Aufruf zum Wettbewerb: die große Transformation braucht ihren Elon Musk

Von Alexander Wendt

Der Ausstieg aus fossilen Energien und überhaupt die wunschgemäße Umgestaltung der Gesellschaft wäre eigentlich ein Kinderspiel. Es fehlt nur der Wille. Das jedenfalls versichern uns die Wohlmeinenden. Warum nimmt dann nicht einer aus ihren Reihen die praktische Seite selbst in die Hand?

Deutschland kämpft zurzeit mit einem ganzen Bündel ineinander verhakter Probleme. Die ließen sich zwar alle voraussehen; andererseits kommt so gut wie kein schwerwiegendes Problem überraschend. Die zentrale Schwierigkeit besteht darin, dass der größte Industriestaat Europas aus Kernkraft, Kohleverstromung und nach dem Willen führender Regierungspolitiker auch aus Gas aussteigen soll, während der Rest – Energie aus Wind, Sonne und Pflanzengas – nur 16,1 Prozent des Primärenergiebedarfs decken.

Es gibt nach Angaben des zuständigen Branchenverbandes die 60.000 zusätzlichen Monteure nicht, die nötig wären, um nach dem Plan Robert Habecks die Solarenergiekapazität bis 2030 von derzeit 59 auf 200 Gigawatt zu erhöhen. Die installierte Leistung unterscheidet sich außerdem an vielen Tagen von der tatsächlich eingespeisten Energie noch mehr als die theoretisch mögliche Geschwindigkeit eines ICE zwischen München und Berlin von seinem realen Tempo. Auf diesem Schaubild, nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, es zeigt die Stromerzeugung am 30. März 2022, lieferten die drei verbliebenen deutschen Kernmeiler ungefähr so viel Energie wie alle Photovoltaik-Anlagen des Landes zusammen.

Laut Plan soll die Windkraft in acht Jahren zwar an stürmischen Tagen 300 Gigawattstunden erzeugen. Der Tagesstromverbrauch liegt in Deutschland allerdings eher bei 100 Gigawatt; eine Speichermöglichkeit für den Rest existiert jetzt nicht, und sie lässt sich auch für 2030 nicht absehen. Das Land mit den Transformationsplänen für sein Energiesystem und überhaupt seine gesamte Wirtschaft hängt außerdem sehr stark von Gaslieferungen (zu 55 Prozent) und Ölimporten (zu 42 Prozent) von Russland ab. Diesen Zustand möchte die Regierung ebenfalls schnell ändern, allerdings ohne den Wiedereinstieg in die Kernkraft, sondern auf eine noch nicht abschließend geklärte Weise anders. In diesen Tagen macht der Bundeswirtschaftsminister die Erfahrung, dass es sogar schwerfällt, kurzfristig aus einer Abhängigkeit (Russland) zu einer anderen (Katar) zu wechseln. Dazu gesellt sich noch ein erhebliches Inflationsproblem.

Auf der anderen Seite fehlt es nicht an Vorschlägen, wie sich diese Krisen schnell und durchschlagend lösen ließen. Im Bundestagswahlprogramm der Grünen hieß es: „Wie die Klimakrise“ (wegen der die Energiegewinnung ja umgebaut werden muss) „sind auch die Antworten längst da.“ Möglicherweise ergeben sich viele Schwierigkeiten gerade daraus, dass im richtigdenkenden Milieu zuerst alle Antworten da sind, während sich viele Fragen erst später ergeben. Aber das nur nebenbei.

An Vorschlägen mangelt es nicht, wie die multiplen Krisen, die jetzt gerade wie die Schlangen des Laokoon von allen Seiten zuschnappen, sich auch schnell wieder beseitigen ließen. Zum einen gibt es konventionelle Ideen nach dem Muster ‚mehr vom Gleichen‘, beispielsweise „ausbauen, ausbauen, ausbauen“ (Ricarda Lang), was die Windkraft angeht. Konkret drängt die bayerische Grünen-Landtagsfraktion darauf, 500 neue Windräder in ein ausgeprägtes Schwachwindgebiet wie Niederbayern zu stellen.

GrüneFraktionBayern

@GrueneLandtagBY

500 Windräder für Niederbayern! @SchuberlToni: „Ohne billigen Strom aus Wind- und Sonnenkraft werden wir auf Dauer eine De-Industrialisierung in #Bayern erleben.“ @SteinbergerRosi drängt auf mehr Unabhängigkeit bei Energiegewinnung und Abschaffung #10h http://rundschau-la.de/landshut/politik/58869-abgeordnete-fordern-500-windraeder-fuer-niederbayern-2

Bild

Prof. Stefan Rahmstorf

@rahmstorf

Ich schäme mich Bürger eines Landes zu sein, das am fossilen Energietropf hängt wie ein Junkie am Crystal Meth, dem Kriegsverbrecher-Dealer täglich hunderte Millionen zahlt und noch nicht einmal zu den einfachsten Regeln zur Verbrauchsminderung, wie einem #Tempolimit, fähig ist.

Rahmstorf nennt noch einen zusätzlichen Problemlösungsansatz, für den jetzt viele werben: das Tempolimit. Würde auf den 1,4 Prozent des deutschen Straßennetzes, für die bisher keine Geschwindigkeitsbegrenzung gilt, eine eingeführt, dann wäre das nicht nur seiner Überzeugung nach ein Schlag gegen Putin und würde dessen Krieg schneller beenden, es könnte auch die Abhängigkeit von den zerstörerischen Energiearten rasant reduzieren. Überhaupt handelt es sich beim Tempolimit um eine so wichtige Maßnahme, dass eine grüne Berliner Abgeordnete keinen Moment zögerte, der Meldung über ein Massaker in der Ukraine noch schnell die tagesaktuelle Forderung ihrer Partei aufzukleben und das Ergebnis auf Twitter zu stellen.

Quelle

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