Von Schauspielern, Politikern und Lauterbach

Uwe Jochum, Gastautor / 01.03.2022 / 14:45 / Foto: Stefan Klinkigt / 69 /

Das moderne Mediensystem macht Schauspieler über Nacht zu Politikern und Politiker tagsüber zu Schauspielern. Die Marke eines Politikers wird über seine mediale Inszenierbarkeit generiert, nicht über nachweisbare reale Kenntnisse.

Anfang Februar 2022 veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, in der sich 59 Prozent der Wähler zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit dem Gesundheitsminister Karl Lauterbach zeigten. Das ist einsame Spitze, denn alle seine Konkurrenten müssen sich mit Zufriedenheitsquoten von weit unter 50 Prozent begnügen.

Lauterbachs Beliebtheit beim wahlberechtigten Publikum dürfte sich nicht zuletzt seiner enormen Medienpräsenz verdanken, die dafür sorgt, dass, wie die Journalistin Hanni Hüsch vom ARD-Hauptstadtstudio im vergangenen Dezember schrieb, alle Bürger ihn „kennen und mögen“. Zu diesem Kennen und Mögen gehört offenbar auch, Lauterbachs oft selbstwidersprüchliche und bisweilen absurde Äußerungen zusammen mit seinen gelegentlichen Clownereien als Form einer ergötzlichen Politikshow zu genießen. Und folglich ist es nur konsequent, diesen von den Kartellmedien bescherten Genuss auf seine unterhaltsamen Höhepunkte hin zu sieben und im Internet in potenzierter Form zur Verfügung zu stellen. Siehe etwa hier, hier oder hier.

Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob die mediale Aufbereitung von allerlei Lauterbachiana in zustimmend-erheiternder oder in wütend-kritischer Absicht geschieht. Denn wenn die Voraussetzung für das Kennen und Mögen darin liegt, im Mediensystem überhaupt präsent zu sein, dann liegt in jeder Zunahme an Medienpräsenz automatisch die Chance, noch mehr gekannt und dann auch noch mehr gemocht zu werden. Selbst wenn es einmal mit dem Gemochtwerden hapern sollte, bliebe immer noch das Gekanntsein übrig, und das ist im Reich der postmodernen Medienpolitik und Politikmedien allemal ausreichend, um sich als Star zu qualifizieren. Bei Lauterbach dann eben als politikmedialer Spitzenstar.

Auf dieser Ebene hört aller ästhetische Spaß auf

So gesehen, ist es völlig gleichgültig, ob wir uns von einem Buster Keaton, einem Groucho Marx oder dem Leiter des Bundesministeriums für Gesundheit unterhalten lassen. Das moderne Mediensystem hat längst eine Übergangszone geschaffen, in der Schauspieler über Nacht zu Politikern und Politiker tagsüber zu Schauspielern werden können. Da kann dann selbst der wirre Blick und das öffentliche Stottern als Moment einer öffentlichen Inszenierung betrachtet werden, durch die der Politiker zu einer „Marke“ wird, die sich um so besser an den Mann und die Frau bringen lässt, je häufiger dieser Markenkern öffentlich präsentiert wird.

Der hohe Anteil an Politikern, die Schule und Studium abgebrochen haben und niemals einer geregelten Arbeit nachgegangen sind, hängt mit dieser medialen Politlaufbahnmaschine unmittelbar zusammen. Sie generiert die Marke eines Politikers über seine mediale Inszenierbarkeit, nicht über nachweisbare reale Kenntnisse und im Alltag unter Beweis gestellte Fähigkeiten.

Das Problem liegt natürlich darin, dass das, was Politiker sagen und tun, nicht auf der Theaterbühne gesagt und getan wird und wir alle am Ende des Stückes unterhalten oder empört, ansonsten aber folgenlos nach Hause gehen können. Was Politiker sagen und tun, hat vielmehr unmittelbare Handlungsrelevanz, das heißt, es begründet getroffene oder anstehende Entscheidungen, die seit zwei Jahren auf der Basis des Infektionsschutzgesetzes und zahlreicher Verordnungen tief in unseren Alltag eingreifen. Auf dieser Ebene hört aller ästhetische Spaß auf, und es beginnt der Ernst des Lebens, bei dem es um die richtigen Entscheidungen im Hinblick auf die richtigen Ziele geht.

