Russische Medien fragen mich neuerdings für Interviews an

Nachdem ich im Konfliktgebiet in der Ukraine unterwegs war, werde ich verstärkt von russischen Medien um Interviews gebeten. Die laufen auf sehr unerwartete Weise ab.

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8. April 2022 21:25 Uhr

Bei meiner bisher letzten Fahrt in das Konfliktgebiet im Donbass waren bei einigen unserer Stopps auch Teams von russischen Fernsehsendern dabei. Da wir eine Gruppe ausländischer Journalisten waren, von denen die wenigsten Russisch gesprochen haben, haben sich alle Fernsehteams auf mich gestürzt und nach meinen Eindrücken gefragt. Am Tag danach war ich in fast allen Morgennachrichten russischer Fernsehsender zu sehen.

Was danach kam, war für mich sehr überraschend. Seit ich den Anti-Spiegel betreibe, haben russische Medien sich nie bei mir gemeldet. Es gab ein paar Einladungen zu Konferenzen und das weißrussische Fernsehen hat mich ein paar Mal interviewt, das war alles. Es war, als würde in Russland niemand meine Arbeit bemerken.

Das war für mich in Ordnung, denn ich bin gar nicht auf Bekanntheit aus. Ich habe es sehr genossen, dass mich in Russland – im Gegensatz zu Deutschland – niemand auf der Straße erkennt. Wenn das mal passiert, sind das jedes Mal sehr nette Menschen und nette Gespräche, aber es passiert leider immer zu unpassenden Zeitpunkten, zum Beispiel, wenn man in Eile ist oder mit Freunden in einem Restaurant sitzt.

Aber noch während wir auf der Rückreise aus dem Donbass nach Moskau waren, bekam ich Interviewanfragen von russischen Portalen oder Nachrichtenagenturen. Da es meine Linie ist, dass ich keine Anfrage ablehne, wenn meine Zeit eine Antwort zulässt und mir garantiert ist, dass meine Aussagen nicht zusammengeschnitten und aus dem Zusammenhang gerissen werden, habe ich alle angefragten Interviews gegeben. Ich würde auch mit deutschen Mainstream-Medien reden, aber die geben einem eine solche Zusage nicht, wie die ZDF-Sendung frontal gerade wieder gezeigt hat.

Während russische Medien einen ungefiltert zu Wort kommen lassen, schneiden sich westliche Medien sich ihre Interviews so zurecht, dass sie das gewollte Bild vermitteln. Das war mir zwar grundsätzlich bekannt, es aber am eigenen Leib zu erleben, was nochmal etwas anderes.

In den letzten Tagen wurde ich jeden Tag live irgendwo zugeschaltet. Wie das abläuft, ist wirklich bemerkenswert, wenn man daran glaubt, dass Russland streng kontrollierte Propaganda macht. Immerhin kennt man mich ja in Russland und seinen Medien noch nicht, daher hätte ich erwartet, dass man die Interviews aufzeichnet, dass man mir die Fragen vorher gibt, oder auch, dass man mir Hinweise gibt, was gesagt werden soll. Einen Unbekannten live in eine landesweit ausgestrahlte Sendung zu holen, birgt schließlich ein gewisses Risiko, wenn wir unterstellen wollen, dass Russland straffe Propaganda machen würde.

Aber nichts dergleichen, im Gegenteil. Ich will hier als Beispiel nur von den letzten drei Tagen berichten.

Rossiya 24

Am 5. April bekam ich die Afrage, ob ich bereit sei, am nächsten Morgen um 10.45 Uhr live in einer Sendung des russischen Nachrichtensenders Rossiya 24 zu sprechen. Das war ich, aber auf die Frage, worum es dabei gehen solle, bekam ich keine wirkliche Antwort, nur den Hinweis, es gehe um meine Erlebnissse im Donbass.

Die Verbindung über Skype wurde fünf Minuten vorher aufgebaut und es gab kein Vorgespräch, nur einen Test von Bild und Ton. Das Gespräch dauerte keine fünf Minuten und es ging tatsächlich darum, wie ich die Lage im Krisengebiet erlebt habe.

Zvezda

Der Fernsehsender Zvezda („Stern“) ist ein landesweiter Sender, der vom russischen Verteidigungsministerium betrieben wird. Dort wurde ich nach unserer Rückkehr aus dem Donbass schon kurz in eine Talkshow eingeladen, wobei ich aber kaum zu Wort gekommen bin, weil ich das Prinzip der Show gar nicht verstanden hatte.

Die Talkshow ist in drei Blöcke geteilt, zu jedem Block kommt ein Experte nach vorne, der etwas erzählt und dann stellen ihm die Moderatoren und die Gäste Fragen oder diskutieren über das Gesagte. Dabei muss man frech und hartnäckig sein, um zu Wort zu kommen, ich hatte hingegen erwartet, dass das irgendwie orchestriert wäre und dass die Moderatoren einem das Wort erteilen.

Trotz dieses spontanen Aufbaus der Sendung geht es dabei aber sehr gesittet zu, man kann ausreden und wird nicht unterbrochen. Das ist anders, als in deutschen politischen Talkshows, wo kein Gast einen auch nur etwas komplexeren Zusammenhang erklären kann, ohne unterbrochen zu werden.

Die Sendung hat eine gewisse „Wohzimmeratmosphäre“, denn im Studio steht ein Tisch mit Tee und Kaffee und die Gäste können während der Sendung einfach aufstehen und sich einen Kaffee holen. Dis Atmosphäre im Studio war irgendwie regelrecht gemütlich.

