Was der Spiegel in seinen Artikeln über die Gaskrise verschweigt

Der Spiegel befeuert die Legende, Russland habe schon letztes Jahr angefangen, die Gaslieferungen nach Europa zu reduzieren und stellt das in einen Zusammenhang mit der Ukraine-Krise. Was der Spiegel dabei verschweigt.

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21. April 2022 12:00 Uhr

Im Spiegel ist ein Artikel mit der Überschrift „Datenanalyse zu Deutschlands Abhängigkeit von Russland – In der Erdgasfalle“ erschienen, dessen O-Ton es ist, Russland habe die Gaslieferungen schon im letzten Sommer zurückgefahren und so die Gaskrise in Europa verursacht. Die Einleitung des Artikels lautet:

„Der größte deutsche Erdgasspeicher ist so gut wie leer, die Lieferungen aus Russland sind reduziert. Die Auswertung zeigt: Die Krise auf dem Gasmarkt begann schon vor einem Jahr.“

In dem Spiegel-Artikel kann man später dann folgenden Satz lesen:

„Seit Juli 2021 fließt auch deutlich weniger Erdgas aus Russland nach Europa als in den Vorjahren, wie Daten des Brüsseler Thinktanks Bruegel zeigen.“

Da hätte der Spiegel, anstatt bei Bruegel nachzufragen, auch den Anti-Spiegel lesen können, denn ich habe über die sich abzeichnende Gaskrise bereits im Juli 2021 berichtet. Der Grund für die sich schon im Sommer 2021 abzeichnende Gaskrise waren aber nicht etwa zu geringe Lieferungen Russlands, wie der Spiegel suggeriert. Das Problem hat sich die EU selbst gemacht.

Die Gründe für die Energiekrise in Europa

Über die Gründe für die Energiekrise in Europa habe ich oft berichtet, aber zum Verständnis fasse ich sie hier noch einmal kurz zusammen.

Erstens: Der Winter 2020/2021 war kalt, weshalb viel Gas verbraucht wurde. Pipelines und Tanker reichen nicht aus, um im Winter genug Gas nach Europa zu bringen, weshalb die Gasspeicher normalerweise im Sommer aufgefüllt werden. Das ist in diesem Jahr ausgeblieben und während die Gasspeicher normalerweise zu Beginn der Heizsaison zu fast 100 Prozent gefüllt sind, waren es in diesem Jahr nur knapp 75 Prozent.

Zweitens: Die Energiewende hat zu einem zu großen Anteil von Windenergie am Strommix geführt. Da der Sommer 2021 aber außergewöhnlich windstill war, fehlte die Windkraft und es wurde unter anderem Gas zur Stromerzeugung genutzt, das eigentlich in die Speicher hätte geleitet werden müssen.

Drittens: Der Wunsch vieler europäischer Politiker, russisches Gas durch vor allem amerikanisches Flüssiggas zu ersetzen, hat dazu geführt, dass in Europa nun Gas fehlt. Der Grund: In Asien waren die Gaspreise im letzten Sommer noch höher als in Europa und die fest eingeplanten amerikanischen Tanker sind nach Asien gefahren, anstatt nach Europa.

Viertens: Die Reform des Gasmarktes der letzten EU-Kommission hat den Handel mit Gas an den Börsen freigegeben. Dadurch wurde Gas zu einem Spekulationsobjekt. Während Gazprom sein Gas gemäß langfristiger Verträge für 230 bis 300 Dollar nach Europa liefert, ist es für die Importeure ein gutes Geschäft, das Gas an der Börse für 1.000 und mehr Euro weiterzuverkaufen und diese Spekulationsgewinne in Höhe von mehreren hundert Prozent in die eigene Tasche zu stecken.

Das hausgemachte Problem

Die EU hat sich die Gaskrise durch die Kombination dieser Entscheidungen selbst geschaffen, allerdings waren zwei Entscheidungen entscheidend dafür, dass es ausgerechnet jetzt zu der Krise gekommen ist. Das wichtigste Problem ist sicherlich die Reform des Gasmarktes, die es für Gasimporteure profitabel macht, wenn es einen Mangel an Gas gibt und sie das in Russland günstig per langfristiger Verträge gekaufte Gas teuer an der Börse verkaufen können.

Gleichzeitig hat die EU darauf gesetzt, weniger langfristige Verträge mit Russland abzuschließen, was den Gaspreis volatil gemacht hat. In den langfristigen Verträge mit Russland wird der Gaspreis nach einer Formel berechnet, die kurzfristige Preissprünge vermeidet. Wenn das Gas aber über kurzfristige Bestellungen eingekauft wird, führt das – zumal bei einem Mangel an Gas – automatisch zu höheren Preisen.

Die EU hat amerikanischem Gas den Weg nach Europa bereitet

Die Kombination dieser beiden Entscheidungen der EU hat daher zu den plötzlich wesentlich höheren Gaspreisen und zu dem Mangel an Gas geführt. Diese Erscheinungen hat es in den vergangenen Jahrzehnten, als Europa sein Gas in Russland noch auf Basis langfristiger Verträge eingekauft hat und es nicht an der Börse gehandelt wurde, nie gegeben.

