LNG-Streit: Beide Seiten blind – aber auf unterschiedlichen Augen

Stefan Frank / 17.05.2022 / 06:15 / Foto: Pixabay / 32 /

Seite ausdrucken

In Deutschland ist quer durch die grüne Szene ein Streit um neue Flüssiggasterminals entstanden. Die einen wollen dagegen klagen, die anderen rechnen die Verfügbarkeit schön. Der Horizont von beiden reicht nicht sehr weit. Eine befragte amerikanische Expertin kann darüber nur den Kopf schütteln.

Sie haben es an dieser Stelle vielleicht schon gelesen: Bundesumweltminister Robert Habeck ärgert sich über die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Weil die ihm bei seinem Vorhaben, schnellstmöglich an der Nordseeküste Terminals für den Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) zu bauen, Steine in den Weg legen könnte, etwa durch Klagen vor Gericht. „Hier möchte ich ausdrücklich davor warnen, dagegen zu klagen“, sagte Habeck „Sollten wir die LNG-Terminals nicht haben, und sollte das Gas nicht aus Russland kommen, ist die Versorgungssicherheit in Deutschland nicht gewährleistet.“ Im Zweifel könne eine Klage bewirken, dass Deutschland wieder abhängiger von russischen Energieimporten werde, so Habeck: „Das solltet ihr nicht tun an dieser Stelle“, riet er der Deutschen Umwelthilfe.

Ich rufe Constantin Zerger an, Bereichsleiter Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe und früherer Umweltmanager der Deutschen Bahn. Ich zitiere, was Habeck gesagt hat und frage, ob wir das Erdgas, das Habeck über LNG-Terminals einführen will, denn nicht brauchen werden, falls Putin uns den Hahn zudreht. Will die Deutsche Umwelthilfe die Erdgasversorgung bedrohen? Zerger antwortet, dass die Deutsche Umwelthilfe noch gar nicht klage, sondern bislang lediglich einen Widerspruch beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eingelegt habe. Diese Behörde müsse nun entscheiden, danach erst stelle sich die Frage, ob die DUH Klage einreichen werde. 

Ich frage, ob es nicht aber das Ziel der DUH sei, das LNG-Terminal zu verhindern. „Wir wollen erst einmal wissen, wie Herr Habeck den Bedarf begründet“, antwortet Constantin Zerger. Das sei ein „ganz großes Fragezeichen“. Habeck könne es „schnell behaupten“, dass ein solches LNG-Terminal benötigt werde, sei die Belege aber bislang schuldig geblieben. Herr Zerger weist auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hin. Sie bildet, das wird im Gespräch klar, die wissenschaftliche Basis für die Zweifel der DUH an der Notwendigkeit von LNG-Terminals. 

Das Thesenpapier des DIW

Über dieses Papier hatten zahlreiche Zeitungen und Wochenzeitungen bei seinem Erscheinen Anfang März berichtet. Werfen wir einen Blick auf seine Annahmen und Folgerungen. Die zentrale These lautet: 

„Wenn Einsparpotenziale maximal genutzt und gleichzeitig die Lieferungen aus anderen Erdgaslieferländern so weit wie technisch möglich ausgeweitet werden, ist die deutsche Versorgung mit Erdgas auch ohne russische Importe im laufenden Jahr und im kommenden Winter 2022/23 gesichert.“

Der Zeitraum, für die die DIW-Autoren Franziska Holz, Robin Sogalla, Christian von Hirschhausen und Claudia Kemfert ihre Prognose erstellt haben, reicht also nicht sehr weit in die Zukunft; sie beziehen sich auf die nächsten zehn Monate. Wie gedenken die Wissenschaftler, Deutschlands Abhängigkeit vom russischen Erdgas zu beenden? Sie wollen die Erdgaslieferungen aus anderen Ländern — vor allem aus Norwegen und den Niederlanden — deutlich ausweiten und gleichzeitig den deutschen Verbrauch senken.

