Beben in der Energiewelt

Im neuen TE-Podcast spricht Holger Douglas mit Prof. Fritz Vahrenholt über grüne Energiepolitik und über Verwerfungen auf dem Gasmarkt durch Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine.

Die Energiepreise steigen weiter dramatisch an. Benzin, Diesel und Erdgas sind so teuer wie nie. Ein Ende ist nicht in Sicht. Dies ist einmal politisch gewollt, Deutschland soll weg von den angeblich so schädlichen Energieträgern Kohle, Gas und Öl. Doch mit unregelmäßig liefernden Windrädern und Photozellen kann ein Industrieland nicht mit Energie versorgt werden. Zum anderen treiben der verstärkte Bedarf der energiehungrigen Welt sowie der Angriff Russlands auf die Ukraine die Preise.

Auf die sehr engen und bedrohlichen Verflechtungen der deutschen Energieversorgung mit Russland macht jetzt Professor Fritz Vahrenholt, ehemaliger Umweltsenator von Hamburg und Energieexperte, Mitautor und Betreiber der Webseite Kaltesonne.de, aufmerksam. Denn Deutschland ist nach China der zweitgrößte Importeur von Erdgas in der Welt: eine dramatische Abhängigkeit von nur einem Energieträger, dessen Hauptlieferant derzeit Russland ist. Würde der Gasimport plötzlich gestoppt, hätten wir noch Gasvorräte bis Mai – bei einem starken Wintereinbruch nur noch vier Wochen.

TE: Die Energiewelt ist in heftige Beben geraten. Jetzt redet Amerika sogar mit dem Teufel, mit Iran, über Öllieferungen.

Fritz Vahrenholt: Als erstes ist die fertiggestellte Nordstream 2-Gaspipeline durch den Bundeskanzler gestoppt worden. Da wird auch von Sigmar Gabriel und anderen behauptet: Das brauchen wir gar nicht, das tut uns nicht weh. Vergessen wird aber, dass diese Gaspipeline die tragende Säule der deutschen Energiewende war. Denn nach dem Doppelausstieg aus Kohle und Kernenergie war klar, dass die gesicherte Leistung der konventionellen Kraftwerke nur durch einen erheblichen Import von Erdgas sichergestellt werden könnte.

Das steht auch im Koalitionsvertrag: Wir brauchen 30 bis 50 Gaskraftwerke, wenn wir aus Kohle und Kernenergie aussteigen. Und diese zusätzliche Gasmenge ist erst mal weg. Es zeigt uns auch die Situation, wie abhängig wir eigentlich von Russland geworden sind. Man stellt sich doch die Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass Russland aber auch überall in Deutschland die Finger im Spiel hat, wenn es um die Energieversorgung geht?

Deutschland ist ja nicht nur abhängig von russischer Energie, von Erdgaslieferungen über die Pipeline durch die Ukraine, sondern russische Unternehmen stecken ja auch in sehr vielen Betrieben der Energieversorgung Deutschlands. So gehören die drei größten Gasspeicher russischen Betrieben. Russische Betriebe sind beteiligt an Gasleitungsnetz-Betreibern. Was bedeuten denn diese gigantischen Abhängigkeiten?

Ja, man fasst sich wirklich an den Kopf. Wie konnte es dazu kommen, dass die Energiepolitik in Deutschland einfach weggeschaut hat, als sich Rosneft an drei Raffinerien beteiligte? Übrigens die Raffinerie Schwedt gehört zu 55 Prozent Rosneft. Das heißt, wenn Putin mal den Spieß umdreht und sagt‚ jetzt liefere ich durch meine Freundschaftspipeline »Druschba« kein Öl mehr, dann haben wir in Berlin keinen Sprit mehr und auch kein Heizöl.

Also diese Frage, die sich stellt, ist nur so zu beantworten: Man hat es nicht für nötig befunden. Man hat ja auf Sonne und Wind gesetzt, und deswegen kümmerte man sich nicht darum, wie Russland nicht nur Raffinerien in Deutschland aufgekauft hat, sondern auch die drei größten Speicher in Deutschland gehören Russland über die Win-Gas. Und es geht noch weiter: An den Pipelines, die uns mit Gas versorgen, ist Russland beteiligt. Das heißt also, uns ist noch nicht wirklich klar, in welcher Weise wir abhängig sind. Und da ist so die Aussage – „Wir brauchen das russische Gas nicht“ – doch nicht mehr als das Pfeifen im Walde. Deutschland ist durch seine Energiepolitik, durch den Doppelausstieg aus Kernenergie und Braunkohle, in einer Weise vom Erdgas abhängig wie kein anderes Land der Welt.

