Merz als Cancel-Kandidat

Von Peter Hahne

Bekanntlich sind es nicht die großen weltpolitischen Analysen oder spektakulären Parteiprogramme, die jemand in die Seele blicken lassen. Wer Augen und Ohren und ein bisschen politische Lebenserfahrung besitzt, weiß aus kleinen Gesten Größeres zu lesen. Und so wundert sich über Merz nur, wer bisher geschlafen hat.

IMAGO / Christian Spicker

Warum wundert es mich nicht, dass der angebliche Gegner von Cancel Culture, Friedrich Merz, sich jetzt selber gecancelt hat? Warum sind eigentlich die meisten politischen Kommentatoren oder Internet-Foristen erstaunt und sprechen von einer „überraschenden Kehrtwende“ des CDU-Vorsitzenden? Worin liegt denn da die Überraschung?

Der Umfaller

Friedrich Merz versagt als konservativer Ritter Klar, er hatte noch vorletzte Woche gewettert: „Cancel Culture ist die größte Bedrohung der Meinungsfreiheit.“ Allenthalben Jubel auf den Rängen der Konservativen. Doch zu früh gefreut – und Kundige überrascht das nicht. Letzte Woche hat der „wackere“ Sauerländer dann nämlich genau nach diesem Muster gehandelt und eine längst zugesagte Veranstaltung gecancelt, weil ihm die Meinung, ja die Personen der anderen Redner plötzlich nicht mehr gefielen. Und ihm das Aufheulen der Linken wohl gerade zupasskam, sich dieser Gesellschaft zu entledigen.

Seit heute ist klar, um wen es da vorrangig ging. Das, was andere Blätter (wie BILD, WELT etc.) in ihren scharfen Anti-Merz-Philippikas nur andeuteten, schreibt ausgerechnet die FAS in einem Merz verteidigenden Kommentar überdeutlich. Das ist dann also wohl die zutreffende Version.

Erst spät sei bekannt geworden, heißt es in der FAS, wen man da in der grün-schwarzen Landesvertretung Baden-Württembergs noch für das Podium eingeladen hatte: „Den Publizisten Henryk M. Broder zum Beispiel. Der wählte zwar die Tierschutzpartei, ist aber auch bei der AfD sehr beliebt. Einmal lud ihn die Fraktion zum Vortrag. Broder kam, leugnete den Klimawandel und wurde von der Vorsitzenden Alice Weidel umarmt.“

So ging es bei der Merz-Absage also keinesfalls „nur“ um den bekannten Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel. Nein, Grund war der profilierteste und populärste jüdische Publizist unseres Landes. Jetzt ist es also dank FAS raus. Und das geschah exakt zu einer Zeit, in der das hoch sensible Thema „Umgang mit Juden in Deutschland“ im Fokus der Öffentlichkeit stand: der furchtbare Antisemitismus auf der „Documenta“ und der platte Israel-Hass eines bekannten Moderators des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, in dessen Aufsichtsgremium die Union maßgeblich sitzt. Ist das die neue CDU? Hätte nicht Merz auf diesem Hintergrund sagen müssen: jetzt erst recht ein Streitgespräch? Das ist doch die Frage, sonst nichts.

Vom Beckenrand

Friedrich Merz, der So-tun-als-ob- und Möchtegern-Kanzler Höchstens noch: Warum wundert es Kenner nicht, dass Merz (plötzlich?) so handelte, also vom Anti-Cancel-Kämpfer zum einknickenden Cancel-Kandidaten wandelte? Vielleicht ja, weil das Konservative schon lange nur noch Staffage ist? Weil es ein Vehikel war, um an die Macht zu kommen?

Es sind bekanntlich nicht die großen weltpolitischen Analysen oder spektakulären Parteiprogramme, die jemand in die Seele blicken lassen. Bei Merkel reichte die verächtlich weggeworfene Deutschlandfahne, ihrem Generalsekretär am Wahlabend geringschätzend und missgestimmt abgenommen, um glasklar zu dokumentieren, was diese Frau über Deutschland denkt. Bei Söder war es die Begegnung mit dem (teils offen antisemitischen) FFF-Kindergarten auf der Zugspitze: „Ich bin der Markus … Und was ihr macht, finde ich gut.“ Oder bei Kramp-Karrenbauer der Kniefall vor dem queeren CDU-Establishment nach einem harmlosen Witz beim Stockacher Narrengericht. Wer Augen und Ohren und ein bisschen politische Lebenserfahrung besitzt, weiß aus solchen kleinen Gesten Größeres zu lesen.

