Corona-Politiker wissen auch ohne Sachverständige, was sie glauben

Von Alexander Wendt

Der Sachverständigenrat sieht keine Evidenz für den Nutzen der meisten Corona-Maßnahmen. Die Verantwortlichen reagieren nicht etwa mit Zerknirschung. Stattdessen arbeiten sie an der konsequenten Ersetzung von Politik durch Parareligion IMAGO/photothek

Der Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Evaluierung der Coronamaßnahmen kam zu dem Schluss, dass sich die Wirkung der meisten Maßnahmen nur schwach oder gar nicht nachweisen lässt. Eine Erschütterung bei den Politikern, Wissenschaftlern und Medienmitarbeitern, die zwei Jahre lang genau diese Maßnahmen gefordert, verteidigt und immer neue verlangt hatten, blieb aus. Niemand von ihnen rechnete ja im Ernst mit einem anderen Ergebnis.

Aber aus dem Bericht oder vielmehr aus der Reaktion darauf ergibt sich auch etwas Neues: die Geburt einer Politik, in der es auf Evidenz gar nicht mehr ankommt. Wirkung muss nicht mehr bewiesen werden, was diese Neopolitik sehr nah an die Religion rückt. Wie das?

Gemach. Das Thema verdient einen tiefen analytischen Schnitt.In der öffentlichen Kommunikation spielt eine bestimmte Technik eine immer wichtigere Rolle, wenn es darum geht, ein bestimmtes Thema auf die Bühne zu bringen, und noch mehr, wenn ein dringendes Interesse daran besteht, etwas von der Bühne fernzuhalten: die Praxis des Sing along, der Meinungsäußerung im Chor. Mehrere reichweitenstarke Personen geben fast gleichzeitig beinahe gleichlautende Erklärungen ab, die bestimmte Schlüsselbegriffe enthalten.

Idealerweise stammen die Urheber der Wortmeldungen aus unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Bereichen, etwa aus Medien, dem Wissenschaftsbereich und politischen Organisationen.Sing along wirkt hauptsächlich durch den Verstärkungseffekt. Wenn eine Hand voll Personen sich gleichlautend zu einem Thema äußert, und sich dann wiederum genügend Helfer finden, die ihre Erklärungen in sozialen Netzwerken teilen und in Medien zitieren, entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, wichtige Leute, die ein Problem aus verschiedenen Perspektiven betrachten, würden einander bestätigen. Ihr Argument erhält dadurch in der Aufmerksamkeitsökonomie einen höheren Wert.

Der Vorgang täuscht, milder gesagt, er erweckt einen falschen Eindruck. Denn erstens schauen die Sing-along-Teilnehmer in Wirklichkeit nicht aus verschiedenen, sondern identischen Perspektiven auf eine Sache. Zweitens handelt es sich nicht um Bestätigung, wenn mehrere Leute gleichzeitig dasselbe sagen. Die Technik ähnelt einem Phänomen aus der herkömmlichen Ökonomie, dem pump and dump-Prinzip am Aktienmarkt: Mehrere Mitspieler loben öffentlich eine bestimmte Aktie, die dann tatsächlich steigt, weil andere Markteilnehmer das simultane Lob als wechselseitige Bestätigung von Expertenurteilen deuten.

Im Fall der Coronapolitik-Evaluierung durch den Sachverständigenrat dürfte das Ergebnis – kein Nachweis für die Wirksamkeit fast aller von der Regierung verfügten Maßnahmen – wie gesagt niemand überrascht haben. Dass die Lahmlegung des öffentlichen Lebens inklusive Schulschließungen und Ausgangssperren das Virus in seinem Lauf nicht beeinflusst hatten, ergab sich aus so gut wie jeder Untersuchung aus anderen Ländern – dazu etwas später – vor allem aber aus dem direkten Vergleich benachbarter Länder mit sogenannten harten Maßnahmen und einem mäßigeren Maßnahmenregime, etwa Deutschland und Schweden, oder zwischen den deutschen Bundesländern – Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern – die sich nach dem Ende der bundesweiten Corona-Maßnahmen in Frühjahr 2022 flächendeckend zu Hotspots erklärten, um die Restriktionen aufrechtzuerhalten – und deren Infektions- und Hospitalisierungsraten sich trotzdem kaum vom Schnitt der anderen Bundesländer unterschied.In der Gesamtzahl der an und mit Corona Verstorbenen unterscheidet sich Deutschland mit seinen im internationalen Vergleich restriktiven Maßnahmen der vergangenen zwei Jahre nur noch marginal von der Schwedens, das ganz auf schwere Freiheitseingriffe verzichtete.