Trotzdem waren diese Entscheidungen der EU-Kommission keineswegs dumm, sie haben nur jemand anderem genutzt als Ihnen. Mit diesen Entscheidungen, die zur Erhöhung des Gaspreises in Europa führen mussten, hat die EU-Kommission den Weg freigemacht für US-Frackinggas. Das US-Gas ist sowohl wegen des teuren und umweltschädlichen Fracking, als auch wegen des teuren Transportes mit Flüssiggas-Tankern mindestens 30 Prozent teurer als russisches Pipeline-Gas. Unter normalen Marktbedingungen hätte das amerikanische Gas in Europa keine Chance gehabt. Mit ihren Maßnahmen, die Gas künstlich verteuert haben, hat die EU-Kommission aber schließlich den Weg für amerikanisches Frackinggas freigemacht.

Der Spiegel stellt die entscheidende Frage nicht

In dem oben genannten Spiegel-Artikel wird der Eindruck erweckt, Russland habe 2021 die Gaslieferungen künstlich gesenkt. Ich zeige dazu hier exemplarisch drei Absätze aus dem Artikel:

„Bruegel-Analyst Georg Zachmann vermutet dahinter eine gezielte russische Strategie. Womöglich sei das Ziel gewesen, die neue Pipeline Nord Stream 2 durchzudrücken, gegen die es vor allem in Osteuropa und den USA großen Widerstand gab. »Die Strategie dafür wäre, Europa mit leeren Speichern und reduzierten Gaslieferungen die Pistole auf die Brust zu setzen«, sagt Zachmann.
Ganz ähnlich lautet die Einschätzung der Stiftung Wissenschaft und Politik. Gazprom habe früh auf eine Inbetriebnahme von Nord Stream 2 gesetzt und Lieferkapazitäten in anderen Pipelines reduziert. Tatsächlich sanken die russischen Gasimporte in die EU von mehr als drei Milliarden Kubikmetern pro Woche im Frühjahr 2021 auf deutlich unter drei Milliarden ab dem Sommer – siehe folgendes Diagramm.
Deutschland sollte offenbar dazu gebracht werden, noch im Winter Nord Stream 2 zu genehmigen, meint Zachmann. »So hätte ich zumindest bis zum letzten Jahr die russische Strategie interpretiert.« Dass das Ganze in einen wahnsinnigen Krieg münde, könne auch Teil der Strategie gewesen sein. »Dies war aber so nicht unbedingt absehbar.«“

In dieser Art und Weise zieht es sich durch den ganzen Artikel, aber der Spiegel stellt die entscheidende Frage nicht. Die entscheidende Frage ist nämlich, warum aus der EU nicht mehr Gas aus Russland bestellt wurde.

Das klingt merkwürdig, aber genau so ist es tatsächlich. Es gibt zwar in allen Medien den Vorwurf, Russland hätte seine Gaslieferungen reduziert und den Lesern wird dabei suggeriert, Russland habe die Gaskrise bewusst durch zu geringe Lieferungen herbeigeführt. Das ist jedoch schlicht nicht wahr, denn es gibt nirgendwo auch nur eine Meldung darüber, dass Russland Bestellungen aus Europa nicht bedient hätte.

Gas wird ja in Russland nicht auf gut Glück in die Pipelines eingespeist, sondern das Gas wird aus Europa bestellt und dann durch die Pipelines nach Europa gepumpt. Wenn das, was die Medien suggerieren, wahr wäre, müsste es von Gasimporteuren Meldungen geben, dass Russland eine (oder viele) aufgegebene Gasbestellung abgelehnt hätte. Aber es gibt keine einzige solche Meldung.

Daher müssten die Medien nicht Russland fragen, warum nicht genug Gas in Europa vorhanden ist, sondern sie müssten die Gasimporteure fragen, warum sie nicht mehr Gas bestellt haben. Aber die Frage stellen die Medien nicht.

Zwischen den Zeilen

Wer all das weiß, der kann in dem Spiegel-Artikel auch Bestätigungen dafür finden, dass es so ist, wie ich es hier beschreibe. Über die Jamal-Pipeline, die russisches Gas über Weißrussland nach Polen bringt, kann man in dem Spiegel-Artikel zum Beispiel lesen:

„Für die Pipeline Jamal, die über Belarus und Polen nach Deutschland führt, gibt es nicht einmal fest vereinbarte Jahresvolumina. Der Vertrag für den Transit durch diese Leitung war laut Brancheninsidern Ende September 2021 ausgelaufen. Transportkapazitäten können auf kurzfristiger Basis gebucht werden. Dies geschieht tatsächlich, wie Lieferdaten zeigen, aber auf deutlich niedrigerem Niveau als früher. Zudem fiel der Gasfluss auch immer wieder ganz auf null“

Dieser Absatz bestätigt die genannten Probleme. Weil Polen aus politischen Gründen lieber amerikanisches Gas kaufen möchte und dafür extra ein großes Flüssiggas-Terminal gebaut hat, hat Polen seinen langfristigen Vertrag mit Gazprom auslaufen lassen und bestellt kein Gas mehr in Russland, das bisher durch die Jamal-Pipeline gepumpt wurde. Obwohl die Jamal-Pipeline damit freie Kapazitäten hätte, gehen in Russland trotzdem so wenig Bestellungen ein, dass die Pipeline zeitweise tatsächlich gar kein Gas transportiert hat.