Obwohl die norwegische und mehr noch die niederländische Regierung beide gesagt haben, dass sie die Erdgaslieferungen nach Deutschland nicht deutlich erhöhen können, setzen die DIW-Autoren voraus, dass sie eben doch tun werden. So sollen 37 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr wie durch Zauberhand auftauchen.

Die Wirklichkeit: Norwegen plant, dieses Jahr seinen gesamten Export um neun Milliarden Kubikmeter zu erhöhen. Das entspricht ziemlich genau der Jahreskapazität der Baltic Pipeline von zehn Milliarden Kubikmetern, über die Norwegen ab Oktober Erdgas nach Polen pumpen will. Diese Information findet sich auch in der DIW-Studie, sie bereitet den Autoren aber kein Kopfzerbrechen, weil diese Pipeline ja erst gegen Ende des Jahres in Betrieb geht, weswegen die Autoren mit nur zwei Milliarden Kubikmetern norwegischen Erdgases rechnen, das in diesem Jahr nach Polen fließen wird. So können sie kalkulieren, weil ihr Horizont ja nicht weiter reicht als bis zum nächsten Frühjahr. 

Aussagen der Studie von den Autoren selbst widerlegt

Wie sie aber auf „Steigerungspotenziale“ in Höhe von 37 Milliarden Kubikmetern kommen, bleibt rätselhaft, denn auch für die Niederlande nehmen sie an, dass die Ausfuhren lediglich „ungefähr den Lieferungen im Jahr 2021“ entsprechen werden. Wo ist da das sagenhafte „Steigerungspotenzial“? Die Niederlande wollen ihre Erdgasförderung nicht ausweiten, sondern sogar in einigen Jahren einstellen. Auch das wird in der DIW-Studie erwähnt: „Allerdings gibt es seit etwa zehn Jahren Probleme mit Erdbeben in der Groningen-Region, weswegen die Förderung zurückgeführt wird.“ Einfluss auf die Kalkulation der „Steigerungspotenziale“ hat diese Information offenbar nicht. Die These einer deutlichen Steigerung der niederländischen und norwegischen Erdgasexporte nach Deutschland wird von den Aussagen, die die DIW-Autoren selbst in ihrer Studie machen, nicht etwa gedeckt, sondern sogar widerlegt.

Auch auf LNG-Terminals kommen sie zu sprechen — die der anderen europäischen Länder. Sie sollen den deutschen Bedarf an LNG decken:

„Die LNG-Terminals in Nordwesteuropa sind über das europäische Pipelinenetz mit dem deutschen Markt verbunden. Für das Szenario mit maximalem Angebot wird davon ausgegangen, dass mindestens die Hälfte der Kapazitäten der Terminals für Importe nach Deutschland genutzt werden können (Rotterdam), beziehungsweise die im vergangenen Jahr ungenutzten Kapazitäten für Deutschland zur Verfügung stehen könnten (Dunkerque, Zeebrugge, abzüglich des Ersatzes möglicher Ausfälle russischer Exporte nach Belgien).“

Wie nett von den Belgiern, Niederländern und Franzosen, dass sie in der Krise nur an uns denken. Die Autoren geben zu: 

„Im realistischen Szenario müssen die LNG- Importmöglichkeiten über die Niederlande (Rotterdam) niedriger angesetzt werden, da die Niederlande wahrscheinlich sowohl ihre eigenen Produktionsschwierigkeiten sowie zuletzt recht hohe Importe aus Russland durch LNG-Importe ausgleichen müssen.“

Hört, hört. Die Niederlande werden also selbst mehr LNG einkaufen — wie passt das zu der These, dass sie ihre Erdgasexporte (Pipeline und LNG) nach Deutschland im Krisenfall steigern können und wollen?

Sicherheitshalber verbuchen die DIW-Autoren die LNG-Terminals in Südeuropa ebenfalls für Deutschland. Sie halten einen Handel mit Flüssigerdgas für „möglich“, „das über LNG-Terminals an der Mittelmeer- beziehungsweise der Adriaküste nach Europa kommt“. Dieses Erdgas ist nur für uns bestimmt, andere Nachfrage gibt es nicht, so scheint’s.

