Ich aber beschloss, Influencerin im Bundestag zu werden

Von Alexander Wendt

Mit ihrer Rede zur Impfpflicht wurde die Grünen-Abgeordnete Emilia Fester bundesweit bekannt. Es gibt gute Gründe, den Typus ernst zu nehmen: Postpolitische Mandatsträger und postjournalistische Journalisten haben die Macht, die gesellschaftliche Kommunikation zu zerstören. Das können selbst klassische Linke nicht wollen.

IMAGO/photothek

Interessant an der 23-jährigen Bundestagsabgeordneten Emilia Fester ist nicht sie selbst, sondern ihre Funktion innerhalb des politisch-medialen Gefüges. Mit ihrer Bundestagsrede zur Impfpflicht wurde die Grünen-Politikerin schlagartig bekannt. Wer diese Rede und vor allem ihre Vortragsweise ablehnt, neigt möglicherweise auch dazu, die Bedeutung dieses neuen Politikertypus für die Gesellschaft zu unterschätzen. Fester steht für den Aufstieg eines auf den ersten Blick paradoxen Phänomens im Berliner Regierungsviertel und generell in der westlichen Welt. Sie verkörpert fast lupenrein die Figur des postpolitischen Mandatsträgers. Und den wiederum gäbe es nicht ohne den postjournalistischen Journalismus. Wie beide einander an der Hand fassen, zu neuen Zielen vorstoßen und gerade die Reste der ohnehin schon labilen öffentlichen Kommunikation zerstören, davon soll dieser Text handeln.

Nach Festers Impfpflicht-Rede machten Videoausschnitte in den sozialen Medien die Runde, in denen sich das Muster der Postpolitik allerdings unzureichend zeigt. Es tritt deutlicher im reinen Redetext hervor.

„Als die Pandemie begonnen hatte, war ich 21 Jahre alt“, beginnt ihre Ansprache, mit der sie vorgeblich für eine Impfpflicht argumentieren will. „Wissen Sie noch, was Sie gemacht haben, als Sie 21 waren?“

Dann folgt eine bemerkenswerte Aufzählung, in der sie jeden ihrer Sätze mit ‚ich‘ einleitet:

„Ich habe innerhalb der vergangenen zwei Jahre aus Vorsicht und aus Rücksicht das Folgende nicht gemacht: Ich war nicht in der Uni. Ich war nicht im Ausland. Ich habe kein Museum und auch kein Festival besucht. Ich habe nicht mal eine Person, die ich noch nicht kannte, geküsst oder meinen Geburtstag gefeiert. Ich war verdammt noch mal nicht einmal im Klub, kein Tanzen, Feiern und all das, was ich so vermisse.“

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„Tichys Einblick“ – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen Dass sie trotz Vorsicht und Rücksicht – Rücksicht auf wen und was, bleibt bei ihr offen – innerhalb der vergangenen zwei Corona-Jahre sehr wohl ins Ausland reiste, darauf machten schon mehrere Leute unmittelbar nach ihrer Rede aufmerksam, die ihren Instagram-Post mit frohen Grüßen aus Dänemark gefunden hatten. Noch merkwürdiger erscheint ihre Mitteilung, sie sei nicht in der Uni gewesen. Denn weder in Festers offizieller Biografie noch irgendwo sonst findet sich irgendein Hinweis auf ein Studium. Ihrem Bundestagslebenslauf zufolge, der auf Eigenangaben beruht, heißt es, dass sie 2017 ihr Abitur ablegte, von 2018 bis 2019 als angestellte Regieassistentin beim Jungen Theater Hamburg arbeitete, 2019 als Mitglied des Grünen-Vorstandes Hamburg in die Berufspolitik einstieg und 2020 zu der grünen Verhandlungsgruppe zur Ausarbeitung des Koalitionsvertrags mit der Hamburger SPD gehörte. Im Jahr 2021 zog sie als Abgeordnete in den Bundestag ein.

In diesen Zeitablauf passt beim besten Willen kein Studium, selbst dann nicht, wenn sie sich formal irgendwo eingeschrieben hätte. Auf ihrer eigenen Webseite erklärt sie ihren Werdegang noch etwas ausführlicher. „Im April 2019“, heißt es dort, „wurde ich von der Landesmitgliederversammlung der GRÜNEN Hamburg in den Landesvorstand und zur frauenpolitischen Sprecherin des Landesverbandes gewählt. Mitglied in der Partei war ich schon seit 2016 und ich hatte auch schon verschiedene Ämter und Aufgaben im Verband. Aber seit der Wahl in den GRÜNEN Landesvorstand bezeichne ich mich selbst als Politikerin, und arbeite auch (mehr als Vollzeit) für meine politischen Ideen.“

‚Mehr als Vollzeit‘ bedeutet vermutlich ganz einfach Vollzeit. Hier liegt vermutlich auch die Erklärung für ihre ausgefallenen oder zumindest reduzierten Lebensfreuden der vergangenen beiden Jahre: Sie beschloss mit zwanzig und noch vor dem Ausbruch von Covid-19, Berufspolitikerin zu werden. Gerade bei den Grünen gibt es keinen Aufstieg, ohne fast die gesamte verfügbare Zeit in das parteiinterne Netzwerken und den Aufbau einer Medienpräsenz zu stecken. Der Autor dieses Textes fragt bei Festers Bundestagsbüro nach, was die Wendung ‚ich war nicht in der Uni‘ bei ihr als Nichtstudentin bedeuten soll. Eine Antwort oder auch nur irgendeine Reaktion gab es nicht. Auf einer Plattform für Fragen an Politiker findet sich eine ganz ähnliche Bitte um Erläuterung – ebenfalls bis jetzt unbeantwortet.

Auch ihre restliche Verzichtsaufzählung wirkt bestenfalls rätselhaft. Museen waren in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich für einige Monate geschlossen, Festivals fielen aus, Clubs mussten in der Vergangenheit zwangsweise schließen. Aber selbst die Corona-Maßnahmen in Deutschland, zu denen zeitweise Ausgangssperren und Reisebeschränkungen zwischen den Bundesländern gehörten, untersagten zu irgendeinem Zeitpunkt das Küssen, auch nicht Geburtstagsfeiern. Sie begrenzten nur die Gästezahl. Vor allem aber stehen die Museen längst wieder offen, die Gastronomie auch, Partys sind wieder erlaubt.

In diesem Abschnitt ihrer Rede behauptet Fester noch, sie hätte aus Vor- und Rücksicht auf vielerlei Vergnügen verzichtet, und suggeriert, sie würde immer noch verzichten, also aus freien Stücken dieses und jenes nicht tun. Um dann plötzlich zu einer ganz anderen Argumentationslinie zu springen. „Das mag Ihnen jetzt vielleicht lächerlich vorkommen“, vermutet Fester, und erklärt: „Aber wissen Sie, was wirklich lächerlich ist? Wenn Sie und Ihre Freundinnen und Freunde der Freiheit sich einfach hätten impfen lassen, als die meisten von uns so vernünftig waren und diesen einfachen Schritt gegangen sind, dann wäre ich jetzt wieder frei.“

Sie erzählt also nicht nur vom Bundestagsrednerpult herab eine Schwindelgeschichte über ihre Auslands- und Uniabstinenz, sie behauptet auch noch, immer noch nicht frei zu sein, also aus von ihr nicht näher ausgeführten Gründen immer noch nicht ins Museum zu dürfen, nicht tanzen und nicht küssen zu können, und zwar, weil ein Teil der Bevölkerung die Impfung gegen SARS-Cov-2 verweigert.

Im Oktober 2021 belehrte übrigens die bayerische Grünen-Vorsitzende Katharina Schulze per Interview in der „Passauer Neuen Presse“ die Öffentlichkeit, der Begriff „Freiheitstag“ für die Aufhebung der Corona-Einschränkungen sei falsch und irreführend, denn: „Der lässt den Eindruck entstehen, wir wären in den vergangenen anderthalb Jahren nicht frei gewesen. Das ist doch Quatsch.“ Für ihre Ansicht, auch die Ausgangssperre in Bayern und das vorübergehende Verbot, lesend auf einer Parkbank zu sitzen, hätten die Freiheit überhaupt nicht angetastet, erntete Schulze damals im gutgrünen Milieu und vor allem auf Twitter frenetischen Applaus. Jetzt behauptet Emilia Fester im Bundestag das genaue Gegenteil; sie erklärt, auch jetzt nach dem Ende der allermeisten Maßnahmen sei sie immer noch nicht frei. Dafür erhält sie ebenfalls begeisterten Beifall aus genau dem gleichen Milieu, hauptsächlich bei Twitter.

Fassen wir also vorläufig zusammen: Bei Fester reichte es in den vergangenen zwei Jahren nur zu einem Auslandsaufenthalt in Dänemark, zur Uni ging sie nicht, wie allgemein in Nichtstudentenkreisen üblich, außerdem küsste sie keinen Fremden und tanzte in keinem Klub, sondern nur auf dem Korridor vor ihrem Abgeordnetenbüro

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Ein Kommentar zu “Ich aber beschloss, Influencerin im Bundestag zu werden

  1. Deutschland hat scheinbar so wenig „echte“ Probleme dass es sehr daran interessiert scheint sich selbst wieder erhebliche zu erschaffen mit derart von Politikern. Irgendwann platzt die Blase der Verblendeten selbst- Verliebtheit. Wenn ich nicht weiß ob ich GZSZ oder die Bundestags-Debatte schaue weiß ich was die Stunde geschlagen hat. Der Untergang unserer Kultur steht direkt bevor. Vielleicht auch gut so, angesichts des hiesigen Polit-Theaters dass wohl seinen Höhepunkt in solchen Vorstellungen zu finden scheint …

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