In Deutschland liegt die Zahl der Covid-Toten – an und mit – per 5. Juli bei 1677 pro Million Einwohner, in Schweden bei 1867. Das beliebte Gegenargument lautet: aber Schweden ist sehr viel dünner besiedelt. In Deutschland gab es allerdings auch hohe Infektionszahlen in dünn besiedelten ländlichen Gebieten. Und Frankreich, dünner besiedelt als Deutschland und insgesamt von einer noch restriktiveren Coronapolitik geprägt – 2020 Ausgangsbeschränkung mit nur einem Kilometer Radius und dem strikten Verbot, in Parks spazieren zu gehen – zählt im Juli 2022 insgesamt 2284 Tote pro Million. Die Schweiz, die 2021 ihre Maßnahmen lockerte, als Deutschland noch die Gastronomie völlig zusperrte, steht mit 1587 Toten pro Million per Saldo besser da als der Nachbar.Irgendwo und irgendwann hätte sich also eine Maßnahmenwirkung in die Daten einprägen müssen, selbst in so dünne Daten, wie sie in Deutschland vorliegen.Genau davon, von der Wirksamkeit handelt die betreffende parareligiösen Sing-along-Zeile, um die es hier geht. In der Süddeutschen Zeitung schrieb Christina Berndt, die mit dem Titel „Wissenschaftsjournalistin des Jahres 2021“ zu den vielen preisbedachten Journalisten in Deutschland gehört, schon vor Veröffentlichung des Evaluierungsberichts, aber offenbar in Kenntnis des Inhalts:Am Ende wird der Bericht wohl nur benutzt werden, um Narrative fortzuführen, wonach die Maßnahmen sinnlos gewesen seien. Dabei gibt es für viele #Maßnahmen gute Evidenz.

Und wenn es keine Evidenz gibt, heißt das nicht, dass etwas nicht wirkt.— Christina Berndt (@ChristinaBerndt) June 7, 2022Wenn es keine Evidenz gibt, heißt das nicht, dass etwas nicht wirkt – diese Formel wiederholte dann der Gesundheitspolitiker der Grünen Janosch Dahmen unmittelbar nach Vorlage des Berichts: „Die Abwesenheit von Evidenz zur Wirksamkeit ist keine Evidenz für die Abwesenheit von Wirksamkeit.”Der Grünen-Politiker @janoschdahmen hat sich zum Bericht zur Evaluierung der #Corona-Maßnahmen geäußert und u.a. gesagt: „Die Abwesenheit von Evidenz zur Wirksamkeit ist keine Evidenz für die Abwesenheit von Wirksamkeit.” // @welt— Tim Röhn (@Tim_Roehn) July 1, 2022 Ebenfalls nach Veröffentlichung des Berichts erklärte die Physikerin Viola Priesemann via Twitter:

’Absence of evidence is no evidence of absence.’– Wenn man keine wissenschaftliche Evidenz gefunden hat, heißt das noch lange nicht, dass eine Intervention nicht wirkt.“

Nach viel Kritik löschte sie den Tweet kurze Zeit darauf wieder, da dieser „in die falsche Richtung“ gezogen werde.

Alle drei gehörten zu den Befürwortern möglichst harter Corona-Eindämmungsmaßnahmen. Die Süddeutsche forderte beispielsweise im November 2021 einen „Lockdown – jetzt sofort“.

Autorin damals: Christina Berndt.