Was wir wissen, wissen wir immer nur mit anderen

Die Voraussetzung für unsere Zielfindung und die dazu nötigen Entscheidungen liegt nun aber schlicht darin, die Wirklichkeit möglichst ungetrübt wahrnehmen zu können. Das ist leicht gesagt, hat aber zwei bedeutsame Weiterungen: Wir müssen uns nicht nur mit anderen Menschen ins Benehmen setzen, um im Austausch mit ihnen herauszufinden, ob das, was wir wahrnehmen, auch wirklich so ist, wie wir meinen; wir müssen darüber hinaus auch darauf achten, dass das, was wir wahrnehmen, nicht etwas Beliebig-Neutrales ist, sondern immer in einem Bezug zu uns als Person steht.

Der Philosoph Immanuel Kant hat das in seiner Kritik der reinen Vernunft auf den schönen Merksatz gebracht: „Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können.“ Damit wollte er sagen, dass ich nicht einfach irgendetwas wahrnehme und mich dann frage, wer es denn sei, der da wahrnimmt; vielmehr sind wir uns jederzeit implizit bewusst, dass wir wahrnehmen, und diese Wahrnehmungen zerfallen auch nicht in eine Vielheit unverbundener Eindrücke, sondern sind als meine Wahrnehmungen zu einer Einheit verfugt und immer mit mir als einem identischen Selbst verknüpft. Wäre es anders, ginge ich als ein armer Tropf durchs Leben, der heute nicht wüsste, wer er gestern war und wie die Welt, in der er gestern spazierenging, sich zu der Welt heute verhält. Die Welt wäre in bunte Scherben zerfallen, und mit ihr das Ich, das sich in keiner der Scherben mehr entdecken könnte.

Die Welt ist aber nichts, was ich nur für mich denke. Sie ist die Welt, die uns seit dem Moment unserer Geburt umgibt, mit all dem, was sie an Natur und Kultur und damit auch an anderen Menschen zu bieten hat. Diese denken, sprechen und handeln so wenig wie ich nur für sich selbst, sondern handeln und sprechen und denken immer mit anderen zusammen. Was wir wissen, wissen wir immer nur mit anderen, was wir können, können wir nur mit anderen auch wirklich tun. Nichts davon ist völlig beliebig, alles ist vielmehr durch unsere Tradition in einen Rahmen gestellt, der unsere Erfahrungen prägt und in dem wir bestimmte Erwartungen und Rollen zu erfüllen haben.

Und damit bin ich bei dem Punkt, auf den es hier ankommt: Verantwortung. Verantwortung ist nur so zu haben, dass wir uns in den konkreten geschichtlichen Rahmen stellen, der unser Leben hier und jetzt strukturiert. Dieses Hier und Jetzt zu erkennen, heißt, uns selbst zu erkennen und die Möglichkeiten zu sehen, die uns hier und jetzt gegeben sind. Wer hingegen glaubt, er könne sich an jedem Tag „einen anderen Hut aufsetzen“ und ohne Konsequenzen öffentlich ein beliebiges Rollenspiel treiben; wer glaubt, dass er das, was er vorfindet, Pippi-Langstrumpf-mäßig jederzeit ändern kann, ohne dabei mit der Tücke des Objekts rechnen zu müssen, der bewegt sich in einer Welt als Wille und Vorstellung und verstellt sich seine realen Handlungsbedingungen ebenso wie sein Ich. Er kann gar nicht anders denn als ewig-wirrer Tollpatsch und Dummerjahn und Taugenichts durchs Leben zu stolpern und sich darüber zu wundern, dass die Welt, die er sich nach eigenem Geschmack so bunt ausgemalt hat, ihm gerade auf die Füße fällt.

Drei Fälle von Wirklichkeitsdevianz

An dieser Stelle müssen wir drei Fälle von Wirklichkeitsdevianz unterscheiden. Der erste Fall ist der Lügner, der die Wirklichkeit und Wahrheit kennt, sich aber einen Vorteil gegenüber anderen ausrechnet, wenn er Wirklichkeit und Wahrheit verschweigt oder darüber Falsches mitteilt. Er kommt dann zwar nach oben und hält sich dort auch eine Weile, aber um den Preis der strukturellen Zerstörung von Treu und Glauben und – je nach erreichter Machtstellung – auch um den Preis der Zerstörung der Gesetze und des Staates. Am Ende aber pflegen Wirklichkeit und Wahrheit den Lügner einzuholen, denn so schlau er auch lügen mag, er ist niemals schlau genug, die Komplexität der Wirklichkeit und Wahrheit in seinem Lügengespinst vollständig kontrollieren zu können. Wirklichkeit und Wahrheit dringen daher durch die Maschen in sein Lügengespinst ein und enthüllen es am Ende als Lüge. Bis dahin freilich verfolgt den Lügner sein schlechtes Gewissen, das aus dem Bewusstsein entspringt, die Wahrheit und Wirklichkeit zu kennen und zu verfälschen und als Fälscher entlarvt zu werden.

