Die Bekenntnisdemokratie

Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine verhält sich unser Wertewesten irrational, dünnhäutig und eindimensional.

von Roberto J. De Lapuente

Foto: mikute/Shutterstock.com

Der russische Zupfkuchen ist Vergangenheit. Wodka verschwindet aus den Regalen. In Deutschland arbeitende Russen müssen Putin abschwören oder verlieren ihren Job. Menschen mit russischer Herkunft werden hierzulande beschimpft, ausgegrenzt und boykottiert, so als hätte man an den Ungeimpften das Hassen gelernt und sei nun begierig, es an einem neuen Objekt auszuagieren. Es ist — wieder mal —, als sei innerhalb kürzester Zeit eine Art von kollektivem Wahnsinn ausgebrochen, in dem es überhaupt keinen Raum mehr für eine weitsichtige, allumfassende und mehrdimensionale Diskussion geben kann. Beim Thema Ukraine dasselbe wie bei der Pandemie: Differenzierte Meinungsbilder werden abgelehnt. Andersdenkende pathologisiert und kriminalisiert. Aber wir dürfen das. Wir sind schließlich der Wertewesten.

Es gab eine Zeit, da galt es als richtig, wenn man sich über Ursachen und Auswirkungen Gedanken machte. Kausalitäten zu berücksichtigen, wurde als wichtiger Baustein begriffen, etwas verstehen zu wollen. „Wie kommt‘s?“, war eine zielführende Frage, weil sie nach dem Woher forschte, um das Warum und mit etwas Weitsicht auch das Wohin zu beleuchten. Das, liebe Leserin und lieber Leser, sind aber Atavismen aus einer anderen Zeit und Welt. Diese Zeit ist jedoch vorbei. Jene Welt gibt es nicht mehr. Das beweist sich mittlerweile täglich.

Wir können ganz aktuell bleiben, nämlich beim Krieg in der Ukraine. Wer da nachfragt, wer da versucht, die vorangegangenen Jahre zu analysieren, wer bei seiner Analyse auch nur streift, dass der Westen, die EU, die Nato, wohl auch das Weltwirtschaftsforum, jedenfalls aber die Young Global Leaders, mitschuldig am heutigen Dilemma sind, kriegt zu hören, dass „solcherlei Nachforschungen völlig deplatziert“ seien. Was zählt, das sei das Jetzt, das sei der Umstand, dass Putin einen Krieg angezettelt habe. Selbst Gregor Gysi, Mitglied einer sich als links gebenden Partei, hält ein derart analytisches Element für falsch, ja sogar für unentschuldbar.

„Unsäglicher russischer Troll“ oder Die Wiederentdeckung des Iwan

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