Stammleser des Anti-Spiegel wissen das, denn ich habe darüber berichtet, dass die Jamal-Pipeline mangels Bestellungen aus Europa immer wieder leer gelaufen ist und dass stattdessen sogar Gas in die entgegengesetzte Richtung gepumpt wurde. Gazprom hat sich über das Ausbleiben der Bestellungen sehr gewundert, denn das war zum Jahreswechsel 2021/2022, als die Gaskrise in Europa die Schlagzeilen beherrscht hat. Trotzdem haben die europäischen Importeure damals kaum Bestellungen bei Gazprom platziert.

Aber „Qualitätsmedien“ wie der Spiegel erzählen ihren Lesern das nicht und geben stattdessen Gazprom die Schuld.

Langfristige Verträge nutzen beiden Seiten

Leser fragen mich immer wieder, warum Gazprom trotzdem langfristige Verträge möchte, wenn es sein Gas bei kurzfristigen Bestellungen doch derzeit um Vielfaches teurer verkaufen könnte. Die Antwort ist einfach, denn das auch europäische Gasproduzenten haben auf langfristige Verträge gesetzt, als in Europa noch Gasfelder erschlossen wurden. Der Produzent von Gas muss Milliardeninvestitionen in die Förderung und die Pipelines planen und das geht nur, wenn er weiß, wie viel Gas er langfristig zu welchem Preis verkaufen kann. Daher möchte ein Gasproduzent langfristige Verträge, auch wenn der Preis zeitweise möglicherweise viel niedriger ist als der, den er an der Börse erzielen könnte.

Auch für den Kunden ist es von Vorteil, wenn er die Gaspreise und die Gasmengen im Voraus planen kann, denn was passiert, wenn man sich auf kurzfristige Verträge einlässt, erleben wir gerade in Europa. Dass die EU-Kommission sich trotzdem für kurzfristige Verträge und Börsenhandel von Gas einsetzt, ist entweder Inkompetenz, oder der Wunsch europäischen Konzernen die lukrative Börsenspekulation mit Gas auf Kosten der Verbraucher zu ermöglichen, oder die politische Abhängigkeit von den USA, die auf kurzfristige Verträge setzen, weil ihrer schnelllebigen Frackingindustrie schnelle Gewinne wichtiger sind als langfristige Planungssicherheit.

Das Interesse der USA

Die EU-Kommission hat mit ihrer Gasreform die Interessen der USA umgesetzt, denn die USA sind der große Gewinner der Situation. Erstens können sie nun den europäischen Gasmarkt erobern und dort ihr teures Frackinggas verkaufen, das vorher in Europa kaum jemand haben wollte, weil es zu teuer ist.

Zweitens treiben die USA die EU in einer Abhängigkeit, die den Einfluss der USA auf die EU erhöht. Russland hat 50 Jahre lang trotz aller Krisen vertragstreu Gas geliefert. Sogar jetzt noch, während die EU einen Wirtschaftskrieg gegen Russland eröffnet hat, liefert Russland weiterhin Gas. Selbst jetzt setzt Russland sein Gas nicht als politisches Druckmittel ein.

Ob die USA, die selbst NATO-Verbündete mit Sanktionen überziehen (siehe Türkei) oder zumindest damit drohen (siehe Nord Stream 2), wenn die „Verbündeten“ ungehorsam sind, auch so ein vertragstreuer Lieferant sein werden, wenn es mal politischen Streit zwischen der EU und den USA geben könnte?

Drittens werden die steigenden Energiekosten der europäischen Wirtschaft schaden, was im Interesse der USA ist, die in der EU nicht nur einen „Partner“ (oder, wie man in Washington offen sagt, einen „Vasallen“) sehen. Die USA sehen die EU im Bereich der Wirtschaft als Konkurrenten an und natürlich freut man sich, wenn ein Konkurrent geschwächt wird. Außerdem ist es natürlich wünschenswert, dass man seine Vasallen nicht zu stark werden lässt.

Die USA sind daran interessiert, dass die EU wirtschaftlich stark genug ist, um die US-Politik zu wirksam zum Beispiel bei Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu unterstützen, denn US-Sanktionen alleine hätten aufgrund der geringen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den USA und Russland kaum eine Wirkung. Sie wirken nur, wenn sich die EU den Sanktionen anschließt. Aber die USA sind nicht daran interessiert, dass die EU wirtschaftlich und politisch so stark wird, dass sie sich vom Einfluss der USA befreien könnte. Daher ist eine Schwächung der EU durchaus im Interesse der USA und die derzeitige Politik der EU-Kommission kommt dem entgegen, indem sie Russland-Sanktionen unterstützt, unter denen die EU bisher weit mehr leidet als Russland, und indem sie sich vom russischen Gas ab- und dem amerikanischen Gas zuwendet.


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Quelle

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