Deutschland ist der zweitgrößte Erdgasimporteur nach China. Es sind nicht nur die Haushalte, es sind unsere Industrie und das Gewerbe, das dieses Erdgas einsetzt: für die Metallverarbeitung, für die Glaserzeugung, für die Kunststoffverarbeitung. Das heißt, die Aussage „wir kommen auch ohne die Russen klar“ kann man nur als wirklich absolute Verharmlosung darstellen.

Es gibt die Planung für den Fall, dass es einen Erdgasimportstopp gibt. Dann, so heißt es so schön in dem Papier der Bundesregierung, das an die Europäische Kommission gesandt worden ist, werden nur die geschützten Verbraucher beliefert. Das sind Haushalte und Fernwärme. Das bedeutet, dass die gesamte Industrie auf Null gestellt wird? Das kann man doch nicht im Ernst glauben. Das heißt, es wird am Ende in einem solchen Fall – und das wagt niemand auszusprechen – doch Folgendes passieren: Bei einer Gasknappheit wird man dort, wo Gas unverzichtbar ist, zur Erzeugung von Wärmebädern zur Metallverarbeitung zum Beispiel oder in der Glaserzeugung, nicht darauf verzichten können, aber in der Stromerzeugung. Das Nächste, das passieren wird, ist: Wir werden die Braunkohle wieder aktivieren, denn nur so wird man den Erdgasanteil in der Stromerzeugung zurückdrängen können, damit wenigstens die Häuser und die industriellen Prozesse mit Gas versorgt werden.

Das einzige, was uns bleibt, ist Frackinggas aus USA. Aber auch hier gibt es Engpässe und Flaschenhälse. Wir haben es selbst nicht für nötig gehalten – wurde von den Grünen ja auch bekämpft -, LNG-Terminals an der deutschen Nordseeküste zu bauen.

Und bis die gebaut sind, würde ich mal sagen – das dauert fünf Jahre. Dann haben wir natürlich die Möglichkeit, über Zeebrücke und Rotterdam zu importieren, denn die haben LNG-Terminals. Swinemünde in Polen übrigens auch. Aber glaubt jemand im Ernst, wenn Erdgas knapp wird, wenn von Osten nichts mehr kommt, dass uns die Holländer, die im Augenblick das Problem haben, dass das Erdgasfeld in Groningen in diesem Jahr stillgelegt wird, dass die uns etwas abgeben von ihrem Zeebrücke-Gas? Ganz davon abgesehen, dass die Pipelines nicht annähernd in der Lage sind, dann Deutschland, Tschechien und die Slowakei zu versorgen. Das heißt also, die Frage, die sich stellt, ist eine teilweise auch selbst gemachte Situation, in der wir uns befinden, wir sind erpressbar.

Wir haben es ja auch nicht für nötig gehalten, mal nach Erdgas in Deutschland zu suchen. Wir wollten das nicht. Wir wollten kein Fracking in Deutschland machen. Wenn Sie unter der Nordsee oder unter Niedersachsen Fracking betreiben würden, hätten wir auf die nächsten Jahrzehnte keine Importnotwendigkeit aus Russland. Aber das wollten wir nicht. Nein, das ist verboten in Deutschland. Aber wir nehmen gern amerikanisches Frackinggas.

Wir sind auch nicht in der Lage gewesen, die Alternative, die so auf der Hand läge, anstatt Gas in Kraftwerken zu verbrennen – dafür ist es viel zu schade -, Braunkohlekraftwerke mit CO2-Abscheidung zu versehen, und das CO2 in den Tiefen der Nordsee und des Nordseeuntergrundes oder in Ablagerungsstätten zu verpressen.

Aber das wird wieder kommen, ich glaube, wir werden vieles ganz neu denken. Und für mich ist eigentlich ziemlich klar: Die drei Kernkraftwerke, die am Ende dieses Jahres auch noch vom Netz gehen – immerhin mit 30 Terawattstunden, das wäre dann so noch mal 1/5 von Nordstream 2, was wir an Gas allein für den Ersatz dieser Kernkraftwerke brauchen –, das wird man sich sehr gut überlegen müssen. Wir können nur hoffen, dass sich dieser schlimme Konflikt in der Ukraine entspannt, damit wir Zeit gewinnen, um die Fehler der letzten zehn Jahre der Ära Merkel, die uns in eine fürchterliche Abhängigkeit von Russland gebracht hat, zu korrigieren.

