„Keine Tabus mehr“ – Können die Kernkraftwerke in Deutschland weiterbetrieben werden?

Von Manfred Haferburg

Mo, 28. Februar 2022

Wirtschaftsminister Robert Habeck kennt keine Tabus mehr: Neben dem Ausstieg aus dem Kohleausstieg gäbe es auch hinsichtlich der Kernenergie „keine Tabus mehr“, sagt er. Aber wie realistisch ist der Weiterbetrieb der verbliebenen drei Kernreaktoren?

MAGO / flight-pictures

Fangen wir die Diskussion mit einer Binse an: „Nichts ist unmöglich.“ Was natürlich nicht stimmt. Zum Beispiel setzt sich nun auch bei den verbissensten Energiewendern die Erkenntnis durch, dass der gleichzeitige Kernenergie- und Kohleausstieg Deutschland in ein unlösbares Dilemma geführt hat. Ein Dilemma ist eine Situation, in der alles, was man noch tun kann, falsch ist. Die Energiewende ist, genauso wie die Parteiendemokratie, komplett FUBAR*. (Wer den Beitrag nicht zu Ende liest, wird nicht erfahren, was FUBAR heißt).

Das deutsche Energiewende-Dilemma besteht darin:

Schaltet man weiter funktionierende Kraftwerke ab, bekommt man es mit der Ökonomie und der Physik zu tun. Energie wird durch die Verknappung unbezahlbar und unstet, wie Sonne und Wind nun mal sind. So kann man kein hochentwickeltes Industrieland betreiben. Hört man auf mit dem Abschalten, klebt sich die eigene Klientel mit Sekundenkleber an der grünroten Gurgel fest und will würgen. Wer kann es der vermeintlich letzten Generation verdenken, dass sie den Unfug glaubt, der ihr von der Wiege an in die Birne gehämmert wurde?

Sendung 28.10.2021

Tichys Ausblick Talk: „Energiekrise spitzt sich zu – letzte Rettung Kernkraft?“ Doch Ökonomie und Physik lassen sich nicht langfristig verhohnepiepeln. Wer alles auf eine Karte setzt, ist ein Hasardeur und verliert das Spiel. Der Übergangsgas-Traum entwickelt sich gerade zum Putin-Trauma. Der erste Hauptsatz der Wärmelehre hat gehustet, und das Energiewende-Kartenhaus fällt zusammen. Unbelehrbar haben die Gesellschaftsklempner aller Hauptstrom-Parteien wertvolle, gut funktionierende Kraftwerke verschrottet, ohne dass der Ersatz in Sicht war. Jubelmelder der Hauptstrompresse, die meinen, die Kirchhoffschen Gesetze stammen aus der Strafprozessordnung, haben die Warnungen aller Fachleute als Klima-Blasphemie geschimpft und auf mietwissenschaftliche Schönrechner gehört. Nun kommt die Rechnung auf den Tisch, und das Geld der Anderen reicht nicht, um sie wie üblich zu begleichen.

Ich denke, dass Herr Habeck dies von ungefähr begriffen hat. Ich sehe ihm seine Seelenqual an, die ihn in dunklen Ahnungen beschleicht, wenn er sich lustlos windend Durchhalteparolen schwurbelt. Er ist nicht ganz so verkorkst, wie sein Gesundheitskollege, der ganz offensichtlich den Unsinn verinnerlicht hat, den er von sich gibt.

Jetzt ist sie am Dampfen, die Energiewende-Kacke. Putin lässt alle grünen Blütenträume wie Seifenblasen platzen. Viele Sanktionsschreier merken nicht einmal, dass sie sich selbst sanktionieren wollen. Den Alleswendern wird Angst und Bange vor der eigenen Courage.