Dahmen zählt zu den nachdrücklichsten Verfechtern einer Maßnahmenpolitik; am 5. Juni drohte er mit einem neuen „großen Lockdown“ für den kommenden Herbst.
Priesemann, Physikerin im Max-Planck-Institut Göttingen, gehörte ab 2021 zum Covid-Beratungsgremium der Bundesregierung. Alle blicken also aus der gleichen Perspektive auf den Evaluierungsbericht, dessen Ergebnis ihnen nicht gefallen kann. Und alle drei erklären das gleiche: Kein Beweis für die Wirksamkeit einer Maßnahme beweist nicht, dass sie nicht gewirkt hätte. Ihre Wirkung entzieht sich also nur irgendwie der Beweisbarkeit. Den Satz: ‚kein Beweis für die Wirkung von etwas ist kein Beweis für die Nichtwirkung von etwas‘ sollte niemand mit leichter Hand beiseite wischen. Denn er trifft tatsächlich auf bestimmte Fälle in der Wissenschaft zu. Nur eben nicht auf die Coronamaßnahmen in Deutschland und ihre politische Beurteilung.

In der Teilchenphysik beispielsweise lassen sich viele Vorgänge nicht direkt beobachten. Die Beobachtung kann auch den Vorgang beeinflussen, wobei sich, siehe oben, dieser Einfluss schwer abschätzen lässt. Hier ergibt die Feststellung also Sinn, dass eine Wirkung stattgefunden haben kann, auch wenn ihr Nachweis nicht gelingt. Der Prozess verschwimmt also in Unschärfe.

Zum anderen kann ein Wissenschaftler unter Umständen eine Wirkung beobachten, sie aber nicht beweisen. Auch hier spricht der fehlende Beweis nicht gegen die Wirkung. Zu den bekanntesten Fällen gehört der des britischen Marinearztes James Lind, der 1747 auf der HMS „Salisbury“ per Experiment entdeckte, was gegen den damals gefürchteten Skorbut half, der oft mehr Männer tötete als die Gefechte auf See. Lind bildete aus 12 Skorbutkranken an Bord sechs Kontrollgruppen zu je zweien, und verabreichte zehn von ihnen verschiedene damals übliche (und wirkungslose) Mittel, etwa verdünnte Schwefelsäure, einem Duo aber zwei Orangen und Zitronen täglich, deren Wirksamkeit er intuitiv erraten hatte. Die beiden genasen sehr schnell, während die anderen weiter siechten. Lind veröffentlichte seine Versuchsergebnisse 1753, konnte aber nur die Beobachtung anbieten, aber keinen systematischen Beweis. Denn das, was gegen Skorbut wirkte – Vitamin C – kannte zu seiner Zeit noch niemand. Vitamin C wurde erst 1928 isoliert und beschrieben. Lind stand übrigens damals gegen die Expertenmeinung der meisten anderen Schiffsärzte. Weil die Systematik seiner erfolgreichen Kur fehlte, folgte die britische Admiralität erst 53 Jahre später der Empfehlung, Seeleute mit Zitrusfrüchten gesund zu halten.

Aber keiner dieser Fälle passt für die Beurteilung der deutschen Coronapolitik. Bei Lockdowns, Schulschließungen und Ausgangssperren handelt es sich wirklich nicht um Maßnahmen auf der Mikroebene, die in nebelhafter Unschärfe verschwinden. Sondern um ein Großexperiment an der Gesellschaft, über das es zwar in Deutschland nur dürftige Daten gibt, aber immer noch genügend, um politische Schlüsse zu ziehen. Und es verhält sich auch nicht so, dass die Restriktionen zu einer positiven Wirkung geführt hätten, die sich nur nicht erklären ließe. Im Gegenteil: Die Tatsache (auf die auch der Evaluierungsbericht hinweist), dass es in Deutschland über längere Abschnitte eine Übersterblichkeit gab, die sich aber nur zu einem relativ kleinen Teil durch an und mit Corona Verstorbene erklären lässt, spricht ziemlich eindeutig dafür, dass die Maßnahmen einen großen Schaden angerichtete hatten: Beispielsweise durch verschobene Operationen, durch die Angst vieler Betroffener, sich mit Herz- und Kreislaufproblemen in eine Klinik zu begeben, durch den lockdownbedingten Bewegungsmangel.

Die wirtschaftlichen Verwüstungen durch die Lockdowns in Deutschland und weltweit lassen sich bis jetzt nur schwer beziffern, die von der Schließung verursachten Verheerungen in Bildungsbiografien von Schülern noch kaum quantifizieren. Aber die Tatsache, dass die Praxen von Kinder- und Jugendpsychiatern sein vielen Monaten geradezu überrannt werden, vermittelt schon ein ungefähres Bild der Ausmaße. Schon der erste Teil der Sing-along-Zeile trifft deshalb nicht zu, nämlich die Behauptung, es gebe keinen Nachweis der Maßnahmenwirksamkeit. Es existiert nur kein Nachweis einer positiven Wirkung. Angesichts von derart massiven sogenannten nichtmedizinischen Eingriffen beziehungsweise „brachialen Maßnahmen“ (Angela Merkel) über viele Monate und an Millionen Menschen und mit wirtschaftlichen Milliardenschäden müssten sich wenigstens ein paar Vorteile gegenüber anderen Staaten mit weniger Eingriffen zeigen, wenn es diese Vorteile gäbe.

Der deutsche Evaluierungsbericht fügt sich gut und wenig überraschend in eine ganze Reihe von Untersuchungen ein, in denen Wissenschaftler verschiedener Länder bei der Untersuchung des Nutzens und Schadens von Maßnahmen wie Lockdowns, Schulschließungen und Ausgangssperren immer wieder zu dem Ergebnis kamen, dass die Schäden außer Frage stehen, während der Nutzen entweder extrem klein ausfiel oder sich gar nicht in den Daten niederschlug.
Zu den bekanntesten Studien gehört die Vergleichsuntersuchung von niederschwelligen nichtmedizinischen Maßnahmen (wie in Schweden) und sehr einschneidenden Eingriffen (etwa in Frankreich), die Eran Bendavid, Christopher Oh, Jay Bhattacharya und John P. A. Ioannidis im Januar 2021 im „European Journal of Clinical Intervention“ veröffentlichten.

Ergebnis des Vergleichs von 16 Ländern: „Während kleine Vorteile nicht ausgeschlossen werden können, fanden wir keine signifikanten vorteilhaften Auswirkungen von restriktiven nichtpharmazeutischen Maßnahmen auf das Anwachsen der Fallzahlen. Ähnliche Reduktionen der Fallzahlen lassen sich auch mit weniger restriktiven Interventionen erreichen.“

Eine Untersuchung von Clara von Bismarck-Osten, Kirill Borusyak und Uta Schӧnberg (alle University College London) zum Effekt speziell von Schulschließungen in Deutschland, veröffentlicht im Mai 2021, kam zu dem Schluss: Die Daten zeigen keine signifikanten Auswirkungen der Maßnahme auf den Pandemieverlauf. (Es existieren zum anderen mittlerweile weltweit dutzende Untersuchungen, die nachweisen, wie hart der Lernverlust durch Schulschließungen vor allem Kinder aus einkommensschwachen Familien trifft).

Eine Meta-Untersuchung zur Auswirkung von Lockdowns auf die Corona-Sterblichkeit in verschiedenen Ländern, durchgeführt von Jonas Herby, Lars Joung und Steve H. Hanke vom Johns Hopkins Institute und publiziert im Januar 2022, zieht den Schluss: “Spezifische Studien zu nichtpharmazeutischen Interventionen finden keine breit basierte Evidenz für nennenswerte Auswirkungen auf die Covid-19-Mortalität. […] Während diese Meta-Analyse zu dem Schluss gelangt, dass Lockdowns geringe bis keine Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben, haben sie überall dort enorme ökonomische und soziale Kosten verursacht, wo sie verhängt wurden. In der Konsequenz sind Lockdowns schlecht begründet und sollten als Mittel der Pandemiepolitik abgelehnt werden.“

In diese Reihe ordnet sich der deutsche Evaluierungsbericht bruchlos ein. Auch für Länder mit wesentlich besserer Datenlage kommen Forscher als zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie die deutsche Kommission bei schlechter Datenlage. Im Übrigen stellt sich die Frage: Warum gehörte eigentlich die miserable Datenerfassung in Deutschland erst unter der Verantwortung von Merkel und Jens Spahn und dann unter Olaf Scholz und Karl Lauterbach und durchgehend mit einem RKI unter Lothar Wieler immer zur jeweiligen Pandemiepolitik, wenn die Genannten vom Sinn ihrer Maßnahmenpolitik so überzeugt waren? Hätten sie dann nicht gerade auf eine breite Datenerhebung und Begleitforschung pochen müssen, um damit allen Kritikern den Erfolg ihrer Politik in harten Zahlen vorzuhalten?

