Der Tod von Mahsa Amin

Immer wieder stürmen Frauen auf die Straßen des Iran, um damit gegen den Kopftuchzwang und die alltäglichen Verfolgungen und Gewalttaten gegen Frauen zu demonstrieren. Mahsa Amini kostete es das Leben.

„Wir werden noch alle Frauen bitten müssen, Kopftuch zu tragen, aus Solidarität mit jenen, die es aus religiösen Gründen tragen.“

Das sagte der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen im Jahr 2017. An diesen Satz musste ich denken, als ich von dem Tod von Mahsa Amini erfuhr. Die 22-jährige Iranerin war am 13. September 2022 in Teheran von der Moralpolizei festgenommen worden, weil sie nicht züchtig genug gekleidet war. Im Iran wacht die Moralpolizei über die strenge Einhaltung der Kleidungsvorschriften für Frauen, wozu auch die Pflicht gehört, Kopftuch zu tragen.

Mahsa Amini wurde auf die Wache gebracht. Was dort dann geschah, weiß niemand, aber nach und nach werden im Internet und auf Demonstrationen Klagen laut, sie sei von den Behörden misshandelt worden. Ihr soll zum Beispiel auf den Kopf geschlagen worden sein, was zu einer Hirnblutung geführt haben soll. Es kursieren zudem verschiedene Aufnahmen im Netz, die an der Brutalität der iranischen Moralpolizei keinen Zweifel lassen. 

In vielen islamischen Ländern bedeutet für Frauen das Nichttragen einer Kopf- und Körperverhüllung den Tod. Frauen werden im Islam verfolgt und ermordet, wenn sie sich nicht so kleiden, wie es die Männer in den Führungsetagen verlangen. In einigen islamischen Regionen dieser Welt werden diese „unzüchtigen“ Frauen sogar gesteinigt. Sollte daher nicht heute Alexander Van der Bellen alle muslimischen Frauen bitten, das Kopftuch auszuziehen, aus Solidarität mit jenen Frauen, die aus religiösen Gründen verfolgt und ermordet werden?

Auch in Deutschland viele ernst zu nehmende Morddrohungen

Auch in Europa ist es für Musliminnen deutlich gefährlicher, sich gegen das Kopftuch auszusprechen als dafür. In Berlin zum Beispiel gibt es die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Sie wurde unter anderem von der Rechtsanwältin Seyran Ateş gegründet.

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee beten Frauen und Männer gemeinsam, die Predigten werden auch von Frauen gesprochen und homosexuelle Menschen sind ausdrücklich willkommen. Seit der Eröffnung der Moschee erhält Seyran Ateş viele, nach Gefährdungsanalyse des Landeskriminalamtes ernst zu nehmende Morddrohungen.

Das Ägyptische Fatwa-Amt kritisierte umgehend die Moschee und erklärte, weibliche Imame seien abzulehnen. Frauen könnten nicht in einer Reihe neben Männern beten, außerdem sei es ihnen nicht erlaubt, ohne Schleier zu beten.

Der Vorstand der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) erklärte, die Toleranz der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegenüber der Homosexualität sei eine „Verunglimpfung“, „Schmähung“ und „Beleidigung“ religiöser Traditionen.

Ach, immer diese Traditionen. Ich muss da an einen Besuch der iranischen Politikerin Massumeh Ebtekar im Jahr 2016 bei der damaligen Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in Berlin denken. Massumeh Ebtekar ist eine ehemalige Terroristin, die zusammen mit einer Gruppe iranischer Studentinnen und Studenten die US-amerikanische Botschaft in Teheran stürmte und dort vom 4. November 1979 bis zum 20. Januar 1981 52 US-Diplomaten 444 Tage lang als Geiseln hielt. Im Jahr 2016 war sie Vizepräsidentin des Irans und Leiterin der Umweltbehörde ihres Landes und besuchte daher die deutsche Bundesumweltministerin. Barbara Hendricks begrüßte Massumeh Ebtekar mit einem Handschlag und trug dabei kein Kopftuch. Dies löste im Iran einen Skandal aus.

