Ausgestoßene der Woche: Birgit Kelle

Kolja Zydatiss / 02.09.2022 / 10:00 / Foto: Kerstin Pukall./48 /

Publizistin Birgit Kelle wird von Nobel-Hotel gecancelt, Novak Djokovic wird von den US-Open ausgeschlossen, in Hannover wird ärztliche Beratung in Impfsachen stigmatisiert, die „Ärzte“ verstoßen ihren Hit „Elke“. Immerhin: Twitter revidiert innerhalb 24 Stunden Achgut.com Sperre.

In Bremen hat das Nobel-Etablissement Hotel Munte diese Woche eine Veranstaltung mit der konservativen Publizistin Birgit Kelle abgesagt. Auf Einladung des Vereins Deutsche Sprache (VDS) sollte Kelle am Donnerstag zum Thema „Gender-Politik ist das Problem, nicht die Lösung“ sprechen. Der Veranstaltungstitel ist auch der Untertitel ihres Buches „Noch Normal? Das lässt sich gendern!“, das 2020 im Finanzbuch Verlag erschien.

Zu den Gründen der Absage führte Jan Pauls, Inhaber des Hotels Munte, gegenüber dem Weser Kurier an, die Veranstaltung sei falsch angekündigt und „als Dichterlesung“ eingereicht worden. Über den Blog „AfD Watch Bremen“ sei man auf die tatsächliche Ausrichtung hingewiesen worden. Die Inhalte der Veranstalter passen nach Aussage Pauls‘ nicht zur Philosophie des Hauses. Das Hotel distanziere sich von Diskriminierungen jeglicher Art und wolle nicht mit Organisationen oder Personen in Verbindung gebracht werden, die solches Gedankengut fördern.

Der VDS widerspricht der Darstellung Pauls‘. Man habe keine Inhalte vertuschen wollen, sagte der Geschäftsführer des Vereins, Holger Klatte, dem Weser Kurier. Es sei das erste Mal, dass dem VDS ein Veranstaltungsort storniert wurde. Im Artikel des Weser Kuriers zur Causa darf natürlich der Hinweis nicht fehlen, das Birgit Kelle „umstritten“ ist. Die Allzweck-Framing-Vokabel findet sich sogar in der Überschrift des Beitrags.

Déjà-vu mit Djokovic

Am Montag hat das Grand Slam Tennisturnier US Open begonnen, und ausgeschlossen ist Novak Djokovic. Der Serbe bildet zusammen mit dem Spanier Rafael Nadal und dem Schweizer Roger Federer ein Dreigestirn der erfolgreichsten Tennis-Profis aller Zeiten. Ihre Duelle untereinander, ihr zähes Ringen darum, wer die meisten Grand-Slam-Turniersiege verbuchen kann, fesseln seit Jahren die Weltöffentlichkeit. Aber seit 2022 müssen diese Vergleiche mit einem Sternchen versehen werden, denn sie reflektieren nicht mehr nur sportliches Können, sondern auch die wahnhafte Diskriminierung Ungeimpfter in der Corona-Zeit.

Wir erinnern uns, es ist bereits das zweite Grand Slam Turnier, an dem Djokovic nicht teilnehmen darf, weil er sich nicht gegen Corona impfen lassen will. Im Januar dieses Jahres war der Serbe aufgrund seines Impfstatus‘ kurz nach dem Start des Australian Open aus Australien deportiert worden. Davor hatte man ihn tagelang in einem heruntergekommenen Abschiebehotel in Melbourne festgesetzt, wo er nicht trainieren konnte. Ich schrieb damals, ein umfallender Gartenstuhl in Neuseeland wäre für die australische Bevölkerung kaum weniger gefährlich als die Einreise des topfitten, zweifach von Corona genesenen 34-Jährigen in ihr Land.