Es wird noch besser: „Auch Erdgas von nordafrikanischen Anbietern, die per Pipeline nach Italien liefern (Algerien, Libyen), könnte so nach Deutschland verkauft werden“, glaubt man beim DIW.

Die Studie des DIW basiert also auf der Fiktion, dass es eine europäische Planwirtschaft gebe, deren einziges Ziel es sei, Deutschland mit Erdgas zu versorgen. Die Interessen und Bedürfnisse der anderen europäischen Staaten werden vom DIW überhaupt nicht berücksichtigt oder auch nur erwähnt. Im Jahr 2021 stammten rund 45 Prozent der Erdgasimporte in die EU aus Russland. Den Wegfall dieser Menge kann man nicht dadurch kompensieren, dass man innerhalb der EU Gas hin- und herschiebt, wie die DIW-Autoren vorschlagen. Und selbst wenn die EU-Länder einander aushelfen würden, haben die DIW-Autoren in ihrer Analyse völlig vergessen, dass Deutschland nicht das einzige EU-Land ist, dass Erdgas benötigt. Im Falle eines russischen Lieferstopps wären alle betroffen, und unsere europäischen Nachbarländer hätten nicht plötzlich mehr Erdgas, das sie mit uns teilen können und wollen, sondern weniger — oder gar keines.

Die DIW-Studie ist hier noch nicht zu Ende. 

DIW empfiehlt Absenken der Raumtemperatur

Weil selbst die optimistischen Prognosen über die Großzügigkeit und Fähigkeit der anderen EU-Länder, Deutschland mit immer mehr Erdgas zu beliefern, nicht ausreichen, um zu dem vom DIW angekündigten Ergebnis zu kommen, dass eine „Versorgungssicherheit ohne neue LNG-Terminals möglich“ sei, definieren die Autoren den Begriff „Versorgungssicherheit“ sehr kreativ. Der „Erdgasverbrauch in der Industrie sowie bei den privaten Haushalten“ werde natürlich „zurückgehen“: um mindestens „minus 15 Prozent“. Das ist aber offenbar kein Problem: 

„Bei den Haushalten kann dies durch ein Absenken der Raumtemperatur, der Warmwassernutzung sowie den kurzfristig stärkeren Verbau von Wärmepumpen erreicht werden.“

Aha. In der Industrie bestehe „das größte Einsparpotenzial durch den Umstieg auf alternative Energieträger in der Wärmerzeugung wie Strom, Kohle oder Biomasse“.

Die Vernunft bricht sich Bahn: Kohle gilt jetzt als „alternativer Energieträger“. Dann sollte dieser auch entsprechend staatlich gefördert werden, oder? 

Vielleicht reicht aber eine Einsparung von 15 Prozent nicht aus, kommt es den DIW-Autoren in den Sinn. „Mittlere Einsparungen“ sieht der DIW bei „minus 33 Prozent“ weniger Erdgas. Das würde dann „mit einem temporär signifikanten Rückgang der industriellen Produktion in Deutschland einhergehen“, so die Studie. Klingt halb so wild, oder?

Deutsche Umwelthilfe: Mehr Gebäudeeffizienz und Tempolimit

Zurück zu meinem Gespräch mit Constantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe. Wir kaufen 35 Prozent unseres Erdgases von Russland, sage ich. Wenn die wegfallen, wo kommt dann das benötigte Gas her? Die bestehenden Quellen reichten aus, versichert Herr Zerger unter Verweis auf das DIW. Zudem sei es ja ohnehin „fraglich“, ob die LNG-Infrastruktur in der gebotenen Zeit fertiggestellt werden könne. Wichtig sei es, in Energieeffizienz und vor allem Gebäudeeffizienz zu investieren, sagt er.  Auch ein „Tempolimit“ sei darum notwendig. Das seien Maßnahmen, die nun ergriffen werden müssten – und nicht der Bau eines LNG-Terminals. Wichtig sind der Deutschen Umwelthilfe Zahlen: Während das DIW Zahlen genannt habe, habe Habeck keine Zahlen genannt. Die Bundesregierung plane insgesamt sieben LNG-Terminals und es sei nicht erkennbar, warum diese Kapazität notwendig sei, so Zerger.