Nicht wichtig, was auf dem Kopf ist, sondern was in dem Kopf ist

Der staatliche iranische Fernsehsender IRIB zeigte nämlich die Bilder des Treffens,und weil Barbara Hendricks kein Kopftuch trug, hielten viele iranische Medien sie für einen Mann und berichteten, Ebtekar habe in Deutschland einem Mann die Hand geschüttelt. Mit Kopftuch wäre das nicht passiert.

Es gibt die verschiedensten Gründe, ein Kopftuch zu tragen. Bei gewissen Wetterlagen zum Beispiel kann ein Kopftuch sehr hilfreich sein. Es ist daher nicht wichtig, was auf dem Kopf ist, sondern was in dem Kopf ist. Wenn sich eine Frau jedoch freiwillig verhüllt und dies mit einem männlichen Feldherrn vor eineinhalb Jahrtausenden erklärt, dann ist meiner bescheidenen Meinung nach noch viel Platz in diesem Kopf frei.

Wenn Frauen allerdings gezwungen werden, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu kleiden und dieser Zwang mit einem historischen Feldherrn begründet wird, dann wird es brutal. Wegen Mohammed sollen Frauen Kopftuch tragen? Stellen wir uns nur mal vor, was los wäre, würden heute Staaten ihre Frauen zwingen, sich so oder so zu kleiden, weil es angeblich im Sinne von Napoleon, Dschingis Kahn oder Hitler sei. 

Prinzipiell habe ich nichts gegen Verkleidungen. Meinetwegen können sich Menschen als Penguin, Batman und Joker verkleiden. Ich lebe in Köln, da sind Verkleidungen nichts Besonderes. Hier wird schließlich Karneval gefeiert. Eine der wohl feministischsten Bräuche des Kölner Karnevals ist heute jedoch vollkommen verschwunden, nämlich das „Mötzenbestot“. 

Immer wieder reißen sich Frauen demonstrativ ihre Kopftücher vom Haupt

Im 18. und 19. Jahrhundert skandierten Frauen an Wieverfastelovend um genau zwölf Uhr mittags auf dem Alter Markt den Schlachtruf „Mötzenbestot“, was in etwa soviel bedeutete wie: „Runter damit, heute tue ich, was ich will.“ Dabei rissen sie sich ihre Bedeckungen vom Kopf. Am Rhein trugen Frauen zur damaligen Zeit noch eine Kopfbedeckung. Die Hauben auf dem Kopf gaben Aufschluss darüber, ob eine Frau schon verheiratet, also unter der Haube, war. Die Haube galt als Zeichen der Frauenwürde und der Wohlanständigkeit. Eine Frau ohne Kopfbedeckung galt als „loses Frauenzimmer“. Zu Karneval aber herrscht die rasende Tollheit in Köln, und so wurde manch eine Frau zum losen Frauenzimmer und präsentierte sich stolz und frei oben ohne. Ein Chronist der Zeit schrieb:

„Am tollsten war dies Treiben auf dem Altermarkt unter den Gemüseweibern, den Verkäuferinnen und den Bauern, oft ein wahrer Mänadentanz.” 

Im 21. Jahrhundert findet das Mötzenbestot immer noch statt, allerdings im Iran. Immer wieder stürmen Frauen auf die Straßen des Iran, um damit gegen den Kopftuchzwang und die alltäglichen Verfolgungen und Gewalttaten gegen Frauen zu demonstrieren. Einige von ihnen tragen die Kopftücher demonstrativ auf Stöcken vor sich her. Immer wieder nimmt die iranische Polizei diesen Frauen fest. 

Eine Frau, die im Iran ein Mötzenbestot wagt, lebt gefährlich. Mahsa Amini kostete es das Leben.

Foto: Masha Amini/Twitter

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