Jetzt ist der Serbinator 35, immer noch topfit, und Anhaltspunkte dafür, dass Impfungen gegen den ursprünglichen Wuhan-Stamm des Coronavirus (oder die gerade erst zugelassenen bivalenten Impfstoffe, die auch der Omikron-Variante Rechnung tragen) die Prognose des zweifach Genesen wesentlich verbessern würden, gibt es natürlich immer noch nicht. Ein nennenswerter Fremdschutz ist angesichts der vergleichbaren Viruslast von Geimpften und Ungeimpften auch nicht anzunehmen. Es geht also, wie der Epidemiologe Vinay Prasad bemerkt, nur um symbolpolitisches Stöckchenspringen, wobei die Tatsache, dass US-Bürger auch ohne Corona-Impfung problemlos in ihr eigenes Land einreisen und sich beim US Open ohne Maske ins Stadion setzen können, die Absurdität der Situation noch unterstreicht.  

An dieser Stelle noch der inzwischen obligatorische Framing-Hinweis, dass nicht nur Novak Djokovic, sondern auch seine Ehefrau Jelena und seine serbische Fangemeinde sich für Esoterik, den orthodoxen Glauben und den serbischen Nationalismus interessieren. Fangen Sie mit dieser Information an, was Sie wollen.

Du kommst Deiner ärztlichen Aufklärungspflicht nach? Raus bist Du!

Das Durchstechen eines undatierten Briefes, verfasst im Auftrag des Fachbereichs Gesundheitsmanagement der Region Hannover und adressiert an die örtlichen Impfärzte, legt einen schlimmen Verdacht nahe. „Wurde in Hannover Druck auf die Impfärzte ausgeübt, ihre Aufklärungspflicht zu vernachlässigen, um die Impfquote zu erhöhen?“, fragt das Ressort Schwerpunktrecherche der Tageszeitung Welt, das das Schreiben am Dienstag auf Twitter veröffentlichte

Aus dem Brief geht hervor, dass es in der Region zu „negativen Rückmeldungen“ von jüngeren Impfwilligen gekommen war. In Hannover gibt es offenbar tatsächlich Ärzte, die Impfwilligen unter 60 Jahren, die nicht beruflich in medizinischen oder pflegerischen Einrichtungen tätig sind, eine vierte Corona-Impfung auszureden versuchen, im Einklang mit den aktuellen Empfehlungen sowohl der deutschen STIKO als auch der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA)!

Dabei habe die Region Hannover doch beschlossen, „allen Impfwilligen die Chance auf die 2. Auffrischungsimpfung zu geben“ [Hervorhebung im Original]. Das Gesundheitsmanagement behalte sich aus diesem Grund vor, „künftig nur noch Ärzte für unsere Impfangebote einzusetzen, die ebenfalls Bürgerinnen und Bürger [sic] unter 60 Jahren eine vierte Impfung ermöglichen, soweit keine medizinisch begründbaren Kontraindikationen bestehen“. Die Ärzte werden aufgefordert, über einen Online-Abstimmungsbutton zu bestätigen, dass sie damit einverstanden sind. Du impfst gemäß den Leitlinien unabhängiger wissenschaftlicher Expertengremien, deren Empfehlungen als „wissenschaftlicher Standard“ gelten, und kommst Deiner ärztlichen Aufklärungspflicht nach? Raus bist Du!

Kennen Sie eigentlich schon den Hippokratischen Eid, Corona-Version?

„Als Mitglied der ärztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten wird mein oberstes Anliegen sein. Bei Impfungen folge ich dem bewährten Grundsatz: Viel hilft viel.“

Die Ärzte canceln Elke

Auf Twitter war diese Woche der Account von Achgut.com zeitweise vollständig gelöscht. Offizielle Begründung: „Verstoß gegen unsere Regeln zu Plattformmanipulation und Spam“. Dank der Hilfe des Hamburger Rechtsanwalts und Achgut.com-Autors Joachim Nikolaus Steinhöfel wurde die Löschentscheidung schnell revidiert. Joachim Steinhöfel sagt dazu:

Wenngleich mir die konkreten Ursachen für die vorübergehende Löschung noch nicht bekannt sind, stehen zwei Dinge fest. Das Profil ist durch den Pragmatismus und die Kooperationsbereitschaft der Ansprechpartner bei Twitter in weniger als 24 Stunden wiederhergestellt worden. Das ist bei den Plattformen nicht die Norm. Dieser Fall zeigt aber auch, dass die koordinierten Attacken von anonymen Denunzianten auf die Achse Konsequenzen hätten gehabt haben können. Ich habe etwa 8 Stunden vor der Wiederherstellung getweetet: ‚Ich habe allerdings eine schlechte Nachricht für Euch, Freunde: Ihr verliert. Wir gewinnen. Darauf mein Indianerehrenwort.‘ An diesem Versprechen halte ich fest.“