Um zu dem zentralen Punkt zurückzukehren: Der Schaden restriktiver Maßnahmen lässt sich sehr gut nachweisen, wenn auch noch nicht endgültig berechnen. Für eine Nutzen von Lockdowns und Ausgangssperren bei der Vireneindämmung gibt es bisher keine Belege, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Und es existiert kein plausibler Grund, warum sich negative Auswirkungen in den Daten sehr deutlich zeigen sollten, während der Nutzen aus irgendwelchen Gründen zwar existiert, aber unsichtbar bleibt.

Der Begriff „nichtpharmazeutische oder nichtmedizinische Intervention“ weist darauf hin, dass es sich bei Eindämmungsmaßnahmen um politische Medikamente handelt. Sie bestehen nicht aus Chemie, sondern aus Beschlüssen und Gesetzen, verfolgen aber grundsätzlich den gleichen Zweck wie Medikamente. Folglich sollten sie nach den gleichen Kriterien beurteilt werden.

Angenommen, ein Medikamentenhersteller würde ein Mittel anbieten, dass zwar einige Patienten nachweislich fast umbringt, für das sich aber kein Nutzen ermitteln lässt, und er würde seine Tinktur dann mit der ‚fehlender Beweis der Wirksamkeit beweist nicht Fehlen der Wirksamkeit‘-Formel verteidigen, dann gäbe es nur eine Reaktion, vorausgesetzt, die Zuständigen wären auch zurechnungsfähig: Erstens, würde dann ein Vertreter der Zulassungsbehörde sagen, genügt schon die nachgewiesene schädliche Nebenwirkung des Mittels, um seine Einführung zu untersagen. Und was die Wirkung angeht, die Sie behaupten: kommen Sie wieder, wenn Sie dafür auch eine Nachweismethode mitbringen. Sie schulden schließlich den Beweis der Wirksamkeit. Es müssen nicht andere die Nichtwirksamkeit beweisen.

Genau diese Rationalität gilt ganz offenkundig in großen Teilen der deutschen Politik und der Medien nicht mehr. Dort lenkt das das Sing-along vom fehlenden Nachweis, der aber nicht zu bedeuten habe, zumindest in reichweitenstarken Plattformen die Deutung in die gewünschte Richtung. „Ein Gutachten mit vielen Fragezeichen“ nennt beispielsweise die Tagesschau den Evaluierungsbericht. Der Bericht wirft also mit seiner Feststellung fehlender Evidenz Fragen auf, nicht etwa die deutsche Pandemiepolitik, die er beurteilt.

In ihrer Zusammenfassung pickt die Redaktion der ARD-Nachrichtensendung ein paar wenige Punkte heraus, in denen der Sachverständigenrat einzelnen Maßnahmen eine positive Wirkung attestiert (da spielt die schlechte Datenlage offenbar keine Rolle mehr), um dann ausführlich den Grünen-Politiker Dahmen mit einer Art Gutachten über das Gutachten ausgiebig zu zitieren: „Auch der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen misst dem Expertenbericht nur eine begrenzte Aussagekraft bei. ‚Der Bericht liefert ergänzende Hinweise, aber keinesfalls eine abschließende Bewertung der Wirkung von Corona-Schutzmaßnahmen‘, sagte Dahmen. ‚Die Abwesenheit von Evidenz zur Wirksamkeit ist keine Evidenz für die Abwesenheit von Wirksamkeit‘, stellte er fest. Die Aussagekraft des Berichts ist daher begrenzt.” Anders als die Aussagekraft eines Dahmen-Zitats nach Ansicht von Tagesschau-Journalisten. Bei ihnen behauptet Dahmen nicht etwas, er sagt auch nichts – sondern er stellt fest. Und zwar im Tonfall einer abschließenden Bewertung.
Der Deutschlandfunk formt den apodiktischen Dahmen-Satz von der begrenzten Aussagekraft – und hier zeigt sich Sing-along als Fortsetzungsgeschichte – sogar zur Überschrift des eigenen Beitrags über den Sachverständigenbericht um. Wohlgemerkt, nicht als Dahmen-Zitat. Sondern als redaktionelle Wertung.