Für den 7. April wurde ich wieder zu der Sendung eingeladen und weil ich ohnehin an dem Tag nach Moskau fliegen musste, habe ich zugesagt. Dieses Mal war ich einer der Experten, die nach vorne sollten, weshalb ich dieses Mal sehr ausführlich zu Wort gekommen bin. Aber auch hier galt: Es gab keinerlei Vorgespräch darüber, was ich sagen sollte, es gab keinerlei Instruktionen. Immerhin wird die gesamte Sendung landesweit live übertragen, es kann also im Nachhinein nichts herausgeschnitten werden.

Alle Interessierten können sich die Sendung hier anschauen, mein Part ging von Minute 35 bis Minute 47. Übrigens kann man, als ich zurück zu meinem Platz gehe, sehen, wie der Gast, der hinter mir sitzt, gerade aufsteht, um sich einen neuen Kaffee zu holen. Die Atmosphäre dort war, auch vor und nach der Sendung im Backstage Bereich oder in den Werbepausen, wirklich gemütlich und regelrecht familiär.

Radio Sputnik

Am 8. April hat mich ein Mann von Radio Sputnik angerufen, der mich fragte, ob ich gerade Zeit hätte, und in sieben Minuten per Telefon live auf Sendung kommen könnte. Ich hatte Zeit und so kam es auch hier zu einem kurzen Interview.

Das Interview endete sehr plötzlich, indem der Moderator mich unterbrach und sagte, er habe mir eine zwar Frage gestellt, aber er könne mich nicht antworten lassen. Als ich anschließend fragte, was denn war, sagte man mir, der Moderator habe im Gespräch mit mir die Zeit vergessen und sei von der Regie daran erinnert worden, dass er schon vor zehn Sekunden zu den Nachrichten umschalten sollte, die dort halbstündig laufen. So kamen die Nachrichten bei Radio Sputnik an dem Tag einmal mit ein paar Sekunden Verspätung.

Propagandist?

Mir ist klar, dass ich als russischer Propagandist bezeichnet werde und dass das noch zunehmen wird, wenn sich herumspricht, dass ich nun in allen möglichen russischen Medien auftauche, erst recht, wenn es staatliche Medien sind. Hierzu möchte ich eigentlich nicht viel sagen, aber eine kurze Stellungnahme kann ich mir nicht verkneifen.

Ich bin wirklich überrascht, wie frei es bei all den Interviews zugeht, dass keine Instruktionen, nicht einmal aus Sicht der Regie, gibt. Man holt mich live in eine Sendung und ich kann alles antworten und erzählen, was ich will.

Geld bekomme ich dafür übrigens nicht. Im Gegensatz zu deutschen Talkshows, die ihren Gästen in der Regel etwas für deren Auftritt bezahlen, habe ich kein Geld bekommen. Zvezda hat mir das Taxi zum Studio und zurück bezahlt, im Schminkzimmer gab es belegte Brote und im Studio Tee und Kaffee. Das war unsere Entlohnung für die Teilnahme an der Sendung.

Geplante Reise nach Mariupol

Ich bin am Donnerstag nach Moskau geflogen, weil wir eigentlich am Freitag in Richtung der heftig umkämpften Stadt Mariupol aufbrechen sollten. Das wurde im letzten Moment verschoben, weil dort sehr heftige Kämpfe toben und man um unsere Sicherheit besorgt war. Wann wir abreisen, ist noch nicht sicher.

Wir, das ist wieder eine Gruppe ausländischer Journalisten. Das war übrigens auch lustig, denn eine russische Journalistin, die schon oft im Donbass gewesen ist, sagte mir, dass sie mich darum beneide, nach Mariupol zu dürfen. Aus Mariupol berichten derzeit nur zwei oder drei kriegserfahrene Korrespondenten einiger russischer Fernsehsender, ansonsten werden aufgrund der Sicherheitslage keine Journalisten in die Stadt gelassen.

Wir werden die erste Gruppe sein, die dort hin darf, und die Organisatoren geben ausländischen Journalisten dabei den Vorzug, weil es im russischen Fernsehen ja bereits Berichte aus Mariupol gibt, im Ausland hingegen nicht, weil keine ausländischen Journalisten vor Ort sind.

Sobald ich aus Mariupol zurückkomme, werde ich natürlich ausführlich berichten.

Schlusswort

Ich werde in Zukunft nicht mehr ausführlich über meine Kontakte zu russischen Medien berichten, die sich nun ergeben haben und von denen sich nach der Reise nach Mariupol wohl noch mehr ergeben werden. Ich wollte aus Gründen der Transparenz nur erzählen, dass ich diese Kontakte nun habe und wie es dazu gekommen ist.

Und noch eine Anmerkung zum Schluss: Die Organisatoren der Reise nach Mariupol haben ausdrücklich auch Journalisten westlicher Mainstream-Medien angeboten, mit nach Mariupol zu kommen. Auf das Angebot ist aber (bisher) niemand eingegangen. Ich meinerseits würde eine Einladung von ukrainischer Seite, mich zum Beispiel in Butscha umzusehen und mit den Menschen dort zu sprechen, sofort annehmen. Aber Einladungen nach Butscha sind nur an Journalisten westlicher Mainstream-Medien gegangen, andere wurden nicht eingeladen.

Quelle

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