Ukrainischer Botschafter blamiert Christian Lindner

Von Ferdinand Knauss

„das schlimmste Gespräch in meinem Leben“

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk legt offen, was ihm Finanzminister Christian Lindner unmittelbar nach Beginn des russischen Angriffs sagte. Lindner wollte nicht über Hilfe für das angegriffene Land, sondern über eine künftige russische Marionettenregierung sprechen.

IMAGO / Chris Emil Janßen

Andrij Melnyk ist zweifellos der undiplomatischste Diplomat in Berlin. Oder besser: der Erfinder einer neuen radikal öffentlichen Diplomatie. Während er im Kanzleramt laut FAZ „eine Art Hausverbot“ habe, ist er im Fernsehen und anderen Medien dauerpräsent als Stimme der um die nationale Existenz kämpfenden Ukraine. Für deutsche Politiker ist Melnyk längst ein Schrecken, denn er wird nicht müde, sie mit den aus ukrainischer Sicht mickrigen Fakten hinter den eifrigen Solidaritätsbekundungen zu konfrontieren. Und zwar nicht in diplomatischen Depeschen, sondern offen über die Massenmedien. 

Gegenüber einer FAZ-Journalistin, die ihn begleiten darf (so etwas tun Journalisten normalerweise nur bei bekannten, aufstrebenden Politikern, nicht bei Diplomaten), spricht der Mann auch in einer für Diplomaten völlig unüblichen Form über die Politiker seines Gastlandes. Was er von Bundeskanzler Scholz – Spitzname Scholzomat – hält, kann man sich denken, wenn er über sich selbst sagt, er sei „kein Melnykomat“. Und aus seiner Abneigung gegen den Bundespräsidenten und einstigen Schröder-Gefährten und Nord-Stream-2-Befürworter Frank-Walter Steinmeier macht Melnyk erst recht keinen Hehl. Der habe sich, berichtet Melnyk der Journalistin, bei Präsident Selenskyj ausgiebig über ihn beschwert.

Er unterscheide, meint Melnyk, wenn er über deutsche Politiker rede, diese nicht nach ihrer Parteizugehörigkeit, sondern nur danach, ob sie es ernst meinen mit der Ukraine oder nur so tun. Und da wird es spannend. Denn auch jetzt noch zieht der Diplomat Melnyk seine radikale Diplomatie der neuen Art durch – und nennt Namen und berichtet aus Gesprächen. 

Also wer gehört in die erste Gruppe? Wirtschaftsminister Robert Habeck. Aber verhindert der nicht ein Gasembargo gegen Russland? Ja, aber Melnyk nimmt ihm das nicht übel. „Er muss diese Position vertreten, obwohl sie moralisch nur schwer zu halten ist“, sagt Melnyk. Aber er habe den Minister bei Lanz und Anne Will gesehen, da habe er fast geweint. Und im persönlichen Gespräch in der Botschaft sei Habeck beschämt gewesen, weil er im Sommer seinen grünen Parteifreunden nachgegeben hatte, als es um den damals schon geäußerten Wunsch der Ukraine nach Waffen ging. 

Ganz anders fällt sein Urteil über zwei weitere Bundesminister aus. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht sei angesichts der Waffenwünsche nur über ihr öffentliches Bild besorgt. Vernichtend ist Melnyks Urteil über Finanzminister Christian Lindner. Der habe unmittelbar nach dem russischen Angriffsbeginn mit „so einem höflichen Lä­cheln“ gesprochen, als sei die Niederlage der Ukrainer schon sicher. „Euch bleiben nur wenige Stunden“, habe er gesagt. Es sei daher sinnlos, der Ukraine Waffen zu liefern oder Russland vom internationalen Zahlungssystem SWIFT auszuschließen. Lindner wollte stattdessen mit dem Botschafter über die vermeintliche Zukunft sprechen, nämlich eine von Russland besetzte Ukraine mit einer Marionettenregierung. „Das war das schlimmste Gespräch in meinem Leben“, zitiert die FAZ Melnyk. 

Botschafter @MelnykAndrij berichtet in der FAZ über Gespräche mit Robert Habeck, Christine Lambrecht und Christian Lindner. Bei letzteren beiden fehlen mir die Worte.

Für Lindner und Lambrecht dürfte dieses Urteil des prominentesten Botschafters fatal sein. Beide Minister sind damit öffentlich blamiert. Jede künftige Aussage von Lindner und Lambrecht in Zusammenhang mit der Ukraine und einer vermeintlichen Solidarität der Bundesregierung ist dadurch unglaubwürdig und angreifbar geworden.

Genau einen Tag vor der Melnyk-Geschichte erschien übrigens in der FAZ ein Interview mit Lindner. Er wird darin gefragt: „Herr Lindner, wie haben Sie Putins Angriff auf die Ukraine am 24. Februar erlebt?“ Er behauptet in seiner Antwort: „Vorbereitungen für den Fall der Fälle hatte die Bundesregierung bereits getroffen. Schon seit Dezember haben wir mit Partnern an möglichen Sanktionen unterschiedlicher Skalierung und an energiewirtschaftlichen Fragen gearbeitet.“ Und was war sein „erster Gedanke?“, fragen die FAZ-Interviewer. Den Ukrainern bleiben nur wenige Stunden, die Russen werden eine Marionettenregierung einsetzen, wir werden uns damit abfinden, keine Waffen liefern, SWIFT abzuschalten wäre sinnlos?

Nein, das sagt er natürlich nicht. Seine Antwort klingt hölzern, und den einzigen „Gedanken“, der darin anklingt, leiht er sich von einem anderen: „Mit der Ukraine wird eine Gesellschaft angegriffen, weil sie sich für unsere Werte entschieden hat. Ich war 2020 in Kiew zu Gesprächen. Daran und an die Hoffnungen der Menschen habe ich gedacht. Welcher Weltformwechsel uns bevorsteht, um ein Wort des Philosophen Peter Sloterdijk zu gebrauchen, das kann gegenwärtig niemand sagen. Aber eines gibt mir Zuversicht: die enge Zusammenarbeit in EU, NATO und G 7. Neulich noch sahen manche die NATO als hirntot und die EU bestenfalls als Umverteilungsmaschine. Das liegt hinter uns.“ 

Quelle

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