Und so wundert sich über Merz nur, wer bisher geschlafen hat. Bereits im Sommer 2018 versuchte er, Roland Tichy zu canceln, dessen Kommentare und Analysen zum Beispiel in der „Wirtschaftswoche“ zuvor doch alles andere als im Gegensatz zur Merzschen Finanz- und Wirtschaftspolitik standen. Nein, das passte wohl plötzlich nicht mehr in die Karriereplanung.

Großer Junge auf dem Turm

Friedrich Merz: Der Junge, der nicht ins Wasser springt Ein klassischer Fall von Kontaktschuld, bekannt damals nur aus dem linken Milieu, erfasste die CDU: Einen Preis der vom renommierten Tichy geleiteten renommierten Ludwig-Erhard-Stiftung lehne Merz doch tatsächlich ab, weil er meine, mit Tichy nicht auf einer Bühne stehen, geschweige denn auf einem gemeinsamen Foto erscheinen zu wollen. So ließ er sich das Ganze zumindest verbreiten. Denn sich persönlich dazu äußern, weder bestätigen noch dementieren, wollte er diese transportierte Aussage nie.

Spätestens da musste jedem klar sein, wohin die Reise geht. Jahre später äußerte er sich dann doch: „Das war aber nicht gegen Tichy persönlich gerichtet.“ Bitte, was?!

Oder, für mich noch erhellender und symptomatischer der Bundesparteitag in Hamburg im Dezember 2018. Dort lieferte, wie so oft, der baden-württembergische Delegierte Eugen Abler einen kurzen Redebeitrag zu seinen beiden Kernthemen, die doch auch die Merzschen einmal waren: Lebensschutz (kontra Abtreibung) und die Bedeutung des C im Parteinamen.

Ich habe das live miterlebt und war zutiefst erschüttert: im Saal eine Lautstärke wie auf einem sauerländischen Schützenfest, keine Glocke mahnte zur Ruhe. Die Noch-Vorsitzende Merkel dokumentierte ihre Abscheu durch ihr übliches Handy-Gespiele. Und Merz? Er ging während dieser wichtigen Rede zu Kernthemen der CDU schwatzend, scherzend und Schulter klopfend durch die Reihen, um Sympathiepunkte für die anschließende Vorsitzendenwahl zu sammeln.

Strategische Hilflosigkeit

Konservative in der CDU suchen ihre Aufstellung nach einem halben Jahr Merz Er verlor dann auch gegen AKK, und Merkel strahlte doppelt: Sie hatte Merz nochmal triumphierend besiegt und die CDU einen entscheidenden Schritt weiter an den Abgrund gebracht. Dass es mit Laschet noch schlimmer kommen sollte, konnte damals noch niemand ahnen.

Der CDU-Austrittsbrief Ablers, bei TE veröffentlicht, war schließlich der meistgelesene deutschsprachige Online-Auftritt des Tages, sein Buch „Der Verrat am C“ wurde zum Bestseller.

Zwei Episoden also, die jedem Kundigen klar machten, wohin die Reise geht. Erinnerungen, die nochmals aufgefrischt wurden, als sich ausgerechnet das Unions-Spitzen-Duo Söder/Merz letzte Woche vor einem bayerischen Atomkraftwerk postierte und lauthals gegen das Kernkraft-Nein der Ampelregierung protestierte. Ja, wer hat denn die Meiler buchstäblich über Nacht abgestellt und die (heute lebensrettende) Atomkraft in Deutschland beendet? Die Grünen etwa? Wem konnte es nicht schnell genug gehen?

Und wer hat denn auf Merkels Abschiedsparteitag 16 (sechzehn!) Minuten stehend applaudiert zur Hymne über die großen Verdienste der großen Vorsitzenden?

Quelle

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