Die stellvertretende Parlamentspräsidentin Katrin Göring-Eckardt twitterte den passenden Deutungsrahmen für die Kritik speziell an RKI-Chef Wieler, einem zentralen (Mit)Verantwortlichen für den Datenmangel: “Galt damals und gilt heute: #DankeWieler”. Lothar #Wieler hat in der Pandemie unfassbar viel geleistet. Seine Expertise, die Fachlichkeit, die Standhaftigkeit bei Angriffen vom Wissenschaftsfeinden verdient Respekt.” Göring-Eckart verlangte in der FAZ auch die Fortsetzung der Maßnahmen im Herbst und Winter 2022 mit dem Satz: „Wir wissen, was wirkt“. Wer also kritisiert oder auch nur fragt, warum das RKI so wenige Daten über die Pandemiemaßnahmen sammelte und kaum Begleitforschung beauftragte, gehört zu den Wissenschaftsfeinden.

Bei Anne Will erklärte Karl Lauterbach, warum das die Bevölkerung so sehen muss: „Wir dürfen die Leute nicht verunsichern […] Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, wir hätten die Dinge willkürlich gemacht“. Diese Argumentation schweißt tatsächlich sehr viele zusammen, beratende Wissenschaftler, Politiker, Medienschaffende: Ihre Empfehlungen, ihre Entscheidungen, ihre Berichte dürfen keinesfalls in Zweifel gezogen werden – denn sonst stünden sie ja dumm da. Weil der zutreffende Eindruck der Willkür nicht entstehen soll, muss der propagandistisch erzeugte Eindruck einer Maßnahmenwirksamkeit her, egal wie.

Die Reaktion auf den Sachverständigenbericht öffnet nicht nur eine Tür, sondern ein breites Tor zur Umformung der deutschen Politik zu einer Parareligion und damit zur Politik der Unfehlbarkeit. Das Prinzip lässt sich auch auf alle andere Felder anwenden: Lässt sich eine Wirksamkeit der eigenen Politik nachweisen, und sei der Nachweis noch so schwach und die Nachweiskommission noch so beflissen, dann gilt der Beweis als geführt. Ergibt sich auch beim allerbesten Willen keine Evidenz, dann hat das nichts weiter zu bedeuten. Denn die Wirksamkeit existiert, sie verbirgt sich eben nur wie der abwesende Gott. Und der braucht bekanntlich überhaupt keine Datengrundlage. Wirkungslos oder sogar schädlich kann Politik also aus ontologischen Gründen nicht sein. Nur Logikfeinde werden sich diesem Schluss verweigern. Und wer sich ihm verweigert, gehört zu den Logikfeinden, so wahr Katrin Göring-Eckardt nie einen Theologieabschluss erworben hat.

Zu dem Singen von Glaubenskenntnissen im Chor und der Geburt der irrtumslosen Politik gehört auch ein drittes Phänomen, nämlich die generelle Verschiebung von politischen Themenfelder ins Unmessbare. In der Pandemiepolitik zählt die Abwägung von Nutzen und Schaden nichts, sondern allein der Glaube an die Vollkommenheit der eigenen Zirkelschlüsse. Aber auch der gleitende Abschied von anderen mühseligen Politikgebieten, die an Daten kleben – etwa an volkswirtschaftlichen – zugunsten von Klimaanstrengungen und Kämpfen gegen strukturelle Diskriminierung und einen ebenso strukturellen Rassismus weist in die gleiche Richtung. Diese politischen Konstruktionen entzieht sich per se jeder Evaluierung, weil niemand sagen kann, wann Deutschland die Welttemperatur des Jahres 2100 genügend beeinflusst hat, und ab wann strukturelle Missstände als erfolgreich bekämpft gelten können.

Diese Neopolitik ist gerade deshalb strukturell erfolgreich, weil sie auf alle Maßstäbe für Erfolg verzichtet.

Wer das erst einmal verinnerlicht hat, braucht auch keinen Sachverständigenrat mehr.

Quelle

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