Der zweite Fall der Wirklichkeitsdevianz ist der Psychopath, der, wie uns der Pschyrembel erklärt, eine „besonders schwere Form der dissozialen Persönlichkeitsstörung“ darstellt, „die durch das weitgehende Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen gekennzeichnet ist. Auffällig dafür sind manipulatives Geschick, emotionale Kühle, Egozentrik sowie ein antisozialer Lebenswandel“. Im Unterschied zum Lügner hat sich der Psychopath gänzlich von der den Menschen gemeinsamen Wirklichkeit und Wahrheit verabschiedet und hält Betrug und Manipulation für das Normalste von der Welt, weil er diese Welt gar nicht in ihrer Eigenständigkeit wahrzunehmen in der Lage ist, sondern bloß als Projektionsfläche für sein übersteigertes Geltungsbedürfnis und als Spiegelfläche seines Selbstwertgefühls. Deviant kann der Psychopath freilich nur deshalb sein, weil auch er noch wie der Lügner dem Regulativ eines konstanten und daher gesunden Ich unterliegt, auf das hin sein Verhalten als deviant verrechnet werden kann.

Während daher der Lügner und der Psychopath zuletzt genau daran kenntlich werden und dann auch eingefangen werden können, dass sie in ihrem beschädigten Ich mit einer Wirklichkeit kollidieren, die sie als das zeigt, was sie sind, ist das beim dritten Fall von Wirklichkeitsdevianz, dem ichlosen Schauspieler, nicht mehr der Fall. Er hat keine Vorstellung von sich selbst, die jenseits der Reaktionen liegen würde, die ihm seine inszeniert-theatralischen Auftritte bescheren. Es ist daher eine vergebliche Mühe, hinter den zahlreichen Rollen, die der Politschauspieler ausagiert, nach einem realen Ich zu suchen, das den geheimen Brennpunkt all dieser Rollen darstellen würde. Sein öffentliches Handeln und Sprechen ist vielmehr nichts weiter als die Präsentation eines leeren Spiegels, der sich zu allererst während des Auftritts mit jener Welt und jenen Menschen füllt, die der jeweiligen Rolle entsprechen und dann auf der Oberfläche des Spiegels das Vorhandensein einer Persönlichkeit suggerieren.

Eine mediale Luftgeburt

Bei Lauterbach sind diese Zusammenhänge besonders evident. Nicht nur, dass er laut einem Zeugnis des einstigen SPD-Politikers Gunter Weißgerber bis vor wenigen Jahren als persönlich und fachlich ungeeignet für ein Ministeramt galt; seine Karriere muss vielmehr als das Ergebnis – ich zitiere Weißgerber – „der Hochzeit von erster und zweiter Gewalt und den Medien, der vierten Gewalt“, betrachtet werden (siehe hier ab Minute 40:30). Zu ergänzen wäre hier lediglich, dass es alles andere als eine fruchtbare Hochzeit war, denn das Balg, das ihr entsprang, ist eine mediale Luftgeburt.

Sie stürzt nur so lange nicht ab, als es ihr ein ums andere Mal gelingt, der Öffentlichkeit den Spiegel vorzuhalten, über dessen Fläche sich die Luft erwärmen und für einen Aufwind sorgen kann. Daher das unablässig Bedürfnis, durch Meinungsumfragen den Stand der öffentlichen Aufmerksamkeit zu ermitteln. Denn sobald diese Aufmerksamkeit nachlässt, muss der Politschauspieler seine Rolle nachjustieren oder möglicherweise komplett das Fach wechseln, also vom Atomenergiebefürworter zum Kernfraftwerksabschalter oder vom Gegner des Impfzwangs zum Advokaten der Zwangsimpfung mutieren. Immer sind diese Rollenwechsel ohne Sachbezug, immer nur geht es dabei um den öffentlichen Applaus, der dem Politdarsteller anzeigt, dass er noch da ist und beim Publikum etwas gilt.