Was, wenn Russland die Erdgasexporte nach Deutschland einstellt, wie es das bei Polen und Bulgarien gemacht hat – müssten wir dann nicht froh sein, wenn bis dahin überhaupt irgendein LNG-Terminal fertiggestellt ist, welcher der sieben es auch sein mag? Zerger erklärt, dass LNG-Terminals nur geeignet seien, um fossiles Gas zu importieren. Mit ihnen werde nur der „Lieferant gewechselt“. „Was wir damit aber nicht schaffen, ist, die Struktur unserer Energieversorgung zu ändern. Und das ist das, was jetzt geboten ist.“

Die Bundesregierung, so Zerger, plane LNG-Terminals mit einer Kapazität von 70 Milliarden Kubikmetern pro Jahr — das sei mehr sei als die Menge Erdgas, die Deutschland derzeit aus Russland importiere. Er finde unverständlich, so Zerger, dass Habeck die Notwendigkeit dieser Terminalkapazitäten nicht mit Zahlen belege, während das DIW ja mit Zahlen belegt habe, dass es „genügend Alternativen“ gebe.

Gasversorgung, Preisgestaltung und Energiesicherheit

Wer hat Recht: Robert Habeck oder das DIW und die Deutsche Umwelthilfe? Als Schiedsrichterin frage ich Anna Mikulska. Sie ist Dozentin für Russland- und Osteuropastudien an der University of Pennsylvania, Dozentin für Energiepolitik am Center for Energy Studies an der Rice University in Houston, Texas, und Expertin für europäische Energiegeopolitik. „Der Test des Puddings besteht darin, dass man ihn isst“, antwortet sie in einer E-Mail. Diese englische Redensart meint, dass die entscheidende Bewährungsprobe einer Idee das Ausprobieren sei.

„Warum“, fragt Mikulska, „sollte Deutschland jetzt Probleme damit haben, vom russischen Gas loszukommen, wenn seine Nachbarn, mit denen Deutschland gut verbunden ist, genug Gasvorräte zum Teilen haben?“ Ihre Antwort: Weil sie möglicherweise nicht genug ständige Versorgung haben, um sie jederzeit oder langfristig zu teilen. „Der Zugang zu einer breiteren, unabhängigen Versorgung wird für Deutschland wichtig sein, insbesondere wenn es versucht, aus der Kohle auszusteigen und aus der Kernenergie fast ausgestiegen ist“, so Mikulska.

Die Fähigkeit, Gas an deutsche Küsten zu bringen, sei nicht nur wichtig für die eigentliche Gasversorgung, sondern auch für die Preisgestaltung und die allgemeine Energiesicherheit. „Sie wollen in der Lage sein, potenzielle Engpässe durch andere Quellen auszugleichen? Könnten Belgien und Frankreich in jenem Moment helfen, wenn das Gas aus den Niederlanden aufhört zu fließen, zumal sie selbst mit Lieferengpässen zu kämpfen haben?“ Um Versorgungssicherheit zu erreichen, seien zuweilen „überschüssige Kapazitäten“ notwendig, so Mikulska. „Selbst wenn die LNG-Terminals, die in Deutschland gebaut würden, nicht mit hoher Auslastung arbeiten würden, hätten sie einen Wert, um kurzfristig eine alternative Versorgung bereitzustellen, so dass Deutschland nicht von möglichen Versorgungsengpässen in Nachbarländern betroffen ist.“

Foto: Creative Commons CC0 Pixabay

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung

Quelle

Werbung

Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist!

Ein Kommentar zu “LNG-Streit: Beide Seiten blind – aber auf unterschiedlichen Augen

Schreibe eine Antwort zu latexdoctor Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: