Wenn Experten wissen, dass sie nichts wissen

Ulrike Stockmann / 21.03.2022 / 12:00 / Foto: Pixabay/57 /

Ein Ausschnitt aus einer öffentlichen Anhörung des Gesundheitsausschusses zum Infektionsschutzgesetz gibt ein sehr befremdliches Schauspiel wieder. Die offiziellen Experten geben zu, dass sie nichts wissen.

Am vergangenen Montag fand eine öffentliche Anhörung des Gesundheitsausschusses zum Infektionsschutzgesetz im Bundestag statt. Mit dem 19. März endete die Geltungsdauer der Rechtsgrundlage für die meisten Schutzmaßnahmen. Diskutiert wurde ein Gesetzesentwurf von Grünen, SPD und FDP zur Fortführung einzelner Corona-Maßnahmen, wie etwa der Maskenpflicht und Testpflicht in bestimmten öffentlichen Einrichtungen.

Einige Experten waren per Video zur Anhörung zugeschaltet, darunter die Virologen Melanie Brinkmann und Hendrik Streeck sowie der Präsident der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft, Ingo Morell, oder Doris Pfeiffer vom Spitzenverband Bund der Krankenkassen. Zudem hatte die AfD den Informatiker und Datenanalysten Tom Lausen als Sachverständigen eingeladen.

Als die AfD mit ihrer Befragung an der Reihe ist (hier ab 1:25:47), ereignet sich ein sehr befremdliches Schauspiel. Der AfD-Abgeordnete und gesundheitspolitische Koordinator der AfD, Martin Sichert, stellte den offiziellen Experten einige sehr naheliegende Fragen zum Ausmaß des Corona-Geschehens der vergangenen zwei Jahre. Regelmäßig können oder wollen diese Fachleute keine Auskunft geben. Datenanalyst Tom Lausen hingegen vermag mit den entsprechenden Daten aufzuwarten und kann auch genau erklären, wie er sich Zugang zu den Informationen verschaffte. Im Folgenden gebe ich Auszüge aus diesem skurrilen Gespräch wieder.

„Wann sollten wir wie was erfassen?“

Martin Sichert von der AfD fragt zunächst den Präsidenten der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft, Ingo Morell: „Sie haben von positiv getesteten Patienten in den Krankenhäusern gesprochen. Stimmt es, dass Sie nach zwei Jahren Corona immer noch nicht erfassen und wissen, wie viele Krankenhauspatienten wirklich ursächlich wegen Corona in den Krankenhäusern liegen?“

Hierauf antwortet der Präsident der DKG: „Also erstens, kann man sagen, nach zwei Jahren, da müssen wir uns die ganzen zwei Jahre angucken – wann sollten wir wie was erfassen? Und, ich gebe die Frage zurück, wie wollen Sie das ganz genau messerscharf trennen, ob einer wegen Covid oder mit Covid und so weiter ins Krankenhaus kommt? Derzeit werden grob schon die Dinge erfasst, aber natürlich nicht von Anfang an. Nicht innerhalb der ersten zwei Jahre (…)“

Nicht von Anfang an? Aber es wurde doch von Anfang an vor einem Kollaps des Gesundheitssystems gewarnt. Wäre die ganz genaue Erfassung der Patienten, die wegen Corona im Krankenhaus liegen, nicht eine der essenziellsten Fragen der gesamten Corona-Zeit? Immerhin werden unsere Grundrechte auf dieser Grundlage seit zwei Jahren eingeschränkt. Und gerade anlässlich einer Debatte über eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes ist doch genau diese Größe ein zentraler Punkt. Sollte man zumindest meinen.

Herr Sichert antwortet: „Vielen Dank, ja, das heißt, Sie wissen’s immer noch nicht. Macht natürlich schon einen Unterschied, ob jemand einen Knochenbruch hat und einen positiven Coronatest oder ob er jetzt wirklich wegen Corona da ist.“

„Immer ein bedeutsamer Faktor auf’s Leben“

Die nächste Frage stellt Herr Sichert der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin:

„Die Maßnahmen, die wir haben, wurden ja immer wieder mit der Belegung der Intensivbetten begründet. Und obwohl wir aktuell über eine Million Neuinfektionen pro Woche haben, ist die Belegung der Intensivbetten seit Mitte Dezember deutlich unter dem Durchschnitt der letzten zwei Jahre. Gestern wurde mit nur 18.095 Intensivpatienten von Ihnen der niedrigste Wert seit der Erstellung des Intensivregisters dokumentiert. Ich wüsste gerne von Ihnen, wie viele Intensivpatienten liegen wirklich ursächlich wegen Corona und nicht nur mit einem positiven Test dort?“

Gernot Marx von der DIVI antwortet: „Insbesondere im Bereich der Intensivmedizin kann man nicht unterscheiden, ob ein Patient mit oder wegen Corona (eingeliefert) ist, weil Covid-19 immer erstmal einen erhöhten Aufwand bedeutet für die betreuenden Ärzt*innen und Pflegekräfte, also das gesamte Team, und zweitens Covid-19 immer (…) ein auch aufs Leben bedeutsamer Faktor ist und deswegen kann man hier keine Unterscheidung treffen.“

Diese kryptische Aussage gibt ebenfalls Rätsel auf. „Das heißt, wir wissen immer noch nicht, wie viele wegen Corona auf den Intensivstationen sind“, kommentiert Sichert trocken.

