Wenn Wissen, Erfahrung und Alter nichts mehr zählen

„Weh dir Land, des König ein Kind ist!“

Von Josef Kraus

Beide Spezies sind ziemlich unerträglich. Die alten Jungen, weil sie auf altklug machen. Und die pseudojungen Alten, weil sie sich den Jungen anbiedern, und weil sie selbst nicht alt und schon gar nicht weise werden wollen.

IMAGO/Future Image

Es gibt mental alte Junge. Und es gibt pseudojunge Alte. Beide Spezies sind ziemlich unerträglich. Die alten Jungen, weil sie auf altklug machen. Und die pseudojungen Alten, weil sie sich den Jungen anbiedern, und weil sie selbst nicht alt und schon gar nicht weise werden wollen.

Doch halt: Sind diese beiden Spezies überhaupt getrennte Gruppen? Nein, sie fusionieren mehr und mehr. Kein Geringerer als der gute alte Platon hat das bereits 375 Jahre vor Christus in seiner „Politeia“ beschrieben. Pardon, dieses Zitat, so lang es ist, muss sein, denn es hat es in sich: „Wenn sich Väter daran gewöhnen, ihre Kinder einfach gewähren und laufen zu lassen, wie sie wollen, und sich vor ihren erwachsenen Kindern geradezu fürchten; wenn Söhne schon sein wollen wie die Väter …, sich nichts mehr sagen lassen wollen, um ja recht erwachsen und selbständig zu erscheinen…; wenn es überhaupt schon so weit ist, dass sich die Jüngeren den Älteren gleichstellen, ja gegen sie aufgetreten sind mit Wort und Tat, die älteren sich aber unter die Jungen stellen und sich ihnen gefällig zu machen versuchen, indem sie ihre Albernheiten und Ungehörigkeiten übersehen oder gar daran teilnehmen …; wenn sie aufsässig werden und es schließlich nicht mehr ertragen können, wenn man nur ein klein wenig Unterordnung von ihnen verlangt; wenn sie am Ende dann auch die Gesetze verachten, weil sie niemand und nichts mehr als Herrn über sich anerkennen wollen, so ist das der schöne und jugendfrohe Anfang der Tyrannis.“

Ja, so ist es. Denn der beschleunigte Infantilisierungs- und Jugendwahn treibt immer neue Blüten. Die „Ampel“-Koalition will ein Wahlrecht bereits ab 16 Jahren etablieren, manche schwärmen gar von einem Wahlrecht mit 14. Während das Jugendstrafrecht in der Praxis immer mehr bis ins junge Erwachsenenalter ausgedehnt wird. Der Bundestag – verbal reichlich kindisch – verabschiedet ein „Gute-Kita-Gesetz“! Eine Bundestagspräsidentin, immerhin protokollarisch im zweihöchsten Amt des Staates, ist sich nicht zu schade, während ihrer coronabedingten Quarantäne ein Karaoke-Video ins Netz zu stellen.

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Vor der Schulschwänzerin Greta und ihrem „I want you to panic“ erzittern die Mächtigen der Welt. Die Ex-Kirchenobere Göring-Eckardt erklärte Greta zur „Prophetin“. Zum Palmsonntag 2019 verglich Berlins Erzbischof Heiner Koch Greta mit Jesus und dessen Einzug in Jerusalem. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer meinte synchron, die jungen „Klimaschützer“ seien „kreativ wie der Schöpfergott, geistreich wie der Heilige Geist und hellwach wie Jesus Christus“. Bundespräsident Steinmeier flog (CO2-neutral?) nach Neumünster, um die Schulschwänzer zu loben, Merkel tat es regelmäßig. Schulpflichtgesetz hin oder her? Aber mit der Herrschaft des Unrechts hatte Merkel ja gelegentlich keinerlei Probleme. Man kann dem Unterricht fernbleiben, wenn es um „höhere“ Ziele geht, nämlich um die Klimareligion.

Das Gehabe einer autistisch auffälligen heranwachsenden Schwedin beeindruckt also die Mächtigen – von US-Ex-Präsident Obama bis zum Papst. Man hört heraus: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder!“ „Kinder an die Macht!“ „Das Kind hat recht, weil es Kind ist …“ Die Vorstellung vom Kind als Majestät hatten wir bereits in Ellen Keys Schrift „Das Jahrhundert des Kindes“ (1902). Sie sprach von der „Majestät des Kindes“, angesichts derer die Eltern ihr Haupt in den Staub zu beugen hätten. In Davos allerdings in den Schnee!

Wenig Ahnung, dafür reichlich autoritär auftretend

Was Wunder also, wenn Freitagshüpfer überschnappen. Sie haben zwar „dank“ unseres an die Wand gefahrenen Bildungswesens von Naturwissenschaften, Mathematik oder Geschichte wenig Ahnung. Das aber reichlich. Plattitüden (sprachgeschichtlich übersetzt sind Plattitüden „Wortfladen“) reichen ihnen: „Wir haben keinen Planeten B“ (Göring-Eckardt würde sagen: Wir haben keine Planet*in B). „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ „Verbietet uns was!“ „Make The Planet Greta Again!“ „Die Erde kocht vor Wut!“ „Rettet die Pole, nicht die Kohle!“ Dem nicht genug: Eine ihrer medial gepamperten Exponentinnen darf bei Talklady Anne Will gar einem damaligen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten Armin Laschet aus dem hohlen Bauch den Vorwurf hinrotzen, er verbreite Antisemitismus. Natürlich jeden Beweis schuldig bleibend.

