Schwarzweiß

Heino Bosselmann / 61 Kommentare

Nein, nicht die preußischen Farben sind gemeint, sondern eine zunehmend polarisierte Politik.

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

Klei­nes Ada­gio vorweg:

Deutsch­land wirkt sediert. Alt, aber hoch­tech­ni­siert bringt sich die Bevöl­ke­rung so durch. Die grö­ße­ren Städ­te schei­nen noch leben­dig, die Dör­fer in der Flä­che schla­fen kul­tu­rel­ler Ago­nie ent­ge­gen. Rund­um der pene­tran­te Sing­sang der Phra­sen vorm Hin­ter­grund demo­gra­fi­schen Verdämmerns.

Nur nichts ändern, sonst reißt gefähr­lich was ein. Volks­auf­stän­de? Lie­ber mit den flot­ten Schein­im­pul­sen leben, die vom sym­pa­thi­schen Habeck kom­men, der Jugend zuschau­en, die sich, end­zeit­fi­xiert, auf den Asphalt klebt, und sich irgend­wie per­plex zu all den Initia­ti­ven ver­hal­ten, deren Pro­pa­gan­da mitt­ler­wei­le mao­is­ti­sches For­mat erreicht.

Poli­tisch kul­mi­niert es, offi­zi­ell jedenfalls:

Wir sind so welt­of­fen, viel­fäl­tig, divers, tole­rant, regen­bo­gen­bunt, gegen Rechts ja sowie­so, also anti­ras­sis­tisch, anti­ko­lo­nia­lis­tisch, anti­im­pe­ria­lis­tisch, anti­na­tio­na­lis­tisch, dabei der­art demo­kra­tisch, daß man die selbst­er­klärt demo­kra­ti­schen Par­tei­en nur noch in Stil­fra­gen schwach nuan­ciert von­ein­an­der unter­schei­den kann; wir sind auf­ge­weckt („woke“) wie noch nie, daher trotz Über­al­te­rung cou­ra­giert und enorm krea­tiv, ein Start-up-Land sozu­sa­gen, ein Mus­ter für die Welt, mit der wir im „Fairtra­de“ ver­bun­den sind.

So wie die alle Men­schen­rech­te bre­chen­de kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­nas (unser wich­ti­ger außen­wirt­schaft­li­cher Part­ner) den Kapi­ta­lis­mus für die Durch­set­zung ihre glo­ba­len Zie­le domes­ti­zier­te, über­wölb­ten wir die Rest­ba­sis Markt­wirt­schaft mit einem sozia­lis­ti­schen Him­mel, von dem beschirmt nun end­lich doch noch alles gut wird.

So wie alle schlim­me Schuld aus dunk­ler Geschich­te bald abge­tra­gen ist, wenn wir erst mit all den Umbe­nen­nun­gen und Umwer­tun­gen durch sind, die Spra­che gegen­dert und unser Geschlecht frei zu wäh­len ist und über­haupt eine all­um­fas­sen­de Gerech­tig­keit wal­tet, für die wir end­lich, end­lich den Schlüs­sel haben, den die bis­her so bedau­erns­wert unrei­fe Mensch­heit in all den fürch­ter­li­chen Jahr­hun­dert­tau­sen­den bis­her nicht fand. (Wes­halb eigent­lich nicht?)

Jetzt end­lich schlie­ßen wir nach kata­stro­pha­ler Vor­ge­schich­te die Tür zur Zukunft auf, und sie­he, da wird’s gleich licht!

Bedingt aber nicht die­ser Mensch­heits­be­frei­ungs­op­ti­mis­mus qua­si dia­lek­tisch genau jene Dys­to­pie, die unse­re Welt-Anschau­ung spür­bar durch­wirkt? Was die links­so­zia­lis­ti­schen und ultra­grü­nen Befrei­er sich wün­schen, kol­li­diert in den Augen poli­ti­scher Häre­ti­ker so kraß mit den Rea­li­en die­ser Welt, ihrer Geschich­te und über­haupt der Anthro­po­lo­gie, daß eben dar­in, in die­ser Dif­fe­renz, das Unheim­li­che liegt.