Zeit zum Lesen

„Tichys Einblick“ – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen Aus ihren Löchern lugen nun plötzlich die etwas schlaueren Energiewender von vorgestern, die schon lange die Partei-Faust in ihrer Parlamentarier-Tasche geballt haben und säuseln – natürlich mit den nötigen Klima-Ergebenheitsbekundungen verbrämt – politisch korrekte Energiewendekorrekturvorschlagsoptionsideen in den tristen Ausstiegs-Blätterwald: „Man könne ja im Einklang mit der Europäischen Gemeinschaft erwägen…, und natürlich notgedrungen…, um Putin in die Schranken zu weisen…, und nur bis der umfassende Ausbau der Erneuerbaren vorangetrieben wurde…, die letzten drei Kernkraftwerke für eine Übergangszeit weiter laufen lassen…“

Dabei schauen die todesmutigen Energie-Rebellen ängstlich nach links, ob nicht irgendwo ein Dementi-Schützengraben oder Selbstkritik-Rückruder-Bunker Schutz vor dem nahenden Twitter-Gewitter bieten könnte. Es könnte ja jemand fragen: „Wo wart Ihr denn die letzten 10 Jahre?“ Zu spät, liebe Vielleichtirgendwiedochlängerlaufenlasser. Ihr habt ganze Arbeit geleistet. Der Fadenriss der Kernenergie ist in Deutschland schon lange eine Tatsache.

Ich versuche mal eine unvollständige Zehnjahresbilanz der deutschen Kernenergiepolitik:

Vor gut 10 Jahren hatte Deutschland eine Flotte von 17 großen Kernkraftwerken, die zuverlässig und billig – sie waren ja schon bezahlt – ein Viertel des deutschen Stroms produzierten. Heute gibt es noch die drei letzten der Mohikaner-KKWs, die aber zum Ende des Jahres aus politischen Gründen abgeschaltet werden.

Vor gut 10 Jahren kostete der Strom den deutschen Endkunden bei 25 Prozent Kernenergieanteil noch 22 Cent pro Kilowattstunde. Heute, bei 6 Prozent Kernenergieanteil kostet der Strom den Endkunden 36 Cent pro Kilowattstunde. In Frankreich kostet der Strom bei einem Kernenergieanteil von 70 Prozent ca. 20 Cent pro Kilowattstunde.

Vor gut 10 Jahren haben die meisten deutschen Kernkraftwerke viel Geld und noch mehr Mühe in Sicherheit investiert und als Belohnung von der Politik eine Laufzeitverlängerung erhalten. Diese Laufzeitverlängerungen wurden von Frau Merkel kassiert, und acht Anlagen wurden verfassungswidrig durch Entzug der Betriebsgenehmigung quasi-enteignet und abgeschaltet.

Vor gut 10 Jahren hielt ich Kernenergie-Vorlesungen vor Studenten an deutschen Bildungseinrichtungen, junge Leute, die eine berufliche Zukunft für sich in der Spitzentechnologie Kerntechnik sahen. Die Studienrichtungen wurden eingestellt und ich tummele mich jetzt im Ausland.

Vor gut 10 Jahren war Deutschland mit der Firma Siemens noch daran beteiligt, die besten und sichersten Kernkraftwerke der Welt zu projektieren und zu bauen. Heute hat Siemens einen Joe Kaeser und kann noch nicht einmal mehr wichtige Ersatzteile bauen.

Vor gut 10 Jahren erfand ein Team von deutschen Wissenschaftlern einen neuartigen sicheren Reaktor, der radioaktiven Abfall in Strom verwandeln kann, den Dual Fluid Reaktor. Das Projekt ist inzwischen nach Kanada ausgewandert.

Die Liste könnte beliebig verlängert werden. Der Fadenriss wurde von den Grünen initiiert, von den Hauptstromparteien initiativreich mitgetragen, von den Medien und Mietwissenschaftlern unterstützt, und heute haben wir den Salat. Die deutsche Kernenergie ist mausetot, die letzten drei Kraftwerke – so sicher und produktiv sie auch sein mögen – gehören in die Kategorie der Walking Dead.

Da ergibt sich die Frage: Können wenigstens diese letzten drei Kraftwerke gerettet werden?

Nichts ist unmöglich. Aber alles hat seinen Preis. Gibt es in Deutschland jemanden, der bereit ist, diesen Preis zu bezahlen? Bevor die Katastrophe eintritt, von der niemand genau weiß, wann das ist? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.

Als erstes müsste nämlich das deutsche Atomgesetz novelliert werden. Ab 1. Januar 2023 ist die gewerbliche Stromerzeugung aus Kernenergie in Deutschland verboten. Kann sich jemand vorstellen, dass sich Kanzler Scholz und Klimaminister Habeck zusammen mit Wirtschaftsminister Lindner vor die Mikrofone stellen und sagen: „Wir sind den Betrügern der Merkel-Regierung aufgesessen und haben fälschlicherweise den Ausstieg aus der grünen Technologie Kernenergie fortgesetzt. Dies hat unermesslichen volkswirtschaftlichen Schaden verursacht und uns von Despoten abhängig gemacht. Diesen Fehler werden wir jetzt korrigieren“? Würde es im grünrotschwarzgelben Bundestag eine Mehrheit dafür geben, wenn Hunderte Abgeordnete zugeben müssten, dass sie in den letzten 10 Jahren die dümmste Energiepolitik der Welt befürwortet und das Land in eine energiepolitische Sackgasse manövriert haben?

Als zweites müsste für die Eigentümer der Kraftwerke, die Energieversorger, Investitionssicherheit geschaffen werden. Ob die per Kanzlerinnenanruf kassierten Laufzeitverlängerungen, ob die mit fadenscheinigen juristischen Argumenten verweigerte Betriebsgenehmigung für die Gas-Ostseepipeline, ob die Stilllegung des fast neuen Kohlekraftwerks Moorburg – bezüglich der notwendigerweise langfristigen Investitionen in Energieprojekte ist Deutschland eine Bananenrepublik. Der Weiterbetrieb der Kernkraftwerke würde die Energieversorger erstmal erhebliche Investitionen in Nachrüstung, Personalplanung, Brennstoffeinkauf und jahrelange Genehmigungsverfahren kosten. Alle beteiligten Energieversorger haben schon dankend abgewunken, das Vertrauen in den Staat ist futsch.

Als drittes müssten neue Betriebsgenehmigungen für den Weiterbetrieb erteilt werden. Seit mehreren Jahren arbeiten die Führungen der Unternehmen mit den Behörden daran, die entsprechenden Genehmigungen für die Stilllegung und den darauf anschließenden Rückbau zu erteilen. Tausende Aktenordner sind mit Anträgen und Erteilungen mit Hunderttausenden Unterschriften und Stempeln gefüllt. Diese Dokumente sind alle rechtlich verbindlich und müssten rückabgewickelt werden. Dieser Prozess würde nach meiner Einschätzung drei Jahre dauern, in denen die Anlagen nicht betrieben werden könnten, aber mit Personal und technischem Aufwand unterhalten werden müssten. Wer soll das bezahlen?

Als viertes müsste dafür gesorgt werden, dass genügend qualifiziertes und lizensiertes Personal für den Weiterbetrieb zur Verfügung steht. Die Kernkraftwerke bereiten sich seit Jahren mit einer detaillierten Personalplanung auf die Stilllegung vor. Einem studienabgebrochenen Politiker mag das fremd vorkommen, aber es dauert im Schnitt fünf Jahre nach abgeschlossenem Studium, bis ein KKW einen Schichtleiter lizensiert hat, damit er in seiner Position verantwortlich arbeiten darf. Ähnliches gilt für viele weitere behördlich genehmigungspflichtige Personalstellen in einem Kernkraftwerk, die Ingenieure, die Abteilungsleiter, selbst der Direktor – alles behördlich genehmigungspflichtige Qualifikationen. Die Personalabwicklungspläne sind in einem langen schmerzhaften Prozess unterschrieben und gültig. Neues Personal von den Hochschulen – Fehlanzeige. Die Jüngeren und die Besten aus den abgeschalteten Anlagen sind im Ausland oder haben sich beruflich neu orientiert. Die verbliebenen nuklearen Silberrücken müssten bei einem Weiterbetrieb natürlich auch weiter arbeiten, bis neues Personal zur Verfügung steht. Und die abgewanderten Lizenzträger müssten wieder angelockt werden. Um sie zu motivieren, müsste man sie allerdings bezahlen und sozial absichern, wie Politiker. Die Energieversorger können das finanziell nicht abbilden.

Als fünftes müssten neue Brennstoffladungen der Reaktoren bestellt, genehmigt und bezahlt werden. Ein wesentlicher Kostenfaktor in einem Kernkraftwerk ist neben dem Personal der Kernbrennstoff. Die Anlagen optimieren natürlich ihren Brennstoffeinsatz, dafür arbeitet ein ganzes Heer von Physikern. Am 31.12.2022 haben die letzten drei Kernkraftwerke folgerichtig keine Reaktivitätsreserven mehr in ihren Reaktorkernen. Ganze Neubeladungen für jedes Kraftwerk müssten von den Kern-Brennstoffherstellern maßgeschneidert gefertigt werden. Dieser Prozess braucht Zeit und Geld – könnte aber erst gestartet werden, wenn die anderen Voraussetzungen erfüllt sind.

Fazit einer Misere

Für den sicheren und ökonomischen Betrieb von Kernkraftwerken benötigt ein Land vor allem eines – Stabilität. Und wenn hier von Stabilität die Rede ist, meine ich politische, ökonomische und soziale Stabilität. Anhand meiner fünf Voraussetzungen habe ich versucht herzuleiten, dass es daran für die Kernenergie in Deutschland mangelt, da sich die Politik seit mehr als 10 Jahren nicht mehr an die eigenen Regeln und Gesetze gebunden fühlt. Die gelten nur noch für die Untertanen. Mit der Stabilität verschwand auch das Vertrauen. Es wurden zu viele irreversible Tatsachen geschaffen.

Zusammenfassend möchte ich feststellen, dass ein Weiterbetrieb der letzten drei Kernkraftwerke technisch und organisatorisch zwar machbar, aber nicht unterbrechungsfrei möglich wäre.

Die Zeit der Unterbrechung schätze ich – nach der sehr unwahrscheinlichen Novellierung des Atomgesetzes – als zwei bis drei Jahre ein. Zeit, die die deutsche Energiewendepolitik verspielt hat, indem sie hasardeurhaft alles auf die energiepolitisch äußerst fragwürdige Karte der Volatilität erneuerbarer Energie gesetzt hat. Parallel dazu müsste eine Politik gemacht werden, die alle gerissenen Fäden der Energiepolitik wieder zusammenknotet. Selbst wenn das gelänge, blieben die Knoten noch Jahrzehnte spürbar.

Verschärft wird das energiepolitische Fiasko durch die geradezu größenwahnsinnige Politik, mehrere andere Bereiche der Gesellschaft gleichzeitig „wenden“ zu wollen – zum Beispiel Verkehr, Wohnen und Landwirtschaft. Ja selbst das Klima soll gewendet werden, von Leuten, die nicht einmal den Dreisatz beherrschen.

Leider habe ich hinsichtlich der deutschen Energiepolitik keine optimistischere Botschaft für die geschätzten Leser, als die Übersetzung der englischen Abkürzung *FUBAR: „Fucked Up Beyond Any Repair – voll verkackt und nicht reparierbar“.


Manfred Haferburg ist Autor des autobiografischen Romans „Wohn-Haft“ (5 Sterne bei 177 Bewertungen). Er wuchs in Sachsen-Anhalt auf und studierte in Dresden. Er arbeitete im Kernkraftwerk Greifswald, einem der damals größten Atomkraftwerke der Welt. Durch seine sture Weigerung, in die SED einzutreten, fiel er der Staatssicherheit auf. Als er sich auch noch weigerte, Spitzel zu werden, erklärte ihn die Partei zum Staatsfeind. Von seinem besten Freund verraten, verlor Manfred Haferburg erst seinen Beruf, dann seine Familie und zuletzt die Freiheit. Ein Irrweg durch die Gefängnisse des sozialistischen Lagers begann, der im berüchtigten Stasigefängnis Hohenschönhausen endete. Hier gehörte er zu den letzten Gefangenen, die von der Stasi entsorgt wurden. Manfred Haferburg lebt heute mit seiner Frau in Paris.

Quelle

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