Ein Großteil des Erdgases fließt jetzt durch die Leitungen durch die Ukraine. Jetzt muss Putin eigentlich nur einem seiner Separatistentrupps einen dezenten Hinweis geben, doch was an dieser Pipeline zu tun, durch die unser Gas fließt, und wenn diese Leitung dann aufgrund von höherer Gewalt kein Gas mehr liefern kann, dann hätte Putin eigentlich sein Ziel erreicht: Nord Stream 2 müsste geöffnet werden.

Das ist tatsächlich eine strategische Variante. Alle Leitungen gehen durch den Osten der Ukraine und werden dann im Westen der Ukraine an die Europäische Union übergeben. Sie haben mehrere Stränge, und die meisten Stränge gehen durch Luhansk. Und in der Tat, man kann nur hoffen, dass da nicht jemand an dieser Pipeline rumfummelt. Dann stehen wir nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa ziemlich dunkel da. Deswegen ist schon interessant, dass der italienische Ministerpräsident gesagt hat, man muss dafür sorgen, dass das Thema ‚Erdgasimport‘ nicht in den Kreis der Sanktionen gerät. Denn Italien ist in einer Weise von den ukrainischen Pipelines und den südlichen Pipelines abhängig wie kaum ein zweiter.

Die haben sich weder für Kernenergie noch Kohle, aber eben sehr stark für den Kernenergieimport aus Frankreich und Gasimport aus Russland entschieden. Insofern ist das eine tickende Zeitbombe und man kann nur hoffen, dass diese Auseinandersetzungen sehr schnell in diplomatische Kanäle geraten, dass diese Eskalation nicht stattfindet.

Welche Folgen könnte es schlimmstenfalls bedeuten, dass sich russische Firmen so intensiv in die deutsche Energieversorgung eingekauft haben und so viel bestimmen?

Es bedeutet jetzt schon, dass der Einkauf gesteuert wird von den Firmen, die die Erdgaslager betreiben. Die haben gute Gründe gehabt, in den letzten Monaten nicht zu kaufen, weil der Gaspreis sehr hoch war. Aber die Lager sind sehr leer, und jeden Tag geht ein Prozent weg. Wir haben jetzt noch einen Füllstand, der – wenn es nicht kalt wird – bis Mai ausreichen wird, wenn es richtig kalt wird im März. Hoffentlich bekommen wir keine Wetter-Abkühlung in den nächsten vier Wochen. Dann reicht das, was wir dort zur Verfügung haben, noch mal gerade bis Ende März. So eng auf Kante ist das genäht.

Dann haben wir ja die Windenergie und die Solarenergie. Das ist natürlich absolut dummes Zeug. Wir wissen sehr genau, ohne Erdgas wird eine fluktuierende Energieversorgung durch Wind und Sonne nicht funktionieren, und wer glaubt, dass er das alles mit Wasserstoff machen kann, dann kann man nur sagen: Okay, ja, das kann man technisch. Aber der Preis wird sich dann auch vervielfachen. Deswegen müssen alle Dinge neu gedacht werden.

Die Sicherung unseres Lebensstandards, unserer wirtschaftlichen Entwicklung hängt an einem seidenen Faden.

Jetzt wird ja gesagt, ein Gasembargo würde Russland empfindlich treffen. Doch die Welt hat einen unersättlichen Energiehunger. Würde denn ein Export- oder auch ein Importstopp von Gas Russland treffen? Oder hätte es überhaupt keine Schwierigkeiten, seine Gasmengen woanders zu verkaufen?

Russland ist auch abhängig von uns, völlig klar, weil das Beliefern der Chinesen mit dem Gas, das für Europa vorgesehen ist, geht eben nicht mal eben mit einem Fingerschnippen. Die westlichen Gasfelder beliefern Europa, die östlichen gehen heute schon nach China durch Pipelines. Natürlich kann man eine Pipeline auch von den westlichen Gasfeldern nach China bauen. Das macht es ein bisschen teurer. Der Weg ist länger, aber das muss auch erst mal gebaut werden. Das ist von der Kapazität her durch das Pipelinesystem nicht möglich. Da schneidet sich dann Russland tatsächlich auch ins eigene Fleisch. Deswegen haben sie es auch bis jetzt noch nicht gemacht.