Wie erklärt es sich, daß jene Ideo­lo­gen, die eine fina­le Befrei­ung ver­hie­ßen, sogar zu ihrer eige­nen Erschüt­te­rung bis­her unaus­weich­lich Alp­traum­wel­ten schu­fen? Wann immer von Tole­ranz und Viel­falt die Rede ist, fra­ge man sich, für wen das über­haupt noch gilt: Aus­schließ­lich für die eige­nen Par­tei­gän­ger und Bünd­nis­part­ner, dar­über hin­aus ledig­lich in Geschlech­ter- und eini­gen Ernäh­rungs­fra­gen, poli­tisch jedoch weni­ger denn je.

Deutsch­land ist gespal­ten wie seit Jahr­zehn­ten nicht mehr. Wer noch poli­tisch denkt oder min­des­tens fühlt, läßt sich genau einem der bei­den Lager zuord­nen: ent­we­der der regie­rungs­ver­ord­ne­ten Regen­bo­gen-Viel­falt-Pseu­do­to­le­ranz-Glück­se­lig­keit oder dem immer facet­ten­rei­che­ren Spek­trum der Kri­tik von intel­lek­tu­ell-nach­denk­lich bis zornig-laut.

Die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung defi­niert Tota­li­ta­ris­mus als poli­ti­schen Extre­mis­mus, der zur Herr­schaft gekom­men ist. Tota­li­tä­re Regime und Bewe­gun­gen sei­en her­me­tisch abge­schlos­se­ne “Welt­an­schau­un­gen” – und ratio­na­ler Kri­tik nicht zugänglich.

Nun ist Deutsch­land gegen­wär­tig kein tota­li­tä­rer Staat, aber die Pro­pa­gan­da­be­hör­den und ihre gleich­ge­stimm­ten Sen­der ver­mit­teln apo­dik­tisch Welt­an­schau­ungs­po­si­tio­nen, die ganz im Sin­ne der bpb-Defi­ni­ti­on ratio­na­ler Kri­tik immer weni­ger zugäng­lich sein wollen.

Ech­te Dis­kur­se feh­len. Miß­fällt eine Auf­fas­sung, gilt sie dem Estab­lish­ment nicht ein­fach als oppo­si­tio­nell, son­dern sogleich als „ekel­er­re­gend“, weil man sich offen­bar vor Oppo­si­ti­on bereits ekelt. Ekel ist an sich kei­ne poli­ti­sche Kate­go­rie, son­dern wird im unmit­tel­bar phy­si­schen Sin­ne ver­spürt, nicht gegen­über einem Feind, ob nun hos­tis oder ini­mi­cus (s. Carl Schmitt), son­dern gegen­über dem Abartigen.

So wie Deutsch­land in sei­nen dik­ta­to­ri­schen Aus­for­mun­gen beson­ders rigo­ros ver­fuhr, ver­fährt es gleich­falls als demo­kra­ti­scher Staat extrem: Ein sol­ches Aus­schluß­den­ken gegen­über oppo­si­tio­nel­len Kräf­ten wie in Deutsch­land dürf­te in Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, den Nie­der­lan­den und Ita­li­en sicher nicht mög­lich sein.

Zen­sur und Berufs­ver­bot wer­den nach und nach wie­der ein­ge­führt. Sie mögen den Buch­sta­ben der Grund­rech­te und Geset­ze nach nicht rech­tens sein, aber solan­ge sie von Betrof­fe­nen nicht ein­ge­klagt wer­den, zieht die Exe­ku­ti­ve ihre Maß­nah­men durch, indem sie die­se als erfor­der­li­che „Null Toleranz!“-Politik darstellt.

Wer sich weh­ren will, braucht Geld und Zeit und muß bei­na­he wie im Vor­märz des vor­letz­ten Jahr­hun­derts oder wie in dik­ta­to­ri­schen Zei­ten sei­nen Kar­rie­re- und Wohl­stands­ver­lust hin­zu­neh­men bereit sein und ris­kant leben wollen.

Die Ber­li­ner Repu­blik ist genau das nicht, was sie immer­fort vor­gibt zu sein. Sie ist eben nach innen nicht dis­kurs­wil­lig, nicht viel­fäl­tig und schon gar nicht tolerant.

Sie ist es im Sin­ne der von ihr beschwo­re­nen (Welt-)Offenheit ledig­lich gegen­über der enge­ren eige­nen Anhän­ger­schaft, also dort, wo Tole­ranz der all­sei­ti­gen Über­ein­stim­mung wegen sich erüb­rigt, oder sie mag es nach außen sein, näm­lich in vor­aus­ei­len­der Bereit­schaft, Welt­sor­ge und Welt­elend auf­zu­neh­men, um damit gemäß der ihr zum Wesen gewor­de­nen Kom­plex­be­la­den­heit das zu kom­pen­sie­ren, was ihre neu­ro­ti­sche Ana­mne­se ausmacht:

Schuld zu emp­fin­den, die eben gera­de durch den fort­lau­fen­den und immer ritua­li­sier­ter aus­ge­führ­ten Kom­pen­sa­ti­ons­ver­such neu ins gesell­schaft­li­che Bewußt­sein rückt – dabei unkla­rer emp­fun­den und mitt­ler­wei­le eher ein Phan­tom­schmerz, der nicht vergeht.

Nur ste­hen die für das Bedürf­nis per­ma­nen­ter Schuld­kom­pen­sa­ti­on maß­geb­li­chen Funk­tio­nä­re und Appa­rat­schiks wie stets selbst nicht in Pflicht und Haf­tung. Sie set­zen für die­se Poli­tik die von ande­ren erwirt­schaf­te­ten Mit­tel ein, um damit sich selbst in ihrer Herr­schaft ideo­lo­gisch zu legitimieren.

„Tole­ranz“ wird, als Staf­fa­ge, also nach außen geübt, etwa gegen­über einst frem­den Kul­tu­ren, ins­be­son­de­re gegen­über dem Islam und sei­nen isla­mis­ti­schen Varianten.

Nach innen hat nur­mehr eine Maß­ga­be Gel­tung: Gegen rechts! Wobei unter „rechts“ mehr und mehr alles sub­su­miert wird, was spür­bar oppo­niert, was also einen kul­ti­viert geführ­ten und dring­lich not­wen­di­gen Dis­kurs kri­tisch bele­ben wür­de, aber per se als stö­rend, ja – sie­he oben – als ekel­er­re­gend emp­fun­den wird, weil ein­zig allein Bereit­schaft zur Gleich­schal­tung erwünscht ist und exe­ku­tiv direkt ein­ge­for­dert wird – para­do­xer­wei­se wie­der­um unter den Leit­be­grif­fen Tole­ranz und Vielfalt.

Man fol­ge daher nicht den Phra­sen. Man sehe sich aus dem Abseits, in das man sich sowie­so gestellt fin­det, viel­mehr die Funk­ti­ons­trä­ger der Repu­blik an, ein­schließ­lich der gesam­ten staats­tra­gen­den Abgeordnetenschaft.

Man ver­ge­gen­wär­ti­ge sich deren gleich­lau­ten­den Text, deren Men­ta­li­tät und Lebens­art, deren Sym­bo­le, Feti­sche und Wort­hül­s­e­rei­en, man ver­ges­se nicht, wer den deka­den­ten Luxus die­ser Figu­ren bezahlt und wie selbst­ge­wiß und selbst­ge­recht sie ihn für sich gerecht­fer­tigt fin­den; dann erkennt man, wer wes­halb und mit wel­chem Ziel regiert, ganz im Sin­ne der Selbst­ver­wal­tung eige­ner Inter­es­sen und Lebensauffassungen.

Herr­schaft ist immer noch Herr­schaft, Her­ren sind immer noch Her­ren, auch wenn es nomi­nell demo­kra­tisch abläuft und die neu­en Her­ren viel Wert auf eine hip­pe und intel­lek­tu­el­le Cool­neß nach Habeck-Zuschnitt legen. Dies trifft eben­so auf die Her­ren Damen wie Baer­bock, Roth und Göring-Eckardt zu. All die Real­sa­ti­re um Gen­der-Sprach­ver­ren­kung u. ä. ist ledig­lich eine Ober­flä­che, hin­ter der sich ganz nor­mal das eis­kal­te Macht­kal­kül der der­zei­ti­gen Hege­mo­nen ver­birgt. Daß die­se Ober­flä­che, die­ser Phä­no­typ Men­schen mit Tra­di­ti­ons­be­wußt­sein lächer­lich erscheint, heißt nicht, daß die Inter­es­sen und die Ziel­stel­lun­gen der der­zeit Mäch­ti­gen selbst lächer­lich sind.

Was für eine Ambivalenz:

Einer­seits ist alar­mie­rend vom Welt­ende die Rede, vom dro­hen­den Kli­ma­tod, der anbrau­sen­den Sint­flut abge­schmol­ze­nen Eises und von all den fie­sen Indus­trie­ga­sen in der Atmo­sphä­re; ande­rer­seits sind sich die staat­lich pro­te­gier­ten jun­gen Gar­den so sicher wie nie, daß die Welt kli­ma­tisch wie poli­tisch sogleich wie von Zau­ber­hand geret­tet wür­de, wären nur alle end­lich radi­kal­öko­lo­gisch, mit­hin „eher links“ zusammengespannt.

Dabei ist es vor allem der Inter­es­sen­kom­pro­miß, ja die Inter­es­sen­kon­gru­enz zwi­schen Glo­bal­ka­pi­ta­lis­mus und grü­nen Welt­ret­tern, über die es nach­zu­den­ken lohnt, und zwar in Ein­be­zie­hung der Kon­sum­be­dürf­nis­se des moder­nen urba­nen Neu-Bür­ger­tums, das sich die Atti­tü­de gibt, „eher links“ zu sein. Frü­he­re Geg­ner sind (Unfrei­wil­lig?) Kom­pli­zen, so wie die Anti­fa zur gehät­schel­ten Staats­ju­gend avan­cier­te. Merkt sie’s selbst überhaupt?

Und: Setz­te frü­her Kano­nen­boot­po­li­tik glo­ba­le Inter­es­sen durch, so geschieht dies gegen­wär­tig mit einem for­cier­ten Mora­lis­mus, was nicht heißt, daß der nicht bereit wäre, Kano­nen­boo­te und Artil­le­rie ein­zu­set­zen. Das Ber­li­ner Kabi­nett steht längst dafür.

Allein auf die Umer­zie­hung kommt es an, so ver­kün­det die links­po­li­ti­sche Schrumpf­form der Auf­klä­rung. Wären wir nur end­lich so ori­en­tiert wie Habeck-Baer­bock-Roth oder min­des­tens so ober­leh­rer­haft klar wie die viel­spra­chig sou­ve­rä­ne Frau von der Ley­en, die euro­päi­sche Ver­laut­ba­rungs­rhe­to­ri­ke­rin schlecht­hin, dann wür­den wir geret­tet und wüß­ten tie­fen Durch­blick mit edler Moral zu ver­bin­den, anstatt wei­ter unein­sich­tig und ethisch ver­kom­men zu wan­deln im fins­te­ren Tal.

Wie nur her­aus­fin­den aus der fort­schrei­ten­den kol­lek­ti­ven Zwangs­ver­ein­nah­mung? Zu klä­ren, wie man hin­ein­ge­riet, hilft nicht, denn Men­schen ent­wi­ckeln eben­so wie Gesell­schaf­ten immer­fort Kon­struk­tio­nen, in denen sie sich geschützt und gebor­gen füh­len, oft genug fern der Wirk­lich­keit, oft genug die Illu­si­on der völ­li­gen Erret­tung hier erhof­fend und den dro­hen­den Orkus­stur­zes dort befürch­tend. Zudem dür­fen sich die Füh­rer immer auf die Träg­heit der Geführ­ten ver­las­sen. Solan­ge pri­vat das meis­te stimmt, also die Ver­sor­gung gesi­chert ist, fol­gen die Massen.

Weil es so bit­ter ist, rea­lis­tisch zu sein, wird der Rea­lis­mus indi­vi­du­ell wie poli­tisch mög­lichst zuguns­ten eines ange­neh­mer emp­fun­de­nen Als-ob ver­mie­den. Die schöns­ten selbst­er­fül­len­den Pro­phe­zei­un­gen las­sen sich tat­sa­chen­fern ent­wer­fen. Man muß dabei nur fest im Glau­ben sein. Und dem Kind, das den pein­li­chen Kai­ser ein­fach nur nackt sieht, den Mund verbieten.

Aus der Ver­rannt­heit befreit kei­ne kol­lek­ti­ve Psy­cho­the­ra­pie. Poli­tik ist nicht the­ra­pier­bar. Selbst mit ihren ver­meint­lich bes­ten Vor­sät­zen folgt sie macht­ori­en­tiert Inter­es­sen und weiß sich dafür die Mit­tel zu verschaffen.

Das ein­zi­ge, was auf Ver­än­de­run­gen hof­fen läßt, sind Scho­cker­eig­nis­se, die sich kei­ner wün­schen mag, die aber not­wen­dig sind, damit über­haupt mal der Blick gewen­det wür­de. Wird’s nicht zer­schla­gen, blei­ben wir im Witt­gen­stein­schen Flie­gen­glas gefan­gen, jenem Gefäß, das wir selbst in unse­rem Den­ken, Füh­len und Seh­nen ent­war­fen oder das die Poli­tik uns mal so oder so ent­wirft und in das hin­ein wir ihr folgen.

Des­we­gen ist der Gesamt­kom­plex Ukrai­ne­krieg-Putin-Gas­not­stand so pro­duk­tiv. Das ist nicht zynisch gemeint. Die „Gesell­schaft“, ins­be­son­de­re ihre Vari­an­te in Gestalt der so links­grün wie hedo­nis­tisch ori­en­tier­ten Ber­li­ner Repu­blik, ist nur in unmit­tel­ba­rer, in kras­ser Kon­fron­ta­ti­on lern­fä­hig, indem ihr bei­spiels­wei­se auf­fal­len müßte:

Wes­halb ver­teu­felt sie in Gestalt Ruß­lands oder Putins das neue Reich des Bösen, erwar­tet aber in wür­de­lo­ser Angst von ihm die Siche­rung der Ener­gie- und Lebens­grund­la­ge? Was für ein Auf­at­men doch, als der Rus­se am Don­ners­tag nach der Pipe­line-War­tung wie­der das Gas aufdrehte.

Eigen­ar­tig: Ber­lin baut sich täp­pisch als Kriegs­geg­ner Ruß­lands auf, nimmt also den Tod rus­si­scher Sol­da­ten nicht nur in Kauf, son­dern wünscht ihn kraft Auf­rüs­tung der Ukrai­ne, mosert aber, der Kriegs­geg­ner erfül­le sei­ne Ver­trä­ge nicht. Erst wenn die Lei­tung dicht ist, wer­den die wich­ti­gen Fra­gen gestellt und wird ein längst not­wen­di­ger Dis­kurs im Klar­text geführt wer­den, und zwar weit über das Ukrai­ne-Pro­blem hin­aus. Erst die Not lehrt anti­zy­klisch denken.

Klar, zunächst set­zen vorm Hin­ter­grund die­ser pro­vo­zie­rend selbst­krän­ken­den Augen­fäl­lig­keit Abwehr­re­fle­xe ein, indem laut von letzt­gül­ti­ger Läu­te­rung gespro­chen wird:

Wir ändern das ja gera­de, wir sor­gen für alter­na­ti­ve Ener­gie­trä­ger, für Unab­hän­gig­keit von Ruß­land, für Wär­me­pum­pen, grü­nen Was­ser­stoff, Elek­tro-Fahr­zeu­ge, weni­ger Emis­sio­nen ja sowie­so; nur für die­sen einen dro­hen­den Win­ter noch wol­len wir letzt­ma­lig dar­um bit­ten dür­fen, daß vom dop­pelt schlim­men rus­si­schen Erd­gas – a) als Putin-Gas, b) als fos­si­lem Kli­ma­kil­ler – die Stu­ben und Büros durch­ge­wärmt sein mögen, auf daß wir auf­at­mend ab nächs­tem Jahr auf dem rech­ten Wege unter­wegs sein und nie, nie mehr fehl­ge­hen werden.

Nie mehr, belehrt und geläu­tert für alle Zeit! Der Mann am Gas­hahn wird durch die Geschich­te gerich­tet wer­den, wäh­rend wir unter der Regen­bo­gen­fah­ne mal wie­der einer auf­ge­hen­den Son­ne des wirt­schaft­lich, öko­lo­gisch, poli­tisch und vor allem mora­lisch All­gu­ten ent­ge­gen­zie­hen und alle Welt begeis­tert sich ein­zu­rei­hen bereit ist, selbst Inder, Chi­ne­sen und Ira­ner eben­so wie irgend­wann end­lich, end­lich die vom Fluch befrei­ten und demo­kra­tisch durch­ge­läu­ter­ten Russen.