Lesen Sie zum Thema auch auf Achgut.com: „Die Freude der Denunzianten

Die frühere Fraktionschefin der Linken, Sahra Wagenknecht, ist diese Woche als Rednerin bei einer sogenannten Montagsdemo ausgeladen worden, die am 5. September in Leipzig stattfinden soll. Initiator der Demonstration ist der Bundestagsabgeordnete Sören Pellmann, der dem Wagenknecht-Lager der Linkspartei zugerechnet wird. Wagenknecht führt ihre Ausladung auf Druck von der Parteispitze zurück, die ein Problem mit ihrem Eintreten für die Öffnung der Ostsee-Pipeline Nordstream 2 habe. Die Partei weist die Darstellung der beliebten Politikerin zurück: „Wir können dies nicht bestätigen. Die Veranstaltung wird in Leipzig und mit Unterstützung der Bundestagsfraktion organisiert.“ (Quelle: Spiegel)

Die Punk-Band Die Ärzte hat sich diese Woche von ihrem eigenen Kult-Lied „Elke“ (u.a. „Sie hat zentnerschwere Schenkel, sie ist unendlich fett / Neulich hab‘ ich sie bestiegen – ohne Sauerstoffgerät“) aus dem Jahr 1988 distanziert. Von Konzertgästen aufgefordert, das Lied zu spielen, weigerte sich die Band. Sänger Farin Urlaub„Nee, Leute. Elke ist fatshaming und misogyn. So was spielen wir nicht mehr, das ist letztes Jahrtausend.“ „‚Elke‘ ist neben Hits wie ‚Junge‘, ‚Schrei nach Liebe‘ oder ‚Manchmal haben Frauen‘ einer der Songs, den Die Ärzte wohl am häufigsten live spielten“, erklärt die NZZ. Der Legende nach gehe der Songtext von „Elke“ auf zwei übergewichtige Verehrerinnen namens Elke und Daniela zurück, die die Band mit einer Vielzahl an Briefen und Anrufen belästigt hätten, sodass Farin Urlaub den beiden übergriffigen Fans gedroht habe, einen Song über sie zu schreiben – was er dann auch tat.

Künstliche Intelligenz leider unsensibel

Am 12. August 2022 schrieb ich in dieser Kolumne, der amerikanische Hauptstadtdistrikt Washington D.C. habe entschieden, sämtliche Schüler ab zwölf Jahren, die nicht gegen Corona geimpft sind, vom Präsenzunterricht auszuschließen. Diese harte Linie ist nun noch einmal verschärft worden, und zwar indem die Option, an einem virtuellen Online-Unterricht teilzunehmen, abgeschafft wurde. Zusätzlich zum Nachweis der Impfung müssen die Schüler zu Beginn des neuen Schuljahres einen aktuellen Negativtest vorlegen. Die neue Order von Bürgermeisterin Muriel Bowser (Demokraten) gilt für staatliche wie private Schulen. Von ihr werden afroamerikanische Schüler überproportional betroffen sein, und sie ist wahrscheinlich verfassungswidrig, kommentiert Garion Frankel bei The Chalkboard Review.

Apropos virtuell. Die Cancel Culture hat nun sogar „FN Meka“ erreicht, einen „virtuellen“ Rapper, dessen Texte und Akkorde von einer künstlichen Intelligenz (KI) generiert werden (der Gesang wird später von einem echten Menschen eingesungen und mit einer grafischen Animation kombiniert). FN Meka war vor gut anderthalb Wochen beim Mega-Plattenlabel Capitol Records unter Vertrag genommen worden. Doch der Vertrag wurde nach nur acht Tagen mit sofortiger Wirkung wieder aufgelöst. Capitol Records reagierte damit auf Vorwürfe, die virtuelle Figur reproduziere rassistische Stereotype. In einer Entschuldigung, die sich an die schwarze Community richtete, sprach das Unternehmen von „fehlender Sensibilität“ bei dem Projekt. Man habe im Vorfeld nicht genug Fragen über den kreativen Prozess dahinter gestellt.