„Ich vermisse sowieso sehr viele Zahlen“

Als nächstes wird der von der AfD eingeladene Sachverständige Tom Lausen, Informatiker und Datenanalyst, von Martin Sichert befragt: „Sie haben sich intensiv mit den Daten der Krankenhäuser beschäftigt. Welche Daten aus welchen Quellen haben Sie dazu verwendet und was lässt sich daraus bezüglich der Belastungen des Gesundheitssystems in den letzten beiden Jahren für die Zukunft ableiten?“

Tom Lausen erklärt, dass er und 60 weitere Datenanalysten, mit denen er zusammenarbeitet, seine Daten vom Institut für Entgeltsysteme der Krankenhäuser, der InEK, beziehen:

„(…) Wir untersuchen quasi die Belegungen der Krankenhäuser und stellen fest, dass wir mit den Maßnahmen vom Jahre 2019 bis 2020 und 2021 einen Fallzahlrückgang beobachten von etwa 2,5 Millionen Fällen pro Jahr, das heißt also, wir haben jetzt in den letzten zwei Jahren mit unserer Pandemie-Begleitung und den Maßnahmen der Regierung und dieser Regierung es geschafft, dass 5 Millionen weniger Patienten in die Krankenhäuser kommen. Somit ist eigentlich schon klar, dass eine Überlastung des Gesundheitssystems in den vergangenen zwei Jahren auszuschließen gewesen ist (…) Ich vermisse sowieso in dieser ganzen Diskussion sehr viele Zahlen.“

Er fügt hinzu, dass wir aktuell trotz erhöhter Infektions-Geschehnis-Zahlen keine erhöhte Hospitalisierung erleben. Für das weitere Zahlenverständnis fügt er noch hinzu, dass im Jahr 2020 auf 16,7 Millionen Krankenhausfälle in Deutschland 111.000 Coronapatienten kamen und im Jahr 2021 von 16,66 Millionen Fällen 276.000 Coronapatienten waren, also jeweils ein relativ kleiner Anteil.

Wieso weiß Tom Lausen von Zahlen, die die offiziellen Experten nicht kennen wollen?

„Wir haben keine aktuellen Auswertungen“

Der AfD-Abgeordnete Sichert führt im Weiteren an, dass das Paul-Ehrlich-Institut über 250.000 Fälle von Nebenwirkungen und knapp 30.000 Fälle schwerer Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe angibt. Er stellt als nächstes eine Frage an den Spitzenverband der Krankenkassen:

„Wissen Sie, wie viele Menschen im Nachgang einer Corona-Impfung arbeitsunfähig wurden beziehungsweise wie viele Arbeitsunfähigkeitstage im Nachgang der Impfung entstanden sind?“

Doris Pfeiffer vom GKV-Spitzenverband antwortet kurz und schmerzlos: „Wir haben keine aktuellen Auswertungen zur Arbeitsunfähigkeit nach Impfung.“

Der unerschütterliche Martin Sichert fragt weiter: „Haben Sie denn Daten zur Arbeitsunfähigkeit nach Corona-Infektion?“

Frau Pfeiffer wiederholt sich: „Auch hier habe ich keine aktuelle Auswertung, dies müsste jeweils vorgenommen werden in Analysen, aber uns liegen keine aktuellen Auswertungen vor.“

Auf skandalöse Weise debattiert

Nach diesen nichtssagenden Antworten fragt Sichert beim Datenanalysten Tom Lausen nach entsprechenden Informationen. Dieser hat sich mit den Arbeitsunfähigkeitstagen und Arztbesuchen nach Impfung sowie Arbeitsunfähigkeitstagen im Zusammenhang mit Corona beschäftigt und hierzu Daten der BKK mit 10,9 Millionen Versicherten gesichtet. Er stellt fest:

„Die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage (ist) deutlich gestiegen um etwa das Hundertfache im Rahmen von Impfnebenwirkungen auf 383.170 Tage, allerdings nur für das Quartal 1, 2 und anteilig 3 (von 2021), diese Daten sind bereits veröffentlicht (…) Die Tage für Corona-Krankschreibung (…) sind nur 374.000 Arbeitsunfähigkeitstage, die von Ärzten bescheinigt worden sind.“

Aus den Daten der InEK gingen zusätzlich sehr viele Fälle von schweren Impf-Nebenwirkungen hervor, die stationär behandelt werden müssen. 23.000 schwerwiegende Fälle im Jahr 2021 seien mit einer Impf-Nebenwirkungs-Kodierung im Krankenhaus gelandet. 3.000 Fälle mit einer Impf-Nebenwirkungs-Kodierung seien auf der Intensivstation gelandet. 282 Menschen seien mit einer Impf-Nebenwirkungs-Kodierung gestorben. Als er vor diesem Hintergrund zur Abwägung des Nutzens einer Impfpflicht rät, wird er von der Sitzungsleiterin und stellvertretenden Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses, Dr. Kirsten Kappert-Gonther von den Grünen, unterbrochen und ermahnt, dass seine Zeit abgelaufen sei.

Die Entscheidung über eine weitere Einschränkung unserer Grundrechte wird auf eine Weise debattiert, die alle Befürchtungen über das politische und institutionelle Personal zu bestätigen scheint, die sich in den letzten Jahren aufgetürmt haben.

Foto: Pixabay

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