Wie weit das alles von den Notwendigkeiten der Realität und damit auch vom Kern aller Politik entfernt ist, hat Lauterbach gerade deutlich gemacht, als er öffentlich erklärte, die „Großmachtfantasien von Putin“ würden die Menschen in einer Situation gefährden, „wo wir mitten in der Corona-Pandemie sind“. Das heißt in der Tat, die harte politische Wirklichkeit eines Krieges, in dem Lauterbach keine Rolle spielt, gegen die imaginierte Wirklichkeit einer Pandemie aufzurechnen, in der Lauterbach ganz offenkundig die Rolle seines Lebens spielt. Verständlich, dass er sich das für ihn bisher so erfolgreiche Drehbuch nicht von Putin umschreiben lassen will. Und fast schon amüsant, dass er in diesem Zusammenhang dem Realpolitiker Putin jene nicht hinnehmbaren „narzisstischen Geltungsbedürfnisse“ unterstellt, die dem medialen All-Star Lauterbach seit zwei Jahren ein Dauergastspiel in den deutschen Talkshows eingebracht haben.

„Minister sucht Frau“

Natürlich muss der Politakteur damit rechnen, dass es einmal aus sein wird mit seinem darstellerischen Ruhm. Daher macht er es, wie es noch jeder Medienstar vor ihm gemacht hat: Er wuchert mit den jetzt noch vorhandenen Pfunden seines Startums und wechselt von einem ästhetischen Medium ins andere, was bei Lauterbach heißt: Er spielt neben seiner Rolle als Politdarsteller jetzt auch den Politschriftsteller. Wobei er freilich das erfolgreiche Charakterfach des Panikerverbreiters beibehält und vor Wassermangel, Artenschwund, Klimawandel und „womöglich noch schlimmeren Pandemien“ als der jetzigen warnt.

Sollte es nichts werden mit diesem medialen Umsatteln, weil es mit dem Ruhm als Politdarsteller schneller zu Ende geht als gedacht und der Ruhm als Schriftsteller sich nicht einstellen will, bliebe ihm als letzter Strohhalm die bei allen untergehenden Stars beliebte Homestory im Hochglanzmagazin. Dort könnte und müsste er dann versuchen, die mediale Spiegelprojektionsfläche um die Dimension des Privaten zu erweitern und auch das noch preiszugeben, was bislang zu diesem Thema noch nicht in der Wikipedia steht. Dass er willens ist, diesen Schritt zu tun, mag man daran ablesen, dass er im Januar der Bunten ein Interview gab, in dem wir nicht nur über die Wikipedia hinaus an Privatem erfuhren, was wir noch nie wissen wollten, sondern auch mitgeteilt bekamen, dass ihm zum kompletten Glück eine liebevolle Frau fehle. Wer die sich hier meldende inszenatorische Logik zu Ende denkt, darf sich jetzt schon auf den TV-Mehrteiler „Minister sucht Frau“ freuen.

Noch scheint die Mehrheit der Zuschauer vor den Bildschirmen zu meinen, dass sich mit solchem Personal reale und nicht nur inszenierte Politik machen lässt. Das ist freilich eine Meinung, die sich nichts weiter als der medialen Inszenierungskunst verdankt, in der Publikum und Darsteller aufeinander eingeschworen werden. Was um so besser funktioniert, wenn die Medien, wie seit zwei Jahren nicht mehr zu übersehen, den Konkurrenten keine Bühne mehr oder nur noch die stumme Rolle des Watschenmanns bieten.

Ein Ende der Inszenierung ist indessen absehbar. Dieses Ende kommt mit ebenjener Wirklichkeit, die aus dem medialen Theater ausgeschlossen sein muss, damit das Theater als Theater stattfinden kann. Dann wird man mit einem Mal ernüchtert feststellen, dass man in der Situation einer realen Krise keine Schauspieler braucht, sondern jene ihrer selbst bewussten und selbstbewussten Menschen, die, wenn sie „Ich“ sagen, auch wirklich ein Ich haben. Man erkennt sie daran, dass sie bei mangelndem Zuruf und Applaus nicht über einen Wechsel der Rolle nachdenken, sondern zäh bei dem bleiben, was sie als Wirklichkeit und Wahrheit erkannt haben und im Hinblick auf die Zukunft des Staatswesens für relevant halten. Menschen also, die, weil sie ein Ich und daher auch eine Überzeugung haben, in der Lage sind, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Foto: Stefan Klinkigt

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