Die Firma Factory New, die FN Meka geschaffen hatte, sieht das erwartungsgemäß anders. Bis auf den Gründer Anthony Martini sei das komplette Team hinter dem Projekt „sehr divers“, so Martini gegenüber der New York Times. FN Meka sei in erster Linie als anonymer menschlicher Rapper zu verstehen, der einer virtuellen Figur seine Stimme verleihe. Da dieser Künstler (inzwischen ist bekannt geworden, dass es sich um den Rapper „Kyle The Hooligan“ handelt) selbst schwarz sei, könne man nicht von einem „böswilligen Plan weißer Führungskräfte“ reden. Kyle The Hooligan bezeichnet das Canceln von FN Meka übrigens als göttliche Intervention und „Karma“. Er behauptet, für seine Mitwirkung an dem Projekt von New Factory nicht wie vereinbart bezahlt worden zu sein, und will die KI-Firma nun nach eigener Aussage verklagen, da sie ihn seit einiger Zeit komplett ignoriere. (Quellen: SternComplete Music Update)

Zum Schluss noch ein Blick nach Großbritannien, wo am Samstag trans-kritische Lesben von der Pride Cymru, der größten LGBT-Parade in Wales, entfernt worden waren. Es handelte sich um Anhänger der Gruppierung „Get the L Out“ (GTLO), welche die Linie vertritt, die Interessen von Lesben würden unter dem Dach der Sammelbewegung „LGBT“ nicht mehr adäquat repräsentiert beziehungsweise sogar konterkariert. Die GTLO-Aktivisten hatten für die Parade in der walisischen Hauptstadt Cardiff Transparente vorbereitet, zum Beispiel mit der Aufschrift „Trans-Aktivismus löscht Lesben aus“, „Lesbisch, nicht queer“ oder „Lesben stehen nicht auf Penisse“.

Letztere Feststellung mag für Nicht-Eingeweihte banal klingen, ist allerdings ein Verweis auf die ernsten Folgen, die die in Szenekreisen beliebte Forderung, die erklärte Geschlechtsidentität von Transmenschen müsse um jeden Preis und in jedem Zusammenhang akzeptiert werden, für Schwule und Lesben haben kann. Lesben, die Dating-Apps nutzen, um andere lesbische Frauen zu treffen, können zum Beispiel nicht mehr sicher sein, dass sie nicht mit einem Mann zusammengebracht werden, der sich als „lesbische Transfrau“ identifiziert.

Auf der Pride Cymru wurden die GTLO-Frauen verspottet und ausgebuht. Aber sie liefen und tanzten weiter, solange man sie ließ. Als die Feindseligkeiten zunahmen, wurde den GTLO-Anhängern schließlich von der Polizei mitgeteilt, dass sie von der Demonstration „entfernt“ werden müssten – „zu ihrer eigenen Sicherheit“, versteht sich. Einige Teilnehmerinnen erzählten dem Magazin Spiked, dass man ihnen sogar mit Verhaftung gedroht habe, was jedoch letztlich vermieden wurde. Den Beamten war wohl klar, dass es kein schönes Bild ist, Lesben bei einer Pride-Parade in den Fond eines Mannschaftswagens zu werfen.

Und damit endet der wöchentliche Überblick des Cancelns, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Entlassens, Einschüchterns, Moralisierens, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Bis nächste Woche!

Mehr vom Autor dieser wöchentlichen Kolumne Kolja Zydatiss zum Thema Meinungsfreiheit und Debattenkultur lesen Sie im Buch „Cancel Culture: Demokratie in Gefahr“ (Solibro Verlag, März 2021). Bestellbar hier. Ein Archiv der Cancel Culture in Deutschland mit Personenregister finden Sie unter www.cancelculture.de.

Foto: Kerstin Pukall

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Leserpost

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Roland Kuhl / 02.09.2022

Leider wurde der hippokratische Eid 2.0 ( seit 2020 gültig) von Ihnen nicht korrekt wiedergegeben. Die aktualisierte Version lautet wie folgt: Als Mitglied der ärztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Pharmaindustrie zu stellen. Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten geht mir…

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Ein Kommentar zu “Ausgestoßene der Woche: Birgit Kelle

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