Escha­to­lo­gie und Gno­sis fan­den sich kaum je so deut­lich ins Poli­ti­sche gewen­det wie gegen­wär­tig. Bis­her stan­den wir noch unter der Regent­schaft des Demi­ur­gen, der uns wie die Welt aus Min­der­wer­ti­gem bil­de­te. Aber es obwal­tet, so ver­heißt man uns, schon spür­bar ein gött­li­ches, ins Poli­ti­sche zu wen­den­des Pneu­ma, das sich zu unse­rer wie über­haupt zur Erlö­sung der Welt durch­set­zen wird.

Nur die Ein­ge­weih­ten in Ber­lin, in Brüs­sel und vor allem in der „Zivil­ge­sell­schaft“, also all die zum Bür­ger­fest des Bun­des­prä­si­den­ten gela­de­nen Anstän­di­gen, erken­nen und erspü­ren das bereits, ver­ste­hen die Zei­chen zu deu­ten und ret­ten sich auf die Sei­te des Guten, wäh­rend sich die Expo­nen­ten des Bösen, also die Rech­ten, die Puti­nis­ten, die Trumpis­ten, die Schwur­b­ler und Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, die Natio­na­lis­ten, Impe­ria­lis­ten, Neo­ko­lo­nia­lis­ten, also die welt­an­schau­lich ver­krüp­pel­ten Heer­scha­ren des Bösen, gera­de jetzt, unmit­tel­bar vorm Arm­ag­ge­don der vom Kanz­ler aus­ge­ru­fe­nen „Zei­ten­wen­de“ noch ein­mal auf­rüs­ten, um dann end­lich für alle Zeit als ver­wor­fen gebannt und ver­senkt zu werden.

Bevor das Gute final siegt, so die Pro­pa­gan­da der voll besetz­ten Zen­tra­len für poli­ti­sche Bil­dung, muß der Gute selbst den Dua­lis­mus noch ein­mal aus­hal­ten, aber gleich­falls cou­ra­giert wie „Fei­ne Sah­ne Fisch­fi­let“ dage­gen kämp­fen, denn: „Wir sind mehr!“

Der hohe Ton der Ber­li­ner Admi­nis­tra­ti­on kor­re­spon­diert sehr gut mit den Akti­vis­ten von Vor­pom­mern bis Con­ne­witz. Daß jene es nicht pro­ble­ma­tisch fin­den, ist weni­ger erstaun­lich als es die­sen gar nicht als frag­wür­dig oder unfrei­wil­lig komisch auf­stößt, wenn sie qua­si offi­zi­ell als neue Staats­ju­gend gel­ten und direkt über Stif­tun­gen und Ver­ei­ne sub­ven­tio­niert werden.

Nein, man muß das nicht ins Lächer­li­che zie­hen, inso­fern der Wil­le von Stein­mei­er bis „Fei­ne Sah­ne Fisch­fi­let“ ja gut sein mag, nur bedarf es gegen­wär­tig mehr denn je des skep­ti­schen Nach­den­kens oder min­des­tens eines gesun­den Men­schen­ver­stan­des, der, so Scho­pen­hau­er, fast jeden Grad von Bil­dung zu erset­zen ver­mag, wäh­rend kein Grad von Bil­dung – vor­zugs­wei­se poli­ti­sche, möch­te man ein­flech­ten – den gesun­den Men­schen­ver­stand ver­zicht­bar macht.

Die immer­fort beschwo­re­nen Gefah­ren für die Demo­kra­tie gehen mit­nich­ten vom klei­nen kon­ser­va­ti­ven oder rech­ten Lager aus, das über­aus dia­log­be­reit ist, son­dern von der Exe­ku­ti­ve, die ihre Kri­ti­ker nicht ein­fach als Geg­ner erkennt, son­dern ihnen Attri­bu­te des Kri­mi­nel­len, Kran­ken und Per­ver­sen zuschreibt. Der trä­ge Appa­rat des öffent­li­chen Diens­tes, satt ver­sorgt und über­aus zufrie­den, trägt die Kam­pa­gnen völ­lig kri­tik­los mit, ins­be­son­de­re die gesam­te Lehrerschaft.

So oft man kann, suche man das Gespräch mit jenen, die wirk­lich zu arbei­ten haben, um zu über­le­ben, also mit dem Hand­wer­ker, der Gebäu­de­rei­ni­ge­rin und sogar mit dem Leh­rer, wenn man ihm ver­si­chert, er möge getrost frei spre­chen. Die Büros der sich ver­wal­ten­den Ver­wal­tung und der kli­en­tel­ver­sor­gen­den Poli­tik mei­de man.

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