dürfen, so ist das für deutsche Gründlichkeit noch lange kein Grund, die gerade mit viel Trickserei und Lügen aufgerichteten Prinzipien und Grundsätze in Frage zu stellen!

In der Tat hat die deutsche Politik auf ihrem Feldherrenhügel ein Problem, von dem sie weiß. Um sich versammelt das murrende Volk, das nur zu etwa einem Drittel aus Begeisterten besteht. Ein weiteres Drittel besteht aus Konskribierten und Erpressten, über deren Loyalität man sich keine Illusionen macht. Das letzte Drittel steht in offener Revolte und trägt die Maßnahmen gegen den unsichtbaren Feind nicht länger mit, weil der längst widerstandslos durch die Reihen flutet und treue Anhänger genauso infiziert wie Dissidenten. Was also tun, kleiner Feldherr Lauterbach? Alles in diese eine letzte Schlacht werfen? Rückzug? Kapitulation?

Nichts anderes als eine Bedrohung ist die Entscheidung der Briten, alle Maßnahmen aufzuheben und die Omikronwelle – die in Großbritannien längst wieder abklingt und wie erwartet mild und ohne steigende Hospitalisierungen und Todesrate verlaufen ist – ohne staatliche Willkür durchlaufen zu lassen. Statt auf autoritäre Wissensanmaßung und wildes Herumregieren setzt man wieder auf Eigenverantwortung. Finally! Ob der britische Sinneswandel nun einer tieferen Einsicht oder der Tatsache entsprang, dass sich Johnson innenpolitisch freischwimmen musste oder weil den Briten einfach die Ressourcen ausgehen, mögen Historiker beurteilen. Entscheidend ist, dass der Sinn sich wandelte. Oder besser gesagt: in die Politik zurückkehrte.

Sicher, auf der Insel werden weiter Menschen sterben, manche auch im Zusammenhang mit Corona. Doch das Virus ist jetzt nur noch eine Bedrohung unter vielen und die Erkenntnis setzt sich langsam durch, dass man nur vom Sterben sprechen kann, wenn man vorher tatsächlich gelebt hat. Man wollte und konnte nicht darauf warten, bis es wie für lebenslang Eingekerkerte nur noch als Erlösung empfunden würde.

Man muss in Gedanken durchspielen was geschähe, wenn in Deutschland und Österreich die Kanzler vor die Parlamente träten und es Boris Johnson gleichtäten. Wie wären die Reaktionen? Kommen wir auf unsere Dreiteilung aus dem Schlachtengemälde vom Anfang des Textes zurück. Das eine Drittel trug alle Maßnahmen leicht und schnell mit. Egal ob Maskenpflicht, Ausgangsbeschränkungen oder Impfklassenkampf. Darunter sind sicher viele, die wirklich felsenfest davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Andere wiederum haben sich nie die Frage gestellt, warum sie das alles mittragen, wieder andere denken prinzipiell nicht viel über Anweisungen nach, die sie bekommen. Mit diesem Drittel kann die Politik bei jeder Volte rechnen.

Das renitente zweite Drittel ist für die Einflüsterungen, Drohungen und Mahnungen verloren, weil die Politik dort jeden Kredit verspielt hat, den sie einst vielleicht hatte. Selbst wenn der Repressionsapparat des Staates auf dem Absatz kehrt und „den Söder machen“ würde, wäre das verlorene Vertrauen nicht wiederhergestellt. Es müssten schon eine Menge Politikerkarrieren enden, um hier zumindest mittelfristig Abhilfe zu schaffen.

In das letzte Drittel kommt man nicht freiwillig wie in das erste und auch nicht durch schlechte Erfahrung wie ins zweite. Die äußeren und inneren Zwänge sind es, die sich oft wie ein Tritt ins Knie anfühlten. Man hatte dem Zwang nachgegeben, sich vielleicht selbst überwinden müssen, und dann die alten, weggenommenen Grundrechte in Form von Privilegien zurückerhalten. Gewissermaßen als Belohnung und Lehen und Vorschuss für Loyalität. Der Kniefall sitzt vielen tief im Stolz, aber das Adelsprädikat erleichtert das Leben und sagt „du hast alles richtig gemacht“. Wie anders kann man beispielsweise die „Sofortwirkung“ einer „Boosterung“ erklären, die entgegen aller bisherigen Covidimpfgepflogenheiten augenblicklich Zugang verschafft, wo andere sich umständlichen Tests unterziehen oder zwei Wochen warten müssen? Je länger dieser Krieg gegen die Vernunft und das Recht andauert, desto unverstellter tritt der Charakter der verliehenen Privilegien zu Tage, mit denen man jene mit den beschmutzen Knien bei Laune halten muss, damit sie nicht zu den renitenten Totalverweigerern überlaufen.

