Die Kehrseite der Krise

Thomas Rietzschel / 07.09.2022 / 16:00 / Foto: achgut.com/21 /

Sicher glauben noch immer viele, die Not würde sie nicht betreffen, wenn sie ihr Schicksal weiter in die Hände von Berufspolitikern legen. Deren Vertröstungen jedoch ziehen umso weniger, je mehr die Furcht um sich greift, zitternd über den Winter kommen zu müssen. 

Wie allen Dingen und allem Geschehen auf Erden, so kann man auch den Krisen etwas Positives abgewinnen. So bedrohlich sie sein mögen, jetzt und für die nächste Zukunft, so erhellend und reinigend können sie bei weiterer Vorausschau wirken. Offenbaren sie doch den ewig Gutgläubigen, was sie bislang nicht sehen wollten, was sie nicht irritieren sollte. Bei dem hilflosen, bisweilen panischen Herumirren der Regierung mag es nun noch den Letzten wie Schuppen von den Augen fallen, dass die medial aufgetakelten Politiker in Wahrheit nackt sind wie der Kaiser im Märchen.

Sie haben nichts im Kopf, geschweige denn in der Tasche, auf das sie in der Not zurückgreifen könnten, keine Ideen, keine Pläne. Was die Bürger geboten bekommen, ist das vertraute unverbindliche Geschwafel, Ankündigungen, die Taten rhetorisch ersetzen. Wir werden, wir sollen, wir müssen. In diesem Takt dreht sich die Gebetsmühle immerfort. Die „Führer“, von denen unterdessen wieder die Rede ist, sind Knalltüten. Wenn sie platzen, entweicht kaum mehr als laue Luft. 

Nun ist es aber auch keineswegs so, dass frühere Regierungen – abgesehen von den Kanzlerepochen unter Helmut Schmidt, der half, den Osten mit Ronald Reagans Nachrüstung in die Knie zu zwingen, oder Helmut Kohl, ohne den es keine Wiedervereinigung gegeben hätte – dass der deutsche Staatsapparat früher durchweg mit ausgewiesenen Experten besetzt gewesen wäre. In seinen Amtstuben haben sich seit jeher überwiegend jene versammelt, die sonst Mühe hatten, beruflich Unterschlupf zu finden. Die Mehrheit bedurfte der ABM-Maßnahme als Staatsdiener, wollten sie nicht im kalten Regen draußen vor der Tür stehen. Es gehört zum Wesen der politischen Kaste, dass sie, wie man in den Zwanziger Jahre sagte, die „Bonzen“ versammelt, Dilettanten, die beschränkt genug sind, sich zuzutrauen, was sie gern beherrschen würden. Einbildung ist auch eine Bildung, sagt der Volksmund. 

Allerdings wollte dieser intellektuelle Notstand im Regierungsbezirk bisher bloß wenigen auffallen. Die Kritiker waren als Miesmacher verschrien. Die Mehrheit wollte es so genau gar nicht wissen. Ruhe war die erste Bürgerpflicht in der Wohlstandsgesellschaft. Warum auch sollte man sich über die Obrigkeit aufregen. Irgend jemand muss doch schließlich die Sessel im Kanzleramt und in den Ministerien wärmen. Solange die Wirtschaft wie geschmiert lief, die Bürger genug verdienten, um den Staat mit Steuern zu füttern, wurden die regierenden Truppen mehr oder weniger klaglos durchgeschleppt. Selbst die Krisen ließen sich aussitzen, solange sie vereinzelt kamen und Zeit genug blieb, dass Gras über das politische Versagen wachsen konnte, bevor das nächste Malheur ins Haus stand.

Nun aber geht es Schlag auf Schlag: Klimakrise, Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Energiekrise, Euro-Desaster. Eines befeuert das andere. Ein Flächenbrand, der den Bürgern Angst macht. Es kursieren bereits Untergangsvisionen, die wiederum eine weitere, eine gesellschaftliche Krise nach sich ziehen. Weil sie unentwegt mit Phrasen abgefertigt werden, erodiert das Vertrauen der Bürger in den Staat. „In der Krise müssen und werden wir als Gesellschaft weiter zusammenstehen“, tönte der Bundeskanzler vergangenen Sonntag. Von „unterhaken“ war die Rede. Wer um alles in der Welt mag das noch glauben?

Sicher braucht die Politik den Beistand der Bürger, aber brauchen die Bürger eine ratlos unentschlossen lavierende Politik, Kanzler und Minister, die sich scheuen, uns reinen Wein einzuschenken? Ehrlichkeit ist schließlich die erste Voraussetzung beim vertrauensvollen Zusammenstehen. Mit der Verunglimpfung ihrer Kritiker als „Extremisten“ säen die Herrschenden dagegen unverdrossen Wind, bis sie Sturm ernten, einen Orkan, der selbst die Kommunisten im Ostblock von der Bühne fegte. Das Menetekel steht an der Wand. Nur noch 30 Prozent, so ein Ergebnis der neuesten Sonntagsumfrage, glauben, die Bundesregierung könne überhaupt etwas bewirken. Ein Land aber, in dem die Bürger und der Staat getrennte Wege gehen, gerät ins Trudeln. Angst macht der Hoffnung den Garaus. 