Und nun springen die Freitagshüpfer auch noch auf den (vermeintlich) antirassistischen Zug auf, der freilich nichts anderes ist als Rassismus gegen eine weiße junge Frau. Weil eine von „Friday for Future“ (FfF) zu einer „Demo“ geladene Sängerin Dreadlocks (Filzlocken) trägt, wird sie ausgeladen, denn das sei „kulturelle Aneignung“ aus der Kultur der „PoC“ (People of Color“). Nun ja, bei so viel historischem Analphabetismus sind solche Sprüche kein Wunder. Da kann man natürlich nicht wissen, was sich PoC-Völker alles von „weißen, alten Männern“ angeeignet haben.

Schließlich gilt: Früh übt sich in Ignoranz und Hypermoral, wer ein Autokrat werden will.

Generation Schneeflocke

Gewiss ist die Mehrzahl der jungen Leute bodenständig, vernünftig, fleißig; viele sind sozial und politisch engagiert. Aber in der öffentlichen, veröffentlichten Darstellung dominieren die wohlstandsgepamperten (pardon: der Begriff muss jetzt sein) Klugscheißer. Die ach so woken Alarmisten. Die ach so sensiblen Schneeflöckchen. Und sie haben ja allen Grund, sich klug zu fühlen. Denn sie werden oft bis hinein ins dritte Lebensjahrzehnt in Watte gepackt, „gepampert“ – mit gesenkten Bildungsansprüchen und immer besseren Noten.

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Wozu reifen, wozu selbstkritisch werden, wozu reflektieren, wozu lernen, wenn man als Kind bzw. als Jugendlicher schon alles kann und darf? Und wenn all das, was allzuständige Eltern für einen geleistet haben, eines Tages von „Vater Staat“ geleistet werden kann? Und vor allem: Wenn alles, was man vom Stapel lässt, von der sogenannten Erwachsenenwelt geadelt wird: „Ach wie aufgeweckt und engagiert ist sie doch, unsere Jugend!“

Das größte Problem freilich ist, dass die Ausdehnung der Kindheit auch die Erwachsenen erfasst und deren regressiven kindlichen Narzissmus kitzelt. Was früher als kindisch galt, ist heute in der Welt der Erwachsenen „in“ – etwa ein grenzenloser Mitteilungs-, Zeige- und Spieldrang. Das Jugendgefühl („one age“) soll sich ausdehnen. Apropos „Erwachsene“: Für Spötter gibt es solche immer weniger, größer wird die Zahl der Post-Adoleszenten.

Neill Postman hat diese Entgrenzung von Kindheit durch eine Vermischung der Sphären des Kindlichen und des Erwachsenen zu Recht kritisiert. Sein Buchtitel vom „Verschwindens der Kindheit“ ist hier radikal falsch verstanden worden. Johan Huizinga spricht von einem kollektiven „Puerilismus“. Man will gar nicht erwachsen werden, weil man damit Verantwortung übernehmen müsste.

Sind Helikoptereltern schuld an diesen Entwicklungen? Ja, in erheblichem Maße. Im Jahr 2022 haben wir nämlich eine Generation von Twens (also von 20 bis 29 Jahre alten jungen Leuten), die eine in den 1990er Jahren einsetzende Pädagogik der Helikoptereltern „genossen“ haben. Einige „Ergebnisse“ solcher Pädagogik sitzen sogar im Bundestag, oder sie führen junge Klimabewegte an.

Stephans Spitzen: Kinder an die Macht? Bloß nicht

Was haben sie als Kinder von Helikoptereltern an Prägungen mitbekommen: von Transporthubschrauber-Eltern, von Rettungshubschrauber-Eltern, von Kampfhubschrauber-Eltern? Sie haben mitgenommen, dass ihnen ständig immer alles aus dem Weg geräumt wurde (Stichwort: Curling-Eltern). Dass es ihnen nie an etwas fehlte. Dass sie nie auf etwas verzichten mussten. Dass ihre Eltern sie auf Augenhöhe behandelten. Dass sie entscheiden durften, was – vom Obst bis zum Auto – gekauft wurde. Dass sie immer die Größten waren. Dass an Misserfolgen immer andere schuld waren. (Siehe dazu meinen Bestseller aus dem Jahr 2013 mit nachfolgend sechs Auflagen: „Helikoptereltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“)

Salomon scheint vergessen: „Weh dir Land, des König ein Kind ist.“ Vergessen scheint zudem Norbert Elias mit seinem 1980 erschienenen Aufsatz „Zivilisierung der Eltern“. Elias ist der Überzeugung, dass viele Probleme der heutigen Eltern-Kind-Beziehung Zivilisationsprobleme seien, unter anderem der schwindende Machtunterschied zwischen Eltern und Kindern. Siehe die um sich greifende Unsitte des Duzens!

Ja, wir stecken bereits mittendrin im schönen und jugendfrohen Anfang einer Tyrannis. Setzen wir dennoch mittels optimaler, anspruchsvoller, herausfordernder Bildung auf die schweigende Mehrheit unserer jungen Leute, die solches nicht will und die sich von altklugen Wichtigtuern nicht repräsentiert sieht.

Quelle

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