Katar liefert vor allem LNG, also das tiefgekühlte Erdgas, nach Asien, hat dort langfristige Lieferverträge, baut seine eigenen Produktionsstätten gerade mit Milliardenbeträgen weiter aus. Doch vor 2025 kann auf keinen Fall mehr LNG geliefert werden. Und jetzt finden sogar Gespräche statt zwischen Amerika und dem Iran über eine Aufhebung des Ölembargos gegenüber Iran. Amerika spricht also mit dem leibhaftigen Teufel, um an Öl zu kommen.

Ja, das ist unglaublich. Man ist tatsächlich bereit, sozusagen die Sicherheit Israels aufzugeben, indem man mit dem Iran einen faulen Deal macht, indem man sagt: Wir nehmen euer Gas und Öl. Iran ist der einzige Player, der noch wirklich als Swingplayer infrage kommt, der noch liefern könnte. Alle anderen sind am Anschlag.

Und warum? Weil grüne Investoren und grüne Politik in Europa dazu geführt haben, dass westliche Ölgesellschaften nicht mehr exploriert haben. Die Investitionen für neue Ölfelder und neue Gasfelder sind in Europa auf 1/3 zurückgegangen. Das hat Folgen für den Gas- und den Ölpreis. Das ist auch völlig klar. Und wenn man jetzt sagt, dann ist die einzige Möglichkeit Iran, dann habe ich für eine solche Politik überhaupt kein Verständnis. Mit diesem Regime den Ausgang aus dieser Krise zu suchen, das halte ich für verantwortungslos.

Dass nicht mehr in die Prospektion neuer Öl- und Gasvorkommen investiert wird, also nicht mehr investiert wird in die Zukunft der Energieversorgung, hat wesentlich mit dieser neuen Taxonomie-Verordnung zu tun. Mit der sollen ja Finanzströme in ethisch und moralisch einwandfreie Investitionen umgeleitet werden. Dies hat aber fatale Folgen für unsere Energieversorgung.

Die Taxonomie-Verordnung ist sozusagen der Schlussstein der ganzen Entwicklung. Die Entwicklung ist jetzt schon seit fünf, sechs Jahren im Gang. Dass aktivistische Investoren in den börsennotierten Gesellschaften Regeln aufgestellt haben, nennt sich ESG. Man will besonders nachhaltig sein, und deswegen sind Öl und Gas ja ganz schrecklich. Deswegen sollten solche Gesellschaften wie Shell und BP doch bitte keine neuen Ölfelder mehr entwickeln, keine Gasfelder entwickeln und dann lieber Offshore Windstrom machen und Solarfelder.

Was passiert jetzt? Shell investiert in kein neues Öl- und kein neues Gasfeld mehr. Man muss auch umgekehrt sagen: Auch die Regierungen haben es mit verbockt. Die britische Regierung hat die Genehmigung von Gasfeldern gegenüber Shell zurückgezogen. Die Amerikaner machen das teilweise auch, und deswegen ist das ein Prozess, der schon länger andauert und der eine Ursache dieser Gaspreisexplosion ist.

Auf die stärkere Nachfrage aufgrund der Erholung aus der Coronakrise waren die Gasmärkte nicht mehr in der Lage sozusagen zu reagieren und die Lieferungen auszuweiten, weil es eben nichts mehr gab, was man zusätzlich exploriert hat. Das gilt allerdings nicht für die Staatsgesellschaften Russlands und in China, und nicht für die Emirate und Aramco.

Die arabischen Ölgesellschaften sind die einzigen, die noch neue Felder explorieren, und man muss sehen, die Entwicklung der Menschheit mit demnächst vielleicht zehn Milliarden Menschen wird in seinem Energiehunger nach wie vor durch Öl, Gas und Kohle befriedigt werden müssen. Und deswegen wird diese Nachfrage weiter steigen, egal was wir hier tun.

Das bedeutet, diese Knappheit führt dazu, dass der Preis steigt und dass wir abhängig in der Energieversorgung von wenigen großen Ländern sind: China, Russland und den arabischen Ländern, die die Hand über die Energievorkommen der Zukunft haben.

Ja, so ist es!

Hören Sie das ausführliche Gespräch im TE-Podcast.


Quelle

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