Müssen doch Grüne, Rote und Schwarze inzwischen die Hosen herunterlassen, wenn sie klammheimlich zurücknehmen, was sie uns einst als unumgänglich für das Überleben auf Erden auferlegten – damals, als sie par ordre du mufti und gegen alle wirtschaftliche Vernunft den Ausstieg aus der Kohle und die Abschaltung aller funktionierenden Kernkraftwerke verfügten.

Nun pfeift der Wind aus einem anderen Loch. Die ideologisch verblendeten Rosstäuscher stehen mit dem Rücken zur Wand. Zwar versuchen sie weiter, den „Menschen“ Sand in die Augen zu streuen, indem sie ein Hilfspaket nach dem anderen auf den Weg bringen, eben wieder eine „Energiepreispauschale“ von 300 Euro für Rentner und 200 für Studenten; alles auf Pump versteht sich. Allein die Begeisterung der Beschenkten hält sich in Grenzen. Langsam spricht sich die Wahrheit herum. Jedermann beginnt zu begreifen, dass ihm aus der linken Tasche genommen wird, was man ihm nachher mit großem Tamtam in die rechte steckt. Ist doch der Staat kein Goldesel, der Euro ausscheidet. Er kann nur verteilen, was ihm die Bürger als Steuern überweisen. 

Früher geschah das, ohne dass es sich der Einzelne bewusst machen musste. Die Wirtschaft, der kapitalistische Unternehmergeist, sorgte dafür, dass es nach jedem Absturz wieder bergauf ging, nirgendwo schneller als in den USA und in Deutschland, soweit es Europa betraf. Nun aber haben uns die Krisen umzingelt, angeheizt durch die Hilflosigkeit einer Politikerkaste, in der jene versammelt sind, die selten mehr gelernt haben, als sich in den jeweiligen Parteien nach oben zu intrigieren. Damit ist es nicht mehr getan.  

Sicher glauben noch immer viele, die Not würde sie nicht betreffen, wenn sie ihr Schicksal weiter in die Hände von Berufspolitikern legen. Deren Vertröstungen jedoch ziehen umso weniger, je mehr die Furcht um sich greift, demnächst in der kalten Wohnung zitternd über den Winter kommen zu müssen. 

Schon der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel und nach ihm Marx und Engels entdeckten das Grundgesetz der Dialektik vom Umschlag der Quantität in eine neue Qualität. Ist das Maß voll, läuft der Krug über. Das Volk wendet sich ab von denen, die es lenken wollen. Man ist es leid, die Dilettanten weiter durchzufüttern. Ihre Kaste wird zunehmend als überflüssig erkannt. Bei guter Konjunktur konnten sie in der „splendid Isolation“ ihrer Ämter locker vor sich hin regieren; im Sturm geballter Krisen schwanken sie jetzt wie die Halme im Wind. Auf sie ist nicht länger zu zählen. 

Soll die Demokratie fortbestehen, muss sie sich von unten her erneuern. Sie braucht Mandatsträger, die nicht über den Verhältnissen der Menschen schweben, sondern noch fest in ihnen verhaftet sind. Frauen und Männer, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen, offen sagen, was uns bevorsteht, anstatt beschwichtigend zu erklären, so schlimm wird es schon nicht werden, da die Gaspeicher nahezu randvoll sind. An Winston Churchill sollten sie sich ein Beispiel nehmen. Nachdem sich seine Vorgänger im Abwiegeln drohender Gefahr geübt hatten, war er als neugewählter Premierminister 1940 Manns genug, seine Landsleute als neugewählter Premierminister in der berühmt gewordenen „Blut, Schweiß und Tränen-Rede“ auf die Entbehrungen des Krieges gegen Hitler einzustimmen. 

Fortan zogen die Briten mit ihrer Regierung an einem Strang, bis zum Sieg. 

Und was erleben wir jetzt in Deutschland? Zustände wie auf der Titanic. Obwohl der Regierungsdampfer längst leck geschlagen ist, wird versucht, das Volk weiterhin mit Vertröstungen für dumm zu verkaufen. Andererseits – sollte dies Erkenntnis um sich greifen und das Täuschungsmanöver auffliegen, wären die momentanen Krisen am Ende vielleicht doch noch als ein historischer Gewinn zu verbuchen. 

It’s time to say goodbye. 

Quelle

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