Erschütterung der Privilegien

Tief in uns drin lieben wir all unsere Privilegien und neiden sie anderen. Natürlich würden wir das nie zugeben! Viel lieber betrachten wir sie als legale Beute oder unser gutes Recht, das einem Verdienst entspringt. Ein Lehen für treue Dienste, Zutritt dank Booster. Und tut es nicht gut, zu den Privilegierten des ersten oder dritten Drittels zu gehören? Welcher Adrenalinstoß, welche Freude, Wildfremden mit Worten die Maske zurechtzuzupfen, den Impfstatus zu prüfen, Abstand zu fordern, von Reisen zu berichten oder Zugang zu Restaurant und Fitnessstudio zu haben! Welche Wonne Autorität für manchen sein kann, der sonst nie über welche verfügt hat! Diese Autorität ist der unsichtbare, nicht verliehene aber sehr praktische Teil der Privilegien.

Man stelle sich die Erschütterungen in Deutschland vor, sollte die Vernunft auch hier wieder Einzug halten. Das renitente Drittel finge man mit der Aufhebung der Maßnahmen nicht wieder ein, denn dort ist das Vertrauen in die Politik als Ganzes so gründlich zerstört, dass es Jahre dauern wird, dies wieder aufzubauen. Die zwei anderen Drittel würden jedoch sehr um ihre neuen Privilegien trauern, die nun wieder allen als Grundrecht gehören würden. Das erste Drittel ließe sich wie stets einfangen, doch wäre die Wut in der dritten Gruppe groß, freiwillig die Zustimmung zu etwas gegeben zu haben, was andere erfolgreich verweigerten und diese Wut muss irgendwo hin.

Auftritt Wüst

Am 23.1.2022 erfuhren die Zuschauer von „Anne Will“ dann auch, was man mit der angedrohten Einführung der Impfpflicht wirklich bezwecke. Hendrik Wüst, der Ministerpräsident von NRW, macht die Drohung zum Geschenk an die erwähnten zwei „braven Drittel“, an jene also, die alles mitgemacht, jede Anweisung befolgt und jeden Abstand eingehalten haben. An sie speziell richte sich die Impfpflicht, und zwar mit dem Hinweis, „ihr seid raus, jetzt knöpfen wir uns endlich mal die anderen vor“ (ab Minute 27) – und ihr, so darf man den Subtext verstehen, dürft dabei zusehen!

Es ist offensichtlich der Versuch der Verzögerung einer überfälligen Abrechnung mit mehr als zwei Jahren verfehlter und gescheiterter Politik. Auf Teufel komm raus muss man die zwei Drittel bei Laune halten, und sei es durch Zirkusveranstaltungen und medial eingefädelten Züchtigungen Einzelner zum Zwecke der „Freiheit der Allgemeinheit“ (Eine Wortschöpfung Wüsts von geradezu inquisitorischer Wollust.)

Quelle

Ein Kommentar zu “Winter des Missvergnügens

  1. Lauterbachs Aussage, dass die Impfpflicht zum Schluss dazu führt, sich freiwillig impfen zu lassen, hat doch das Bundesgesundheitsministerium ggü BILD erklärt.
    Die Aussage von ihm war gar nicht auf das impfen bezogen, sondern auf die Wahl des Arztes: „Wo der Patient sich impfen lässt, entscheidet er“
    So geil, das BMG quasi als Trümmerfrau, was hinter der Katastrophe Lauterbach aufräumen muss 🙂
    Aber laut einer INSA Umfrage für die Bild ist der Klapskalli der beliebteste Politiker. Da stelle ich mir die Frage, ob es das Stockholm Syndrom ist, die Umfrage gefälscht ist oder ob meine Mitmenschen doch wesentlich verblödeter sind als ich dachte!!

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